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Full text of "Die Welt des Islams = Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde"

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DIE 
WELT DES ISLAMS 

ZEITSCHRIFT DER 

DEUTSCHEN GESELLSCHAFT 

FÜR ISLAMKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON 
PROF. DR. GEORG KAMPFFMEYER 



BAND 6 
MIT BIBLIOGRAPHIE NR 778—879 




BERLIN 1918 

VERLAG „DER NEUE ORIENT" G. M. B. H. 
BERLIN W 50, TAUENTZIENSTRASSE 19 a 



;o. , , J. 



VV 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



Jnhalts-Ü hellsieht zu Band 6. DI 

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INHALTS-ÜBERSICHT ZU BAND 6. 

I. ABHANDLUNGEN. 

Seite 

Otto Hachtmann, Türkische Übersetzungen aus europäischen 

Literaturen i 

Martin Hartmann f 67 

Martin Hartmann, Die große Steppe Asiens und die West- 
oststraßen 41 

Kriegsurkunden. 18. Eine Kriegsurkunde aus Mekka. 

Übersetzt von C. Brockelmann 33 

Charlotte Lorenz, Die Frauenfrage im Osmanischen Reiche 

mit besonderer Berücksichtigung der arbeitenden Klasse . 72 

n. LITERATUR. 

1. Die Presse Syriens (Heffening) 24 

2. Die Zeitungen in Konstantinopel (Heffening) 61 

3. Besprechungen von Büchern 27.215 

4. Bibliographie 

Nr. 778—823 29 

Nr. 824—856 ^ 64 

Nr. 857—879 ' 218 

m. REGISTER. 

Namenregister 220 

Sachregister 222 

IV. NACHRICHTEN. 

Siebente ordentliche Hauptversammlung DI 

Jahresrechnung . IV 

Voranschlag für 1918 V 

Ausschuß der D. G. L VE 

Vorstand der D. G. I VI 

Geschäftsführung . ! VI 

Mitglieder-Verzeichnis VEL 



HildiUnann, Türkische Ü bei'setzungen aus europäischen Literaturen. i 

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TÜRKISCHE ÜBERSETZUNGEN 
AUS EUROPÄISCHEN LITERATUREN. 

EIN BIBLIOGRAPHISCHER VERSUCH. 

VON 
DR. O. HACHTMANN. 

Einleitung. 

Um die türkischen Übersetzungen aus europäischen Literaturen in 
richtigem Lichte erscheinen zu lassen, muß ich eine kurze Ein- 
leitung über Übersetzungstätigkeit überhaupt und im besonderen 
über solche von türkischer Seite vorausschicken. Da wir jetzt ge- 
wöhnt sind, alles Türkische mit Deutschland in Beziehung zu 
setzen, gehe ich dabei von uns selbst aus. Aber auch tiefere, in 
der Sache selbst hegende Gründe empfehlen diesen Weg, wie sich 
gleich nachher zeigen wird. 

Wir Deutschen sind das Übersetzervolk. Übersetzen scheint uns 
etwas so Selbstverständliches, daß wir kaum die Frage aufwerfen, 
warum wir es tun. Andere Völker, vor allem die Westeuropäer, 
sind im Übersetzen wesentüch zurückhaltender. Wenn man sagt: 
„Sie beherrschen eben fremde Sprachen nicht gut genug, um in 
solchem Umfange wie wir übersetzen zu können", so ist das zwar 
richtig, aber es läßt doch wieder die Frage offen: „Ja, warum be- 
herrschen sie fremde Sprachen nicht so wie wir?" „Sie sind nicht 
so sprachbegabt wie wir!" wird die Antwort sein. Auch das ist 
richtig; aber auch hier erhebt sich wieder die Frage: „Weshalb 
sind sie nicht so sprachbegabt?" Es mag ja sein, daß zumal bei 
Franzosen und Engländern mit ihren im Vergleich zum Deutschen 
leichten Sprachen die Fähigkeit zum Erlernen schwieriger Sprachen 
verkümmert ist, aber damit wäre nur erklärt, daß sie längst nicht 
so viel aus dem Deutschen übersetzt haben wie wir aus ihren 
Sprachen. Aber auch aus dem Französischen ins Englische und 
umgekehrt ist viel weniger übersetzt worden als aus beiden Sprachen 
ins Deutsche. Der Grund zu der geringeren Übersetzungstätigkeit 
der Westeuropäer kann also nicht nur in ihrer geringeren Sprach- 
begabung hegen. Der Hauptgrund ist ein anderer: ihr überspanntes 
Nationalgefühl und — Ursache und Wirkung zugleich — ihre Un- 

Die Welt des Ulams. Band 6. I 



2 IHfi Welt äff Ishnus. Hn7i</ (;.- 1918, Heft 1 

ooaoaeceoooo o oece^ooooooooocxwooooooooooooooocxxxxieooooocxxxxxxxioooooooooooooooooooooooooooooooa^ 

fähigkeit, andere Völker zu verstehen. Umgekehrt bei uns: wir 
haben jahrhundertelang gar kein Nationalgefühl gehabt, dafür aber 
eine wundervolle Fähigkeit, andere Völker zu verstehen. Vor 
unserer klassischen Literaturepoche überwog der erste Grund, der 
uns jetzt beschämt, danach der zweite, auf den wir stolz sein 
dürfen. Der Begriff „Weltliteratur" konnte nur in Deutschland 
gefunden werden! 

Die bisherige Erörterung betrifft aber nur die Grundmotive des 
Übersetzens oder Nichtübersetzens. Sie wirken noch heute fort, 
aber in neuester Zeit ist dazu ein anderes, sehr mächtiges ge- 
kommen, das mit Sprachbegabung und Nationalgefühl und Völker- 
verständnis nichts zu tun hat: das geschäftliche Interesse. Früher 
konnte man als Schriftsteller nicht reich werden, heute dagegen 
Millionär. Das lockt natürUch zu schriftstellerischer Betätigung. 
Wer nicht selbst produzieren kann, hält sich ans Reproduzieren, 
also ans Nachahmen und Übersetzen. Der Übersetzer wird selbst- 
verständlich nur solche Werke wählen, von denen er überzeugt ist, 
daß sie „ziehen". Anders gesagt: minderwertige. Mit Meister- 
werken lassen sich geschäftliche Massenerfolge nicht erzielen! 

Mit einer Ausnahme jedoch: auch Meisterwerke können auf das 
PubHkum wirken wie Sensationsromane, wenn sie einem aktuellen 
Bedürfnis entsprechen. Da nun das politische Interesse im all- 
gemeinen von jeher sehr viel größer gewesen ist als das rein 
üterarische, wird es sich dabei wesentlich um politisch bedeut- 
same Werke handeln. So werden z. B. Fenelons „Telemaque", 
Montesquieus „L'Esprit des Lois" und Rousseaus „Contrat social" 
stets glühendes Interesse bei Völkern finden, die danach lechzen, 
ein Tyrannenjoch abzuschütteln. Das werden wir auch bei den 
Türken bestätigt finden. Wenn die ebengenannten Motive des 
Übersetzens: geschäftUche Selbstsucht und politische Tendenz, auch 
bei uns nicht fehlen, so treten sie doch längst nicht so stark her- 
vor wie bei anderen Völkern. Bei uns überwiegt doch die selbst- 
lose, künstlerische Freude an der adäquaten Wiedergabe fremd- 
.sprachlicher Werke, die wir als groß empfinden, mögen sie unserem 
eigenen Fühlen auch noch so fern stehen. Andere Völker 
dagegen übersetzen im wesentlichen das, was ihrer eigenen Art 
verwandt ist, oder wovon sie sich irgend eine außerliterarische 
Wirkung versprechen. Das Kennenlernen fremder Literaturen als 
Selbstzweck will ihnen nicht in den Kopf, weü sie in ganz anderem 
Maße als wir nationalisiert und poUtisiert sind. 



Hachtmamu Türkische L bersetzuugeii aus europäischen L,iieraturen. 3 

oceoeeeeoooooooooeoocxxxx>ooooooooooooocaooocxyxxxxxxxxxxxxxxxxx)oooo(X)00(xxxxoooooocx3ooooo(x^^ 

Nun die Anwendung auf die Türken! Sie sind bis in die neueste 
Zeit eigentlich nur Übersetzer gewesen: zuert^t jahrhundertelang 
aus dem Arabischen und Persischen, dann jahrzehntelang aus dem 
Französischen. In ihrem Übersetzungseifer scheinen sie uns Deutschen 
also verwandt. Die Motive waren und sind aber doch ganz andere: 
weder Mangel an Nationalgefühl noch liebevolles Verständnis für 
andere Völker haben sie zum Übersetzervolk des Orients g^emacht. 
Denn der Nationalitätsgedanke ist dem islamischen Orient bis in 
die neueste Zeit überhaupt fremd gewesen; folglich kann mit 
seinem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein überhaupt kaum 
operiert werden. Die Türken sahen in Arabern und Persern nicht 
Angehörige fremder Nationen oder Rassen, sondern Angehörige 
derselben Religion, und sie bedurften deshalb auch gar keines be- 
sonderen Verständnisses für sie. Wenn sie so viel nachahmten 
und übersetzten, geschah es nur deshalb, weil ihre eigene Sprache 
und Kultur im Vergleich zu der arabischen und persischen zu un- 
entwickelt war, um sich behaupten zu können. Die Dichter konnten 
aber darüber nicht einmal Schmerz und Scham empfinden, denn 
die Sprache, die sie schrieben, war ja kaum noch Türkisch. Der 
Wort- und Gedankenschatz der gehobenen Rede war in allen 
Islamsprachen ziemlich derselbe. Es war eigentlich keine Über- 
setzung aus einer Sprache in die andere, sondern nur eine solche 
aus einem Dialekt in den andern. Einen persischen Dichter ins 
Türkische übersetzen, bedeutete nicht viel mehr als etwa einen 
hochdeutschen Dichter in plattdeutsches Gewand zu stecken. 

Und das Übersetzen aus dem Französischen? Auch dieses ent- 
sprang ebensowenig einem Mangel an Nationalgefühl wie einem 
liebevollen Verständnis. Der Mangel an Nationalgefühl war zwar 
da, aber die Übersetzung"en aus dem Französischen entsprangen 
ihm nicht; im Gegenteil: der Zweck der Übersetzer war gerade, 
ein solches bei denen zu schaffen, die es noch nicht hatten. Sie 
selbst hatten es gerade in besonders starkem Maße. Sie faßten 
Fenelon und Rousseau, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts 
vielfach übersetzt wurden, nicht etwa als gToße literarische 
Meister auf, zu denen sie mit Verehrung aufschauen müßten, 
sondern als politische Gehilfen, die zum Besten der Türkei 
mitarbeiten sollten. Die französische politische Literatur war so- 
zusagen ein notwendiger Importartikel, weil sich der Parlamen- 
tarismus nicht auf orientalischer Grundlage herstellen ließ. Wir 
haben also hier den eigenartigen Fall, daß das erwachende National- 



4 fne ^y^'lt il,'s hlains. I'.nwl 6. lUld, lieft I 

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bewußtsein zur ereistigen Unterordnung unter eine fremde Nation 
führte. Aber was half es? Das geistige Rüstzeug für eine nationale 
Erneuerung der Türkei war eben nur in liuropa zu holen, und 
Europa bedeutete um 1850, wo die türkische Übersetzungstätigkeit 
begann, nichts anderes als Frankreich. Gewiß hat dann die nähere 
Bekanntschaft mit französischer Literatur auch weitere Kreise ge- 
zogen und zu zahlreichen Übersetzungen auch nichtpolitischer 
Werke geführt. Rousseau bot sich auch hier als erster Stoff: (mit 
der „Nouvelle H61oise!"). Aber der Ursprung der Beziehungen war 
mehr politisch als literarisch. Weniger auf den französischen 
Parnaß als auf das französische Parlament waren die sehnsüchtigen 
Blicke der modern gesinnten Türken gerichtet. 

Auch die seit der erfolgreichen Staatsumwälzung von 1 908/09 ein- 
setzende Übersetzungstätigkeit aus dem Englischen — meist freilich 
durch Vermittlung des Französischen — war wesentlich politisch 
inspiriert. Seit 1870 war Frankreichs Ansehen gesunken, und so 
wurde das mächtige England das Vorbild für die konstitutionell 
regierte Türkei. 

Deutschland erschien den Türken infolge der Hetzereien der 
französisch-englischen Presse als Hochburg des Absolutismus, so- 
zusagen als ein zweites hamidisch regiertes Reich, konnte sie also 
politisch nicht zur Nachahmung reizen. So blieb auch die deutsche 
Literatur bis kurz vor dem Kriege ziemlich außerhalb des tür- 
kischen Gesichtskreises. Daß auch bei den wenigen Übersetzungen 
aus anderen Literaturen das politische Interesse der Spiritus rector 
war, wird sich nachher bei der Einzelbesprechung zeigen. 

Die neueste turanistische Strömung mit ihrer scharfen Abweisung 
alles Nichttürkischen scheint der weiteren Entwicklung der tür- 
kischen Übersetzungstätigkeit aus europäischen Sprachen nicht 
günstig, wenigstens soweit es sich um Literatur im engeren Sinne 
handelt. Naturwis^nschaftliche, technologische und pädagogische 
Werke werden sicherlich massenhaft übersetzt werden, aber auf 
dem Gebiete der schönen Literatur scheint mir das Übersetzungs- 
bedürfnis der Türken — der turanistischen sowohl wie der nicht- 
turanistischen — ziemlich gering: dazu sind die zweitgenannten 
viel zu stolz auf das uralte, ehrwürdige Schrifttum des islamischen 
Orients^, und bei den erstgenannten waltet eine gewisse Besorg-nis: 

* Dieser Stolz verbietet ihnen aber durchaus nicht, tue türkische Literatur meist «ehr 
geringschätzig zu behandeln: sie ist für sie ja nur ein kleiner Bruchteil der großen 
islamischen, die sie durchaus als gemeinsamen Besitz aller Islamsvölker ansehen. 



Ilacldmanit, lüvkit<(he L' hi-rselzuugeit aus ewopäisc/uii Lilcraiiiieii. 5 

!>C0OOOOOC><XX)OOeeCe0CO0OOO000O0OO00OOO00OOO0<XXXXXXX>0CX>00OOO0O(XXXXXXXXXXXX>O(XXXXX«O00OO(^^ 

die neugegründete türkische Nationalliteratur soU reinrassig bleiben: 
lieber soll sie zentralasiatisch-barbarisch ausschauen als europäisch- 
zivilisiert! 

Der Turanismus wird bei uns im allgemeinen nicht mit günstigen 
Augen angesehen. Es ist auch gar keine Frage, daß er politisch 
etwas unbequem ist. Aber er hat trotzdem seine Berechtigung 
als begeisterndes Ideal, und wenn er sich auch manchmal noch 
etwas täppisch g'ebärdet, hat er dafür den edlen Überschwang der 
Jugendlichkeit. Er wird mit den Jahren schon reifer werden. Vor- 
läufig wdrd er aber höchstwahrscheinlich die Übersetzungstätigkeit 
einschränken. Er gleicht einer jungen Industrie, die zum Erstarken 
des Schutzzolles bedarf. Ganz ohne Übersetzungen kommen frei- 
lich auch die Turanisten nicht aus, da sie für die Erforschung und 
Darstellung der neuentdeckten zentralasiatischen Vergangenheit 
europäischer Wissenschaft bedürfen. Besonders behebt sind bei 
ihnen die halb wissenschaftlichen Werke von Leon Cahun. 

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen gehe ich nun dazu über, 
die türkischen Übersetzungen europäischer Werke nach den Ur- 
sprungsländern der Orginale zu besprechen. Von dem Wert der 
Übersetzungen wird dabei selten die Rede sein. Über diesen kann 
ich in vielen Fällen schon deshalb nichts aussagen, weil die betreffenden 
Bücher und Feuilletons (die häufigste Form !) überhaupt nicht mehr 
oder nur mit ungeheuerhchen Kosten zu beschaffen sind. Vielleicht 
finde ich später einmal Gelegenheit, eine gTÖßere Menge inhaltlich 
besonders bedeutsamer Übersetzungen auf ihren literarischen Wert 
zu prüfen. Für jetzt ist meine Absicht nur, zunächst einmal ein 
Inventar dessen aufzustehen, was denjenigen Türken, die keine 
europäische Sprache hinreichend beherrschen, um deren Werke in 
der Ursprache lesen zu können, von europäischem Geistesleben 
bisher auf dem Wege der Übersetzung zug^änglich geworden ist. 
Mein Aufsatz möchte also einerseits die Erkenntnis des Geisteslebens 
der modernen Türkei fördern helfen, indem er festzustellen versucht, 
welche Kenntnis europäischer Literaturen wir bei dem türkischen 
Durchschnittsgebüdeten vorauszusetzen haben, und aus der Wahl 
der übersetzten Werke Schlüsse auf die Neigungen des türkischen 
Geistes zu ziehen sucht; andererseits aber auch einen Beitrag zur 
Feststellung der europäischen Einflüsse auf die Türkei liefern. Ich 
behandle deshalb die bedeutsamen Übersetzungen in der ge'schicht- 
hchen Reihenfolge; Französisch, Englisch, Deutsch. Die weniger 
bedeutsamen, z. B. die aus dem Italienischen und Russischen und 



ö hn \V,ll drs Js/,,mi<. Band 6 1918. Thft t 

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den antiken Sprachen fasse ich am Schluß kurz zusammen. Eine 
allgfemeine Bemerkung- muß ich noch vorausschicken: soweit es sich 
um Übersetzungen aus anderen Sprachen als aus dem Französischen 
handelt, hat dieses meist den Vermittler gespielt: wir haben es 
also im wesentlichen mit Übersetzungen von Übersetzungen zu tun, 
Ehe ich in eine Besprechung der Übertragungen aus dem Französischen 
eintrete, gebe ich die Liste zu übersetzender Werke, die 1897 
'Abdullah Dschewdet in der Vorrede (S. 9.) zu seiner Übersetzung 
des „Wilhelm Teil" aufgestellt hat. (Gesondert erschienen unter 
dem Titel ,Jh emel^^ (Zwei Wünsche); Idschtihad-Bibliothek No 38. 
3. Auflage 1914.) 

Frankreich 

Montesquieu 

Rousseau 

Voltaire 

V. Hugo 

Spanien Portugal 

Calderon Camoens 

Äschylos 

Rußland Polen Amerika 

Puschkin A. Mickiewicz Longfellow 

A. Dschewdets Geschmack ist natürlich nicht ohne weiteres mit 
dem türkischen überhaupt gleichzusetzen — seine Schwärmerei für 
Byron den Türkenfeind z. B. wird nur von wenigen geteilt! ^ — 
aber die Liste ist doch bezeichnend: schon äußerlich tritt das zahlen- 
mäßige Übergewicht des Französischen her\or! 



Deutschland 
Schiller 
Goethe 



England 


Italien 


Byron 


Dante 


Milton 


Alfieri 


Shakespeare 




Römer G 


riechen 


Lukrez 


Homer 



I. Übersetzungen aus dem Französischen. 

Schon oben hatte ich betont, daß die Türken zuerst — d. h. um 
die Mitte des 19. Jahrhunderts — wesentlich politische Werke über- 
setzten. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich F^nelon und Jean- 
Jacques Rousseau. Drei geistig hervorragende Paschas haben 
aus diesen beiden übersetzt: Wefiq Pascha, Pertew Pascha und 
Zija Pascha. Wenn man die sonstigen französischen Autoren 
mustert, die später ins Türkische übersetzt sind, drängt sich die 

1 So betont 'Abd-ül-haqq Hamid in seinen Briefen S. 24, daß er den müharek (hier = 
rerdammt!) B. gar nicht liebt, und sein Kommentator Süleiman Nazif schließt sich 
diesem Urteil von ganzem Herzen an (S. 23 Anm.). 



TTarJdmavn, Tfcrkischi' Uht'rsetziinift'n uns europäischen lAteralvreyi. 7 

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Beobachtung- auf, daß es vorzugsweise solche sind, die sich durch 
Sentimentalität oder Rhetorik auszeichnen. Diese entsprachen dem 
türkischen Geschmack am besten und entsprechen ihm noch heute, 
wenn auch bei vielen Dichtern und Schriftstellern neuerdings eine 
erfreuliche Hinwendung zu männlicher Schlichtheit hen'ortritt. 
Daneben darf freihch nicht verg^essen werden, daß auch Moliere 
schon früh fast vollständig übersetzt ist — ganz eigenartig, mit 
Anpassung an türkische Verhältnisse, von dem geistvollen Ahmed 
Wefiq Pascha: hier war der speziell türkische Geschmack am 
Humoristischen und Possenhaften bestimmend. Immerhin stehen 
der sentimentale Lamartine und der rhetorische Victor Hugo 
in erster Reihe. Sicherlich hat dazu mit beigetragen, daß in 
Schinassis Müntehahat, die 1859 erschienen und den ersten Anstoß 
zur literarisch orientierten türkischen Übersetzungstätigkeit gaben, 
Lamartine stark vertreten war. Möglich, daß auch seine 1855 ver- 
öffentlichte „Histoire de la Turquie" das Interesse für ihn verstärkt hat. 
Hauptsächlich aber verdankt er seineBehebtheit seiner schwärmerischen 
Naturschilderung' 1. Deren Spuren begegnet man in den meisten 
türkischen Romanen: Wasser und Sonnenuntergang sind wie bei 
ihm die stehenden Requisiten. Auch übersetzungstechnisch blieb 
Schinassi Vorbüd, insofern als vorwiegend Proben und nicht ganze 
Werke übersetzt wurden. Die moderne türkische Literatur steckt 
ja zum großen Teü in Zeitungen und Zeitschriften. Damit war 
der Zwang zur Raumbeschränkung gegeben. Selbstverständlich 
waren nicht alle Übersetzer literarisch so hochstehend wie Schinassi. 
Bald ergoß sich eine Flut von türkischen Übersetzungen französischer 
Sensationsliteratur: Eugene Sue und Paul de Kock z. B. sind 
vielfach übersetzt und nachgeahmt worden. Es wäre aber wohl 
nicht berechtigt, daraus einen Schluß auf den Geschmack der Türken 
zu ziehen. Eine Übersetzung ist eben sehr oft, ja meist, nicht ein 
literarisches, sondern ein geschäftliches Unternehmen. Wenn Verleger 
und Übersetzer etwas verdienen wollen, müssen sie dem Geschmack 
der großen Menge schmeicheln. Das ist bei uns und überall genau 
so wie in der Türkei. Dazu kommt für diese noch ein anderes 

1 Für die Erkenntnis des ungeheuren Einflusses der französischen Literatur, zumal der 
romantischen, auf die moderne türkische sind zwei Bücher besonders wichtig: Hüsein 
Dschahids Kritikensammlung: Ghawghalarym (Meine Kämpfe) 19 10 (besonders die 
höchst fesselnde Einleitung), und der sehr bedeutende Literatenroman Mavi ire syah 
(Blau und Schwarz) von Halid Zija (neugedruckt in seinen „Gesammelten Werken" 
19 16, Bibliothek Muhtar Halid). 



8 l>ie Welt des Js/anus, Band 6. lUiS, Hejt 1 

•oooeecoooocxxaeeeooooooooooooooooooocwoooocxxxxxxweooocwxxxxioooooo^^ 

Moment: die Kenntnis des Französischen ist bei den höheren Ständ<'n 
der Türkei gfanz anders verbreitet als bei uns. Die meisten Türken 
der besseren Gesellschatt sind von französischen Erzieherinnen und 
in ganz oder halb französischen Anstalten erzogen worden und 
sprechen Französisch wie ihre Muttersprache. Es lag und liegt 
also ein wirkliches Bedürfnis zu Übersetzungen für diese literarisch 
kompetenten Kreise gar nicht vor. So erklärt es sich, daß in der 
Türkei so viele französische Literatur zweiten Ranges übersetzt 
worden ist, während ragende Gestalten wie Flaubert, Daudet, 
Zola und Anatole France auffallend wenig vertreten sind. Bei 
den drei ersten mögen auch die sprachlichen und sachlichen Schwierig- 
keiten von der Übersetzung abgeschreckt habend. So finden wir 
dann besonders häufig den jüngeren Dumas, Octave Feuillet, 
Xavier de Mont^pin, Emile Richebourg, George Ohnet u. ä. 
Besonders die „Kameliendame" mit ihrem Schwindsuchtsmotiv hat 
geradezu verheerende Wirkungen angerichtet. Als Übersetzer solcher 
Literatur zweiten Ranges hat sich besonders der fabelhaft schreib- 
selige Ahmed Midhat hervorgetan. Wenn man ein wirkliches 
Bild davon gewinnen will, was die Türken von französischer Literatur 
kennen, muß man sich also nicht an die Übersetzungen halten, sondern 
vor allem auf die Erwähnungen und Zitate achten, die in türkischen 
Werken verstreut sind. Solche sind überaus zahlreich. Wie früher 
die europäischen Schriftsteller ihre Werke mit altklassischen Zitaten 
spickten, so jetzt die Türken die ihrigen mit französischen. Ganz 
besonders häufig Avird H. Taine zitiert. Unter den Literarkritikern 
genießt der bei uns kaum bekannte Antoine Albalat ein außer- 
ordentliches Ansehen. Auf Schritt und Tritt werden Aussprüche 
von ihm zitiert. In soziologischen Schriften — und mit einem 
Tropfen soziologischen Öles ist jedes moderne türkische Werk 
gesalbt! — begegnet besonders oft Gustave le Bon, der Ver- 
fasser des „Psychologie des Foules". Dieses Werk ist in der 
Türkei geradezu zur soziologischen Bibel geworden und vielfach 
übersetzt. Zija Gök Alp, der F'ührer der Turanisten, basiert 
seine soziologischen Studien vorwiegend auf Durkheim und bringt 
viele übersetzte Zitate aus seinen Werken. Französische schöne 
Literatur wird dagegen, von dem unvermeidlichen V. Hugo ab- 

1 *Ali Kemal in seinem aus freien Wiedergaben \on Litcraturvorträgen G. Larroumets 
begehenden Buche : „Sorbonne darülfünunuiida edcbyjat-i haqiqijjc deraleri'' S. 128 
erklärt „Madame Bovary" wegen der unnarhahmlichen Stilkunst und des für einen Türken 
allzu fremdartigen Milieus für unübersetzbar. 



HachUnann. Türkische Iheisetzunoeii aus enrofiäixclieii JÄle/aturen. 9 

OC«Oe0O0OO0O0O00OO00OCXXXX30OCX>0OO000000O00OO0O0O0OO00OOCXXXXXXXXW0O00O0OO00CXXXXXXXX)OOCX 

gesehen, weit weniger zitiert, wie überhaupt die geistig führenden 
Türken für das rein Literarische wenig Sinn haben. Dazu sind 
die Verhältnisse auch wirklich noch nicht angetan. Die Jungtürken 
sind in derselben Lage wie seinerzeit das „Junge Deutschland", sie 
sind politisch und kulturell reformatorisch gestimmt. Zum ästhetischen 
Genuß fehlt ihnen die Ruhe^. Außerdem ist der Türke wie über- 
haupt der Orientale weit davon entfernt, die abendländische Kunst 
der seinigen überlegen zu finden. Was er vom Abendland lernen 
will, ist wissenschaftliche Methode. So findet sich bezeichnender- 
weise in dem Buche von Ahmed Schu'aib: IJajat we kitablar 
{Leben und Bücher; igoi) nur eine Studie über einen französischen 
Romandichter (Flaubert) neben drei über Philosophen und Gelehrte: 
G. Monod, H. Taine, E. Lavisse. 

IL Übersetzungen aus dem Englischen. 

Aus diesem ist sehr viel weniger übersetzt. Ganz natürlich: 
die Sprache war und ist kaum bekannt. Aber auch die Türken 
haben sich der Anglisierung nicht ganz entziehen können. Hier 
ist vor allem die Frauenbildung und überhaupt die Frauenfrage zu 
nennen. Beide standen hauptsächlich unter angelsächsischem Ein- 
fluß. Die türkischen Schriftstellerinnen haben ihre Bildung meist 
auf einem englischen oder amerikanischem Mädchen-College emp- 
fangen. Ich erinnere nur an die größte unter allen: Halide Edib. 
Ferner scheint die Staatsumwälzung von 1908/oQ den Blick auf 
England als das gelobte Land des Parlamentarismus gelenkt zu 
haben. Dann kommt das im 20. Jahrhundert allmählich erwachende 
Sportsinteresse in Betracht. Endlich führte die vor dem Weltkriege 
ja allgemein verbreitete Überschätzung der englischen Flotte dazu, 
England als Vorbild für die ersehnte neue türkische Seemacht 
anzustaunen und nachzuahmen. Es ist bekannt, welch schwere 
Enttäuschung die Türken mit der englischen Marinemission erlebt 
haben! Dieses vierfache Interesse an England führte dann auch 
zu einer zunehmenden Kenntnis der Sprache und Literatur, zumal 
der letzten: denn Übersetzungen aus dem englischen Orginal sind 
noch kaum anzutreffen. Hier spielte, wie auch bei Übersetzungen 
aus dem Deutschen, das Französische den Vermittler. 

^ Eine Ausnahme bildet allerdings die — leider viel zu zahlreiche — Gruppe der 
Nurliteraten. Diese schwelgen in französischer Lyrik symbolistischer und dekadenter 
Obserranz. 



lO rH>' Wdt <le.^ hhnn.<. Hcniil H. I'HH, Hrff 1 

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Im 10. Jahrhundert ist so gut wie nichts aus der englischen 
Literatur übersetzt worden. Ich fand nur einmal erwähnt, daß 
Namyq Kemal einiges aus Bacon übersetzt habe, und der viel- 
gewandte Ahmed Midhat betätigte durch die Übertragung des 
berühmten Räuberromans „The mysteries of Udolpho" (1794) der 
Anne Radcliffe seine Vorliebe für Sensationsliteratur zweiten 
Ranges, die ihn etwa in derselben Zeit zum Übersetzer Paul de 
Kocks machte. 

Im 20. Jahrhundert dagegen nimmt ein bedeutender, mit europäischem 
Geistesleben tief vertrauter Mann als Übersetzer aus dem Englischen 
eine hervorragende Stellung ein: der schon obengenannte 'Abdullah 
Dschewdeti, der leidenschaftlich revolutionär gesinnte Leiter 
der Zeitschrift „hUchtihad" (geb. 1 869). Daß er weniger aus literarischen 
als aus politischen Beweggründen übersetzt, tritt in der Wahl der 
Werke hervor. Byrons „Prisoner of Chillon", den er 1904 über- 
trug (in Prosa), war für ihn vor allen Dingen die Verherrhchung 
eines aus politischen Gründen Eingekerkerten. So wurde ihm die 
Übersetzung zu einer Kampfschrift gegen Abdulhamid. Er selbst, 
der oftmals ins Gefängnis Geworfene und Verbannte, fühlte sich 
mit dem in Schloß Chillon schmachtenden Genfer Freiheitshelden 
innerlich nahe verwandt. Auch als Shakespeare-Übersetzer kann 
'Abdullah Dschewdet den Tyrannenfeind nicht verleugnen. Rs ist 
gewiß nicht zufällig, daß er gerade „Hamlet", „Julius Caesar" und 
„Macbeth" übersetzt hat. Gestalten wie Brutus und Macduff standen 
seinem freiheitsdürstenden Herzen nahe, und bei dem Sturze der 
Tyrannen Cäsar und Macbeth mag er wohl an den Tyrannen 
Abdulhamid gedacht haben! Sollte nicht auch bei „Hamlet" es 
besonders die Gestalt des schurkischen Königs Claudius gewesen 
sein, die ihn zur Übersetzung reizte? Oder tue ich ihm unrecht, 
wenn ich ihn nur als politisch orientierten Übersetzer betrachte? 
Die ganz vor kurzem veröffentlichte Übertragung von „König Lear" 
scheint dagegen zu sprechen. Jedenfalls aber steht das politische 
Interesse bei diesem interessanten Freiheitsfanatiker obenan. Das 
wird sich auch nachher bei der Besprechung seiner Übersetzungen 
aus dem Deutschen und Italienischen zeigen. Ich habe mehrere 
seiner Shakespeare-Übertragungen Wort für Wort mit dem Urtext 
verglichen und bewunderte dabei die Treffsicherheit des Ausdrucks. 
Er hat allerdings nur in ganz seltenen Fällen — z. B. beim Hamlet- 

* Vgl. meinen Aufsatz „Abdiillah Dschewdet als Übersetzer" in ., Islamische Welt" Nr. 9. 



H'irhhiwyiii. Tärlisrlie Uht-rniizinigeu au!<^ enropäii^chon TJterntureti. ii 

aocoaciooooooooeooaoo90oo(xxxxxxxxiooooooooooooooooc)(X)oooc>oooooocxxx)oooooooooo<xxxx)oo(X3<^^ 

monolog- — die Verse des Originals als solche übertragen. Übrigens 
hat er außer dem Urtext auch mehrere französische Übersetzungen 
(Montegut, Fran9ois Hugo) zu Rate gezogen. Neben 'Abi^ullah 
Dschewdet habe ich als Shakespeare-Übersetzer den Armenier 
Bojadschijan und den Türken Sirri Bey ermitteln können. 
Soweit ich sehe, sind bisher 9 Dramen Shakespeares übersetzt. 
Damit ist natürlich nicht gesagt, daß nur diese 9 bekannt sind. 
*Abd-ül haqq Hamid, der berühmteste Dramatiker der Türkei, 
kennt Shakespeare sehr genau, wie sich aus vielfachen Anklängen 
in seinen Werken ergibt. Auch eine Abhandlung von Müfid 
Ratib „Shahspeann qadynlary'' (Sh. Frauengestalten) zeigt eine 
reiche Kenntnis der Shakespearischen Welt. Dieser kleine Aufsatz 
istübrigens durch die reichlich sentimentaleAuffassungderbehandelten 
Gestalten — Portia, Ophelia, Cordelia und Julia — sehr bezeichnend 
für die türkische Darstellung des Loses der Frauen. Ratib findet 
nämlich, daß Shakespeares Mädchengestalten ein zu schweres Schicksal 
auf ihren zarten Schultern tragen und fragt vorwurfsvoll, weshalb 
der Dichter über die unschuldige Julia einen so grausamen Tod 
verhänge? Isma' il Haqqi, der Verfasser der ziemlich wertlosen 
Essay-Serie„Schriftstellerdes 14. Jahrhunderts" i(i895)zitiert allerdings 
Shakespeare noch nach einer Prosawiedergabe von Luigi Portio. 
Vor 1900 scheint also Shakespeare nicht einmal in französischen 
Übersetzungen gelesen worden zu sein. An diese halten sich jetzt noch 
die meisten türkischen Shakespeare-Leser, die übrigens immer zahl- 
reicherzu werden scheinen. Man kann geradezu von ein er Shakespeare- 
Mode sprechen. In der Tat entspricht Shakespeare mit seinen 
Überschwenglichkeiten und seiner Sucht zu kühnen Vergleichen 
dem türkischen Geschmack ganz außerordentlich. Zu einem flüchtigen 
Überblick genügt ja auch vielen schon Victor Hugos Buch über 
ihn. Es lohnte wirklich, einmal eine Untersuchung über den tief- 
greifenden Einfluß des französischen Dichters auf die moderne 
türkische Literatur zu schreiben. Es ist aber sehr zu wünschen, daß 
die Türken sich allmählich daran gewöhnen, fremdes Geistesleben 
nicht mehr ausschließlich durch die französische Brille zu betrachten! 
Von sonstigen Übersetzungen aus dem Englischen (diesmal aus 
dem Original) ist „Baber Chan", ein Roman von Florie Anne 
Steel aus der Zeit des großen Mongolenfürsten zu nennen, eine 
Übersetzung, die sowohl wegen des Stoffes wie wegen der Uber- 

1 On dw'dündschi ^a.sryn wnhat^'irlen. 



12 iHc Writ lies lalaitiK. Band 6. lUiH. Ihft 1 

t»ceoeeooooooooece»cxxaoooooooooc)oooooooooooocxxxxxxaeoooooococxxx)ooc)ooo^^ 

setzerin bemerkenswert ist: diese ist nämlich die große Halide Edib. 
In doppelter Hinsicht ist die Wahl dieses Werkes für sie bezeich- 
nend: sie zeigt erstens die englische Bildung der Verfasserin und 
zweitens ihre schwärmerische Begeisterung für die große zentral- 
asiatische Vergangenheit des Mongolen tums, das ja die Turanisten ohne 
weiteres mit Türkentum gleichzusetzen pflegen. 

Endlich erwähne ich, daß „Robinson Crusoe" und „Gullivers 
Reisen" den türkischen Kindern ebenso bekannt sind wie den 
deutschen. 

III. Übersetzungen aus dem Deutschen *. 

Es ist für uns natürlich besonders fesselnd, einmal zusammen- 
zustellen, was dem weder Deutsch noch sonst eine andere euro- 
päische Sprache verstehenden Türken von den Schätzen deutschen 
Schrifttums bisher durch Uersetzungen zugänglich geworden ist. 
Viel ist es freilich nicht. Aktuelle Broschüren zum Weltkriege 
u. ä. lasse ich dabei allerdings außer Betracht. Daß die Türken 
vorläufig noch keine rechte Orientierung über die deutsche Literatur 
haben, zeigt sich in folgender Liste der wichtigsten deutschen 
Autoren in der angesehenen Zeitschrift ,,Türk Judu*' Nr. 5: Kant, 
Hegel, Goethe, Heine, Niebuhr, Mommscn, E. v. Hartmaiin 
und — Sudermann!^ 

Soweit ich sehe, ist der erste Deutsche, der von einem Türken 
übersetzt wurde, Heinrich Heine. Münif Effardi hat um 1860 
Heinesche Gedichte übertragen — allerdings nicht ins Türkische, 
sondern ins Persische. Offenbar erschien dem Übersetzer seine 
Muttersprache damals noch nicht elegant genug zur Wiedergabe 
von Poesie! Ich verdanke diese Notiz dem hochinteressanten zwei- 
bändigen Werk: „Stambul und das moderne Türkentum. Von 
einem Osmanen". (Leipzig, Duncker und Humblot 1877, I, 174.) 
Leider fand ich dort keine näheren Angaben über die Stelle, wo 
diese Übersetzungen veröffentlicht, ja nicht einmal darüber, ob sie 
überhaupt veröffentlicht wurden. In demselben Buche ist auch eine 
Übersetzung von Schillers „Kabale und Liebe" von dem schon 
mehrfach erwähnten Ahmed Midhat angeführt. Sie .soll .sogar 
in den siebziger Jahren aufgeführt worden sein (a. a. O. I, 163). 

^ Vgl. meinen Aufsatz: ,, Deutsches Geistesgut in türkiscliem Sprachgewaiul" in der Stutt- 
garter „Lese" 1917, Nr. 38. 
* Mordtmann. 



Hachtnianii, Türkische Ibcrsetzyngcn aus eftropäisc/ini lAteratiireii. 13 

tOaOBOeOOOO(XXX>OOOOOOOOOUO(XXXXaOOOOOOOOOOOOOOOOO(X3000CXXXXXX30<XXXX)OOCXXXX>JO(XXXX)OC<XXXXXXXXXX^^ 

Schiller ist auch sonst mehrfach übersetzt worden. Zu seinem 
150. Geburtstagfe wurden Akte aus den „Räubern" und der „Jung- 
frau von Orleans" von armenischen Schauspielern in türkischer 
Sprache in Konstantinopel gespielt (Vossische Zeitung vom 25. ö. 14, 
Morgenausgabe). 1896 hat 'Abdullah Dschewdet, der schon 
oben besprochene Shakespeare-Übersetzer, eine Übersetzung des 
„Wilhelm TeU" vei'öffentlicht, allerdings nicht nach dem deutschen 
Urtext, sondern nach einer französischen Übertragung. Selbst der 
Titel „Gijom Tel" zeigt noch die französische Form! Es ist kein 
Wunder, daß Schiller die modernen Türken begeistert: die frei- 
heitsatmende glänzende Rhetorik seiner Dramen mußte sie ebenso 
berauschen wie diejenige V. Hugos. Um diese verwandte Wirkung- 
Schillers zu erkennen, muß man die Vorrede *A. Dschewdets lesen, 
die auch gesondert erschienen ist. (U. d. Titel: „Jld Emel" (Zwei 
Wünschet 3. Auflage Konst. 1914.) Hier wird beständig auf V. 
Hugo Bezug genommen. Literarisch Wichtiges enthält übrigens 
dieses Manifest kaum: es ist im wesentlichen eine glühende Ver- 
teidigung der Gedankenfreiheit und der Menschenrechte. Schon 
oben bei der Besprechung Dschewdets als Shakespeare-Übersetzer 
war betont worden, daß er weniger aus literarischen als aus poli- 
tischen Gründen zum Übersetzer wurde: diese Vorrede ist der 
schlagendste Beweis dafür. Seltsam, daß Dschewdet nicht auch den 
,J)on Carlos" übersetzt hat. Die große Szene zwischen Marquis 
Posa und Philipp 11. wäre gerade für ihn ein wundervoller Stoff! 
Übrigens könnte er jetzt wohl auch aus dem Original übersetzen : 
ich ersehe aus manchen Stellen seiner Briefe an mich, daß er 
Deutsch lesen kann. Außerdem nehme ich an, daß ihm für seine 
Prosaübertragungen von Schillers „Worte des Glaubens", „Die 
Führer des Lebens", „Die Würde der Frauen", „Das Lied von der 
Glocke" und „Sängers Abschied" (1913) keine französische Über- 
setzung vorgelegen hat : er nennt wenigstens keine. 

Während von Schiller immerhin vier größere Werke ganz oder 
teilweise übersetzt sind, ist Goethe bisher nur mit drei vertreten: 
„Werthers Leiden" von 'Ali Kjami, „Egmont" von Hassan Fehmi 
(nach einer Mitteilung von W. Feldmann in einem Aufsatz über 
den 1916 verstorbenen Dichter, „Berliner Tageblatt" vom 25. 2. 1916, 
Morgenblatt; wohl nicht veröffentlicht?) und Szenen aus „Faust"' 

^ Nachträglich entdeckte ich in dem Skizzensammelband „Bamazan baghtschesi" von 
Ibn'Ömer Dschewdet (Konst. 1908) eine Übersetzung der Faust- Wagner-Szene „Vom 
Eise befreit sind Ströme und Bäche". 



14 Die Wi'li df.K Islams, Band 6. IBIS, Heft 1 

orooeocioooooooeeoooooooooooooocxxxxxwooooooooooooooooocxxxxxxxxxxxjocMoooooocxxxxxxKxxxxxx^^ 

von Dr. 'Ali Bcj Hüseinzade, veröft entlicht in der Zeitschrift 
„läschtihad" Nr. 24 u. 2Ö). (Vgl. auch den Aufsatz über die neueste 
türkische Literatur von Fr. v. Kraelitz-(ireifen hörst, „öster- 
reichische Rundschau" vom 15. März 1916.) Die Werther-Über- 
setzung erschien zuerst als „Feuilleton" in der von 'Abdullah 
Dschewdet geleiteten Zeitschrift „Idschtihad^'. In der Vorbemerkung, 
datiert 5. Dezember 1913, teilt der Übersetzer mit, er habe seine 
Übersetzung auf Grund einer französischen Übertragung schon 
1896 vollendet und damals des Deutsehen kundige Freunde gebeten, 
eine Übersetzung aus dem Original zu übernehmen: es habe aber 
keiner den Mut gehabt. Ich habe die ersten Kapitel des türkischen 
Werther, der übrigens 1914 auch in Buchform erschienen ist, mit 
dem Urtext verglichen und eine ganze Reihe von Veränderungen 
und Auslassungen festgestellt, die offenbar der französischen Vor- 
lage zur Last fallen. Die Tatsache der Übersetzung von „Werther" 
und „Faust" hat nichts besonders Auffallendes, und sie beweist im 
Grunde französischen Einfluß: gerade als „l'auteur de Werther" und 
als Stoffgeber zu Gounods „Marguerite" war ja Goethe in Frank- 
reich besonders geschätzt. Eine neue Stütze meiner Behauptung, 
daß die modernen Türken wesentlich aus politischen Gründen über- 
setzen, ist dagegen die Übertragung von „Egmont". Ganz gewiß 
hat Hassan Fehmi bei Philipp 11. ebensogut an 'Abd-ul Hamid 
gedacht wie 'Abdullah Dschewdet bei Geßler ! 

Von Goetheschen Gedichten sind übersetzt: der „Erlkönig" u. d. 
T. „Qyzyl Schahy'' von R. M. Fu'ad in der Zeitschrift ,,Türk Derneji" 
Heft 7 und „Der Fischer" von Hassan Fehmi. W. Feldmann in 
dem oben zitierten Aufsatz führt die Anfangszeilen dieses letzten an: 

Qabardy jükselib sular scharil scharil. 

An sonstigen türkischen Übersetzungen älterer deutscher Literatur 
fand ich nur Platens Gedicht „Harmosan" und Freiligraths „Der 
Blumen Rache" und „Ein kleiner Irrtum", Schwank von dem jetzt 
längst verschollenen, einst aber höchst beliebten Louis Angel y 
(1787 — 1835), übersetzt u. d. T.: „Blr kutschük selav'' von Mehmed 
Tahir(i89o). Daß die türkischen Übersetzer überhaupt manchmal 
auf ganz obskure Werke verfallen, zeigt auch die Übersetzung von 
Leopold Kampfs Drama „Die große Nacht", übersetzt von Müfid 
Ratib (nach einer Notiz in „New-sali-milli" 1914, S. 125). Derselbe 
hat auch Sudermanns „Ehre" übersetzt (a. a. O.). 

Damit komme ich zu Übersetzungen aus der modernen deutschen 
Literatur. Schöne Literatur fehlt sonst vorläufig ganz. Nach einer 



I/ar/dii^iiti. Tüihisii-hi' l' htTsetznnaeii mt» eurojnlisv.heu hiteraturen. 15 

X<iO«O000OOOCXXMO0000CXXXXXM0000000O000OC3O00O00000000O00OO0OOCXXXXXXI0O0000O00OO0O0OOOCXXXXX)OCKX}ee)^^ 

Mitteilung- der „Deutschen Levantezeitung" vom 10. März 1917, S. 208 
sollen demnächst W. Bloems „Eisernes Jahr" und R. Herzogs 
„Wiskottens" übersetzt werden. Auch die Wahl dieser Werke 
würde wieder einmal beweisen, daß die Türken nur aus praktischen 
(rründen übersetzen: offenbar soll durch die beiden ebengenannten 
Werke den türkischen Lesern der Militär- und Industriestaat 
Deutschland interessant gemacht werden. 

Daß das eigentlich literarische Interesse überhaupt gering ist, 
beweist wiederum der schon oben angeführte Ahmed Schu'aib 
mit seiner Essaysammlung „Hajat we kitablar". Hier sind von 
Deutschen nur Niebuhr, Ranke und Mommsen vertreten. Leider 
schließt sich Schu'aib ganz und gar an die aus Bewunderung und 
antipreußischer Gereiztheit gemischte Darstellungs weise seiner fran- 
zösischen Gewährsmänner an: das Militarismusgespenst spukt 
schon hier! 

Sehr beliebt scheint Ludwig Büchner. „Kraft und Stoff" ist 
im ganzen und einzelnen mehrfach übersetzt, und Professor Mustafa 
Nermi hat ihn in Nr. 1 der Zeitschrift „GendscJi Qaieinler" sogar in 
einem Gedicht verherrlicht. Die Übersetzer Büchners, Beha Tewfiq 
und Ahmed Nebil haben auch einiges aus Häckels „Monismus" 
übersetzt. Nietzsche ist bisher noch nicht in türkischem Gewände 
erschienen. Erwähnt wird er allerdings ziemlich oft. Daß aber 
wirklich die modernen Türkinnen Kant und Nietzsche im Original 
lesen, wie Pierre Loti in seinem „Desenchantees" behauptet, trifft 
doch wohl nur in sehr seltenen x\usnahme fällen zu. Genannt wird 
allerdings Kant g^ar nicht selten, aber das wiU nicht viel sagen. 
„Le pays de Goethe, de Kant et de Beethoven" ist eine ganz ge- 
läufige französische Phrase. 

Alles in allem ist der bisherige Ertrag an türkischen Über- 
setzungen aus dem Deutschen sehr gering. Man möchte die 
Türken fast beneiden, wenn man sich vorstellt, welche geistigen 
Kostbarkeiten ihnen noch unbekannt sind. Mögen sie sachkundige 
Berater finden, die sie vor Minderwertigem bewahren! 

IV. Übersetzungen aus anderen europäischen Literaturen. 

Hier ist eine eingehendere zusammenhängende Betrachtung noch 
nicht möglich, da das Material gar zu gering ist. Höchstens läßt 
sich bei den Übersetzungen aus dem Italienischen: z. B. Silvio 
Pellico: „Le mie prigioni" (Mahmud Ekrem) und V. Alfieri: 



l6 />/« \Ve/f des Isla ms. Ii,ui<i li. I'JIH, Heft 1 

••ooeMxxxxxxxMaQaootxxxiCJOOooooooooooooooociooooooaeoooooooooooooooooooooooooooooo 

„Della Tirannide" (Abdullah Dschewdet) wieder der politisch- 
revolutionäre Charakter der Stoffe feststellen. 

Die slavischen Literaturen, zumal die russische, scheinen neuer- 
dings in der Türkei starkes Interesse zu erregen: offenbar eine 
Folge der bedeutenden literarischen Stellung vieler Nordtürken, 
die als russische Untertanen natürlich an russischer Literatur ein 
besonderes Interesse haben. 

Die antiken Literaturen sind bisher fast ganz vernachlässigt 
worden, doch scheint gerade jetzt eine Art „Humanismus" in der 
Türkei aufzublühen. Mein Freund Ahmed Muhieddin in Leipzig 
teilte mir kürzlich mit, daß ganz neuerdings das literarische Schlag- 
wort .,Jeni-Junanylyq" (Neu-Griechentum) aufgetaucht sei. Der 
Hauptvertreter dieser neuen Richtung sei Jahja Kemal. Wie mir 
scheint, handelt es sich hier aber im wesentlichen um einen Ein- 
fluß antikisierender französischer Lyriker wie Leconte de Lisle 
und Henri de Regnier. Auffallend war mir schon vorher die 
Vorliebe für antikisierende Motive im Buchschmuck: so weist z. B. 
das vortreffliche politisch-literarische Jahrbuch: „New-snli-milli" 1914 
als Randleisten lauter Motive antiker Vasenmalerei auf. Ich hoffe, 
später darüber einmal genauer berichten zu können ; ^ orläufig fehlt 
es mir noch an genügend zahlreichen Belegen. 

Die nun folgende bibliographische Liste ist aus den verschieden- 
artigsten Quellen gespeist: die besten Dienste leisteten mir die 
Kataloge von Otto Harrassow^tz in Leipzig und der ausführliche 
Kommentar von Süleiman Nazif zu dessen Ausgabe von 'Abd- 
ül-haqq Hamids Briefen, wo sehr oft von europäischen Literaturen 
die Rede ist. Was ich sonst in europäischen und türkischen Büchern, 
Verlagslisten und Bücheranzeigen gefunden habe oder türkischen 
Bekannten verdanke, mangelt leider meist der wünschenswerten 
bibliographischen Genauigkeit. Aus türkischen Angaben über 
Übersetzungen ist oft nicht zu ersehen, ob diese auch wirklich in 
den Buchhandel gekommen sind. Ich habe sie trotzdem aufgenommen, 
da mir daran lag, ein möglichst vollständiges Bild der türkischen 
Geschmacksrichtungen auf literarischem Gebiete zu geben. Dafür 
ist ja die Frage der Veröffentlichung belanglos. Auf vollständige 
Mitteilung des von mir gesammelten Materials — das natürlich 
seinerseits wegen der Schwierigkeit der Belegbeschaffung sehr 
lückenhaft ist — habe ich bewußt verzichtet: ich führe — abgesehen 
von der deutschen Literatur, wo sie mir als Pflicht erscheint — 
nur solche W^erke an, die eine europäische Wirkung hatten oder 



Harlitmaivi. Türkische Übt't'setzunc/t^n ans europäischen lÄteraturen. 17 

0OOOeoe(XXX)CK>3OOOOOOO0O0OOOOOOOO00OOO0O<XXX)0OOOO0OOOO0OOO0O0OOO00OOOOOOOOOOOOOOCXX)OOO<XXXXX)^^ 

noch haben und zum geistigen Besitzstand des gebildeten Europäers 
gehören 1. Die Liste soll einerseits einen XJberblick darüber gewähren ; 
wieviel von diesem Besitzstand dem nur Türkisch verstehenden 
Türken zugängüch ist — dabei ist freilich zu bedenken, daß gerade 
diese meist zu wenig geistiges Interesse haben werden, um derartige 
Übersetzungen überhaupt in die Hand zu nehmen, während die 
geistiginteressierten sich lieber an die Originale oder deren französische 
Übersetzungen halten werden ! — ; andererseits aber soU die Liste, 
wie ich schon eingangs betont habe, dem europäischen Literatur- 
historiker Material zur Feststellung europäischer Literaturwirkungen 
in der Türkei liefern. Diesem Zwecke sollen auch die Anführungen 
von türkischen Abhandlungen über Stoffe und Persönlichkeiten aus 
europäischen Literaturen dienen. 

EndUch hoffe ich, daß die Liste auch denen willkommen sein 
wird, die sich mit türkischer Literatur beschäftigen : enthält sie 
doch unter den Übersetzern viele der glänzendsten Namen des 
modernen türkischen Schrifttums. 



BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT. 
I. Übersetzung^en aus dem Französischen. 

Bourget, P. : Einiges von Ahmed Ihsan. 

Cahun, Leon : ..La Banniere Bleue" (Gök Sandschaq) ; von N e d s c h i b *A s y m. Konst. 1 9 1 2. 

— „Eski '^Osmanlylar: Jenitscheri Hasan" von Mehmed Sübhi. Konst. 1912, 
Chateaubriand: „Atala" von Mahmud Ekrem. Konst. 1878. 

— „Rene" von Mehmed Dschelal. Konst. 1895. 
Coppee, A. : Einiges von Halid Zija. 

Daudet, A. : Einiges von Ahmed Ihsan. 

Dumas, Alexandre (Vater): „Le Comte de Monte-Christo" Konst. 1871. 

Dumas, Alexandre (Sohn): „La Dame aux Camelias" von Ahmed Midhat. 

— „Le Roman d'une Femme" (Bir qadynyn hikajesi). Konst. 1883. 

— „Antonine" von Ahmed Midhat. Konst. 1883. 

renelon: „Telemaque" von Mysrly Jusuf Kemal Pascha, Ahmed Wefiq Pascha, 
Zija Pascha. 

— „Aristonous" von Reschad. Konst. 1890. 

— • Aussprüche aus „Telemaque" (Dschümeli-hikmijje-i Tdemaq) von Jussuf Kamil 
Pascha. Konst. 1893. 
Peuillet, O.: „La Veuve" (I>ul qadyn) von Ahmed 'Ata. Konst. 1885. 

— „Honneur d'Artiste" (San'-atkjar namusu) von Ahmed Midhat. Konst. 1892. 

^ In wenigen Fällen habe ich allerdings auch Übersetzungen von weniger bekannten euro- 
päischen Autoren angeführt, wenn sie mir um des Stoffes oder um des Übersetzers 
willen bemerkenswert erschienen. 

Die Welt des Islams. Band 6. 2 



l8 />'> J^V/ <les lsl,unf. IhindH. 1918, lieft 1 

c>oeoeoooooooooeoe«ooooooooooooooooooooooooooo(xooooooooooooooooooooooo<xxxxxx)0(xxxxxxx^ 

"FTngn, Victor: Einiges von Ferlew Pascha und Ibrahim Schinassi (1859). 

— iiLes Miserables" (SefiUer) von Scheins Sami, Hazan Bedreddin, 'Awanzadc 
Süleiman. 

— „Naghamati qalb" (Gedichte V. Hugos und anderer) von Seh. Mazhar. Konst. 1887. 

— „V. Hugonun bir mdctubu" (ein Brief Hugos an den Verleger der italienischen 
Übersetzung von „Les Miserables) von Süleiman Nazi f. Bnissa 1890. 

Kock, P. de: .,L'Amant de la Lune'" (Qamara '^aschiq) von Ahmed Midhat. Konst. 1890. 

- „Le Pantalon Rouge." (?) 
Lafontaine, Jean de: Einiges von Zija Pascha u. Ahmed Midhat. (Konst. 1861.) 
Lamartine: Einiges von J. Schinassi (1859) von Mustafa Nermi u. a. 

— „Graziella" (zitiert von *Ali Kemal in „Sorbonne dnriUfnunundd edebijjat-i-hayi - 
qijjc derslen" 19 14, S. 151). 

Le Bon, Gustave : „Lois Psychologiques de l'Evolution des Peuples*' ( Ruh-iU-afj[wäm) 
von 'Abdullah Dschewdet. Um 1910. 

— „Psychologie des Foules"^JSwÄ-Mi-dscÄe»na'(2<) von KöpriilüzadeMehmed Fu'ad. 
Konst. 1909. 

Maupassant: „Bei- Ami" von Müfid Ratib. 

— Einiges von Halid Zija. 
Mendes, Catulle: Einiges von Halid Zija. 

Moliere: „Tartuffe" von Zija Pascha (1825 — 1881). Neuausgabe. Konst. 1888. 

— Bearbeitungen mehrerer Lustspiele mit Anpassung an türkische Verhältnisse ron 
Ahmed Wefiq Pascha 1871/72. (Vgl. dazu die Einleitung von M. Hartmann 
zu Harrassowitz, Katalog 377, S. 3.) 

— „Le Misanthrope" 

— „L'Avare" 

— „Le Depit amoureux" 

— „George Dandin" (zweimal) 

— „Le Malade Imaginaire" 
'. — nLes Femmes Savantes" 

— „L'Ecole des Femmes" 

— „L'Ecole des Maris" 

— „L'Amour Medecin" 

— „Le Tartuffe" 

— „Don Juan" 

— „Le Mariage Force" 

— „Le Medecin volant" (zweimal) 
Montesquieu: Einiges von Namyq Kemal. 

Murger, Henri : „La vie de Boheme" als Operntext in „Resimli Ghazete". Frühling 1 899. 

Napoleon I: („Napoleon Bonapartenin tnüzekkerdeHnd^n müstahradsch olan 
zewabyti-harbijje") (Regeln der Kriegsführung, den Memoiren Napoleons ent- 
nommen.) Anonym. Konst. 1838. 

Ohnet, Georges: „Volonte (MeramJ von Fatmc 'Alijje Hanym. 

— „Le Maitre de Forges." (Um 1890.) 

— ))Les Dames de Croix-Mort." 

— „La Comtesse Sarah." (Um 1890.I 

Picard: ,.L'Oncle et \e T^^eveu^^ (Dajy ilejejen) von,Weli Bej Bolland. Konst. 1889. 
Pr6vost d'Exiles: „Manon Lescaul". Anonym 1899 in Lieferungen. Vgl. Hüsein 
Dschahid: „Ghawghalarym" (1910), S. 290. 



Sämtlich anonym und ohne Jahr 
(vermutlich 70er Jahre?). 



Hachimutin, Tüik/sr/ie U btrstizuiujen (tus earofxiu^cheu L'deitUureu. ig 

Prevost, Marcel: „Nouvelles Letlres de Femmes'' (Jeni qadyn mektublary von 'Ali 
Kemal. Konst. 1914. 

— .,Les Confessions d'un Amant" von *Ali Kemal. 

Prudhomme, SuUy: „Zwei patriotische Gedichte" in ,,Batarja ile atesch" von Süleiman 

Nazif. Konst. 1917. 
Racine, Jean: Einiges von J. Schinassi 1859. 
Rousseau, Jean-Jacques: „Emile'- von Zija Pascha. 

— Einiges von Namyq Kemal. 

Seignobos: „Histoire de l'Europe Contemporaine'' (Tarih-i-'-asri huzyi-). 3 Bände. 
Bd. I von 'Ali Kemal und '.\li Reschad, Bd. 2 und 3 von 'Ali Reschad. 

— „Histoire de la civilisation contemporaine" von Ahmed Refiq. 
Sorel, Albert: Questions d'Orient (Scharq Mes'deri). 

Sue, Eugene: „Les Mysteres de Paris" von Halil Edib Bej. 

Thierry, A. : „Attila" von Mahmud Ekrem. 4. Auflage. Konst. 1872. 

Veme, Jules: 24 Werke von ihm von Ahmed Ihsan. 

Voltaire: „Entretiens et Dialogues Philosophiques" von Münif Effendi. (Um 1860.) 

(Vgl. „Stambul und das moderne Türkentum. Von einem Osmanen." Duncker 

und Humblot, Leipzig 1877, I, I75-) 
Zola, E. : Einiges von Halid Zija. 

— „Nana", ,,Argent", „Pot-Bouille- (Übersetzer?) 

Anthologien. 

Frannyz edehijjati, Nümune we tarihi von Halid Zija. 

Edebijjati gharbiijeden bir nebze: zusammengestellt und übersetzt von Ahmed Rasira. 
Konst. 1887. 

Müntehabati teradschimi meschakir (Sammlung berühmter türkischer Übersetzungen mit 
den gegenüberstehenden französischen Originalen ; herausgegeben von Isma'il Haqqi 
und Ibrahim Fehmi. Konst. 1891). Enthält u. a. Stücke aus Rousseau: 
„La Nouvelle Heloise" von Münif Pascha, Pertew Pascha und Ebüzzija 
Tewfiq; Lamartine von Mahmud Ekrem; Chateaubriand von Mahmud 
Ekrem; A. de Musset von Nigjar Hanym; Alex. Dumas fils von Ahmed 
Midhat; V. Hugo von Pertew Pascha. 

Abhandlungen über einzelne französische Autoren. 

Buffon: Anonyme Biographie in der Sammlung: Bibliothek Ebü'zzija Tewtiq. (Konst. 

1889- 1895.) Nr. 85. 
Chamfort, N. : Anonyme Biographie, ebenda Nr. 64. 
Plaubert, G.: in „Hajat we kitablar" (Leben und Bücher) von Ahmed Schu*aib. 

Konst. 1901. 
Hugo, Victor: Von Mu'allim Nadschi und Beschir Fu'ad u. d. T.: „Intiqod" 

(Kritik): ihr Briefwechsel über V. Hugo. Konst. 1888. 
Iiavisse, Ernest : in „Hajat we kitablar". S. o. ! 

Miehelet: Von Ahmed Refiq in der Zeitschrift „Je7ii MedschmuW, Nr, 12. 
Monod, G. : In „Hajat we kitablar". S. o. ! 
Taine, H.: Ebenda. 



20 l'i'' ^Velt des /4'n,is, Band 6. liHö, Heft 1 

e<xx]eoc>oooceoocioe«oooooooooooooooooooooooooooo(xxx30oooooo(xxxxxxxxxxxx>oc)oooo^ 

II. Übersetzung^en aus dem Englischen 

(einschließlich amerikanischer Autoren). 

Bacon : Einiges von Namyq Kemal. 

Byron: „The Prisoner of Chillon" (Chitton Mahbusu) von 'Abdullah Üschewdet. 

Genf 1904. 
Defoe: „Robinson Crusoe". Nach der Iranzösischen Übersetzung wörtlich übertragen 

von Sehe ms Samy. Konst. 1884. 
Franklin, ß.: „Tariq-i-refah" (Der Weg zum Reichtum;. Gedanken aus den Werken 

B. Franklins. Serajewo 1910. 
Jerome, J. Klapka: „Diary of a Pilgrimage" (Bir syahat jurnaly) von Mustafa 

Kemal. Konst. 1909. 
BadclifiTe, Anne: „The mysteries of Udolpho" (1794) (Udolf hissary) von Ahmed 

Midhat. Konst. 1891. 
Shakespeare: Einiges von Wefiq Pascha. 

— „Hamlet" von 'Abdullah Dschev*rdet. Kairo 1908. 

— „Julius Caesar" von demselben. Kairo 1908. 

— „Macbeth" von demselben. Kairo 1909. 

— „King Lear" von demselben. Konst. 1917. (Nr. 28 der „Kiitühhatie-i- 
Idschtilmd"). 

— „Romeo and Juliet" von demselben (in der Zeitschrift „Schahbal"). 

— Dasselbe: Als Erzählung bearbeitet von M. Bojadschijan. 

— „Antony and Cleopatra" von 'Abdullah Dschewdet (druckfertiges Manuskript). 

— „Othello" von M. Bojadschijan. Konst. 1912. 

— — von Hasan Bedreddin und Rif'at (in der Sammlung „Z'emascÄa"). Konst. 
1878—1887. Bd. 2. 

— „The Merchant of Venice" von J [türk. Buchstabe Je]. (Nach brieflicher Mitteilung 
von Herrn 'Abdullah Dschewdet war der Übersetzer deutschen Ursprungs und Lehrer 
des Deutschen an der Konstantinopler Kriegsschule: Hasan Tahir Bej?) 

— Dasselbe: von Sirri Bej (Hamids „Briefe", S. 22 Anm.). 

— -.iThe Winter's Tale"; in einen Roman umgewandelt. (Vgl. R. Hörn: Die Tür- 
kische Moderne", S. 9.) 

— „A Comedy of Errors" von Sirri Bej (Hamids ,, Briefe" S. 22 Anra.). 
Steel, Flora Annie: „Baber" von Halide Edib (Türk Jurdu 1916/17). 

Swift, J.: „GuUiver's Travels". Daraus: „Im Lande der Riesen" (Diwler metnleketinde) 
in „Tschoduchuq Dünjasy Kitahlary" (Bücher der , .Kinderwelt" [Zeitschrift]). 

Wilde, Oscar: „Salome" (Tanzszene daraus) von Halide Edib im „Tanin". 

Young, A.: ,, Night Thoughts" (Gedschder senuhati) von Ohannes Aramjan, mit 
armenischen Lettern in Venedig gedruckt. Von der früheren türkischen Regierung 
auf den Index gesetzt. (Vgl. 'Abdullah Dschewdets Vorrede zu seiner Tellübersetzung 
„Iki Emd". S. 12 Anm.) 

Abhandlungen usw. 

Franklin, B.: Anonyme Biographie iu der Bibliothek Ebü'zzija Tewfiq, Nr. 84. 

Shakespeare: „Shakespearin Qadynlary" (Shakespeares Fraueugestalten) von Müfid 
Ratib {„New-sali-miüi"', S. 136 fr.). 

Gedicht auf Shakespeare von 'Abdullah Dschewdet, ins Englische übersetzt 
von E. W. Gibb (im Besitz des Herrn Riza Tewfiq-Konstantinopel). Vierzeilei 



llaclitintum, Türkischp l ' In i-.ii'lz'tion // ans i uropäi^clun Llteratttroi. 21 

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aut Ophelia, Macbeth u. a. in „Les Quatrains Mandits et les Reves Orphelins'' 
(Verlag „La Plume", Paris 1912); von demselben. 
Shakespeare: Hugo, Frangois, Abhandlung über die ,, Eifersüchtigen" in Shakespeares 
Dramen von Nadir. Konst. o. J. 

III. Übersetzungen aus dem Deutschen. 

Angely, L. : .,Ein kleiner Irrtum" (Lustspiel) (,,Bir kütschük sehio") von Mehmed 

Tahir. Konst. 1890. 
Büchner, L.: ,, Kraft und Stoff" (Madde tce quimvet) von Beha Tewfiq und Ahmed 

Nebil. 3 Bände. Konst. o. J. 

— Drei Kapitel aus „Kraft und Stoff" (u. d. T. „Fenni ruh" von 'Abd. D scheidet. 
Konst. 191 1. Idschtihad-Bibliothek Nr. 25. 

Preiügrath: „Der Blumen Rache" (Gedicht) in der Zeitschrift „Büjük Duj'gu". 
Friedrich der Große: Aussprüche von ihm, gesammelt von Brussaly Mehmed Tahir 

ibn Rif'at. Konst. 1887. (Vergriffen.) 
Goethe: „Faust" (einige Monologe daraus) von 'Ali Bej Hüsseinz ade (veröffentlicht 

in der Zeilschrift „Idschtihad" Nr. 24 u. 26. 

— Szene Faust-Wagner: „Vom Eise befreit sind Ströme und Bäche" von Iba'Ömer 
Dschewdet in der Artikelsammlung : „Ramazan baghtschesi" ■ Konst. 1892. 

— ,,Die Leiden des jungen Werther" von *Ali Kjamy. Konst. 19 14. 

— „Egmont" von Hassan Fehmi. 

— „Der Fischer" von demselben. 

— „Der Erlkönig" (Qyzyl ScMhy) von R. M. Fu'ad in der Zeitschr. „Türk 
denieji", Heft 7. 

Haeckel, E. : „Monismus" (Wahdeti meivdschud) von BehaTewfiq und Ahmed Nebil. 

Konst. 191 1. 
„Humor in der Schule" (Mektebe müte'aüyq lataHfJ aus dem Deutschen übersetzt. 

(Harr. Katal. Nr. 18. 4949.) i. Teil Konst. 1892. 
Kamp^ Leopold: „Die große Nacht", (?) Drama (Büjük Gedsche) von Müfid Rat ib. 

(Vgl. „New sali niiüi" 1330, S. 125). 
Platen, Graf: „Harmosan" von Ra'if Fu'ad in der Zeitschrift „Tü/rk Demeji", Heft 3. 
Schiller: Einiges von Ahmed Wefiq (vgl. Tury in „MÜH tetebbüHer" 1915, S. 224). 

— „Kabale und Liebe" von Ahmed Midhat (vgl. „Stambul und das moderne 
Türkentum" I, 163). 

— Akte aus den „Räubern" und der , Jungfrau von Orleans" (Vossische Zeitung vom 
25. 6. 14, Morgenausgabe). 1909? 

— „Wilhelm Teil" (Gijom Td) von 'Abdullah Dschewdet. Konst. 1326. 

— „Die Worte des Glaubens von Abdullah Dschewdet. („Idschtihad" vom 
5. Dezember 1329.) 

— „Die Führer des Lebens" von demselben, ebenda. 

— ,, Würde der Frauen" von demselben, ebenda. 

— ,, Sängers Abschied" von demselben, ebenda. 

— „Lied von der Glocke" von demselben. Ort? („Bügi Med seh mu'asi" oder „Idsch- 
tihad" ?) 

Schmidt, Christoph von: Mehrere seiner Erzählungen (vgl. Th. Wenzel in „Der Islam" 

1914, S. 223. 
Sudermann, H. : „Die Ehre" von Müfid Ratib {\gl. „New sali miüi" 19 14, S. 125). 



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Abhandlungen usw. 

deutsche Liiteraturgeechichte" (AUinian Tanhi edehijjati) von Halid Zija. (Nach 

dessen Vorlesunj^ an der Kunst. Universität lierausgegeben von Sa*di Effendi.) 

(Lithographie; nicht im Buchhandel.) 
Büchner, L. : In der Zeitschrift „Oendsch Q<Uemler", ein Gedicht auf ihn von Mustafa 

Nernii. (Vgl. M. Harlraann: Aus der neueren Osmanischen Dichtung 1, unter 

„Quellen" Nr. i. M. S. O. S. 1916.J 
Friedrich der Große: Aufsatz über ihn (Ernest Lavissi ive Büjük Frederiq) von 

Ahmed Schu'aib in seiner Essaysammlung „Hajat we kitnblar". Konst. 1901, 

2. Aufl. Konst. 1913. 
Kant, }.: Aufsatz von M. Rahini in „Türk Jurdu'% Nr. 134. 

Mommsen, Th.: Aufsatz von Ahmed Schu'aib in .,Hajat we kitablar". (S. o.i) 
Niebuhr, B. : Aufsatz von demselben, ebenda. 
Ranke, L. v.: Aufsatz von demselben, ebenda. 
Schopenhauer : Abhandlung von AhmedMidhat (Schopenhaurin hikmet'i-dschedidesi). 

Konst. 1888. (Streitschr. gegen Sch.I) 
Treitschke, 11. v.: Aufsatz von Ahmed Refiq in der Zeitschrift „Jeni Medschmu'a". 

(Als erstes Stück einer Reihe .,Die deutschen Historiker". [Nach deutschen und 

französischen Quellen.]) 

IV. Aus andern europäischen Literaturen. 

I. Antike Sprachen. 

a) Griechisch. 

Herodot: (Aus dem 4. Buch) „Siüer" (Die Skythen) von Nedschib 'Asym. Konst. 1894. 

— Einiges von Midhat Pascha (vgl. Stambul und das moderne Türkentum, von 

einem üsmanen'". Leipzig, Duncker und Humblot. Neue Folge. 1878, S. 88.) 

Homer: P. Hörn in seiner „Türkischen Moderne" S. 9 erwähnt Übersetzungen aus 

Homer. Wo? Von wem? 
Xenophon: ,,Cyropädie" (Choxretmiame) von AhmedMidhat. Konst. 1886. (Vergriffen.) 

Abhandlungen usw. 

Griechische Sagen (Essatiri jünanijan) von MehmeVl Tewfiq Pascha, General- 
major und Inspektor des Militärschulwesens. 1914- (In „Türk Judu", Nr. 69 als 
erstes Werk dieser Art bezeichnet.) 

Aesop: Biographie in der Sammlung: Bibliothek ,,EbÜE-zija Tewfiq", Konst. 1889, Nr. 90. 
Einige äsopische Fabeln von Ahmed Midhat übersetzt. 

b) Lateinisch. 

Cornelius Nepos: Aus den „Vitae" (McHchhu) qumandanlaryn terdtchüme-i-ahwdli) 

von Mehmed Tahir. Konst. 1888. 

a. Russische Literatur. 

Gorki, Maxim: „Mutter" (Ana) in „Roman Kütübhanesi" , Nr. 12 u. 13. Übersetzer 

nicht genannt. Hilal-Druckerei, Verlag von Ibrahim Hilmi. 
Puschkin: „Das Kartenspiel" (Kjad ojnnu), [Erzählung] von O. Gülnar (de Lebedeff). 

Konst. 1893. 



Hachhvann, Türkische l'hersetznncfev aus europäischen JÄleratriren. 23 

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Tolstoi, L.: „Philosophie des Lebens" (Fetsefe-i-hajat) von Ahmed Midhat Refatoff. 
Konst. 19 14. 

— „Vom Tode" (Olüm bßhsi) Ton demselben. Konst. 19 14. 

— „Anna Karenina"'. 4 Bände in „Rotnan Kiitübhanesi" . (S. oben unter „Gorki"). 

Abhandlungen usw. 
Russische Literatur (Rus edthüjati) von Olga Gülnar (De Lebedeff). Konst. 1895. 

3. Polnische Literatur. 

Sienkiewiez: „Quo Vadis?". 3 Bände in „Roman Kütübhanesi" 3 — 5. Hilal-Druckerei, 
Verlag von Ibrahim Hilmi. 

4. Italienische Literatur. 

Alfieri: „Del Principe e delle Lettere" (Herrscher und Literatur) von 'Abdullah Dschewdet 
(Idschtihad-Bibliothek.) 

— „Della Tirannide" (Über Tyrannenherrschaft) von demselben, ebenda. Genf 1 90 1 
und Kairo 1909. 

Goldoni: Um 1750 ein Goldonisches Lustspiel ins Türkische übersetzt und in der 
Wiener Botschaft aufgeführt. (Jonrnal asiatique?). 

Pellico, Silvio: „Le mie prigioni" (Meine Gefängnisse) von Mahmud Ekrem 1. (Ein- 
ziger) Band. Konst. 1875. (Vergriffen.) 

5. Holländisch. 

Dozy, R.: „Het islamisme" (Tarihi isla-mijje) von 'Abdullah Dschewdet. 2 Bände. 
Kairo 1908. (Nach der franz. Übersetzung!) 

6. Dänisch. 

Andersens Märchen von Ruschen F, schref für die Kinderzritschrift „TaJUhi defteri". 
(Noch nicht veröffentlicht.) 



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LITERATUR. 

Die Presse Syriens. 

Ohne Zweifel ist in der Geschichte der Presse Syriens ein großer Rückschritt zu Ter- 
icichnen. Das Bild, das ich mir aus Erkundigungen bei den Einheimischen über den 
Stand der Presse vor dem Kriege notdürftig zusammengestellt habe', hat sich seit 1914 
wesentlich verändert. In Ho ms, wo vor dem Kriege zwei Zeitungen und die Zeitschrift 
.>\l-'Aris erschienen, ist jetzt die Presse vollständig eingeschlafen. Beirut zählte im 
Jahre 1909/10 7 Tageszeitungen und 8 Wochenschriften *, von denen jetzt noch drei be- 
stehen. Christliche Blätter — es waren damals acht in Beirut und vier im Libanon — 
erscheinen heute weder in Beirut noch im Libanon. 

Eingegangen sind ferner sämtliche Zeitschriften, wie z. B. an-Nubräs, al-Muntaqid und 
vor allem al-Masriq. In ähnlichem Grade ist in Aleppo und Damaskus der Rückschritt 
fühlbar; so stellte in Aleppo die Zeitung as-Sabbä, in Damaskus die Zeitschrift an-Nafa'is 
ihr Erscheinen ein. — Die Ursachen für diesen allgemeinen, augenfälligen Rückgang sind 
zunächst Erscheinungsverbote seitens der Regierung bzw. Militärverwaltung, dann aber 
auch der immer wachsende Papiermangeis. 

Die Auflagen der einzelnen Blätter sind sehr gering. Einmal ist die Nachfrage nach 
ihnen nicht sehr groß, wenn z. B. in einer Stadt von 62 000 Einwohnern, wie Beirut 
(Delil Beirut S. 182), fünf Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 6000 — 7000 Blatt 
erscheinen*. Dazu kommen die schwierigen Bedingungen der Herstellung: Papiermangel 
und meist Druckpressen mit Handbetrieb. Der Versand in die Provinz ist belanglos, 
außer bei den Damaszener Zeitungen al-Muqtabas und as-Sarq. — Die Blätter enthalten 
außer lokalen Mitteilungen im allgemeinen nur die politischen Nachrichten nach Wolf und 
Osmänly Azans Milli. Aufsätze, die ernstlich auf den Namen „Leitartikel" Anspruch er- 
beben können, sind sehr selten. Unbedeutend ist auch der Anzeigenteil, der fast nie 
eine halbe Spalte übersteigt. 

Aleppo. 

Auf der Straße werden hauptsächlich die Konstantinoplcr Zeitungen (türkische, 
firanzösische, deutsche, griechische) angeboten, ferner die beiden Damaszener Blätter al- 
Muqtabas und as-Sarq. Die beiden einheimischen Blätter haben eine ganz geringe Auf- 
lage und werden in der Wiläjet malba'asy, deren Maschinen nur Handantrieb haben, 
hergestellt . 

1 Die mir von verschiedenen Seiten bestätigten Angaben verdanke ich namentlich Herrn 
Abdul-Qädir Muhammed, dem Sohne des noch zu erwähnenden Muhammed b. at-Tuhäml 
Satta al-Gazä'iri, in Damaskus. 

• Delll Beirat we-teqwim al-iqbäl li-sene 1327 hegrijje von *Abd al-Bäsit al-Unsi S. 123/4 
und 188. 

• Z. B. erschien as-Sarq (Damaskus) im Juli 1917 noch im Umfange von 4 Seiten, während 
er heute beim gleichen Formate nur noch 2 Seiten hat. Das Blatt al-lhä' 'al-Otmäni 
(Beirut) druckt auf altes am Rande vergilbtes Papier, einmal größeres, einmal kleineres 
Format, wie es gerade da ist. 

• Vgl. dazu, daß bei uns in einer Großstadt von etwa 350000 Einwohnern, wie Düssel- 
dorf, nur vier Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von etwa 220000 Blatt existieren. 



JAUndin-. 25 

oof<)eoeoo(xxx)oeoo«oooooooooooooooooooaooooooooooooeoooooooocxxxx)ocxxx)ooooooooocxxxxxx)OOOoc^^ 

1. ar-Ra*j al-'ämir. 8. Jahrg. Besitzer mid Schriftleiter Tahe al-Mudawwer. Erscheint 
jeden Morgen in arabischer und türkischer Sprache. 2 Seiten stark (gr.2°)i. Bezugspreis 
jährlich 125 Piaster, halbjährlich 85 Piaster, das einzelne Blatt i Metalik. 

2. Fürst. Amtsblatt des Wilajets. 48. Jahrg. (nach dem arab. Text 47. Jahrg.). Erscheint 
jeden Donnerstag türkisch und arabisch, 4 Seiten stark, kl. 2°. Bezugspreis: jährlich I \.'j, 
halbjährlich i Medschidijje. — Das Blatt enthält nur Gesetze. Verordnungen und Nach- 
richten aus dem \Yilajet. 

Damaskus. 

a) Zeitungen (in arabischer Sprache). 

1. al-Muqlabas. Tageszeitung für Politik, Wirtschafts- und soziale Fragen. Ohne Angabe 
des Jahrgangs; mir liegt vor Nr. 2451 vom 15. Nov. 1917. Herausgeber ist Ahmed Kürd 'Ali. 
Erscheint täglich außer Freitags, 2 Seiten stark, gr.2°. Bezugspreis für Damaskus jährlich 4, 
halbjährlich 2 Medschidijje, für die Türkei jährlich i Ltque, für das Ausland 25 Frcs. 

2. as-Sarq. Tageszeitung für Politik, Literatur imd Wirtschaftsfragen, begründet 1334 
(1916), 2. Jahrg. Besitzer: Halil al-Ejjubi al-Ansärl. Hauptschriftleiter: J. Zija Köher. Ver- 
antwortlicher Schriftleiter: Muhammed Tag ad-din al-Husni. Erscheint täglich 2 Seiten stark, 
gr.2'^. Bezugspreis: jährlich lOO Piaster, halbjährlich 60 Piaster. Die einzelne Nummer loPara. 

3. al-Ahbär (türk. Titel: Istihbärät). Mir liegt vor Nr. 5 vom 15. Nov. 191 7. Heraus- 
gegeben von der Leitung des deutschen Nachrichtensaales. Erscheint täglich arabisch und 
türkisch, 2 Seiten stark, kl. 2°. Bezugspreis: monatlich 25 Piaster, Einzelnummer i Piaster. — 
Enthält nur die amtlichen Kriegsberichte und Mitteilungen der „Osmanly Azans Milli". 

4. Sürijja. Amtsblatt des Wilajets. 52. Jahrg. Die Schrittleitung liegt in den Händen 
einer Kommission. Gründungsjahr 1282. Erscheint wöchentlich einmal in türkischer und 
arabischer Sprache. 8 Seiten stark, kl. 2°. Bringt im türkischen und arabischen Teil meist 
verschiedene Artikel, was bei den anderen zweisprachigen Blättern nicht üblich ist. Für 
Damaskus jährlich 100 Piaster. ,\nzeigen die Zeile 5 Piaster. 

5. Abäbil. 10. Jahrg. Besitzer und Hauptschriftleiter ist Husein Muh! ad-Din Gebbäl, 
dem * . al-Biläni zur Seite steht. Erscheint wöchentlich einmal, 4 Seiten stark, kl. 2°. 
Bezugspreis: 120 Piaster, für das Ausland 30 Frcs. 

6. al-Ittihäd al-isläml. Zeitung für Politik, Literatur, Wissenschaft, Handel und 
Witz. Dient dem Islam und dem Osmanentum. 6. Jahrg. Besitzer und Schriftleiter: 
Muhammed b. at-TuhämJ satta al-Gazä'iri*. Erscheint jeden Montag, 2 Seiten stark. gT.2°. 
Für Damaskus 4, für die Türkei 5 Medschidijje. Einzelnummer ein Metalik'. 

b) Zeitschriften. 

al-Muqtabas*. Zeitschrift für Erziehung und Unterricht, Soziologie und Wirtschaft, 
Literatur, Geschichte, Altertumskunde (ätär) und Sprache, über Wohnungs- und sanitäre 

1 Mit gr.2° bezeichne ich das Format derjenigen Blätter, die ungetähr der Größe des 
Berliner Tageblattes oder der Vossischen Zeitung entsprechen, mit kl. 2° diejenigen, 
deren Format wesentlich kleiner ist. 

2 Derselbe beabsichtigt eine Monatsschrift herauszugeben. Da ihm jetzt durch deutsche 
Vermittlung gelungen ist, sich das nötige Papier zu beschaffen, wird das erste Heft bald 
aus der Presse hervorgehen. (Mai 1918 noch nicht erschienen.) 

3 Die Zeitungen Nr. i und 2 werden in der Matba'at as-Sarq gedruckt, Nr. 5 und 6 in 
der Matba'at at-taraqqi. Beide Druckereien haben Motorantrieb. 

^ Zurzeit die einzigste in ganz Syrien, die bei uns eine größere Beachtung verdiente. 
Ich nenne nur zwei längere Arbeiten: Muhammed Riza as-SebibI, al- Baizara wa-kitäb 



2') />;> \Vf/i (ly.< /.</,, ms. Hnuil H. i'JlH, tieft 1 

f«or)«occoexMoe»aa*oocxx)ixxMocx>ooooocxxxxxxxxxxxxxxxxi<xxxKxx^^ 

Fragen, übet Bücher, über den Orient und Okzident. (). Jahrg. Herausgegeben von 
Muhammcd Kürd 'All. Erscheint monatlich im Umfange von etwa loo Seiten (Format 8°). 
Bt'/.ugspreis für Daraaskui. und die Türkei i Ltque. für das Ausland 25 Frcs. 

Beirut. 

Auf den Straßen werden außer den einheimischen Blättern die beiden in französischer 
Sprache geschriebenen Konstantinopeler Zeitungen Lloyd ottoman und Hilal verkauft. 
Die Auflagen der beiden Zeitungen: Beirat und al-Iqbäl betragen je 2000, die der anderen 
je Ooo — 800 Stück. — Es bestehen 5 Zeitungen. 

a) In arabischer Sprache. 

1. Beirut. Tageblatt des Wilajets für innere und auswärtige y\ngelegenheiten, Politik, 
Sozial- und Wirlschaftsfragen, Gesetze und Verordnungen, amtliche Bekanntmachungen, 
Anzeigen. 31. Jahrg. Schriftleiter ist der Verwalter der Wiläjet matba'asy. Erscheint 
täglich in türkischer und arabischer Sprache. 4 Seiten stark, gr.2°, meist auf ein- 
seilig gefärbtem graugrünem Glanzpapier. Bezugspreis: jährlich 3, halbjährlich 2 Medschidijje. 
Bei Anzeigen kostet die Zeile 3 Piaster. Das Blatt nimmt auch populär-wissenschaftliche 
Abhandlungen an, wie ausdrücklich auf dem Titelkopf bemerkt wird. 

2. al-Iqbäl, begründet am i. Muharram 1320 d. H. 17. Jahrg. Besitzer und 
Herausgeber ist 'Abd al-Bäsit al-Unsi. Erscheint täglich außer Freitags, 2 Seiten stark, 
gr.2°, auf grünem oder rosa Papier. Bezugspreis: jährlich 150 Piaster, für das Ausland 
45 Frcs. Einzelnummer i Piaster. 

Das Blatt hat auch eine 4 Seiten starke Wochenausgabe zum Bezugspreise von 
80 Piaster für Beirut, 100 Piaster für die Türkei und 30 Frcs. für das Ausland. Der 
Titelkopf dieser Wochenausgabe trägt noch die Zusätze: ,, Zeitung fiir Wissenschafl, Politik 
und Kultur. Nimmt Aufsätze über den Dienst für die Nation und über die Bande mit dem 
Osmanentum (al-hidmet al-mülijje wa-H-gämi^at al-'^utmänijje).- 

3. al-Biläg. 8. Jahrg. Besitzer und Schriftleiter des politischen Teiles: Muhammed 
al-Bäqir. Erscheint täglich, 2 Seiten stark, gr.2°. Bezugspreis: 200 Piaster, für das 
Ausland 50 Frcs. Einzelnummer 1 Piaster. Anzeigenpreis: Die Zeile 5 Piaster Hart- 
geld (grüi säg)! 

4. al-Ihä' al-utmäni. b. Jahrg. Besitzer und Herausgeber ist Muhammed Säkir 
at-Tibl. Erscheint täglich 2 Seiten stark. Format verschieden (vgl. S. 24 Anmerk. 3). 
Bezugspreis: i ';, Ltque, für das Ausland 2 Ltque. Einzelnummer 1 Piaster. 

b) In französischer Sprache. 

5. Le Journal de Beyrouth. Journal ottoman quotidien. 5. Jahrg. Besitzer ist 
Georges Harfouche, Schriftleiter Halim Harfouche. Erscheint täglich im Umfange von 
2 Seiten, gr.2°. Bezugspreis: jährlich lOO Piaster für Beirut, 125 Piaster für die Provinzen, 
30 Frcs. fiir das Ausland. Einzelnummer 20 Para. 

Nachtrag zu meiner Arbeit: Das Zeitungswesen in Konstantinopel (W. I. Bd. 5, I9I7> 
S- 79^ 

Zu A: L'Aurore. Organe des interets des Jnifs de l'Empire Ottoman. 9. Jahrg. 
Besitzer: Lucien Scinto. Erscheint zweimal wöchentlich, 4 Seiten stark, gr.2°. 

Beirut, den 19. Nov. 1917. Willi Heffcning 

ishä (Herausgabc einer älteren Schrift über die Jagd mit dem Falken) und Ibrahim 
Hilmi, Baina as-Sa'm wa-M-'Iräq (über eine Reise nach Mesopotamien^. 



TJterafur. 2 7 

3(^(VMOCOOOOOC)OaOO<»00«K>30000(»X»00(»XXXX)OOOOOOOOOOOCOO<XXX)OOOOOOOOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXa^^ 

Geg-ensätze [Tezad, deutsch]. Roman von Iset [Izzet] Melyh. 
A-utor. Übers, aus d. Türk. von Dr. Arthur Ertogrul von Wurzbach, 
Latbach; Leipzig: Harrassowitz in Komm. 1917. 83 S. 8" 

Wer jetzt aus dem Türkischen übersetzt, übernimmt eine hohe Verantwortung: es 
kommt im Interesse der deutsch-türkischen Freundschaft sehr viel darauf an, wen und 
wie er übersetzt. Übersetztes und Übersetzer müssen unbedingt ersten Ranges sein. 
Leider ist das hier nicht der Fall: der Übersetzte ist höchstens zweiten, der Übersetzer 
mmdestens dritten Ranges. Mit einigem Mißtrauen ging ich von vornherein an die 
Lektüre heran: der Kreter 'Izzet Melyh war mir als Halbfranzose bekannt — nicht dem 
Blute, aber doch der Art nach — und Wurzbachs ÜT)ersetzungen aus Mehmed Emin 
standen mir nicht in bester Erinnerung. 

Der Inhalt des 19TI geschriebenen und noch vor 1908 spielenden Romans ist dieser: 
ein schöner, junger, genußsüchtiger, französisch gebildeter Offizier, Naschid, ist mit der 
schönen, jungen, sittsamen, französisch gebildeten Behire verlobt. Naschid ist freiheitlich 
gesinnt — politisch wie moralisch — und deshalb der hamidischen Regierung verdächtig. 
Eines Tages bekommt er einen polizeilichen Verweis, weil er auf einem Fest der 
französischen Botschaft einen Frack getragen hat. Diese Schikane bringt das Maß zum 
Überlaufen: er entschließt sich, die Türkei zeitweise zu verlassen. Mit seinem Oheim, 
einem alten Lebemann, geht er nach Batum. Dort verliebt er sich in eine schöne, leiden- 
schaftliche Russin, Militza Nelidoff, wird also seiner braven Behire untreu. Er will 
Militza sogar heiraten. Aber das Gute siegt doch : ein politischer Wortwechsel mit einem 
russischen Offizier bei einer Feier zur Erinnerung an die Eroberung Batums durch die 
Russen und ein verzweifelter Brief Behires wecken sein türkisches und menschliches 
Gevdssen. Allerdings kehrt er nicht gleich zu Behire zurück, sondern will zunächst seine 
Herzcnswoinde in Paris und London ausheilen lassen. Wir verlassen ihn auf der Fahrt 
nach Odessa, als er eine höchst seltsame und unmotivierte Vision schaut: er sieht 
nämlich, ,,eine der griechischen Fabel angehörige Gestalt, den Meeresgott Neptun'' über 
das Meer fahren. Man zweifelt ein bißchen, ob er wirklich später zu Behire zurückfinden 
wird. Höchstwahrscheinlich wird dieser für Frauen ebenso unwiderstehliche wie für den 
Leser unausstehliche „Veilchenfresser" auch in den Entente-Hauptstädten flott weiterflirten. 

In diese reichlich banale Handlung sind langatmige Gespräche über türkisches und 
europäisches Frauenlos, türkische Abneigung gegen den kaufmännischen Beruf und patriotische 
Tiraden über den Verfall der Türkei und die Eroberungssucht Rußlands eingeschoben. Das 
Beste sind die Naturschilderungen, zumal die des Schwarzen Meeres. Im ganzen erinnert 
Melyh sehr an Mehmed Ra'uf. Auch er ist kein rechter Türke, noch weniger ein Muslim. 
Man empfindet kaum einen „Gegensatz" zwischen Naschid und Militza oder deren russischen 
Verwandten: alle sind sie internationale Salonmenschen französischer Färbung. Der ,, Gegen- 
satz" zwischen Militza und Behire kommt auch nicht recht heraus, da Behire gleichfalls nur 
eine Halbtürkin ist. Aus diesem Roman kann niemand das Wesen des heutigen männiich- 
arbeitsfreudigen. unerotischen, fast zu antierotischen Türkentums kennen lernen. — — 

Und nun zum LT)ersetzer! Fast in jeder Zeile sind sprachliche Ungeschicklichkeiten z«i 
rügen 1 ! Daß die Übersetzung wörtlich genau ist, kann ich auch ohne Vergleich mit dem — 
mir leider nicht vorliegenden — türkischen Original beschwören : diese Gespräche, Tiraden 
und Vergleiche habe ich in andern türkischen Romanen schon tausendfach gelesen. 

Zum Schluß noch ein Wort zu Wurzbachs Einleitung. Die Lebensdaten sind richtig. Sie 
stammen wohl aus New-sal-i-milli 1914, wo der Melyh tausendfach überlegene Ja'qub Qadri 
1 Umfangreiche Belege des Herrn Berichterstatters sind von uns hier nicht abgedruckt. 



eeooeooooooooooeoaoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooocxxxxxioooocwoooooooo^ 

einen kurzen Artikel über ihn veröffentlicht hat. Daher slaminl jedenfalls auch die Notiz, 
daß Melyh .jetzt" an einem Schauspiel ..Der große Pascha • .irbeitct. Das war 1914! 
Sollte es wirklich Ende 1916 noch nicht fertig geworden sein? Zu Melyhs kleinem Drama 
,4^eila" ist nachzutragen, dafl es schon 1913 von Oesterheld übersetzt und bei Priter und 
Lammers (Berlin) erschienen und Anfang 191 6 in Dortmund aufgeführt worden ist. Es 
ist übrigens französisch geschrieben, ebenso „Der große Pascha". Martin Hartmann in 
seiner Einleitung zum Harrassowitz-Katalog 377, S. 5 nennt es ,,eine unsaubere und dabei 
geschmacklose Banalität" und führt fort: „Besser (ist) sein Roman ,Konriikt' (ebenderselbe, 
den Wurzbach übersetzt hat) aus einer russisch-orientalisch-französischen Atmosphäre, die nicht 
übel geschildert ist." Sehr begeistert klingt diese Würdigung gerade nicht •. Wenn man 
dagegen Wurzbachs Einleitung liest, meint man, Melyh sei ein überragendes Genie. Er preist 
ihn so überschwenglich und dabei so konfus, daß der Leser schon hier mißtrauisch werden 
■»uß — sowohl gegen den Übersetzten wie gegen den Übersetzer. Dieses Mißtrauen er- 
weist sich, wie gezeigt ist, leider als nur allzu berechtigt. Das Original ist unbedeutend 
und völlig untürkisch, die Übersetzung ist schlecht, und außerdem — aller bösen Dinge 
sind drei! — finden sich sehr viele Druckfehler darin 2. O. Hachtmann 

Staatsbürger-Bibliothek. Volksverein.s-Verlag- G.m.b.H. M.-Glad- 
bach. Jedes Heft 45 Pf. 

Heft 35: Die Balkanstpaten (außer Bulgarien und Türkei). Ver- 
fassung, Verwaltung, Volkswirtschaft. Von Dr. Franz Schmidt, 
Düsseldorf. Mit 2 Karten. Dritte Auflage (4. Tausend). 1916. 64 S. 
Heft 36: Die Türkei. Verfassung, Verwaltung, Volkswirtschaft. 
Von Dr. Franz Schmidt, Düsseldorf. Mit 4 Karten. Dritte, ver- 
mehrte und verbesserte Auflage. 1915. 56 S. 

Heft 59: Ägypten. Verfassung, Verwaltung, Volkswirtschaft. Von 
Gerichtsassessor Dr. Hans "Wehberg, Düsseldorf. 1Q15. 40 8. 

Heft 72: Persien. Von Dr. Clemens Wagener. 1916. 52 S. 

Diese Hefte können — vor allem als erste Einführung — warm empfohlen werden. 
Durch straffe Kondensierung und Vermeidung aller Weitschweifigkeiten ist ein außerordent- 
lich reichhaltiges Tatsachenmaterial auf diesem knappen Raum zusammengetragen: Geschichte 
und Geographie, Religionsverbältnisse, Sprache und Literatur, Verfassung, Schul-, Gerichts-,. 
Finanz- und Verkehrswesen, Heer und Flotte, Landwirtschaft, Industrie und Handel finden 
Berücksichtigung. Ein- und Ausfuhrzahlen, Staatseinnahmen und -Ausgaben usw. sind 
mehrfach in besonderen Zahlentabellen gegeben. Selbst ein sorgfältig gearbeitetes Sach- 
register fehlt nicht. Die Schulen und Volksbüchereien sollten diese Hefte anschaffen. — 
Von besonderem Interesse dürfte für viele der in Heft 59 im Anhang abgedruckte Suez- 
kanalvertrag von i888 sein, sowie die im gleichen Heft mitgeteilte englische ProtektoraU- 
erklärung über .Ägypten vom 19. Dezember 1914. Erwin R. Marschall 

^ Vgl. auch M. Harlmanns Besprechung in seiner Abhandlung: „Aus der neueren osmani- 

schen Dichtung". (M. S. O. S. Jahrg. XIX, Abt. II, 1916, S. 33 ff.) 
2 Die Belege auch hierzu sind von uns im Druck fortgelassen worden. 

Die Schriftleitung. 

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Bibliographie. 29 



BIBLIOGRAPHIE. 

♦ bedeutet Vorhandensein in der Bibliothek der Gesellschaft, f Vorhandensein in der 

Deutschen Auslands-Bibliothek. Nach dem Titel in [ ] stehen Zugangsnummer der Bibliothek 

und gegebenenfalls Name des Geschenkgebers. 



Ausführliche Besprechung einzelner Werke bleibt vorbehalten. 

778. Religionsgeschichtliche Bibliographie. Im Anschluß an das 
Archiv f. Religionswissenschaft mit Unterstützung von . . . hrsg. 
von Carl Giemen. Jg 1. 2. Leipzig & BerUn: Teubner 1917. 
vn, 53 S. 8° 1. 2. D. Literatur d. Jahre 1914 u. 1915 . . . 

779. Die evangelische Mission. E. Einf. i. ihre Gesch. u. Eigenart. 
Von Carl Mirbt. 2. Aufl. Leipzig: Hinrichs 1917. 117 S. 8° 

780. Muhammedanische Glaubenslehre. Die Katechismen des 
Fudali und Sanusi übers, u. erl. von M. Horten. Bonn: Marcus 
& Weber 1916. 57 S. 8° (Kleine Texte für Vorlesungen und 
Übungen. 139.) 

781. Hartmann, Martin: Die Islamisch-Fränkischen Staatsverträge 
(Kapitulationen). 8° Aus: Zeitschrift für Politik. Bd 11 H. 1/2 
1918. Abhandlungen 1. 

782. Deutschland und der Orient. Ihre Beziehungen in Ver- 
gangenheit, Gegenwart u. Zukunft. (Berlin; Der Neue Orient) 
1917. 72 S. 4°(8°) [Nebent.: Türk.] Alemanja -^ Sarq . . . 
(Türkische Bücherei d. Verl. 'Der Neue Orient'. Bd 1.) 

783. [Ung.] Türan . . . Zeitschrift für osteuropäische, vorder- und 
innerasiatische Studien . . . 1 — 2. Budapest 1918. 8° 

784. Das Privileg Selims i. für die Venezianer von 1517. Von 
Martin Hartmann. Leipzig: Hinrichs 1917. S. 201 — 222. 8° 
Aus: Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft. Jg 1917. 
[Hommel-Festschrift. Bd 2.] 

785. Die Türkei. Von Paul R. Krause, Kais, ottom. Reg.R. a. D. 
Mit 2 Kt. im Text u. auf 1 Taf. 2. Aufl. Leipzig & Berlin: 
Teubner 1918. 134 S. 8° (Aus Natur u. Geisteswelt. Bdch, 469.) 

786. Die Türkei. Landschaften und Menschen. Eine Skizze z. 
Landes- u. Volkskunde. Von Dr. jur. et phil. Hugo Grothe, 
Privatd. Berlin: Sigismund 1917. 48 S. 8° (Schützengraben- 
Bücher f. d. deutsche Volk. 75.) 

787. Das Türkische Reich. Vorträge von Dr. George Böker 
(Bonn) [u. a.]. Berlin: Mittler 1918. VI, 262 S. 8° (Veröffent- 
lichungen d. Institutes f. internat. Privatwirtschaft. Kurse f. Inter- 
nat. Privatwirtschaft (Länder-Reihe). H. 1.) 

788. Aus der neuen Türkei. Von Otto Eberhard. Eisleben 1917: 
Klöppel. 172 S. 8° 



30 l>li- UV// (/f.v hiaiiis. Hand H. iUiS, Heft 1 

789. Die Entwicklung des osmanischen Verfassungsstaates von 
den Anfängen bis zur Gegenwart. Von Dr. jur. Gotthard Jäschl.e. 
Berlin 'Der Neue Orient' IQ17. 37 S. ^^ Erw. aus: Die Welt 
d. Islams. Bd 5, H. 1/2. 

790. Das arabische Element in der Türkei. Von Ewald Banse. 
Leipzig: Gaebler 191(1. 20 8. 8° (Länder u. Völker d. Türkei. 
N. F. R. 1, H. 1.) 

791. Christlich-orientalisches Kulturgut der Türken. Von Dr. Karl 
Dieterich, Privatd., Leipzig. Leipzig: Gaebler ig 17. 32 S. 8° 
(Länder u. Völker d. Türkei. N, F. R. 1, H. 3.) 

792. Die Türken und wir. Ein kleines Mahn-Geleitwort an sie 
u. uns von Ewald Banse. Weimar: Duncker IQ17. lOö S. 8° 

793. Konstantinopel in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung. 
Vortag geh. zu Bapaume von Heinrich Sieveking, Prof., Zürich 
am 1. Dez. 1915. Bapaume: Korpsverl.-Buchh. 1916. :^i S. 8° 

794. Deutschland über AUah. Door E[dward] F[rederic] Benson. 
London: Wilson 1917. 35 S. 8° 

795. The Ottoman Domination. London: Unwin 1917. 18 S. 8° 
Aus: The Round Table'. 

796. *The murderous Tyranny of the Turks.' By Arnold J. Toynbee 
with a pref. by V [James] Bryce. London [usw.]: Hodder & 
Stoughton 1917. 35 S. 8° 

797. Turkije: Verleden en toekomst. Door A[rnold] J. Toynbee. 
London: The Menpes Pr. & Engraving Co. 1917. 104 S. 8° 
Übers, aus: 'The Round Table'. Juni 1917. 

798. The Question of the Bosphorus and Dardanelles. By Cole- 
man Phillipson and Noel Buxton. London: Stevens & Haynes 
1917. XVI, 264 S. 8"" 

799. Inside Constantinople. A diplomatist's diary during the Dar- 
danelles expedition, April^ — Sept., 1915. By Lewis Einstein. 
London: Murray 1917. xvi, 291 S. 8° 

800. The tenth (Irish) Division in GaUipoli. By Bryan Cooper, 
Major. With an introd. by Major-Gen. Sir Bryan Mahon. With 
appreciations by . . . London: Jenkins 1918. XX IV, 272 S. 8° 

801. Le Sort de l'Empire ottoman par Andre Mandelstam. Lau- 
sanne & Paris: Payot 1917. Xii, Ö31 S. 8° 

802. De Turksche Overheersching. London: The Menpes Pr. & 
Engraving Co. 1917. 20 S. 8° Übers, aus: The Round Table. 

803. Türkische Urkunden aus Ungarn f. Seminar-Übungen in 
Facs. hrsg. v. Oriental. Seminar zu Kiel. (Hrsg: Georg Jacob, 
Dir. d. Oriental. Sem.) Kiel: Mühlau 1917. 7 S., 13 Taf., 1 Bl. 
4° (Veröffentlichung- d. Doktor-Hermann-Thorning-Gedächtnis- 
Stiftung. H. 1.) 



Biblio(jraphie. 3 ^ 

{»O0OO00ax>>XXXXXXXX)000000e»0O0000000000O0000000O0O0000O00OO000OC«XXX»000000OOC^^ 

804. Türkisch für Offiziere und Mannschaften. Gespräche, Wörter- 
sammlung u. Grammatik z. Selbstunterricht. Mit e. Anh.: Ge- 
spräche mit Verwundeten und Kranken. Von Wely Bey Bolland. 
[Nebst Beilage.] Stuttgart: Violet 1917. 151 S. 8° [Beil. u. 
d. T.:] Violets Kleiner Soldatensprachführer. Türkisch in 
alphab. Anordnung . . . (Violets Berufssprachführer.) 

805. [Türk.] Aüfbri-i-*utmani. [,^.] (Elifbaye oßmani.) Türkische 
Abc-Fibel z. Erlernung d. türk. Schrift w. z. Erleichterung d. 
Lesens von Artin T. Abdoullah (Artin T. 'Abdallah), Lehrer, 
Hamburg. Hamburg: Deutschnat. Verl.-Anst. [1917]- 63 S. 8° 

806. Türkischer Sprachführer. Taschenwörterbuch für Reise u. 
Haus von Ahmed Muhieddin. Leipzig & Wien: BibUogr. Institut 
(1917) VI, 267 S. 8' 

807. Gegensätze (Tesäd [Tadadd j, deutsch). Roman von Iset [Izzet] 
Melyh. Autor. Übers, aus d. Türk. von Dr. Arthur Ertogrul 
V. Wurzbach. Lidbach; Leipzig: Harrassowitz in Komm. 1917. 
83 vS. 8° [Umschlagt.] 

808. Deutsch-Türkische Vereinigung. D. T. V. Mitteilungen, i.Jahr 
1918 Nr. 1. (Berlin 1918: Bergmann.) 29 S. 8° 

809. Versuch einer systematischen Darstellung der altgeorgischen 
(grusinischen) Kirchenbauten. Von Dr. phil. Theodor Kluge. 
Berlin: Eisner 1918. 80 S. 8" 

810. Bilder aus Anatolien. Von Max Bierbaum. Eskischehir: 
Deutsches Soldaten- u, Eisenbahnerheim; (Düsseldorf: E. Bierbaum 
[in Komm.]) 1917. 56 S. 8° 

811. (Dr. H[ermann]) Christ-Sccin : Die wirtschaftliche und kultu- 
relle Bedeutung der Armenier. Potsdam: Tempel-Verl. 1917- 
16 S. 8° 

812. The Treatment of Armenians in the Ottoman Empire. Do- 
cuments presented to [Sir Edward] V Grey of Fallodon, Secre- 
tary of State for Foreign Affairs. With a pref, by Qames] V 
Bryce. Laid before the Houses of Parliament as an official 
paper and now publ. by permission. London [usw.]: Hodder & 
Stoughton 1916. XLii, 684 S. 8° 

813. Mesopotamie: de sleutel tot de toekomst. Door Kanunnik 
J. T. Parfit. Londen: Hayman, Christy & LiUy 1917. 43 S. 8° 

814. Mesopotamia Commission. Report of the Commission appoin- 
ted by act of Parliament to enquire into the Operations of war 
in Mesopotamia, together with a separate report by Commander 
J[osiah Clement] Wedgwood and appendices. London: H. M.'s 
Stat. Off. 1917. 188 S. 4° 

815. The commercial Future of Baghdad. London: The Complete 
Pr. 1917. 8 S. 8'' 

816. De Handelstoekomst van Bagdad. London: The Menpes Pr 

<% Engraving Co. 1917. 8° 



32 Die Welt des 1.4mm, Band (i. 1918, Heft 1 

0O<y3eOOCKXXXX]OeO<MXXXyXXXXXXXX)O(XXX>OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCX^^ 

817. Palästina. Volk u. Landschaft. Von Major Franz Carl Endres. 
Leipzig: Gaebler 1917. 30 S. 8^ (Länder u. Völker d. Türkei. 
N. F. R. 1, H. 4.) 

818. Sven Hedin. Till Jerusalem. Med 242 bild. samt 1 kt. 
Stockholm: Bonnier (1017). 617 S. 8° 

819. Volkserzählungen aus Palästina, gesammelt bei den Bauern 
von Bir-Zet u. in Verbindung mit Dschirius Jusif in Jerusalem 
hrsg. von D. Hans Schmidt, Prof., Tübingen u. Dr. Paul Kahle, 
Prof., Gießen. Mit e. Einl, . . . Göttingen: Vandenhoeck & Rup- 
recht 1918. 96, 303 S. 8° (Forschungen z. Religion u. Literatur 
d. Alten u. Neuen Testaments. H. 17.) 

820. The Revolt in Arabia. By Dr. C[hristian] Snouck Hurgronje. 
With a foreword by Richard J[ames] H[oratio] GottheiL New 
York & London: Putnam 1917. vi, 50 S. 8° 

821. Klabund [d. i. Alfred Henschke]. Das Sinngedicht des 
persischen Zeltmachers. Neue Vierzeiler nach OmarKhayyäm 
i'Umar-i-yajjam: Ruba*ijjat, deutsch]. Mit Buchschmuck von 
Willy Orth. München: Roland-Verl. 1917. 49 S. 8° 

822. Omar Khayyäm ['Umar-i-yajjam]. Die Sprüche der Weis- 
heit. [Ruba'ijjat, deutsch.] Mit e. Nachwort deutsch von Hector 
G. Preconi. München: Roland-Verl. 1917. 96 S. 8" 

823. Egyptian colloquiad Arabic. A conversation grammar and 
reader. By W[illiam] H[enry] T[empler] Gairdner, assisted by 
Sheikh Kurayyim Sallam . . . Cambridge: Keffer 1917- Xiv, 
300 S. 8° 



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Krieg swhinden i8. 33 

SOOOe3OOOOOOC)OOeoaOO(XXXIOOO(XXXXXXXXX)OOOO<X>OOO(XXXMOOOOOOOOOOO(XXX)aOOOOOOOOOOOOO(XMXXXXXXX>XXXX>0(^^ 



KRIEGSURKUNDEN. 

18. EINE KRIEGSURKUNDE AUS MEKKA. 
ÜBERSETZT VON C. BROCKELMANN. 

Durch gütige Vermittlung meines verehrten Kollegen, Herrn Geh. Rat Lindners, ging 
mir von Herrn GymnasialdirelUor Dr. liebestreit zu Colmar ein Flugblatt zu, das von 
einem englischen Flieger über den türkischen Linien bei Nablus abgeworfen, von einem 
an der osmanischen Front kämpfenden Soldaten erbeutet und in die Heimat gesandt worden 
war. Das 95 : 73 cm große Blatt enthält erst im arabischen Text, dann nach einer kurzen 
türkischen Vorbemerkung in türkischer Übersetzung eine Erklärung von 35 mekkanischen 
Gelehrten zugunsten des Scherifen, Husain b. Ali, der sich im Mai 1917 als König des 
Higäz unabhängig gemacht hat. Da das Dokument, wenn es auch durch die Zeitereignisse 
schon überholt ist, doch ein charakteristisches Beispiel dafür bietet, wie die islamische 
Geistlichkeit auch heute noch ihre scholastischen Methoden auf moderne politische Probleme 
anwendet, gebe ich im folgenden eine Übersetzung nach dem arabischen Text. Sie möge 
als Gegenstück zu dem von II. Ritter in der ,,Welt des Islams" IV, S. 217 mitgeteilten 
Fetwa dienen. 

Ansprache an die islamische Weit von den Gelehrten 
des geehrten Mekkas. 

Ihr werdet erfahren, wen die Strafe im Jenseits trifft; 
die Übeltäter werden kein Glück haben (Sura 6, v. 136). 

Wir, die Gelehrten des hl. Hauses, sind von Gott wie viele andere 
Gelehrte dieser Gemeinde mit dem Dienst am hl. Gesetz und dem 
Eifer für den muhammedanischen Glauben beg-nadigt. Wir wissen, 
daß die Welt und was in ihr neben der Wahrheit keinen Mücken- 
llüg-el wert ist und daß dies Leben nur nach den guten Werken, 
die man in die künftige Welt voraussendet, gewogen wird. Welcher 
Muslim, dessen Geist morgens und abends sich am Anblick der 
hl. Ka'ba erfreut, und der die Ehre genießt in dem Lande zu 
wohnen, in dem der Gesandte Gottes aufgewachsen ist und wo 
jeder Fußbreit durch seine reinen Füße gesegnet ist, könnte da- 
mit einverstanden sein, daß diese Religionsgenossenschaft etwas 
Schlimmes beträfe oder diese Religion Schaden Htte? Nun gar 
wir, die wir im reinen Glauben aufgewachsen und von dieser Welt 
keinen anderen Vorteil haben als die Nachbarschaft des hl. Gottes- 
hauses und den Dienst seines Propheten. Nun ist uns durch den 
intimen Verkehr mit jener Partei, die sich die Herrschaft im 
Osmanischen Reich angemaßt hat, und durch die Kenntnis ihrer 
offenen und geheimen Verstöße gegen unser Gesetz und gegen 

Die Welt des Islams, Band 6. ^ 



34 f'i*' J^'^^/ ilf-» ffhitns. Hand H. i9l8, Heft 2 

0OCCeO©O0C<XXX)GCOCCMXXX)0<X)OO00OOO0OO0OOC«XX)0OOO^^ 

d;e Sitte unserer Religion, und der .Schandtaten, die sie in unserem 
Lande begangen, und des Unglücks, das sie über unser Vaterland 
gebracht, der Weg der Rettung klar geworden, den unsere Religion 
vorschreibt und der Strick des Heiles, den zu ergreifen die islamische 
Wohlfahrt erfordert. Wer einen Beweis kennt, ist dem, der ihn 
nicht kennt, überlegen, und welcher Abstand ist zwischen denen, 
die das Unrecht erkannt und ihr Blut hingegeben ha}}en, es al)- 
zuwehren und denen, die fern von der Kenntnis der Wahrheit 
leben und die darüber urteüen wollen, ehe sie die zur Fällung- 
eines Urteils notwendigen Vorbedingungen kennen. 

Wenn du den Neumond nicht selbst geseh'n, so glaube denen, 
die ihn mit eigenen Augen erblickt haben. 

Es ist uns nicht verborgen, daß ein Teil unserer muslimischen 
Brüder ohne Beweis und Kenntnis voreilig über unsere Erhebung 
geurteilt hat, gestützt auf unbegründete Gerüchte; der Gesandte 
Gottes sagte, wie Abu Daud und al-Hakim in gesunder Tradition 
überliefern: es ist für den Menschen Sünde genug, wenn er alles 
weiter erzählt, was er hört, nach der Überlieferung Mushms: 
es ist für den Menschen Lüge genug, wenn er alles, was er hört, 
weiter erzählt. Wir verlangen von solchen Leuten nicht, daß sie 
uns ohne weiteres beistimmen, ehe sie unser Recht eingesehn, weil 
uns solche Beistimmung nichts nützt. Aber wir raten unseren 
■ Brüdern im Glauben (nach dem göttlichen Befehl, der vorschreibt, 
sich gegenseitig zur Wahrheit zu ermahnen), sich bei Gott nicht 
in große Sünde zu verstricken, indem sie alles weiter erzählen, was 
sie hören und nach Mutmaßungen und Einbildungen urteilen. Wir 
fordern sie auf, sich nach sichern Quellen zu ricliten und von 
heidnischem Fanatismus zu lassen, wie es dem Muslim gebührt, 
der die in dem Koranspruch: „O ihr Gläubigen, wxnn ein P"revler 
euch eine Nachricht bringt, dann prüft sie genau, damit ihr nicht 
Leute in Unwissenheit trefft und ihr bereuen müßt, was ihr getan 
(Sura 49, 6)" liegende Warnung beherzigt. 

Der Muslim, der über diese Sache urteilen will, muß ihre Beweg- 
gründe erforschen und das Wesen des Frevels zu verstehen suchen, 
den mit unseren Händen zu beseitigen wir aufgestanden sind, nach- 
dem wir daran verzweifelt, ihn mit unseren Zungen zu beseitigen. 
Wir wissen genau, daß die Partei, die sich die Herrschaft angemaßt, 
so allgemeinen Frevel gegen Gott begeht, daß ihn kein guter Rat 
mildern und seine bösen Folgen für das Land und seine Bewohner 
niemand abwehren kann. Niemand soll dies für eine unbewiesene 



Kriegsurkun dm 18. 35 

»0O0O0OC«XXX»0O0<X)000<X)0OC«X>0<XXXXXX)CXXXXX)O00<XJOOC>CC^^ 

Behauptung- halten, es sind vielmehr greifbare Tatsachen, die jeder 
feststellen kann. Erforderlichenfalls werden wir sie aber der mus- 
limischen Welt noch ausdrücklich beweisen. Jetzt beg-nügen wir 
uns damit, unseren gegnerischen Brüdern vorzuschlagen, sie möchten 
vertrauenswürdige Leute nach Stambul, der Hauptstadt der Einheits- 
leute senden, daß sie mit eigenen Augen sehen, was wir selbst er- 
lebt haben, wie dort verheiratete türkische Frauen in den Post- 
und Finanzämtern Männerarbeit verrichten, wie sie dort in vollem 
Schmuck und Schönheit unverschleiert Männer aller Art zur Ab- 
wicklung ihrer Geschäfte empfangen. Was sag-en unsere gläubigen 
Brüder, die sich uns ohne Grund widersetzen, zu dieser Sache, die 
ein Beispiel ist, für das hereinbrechende Übel, das uns schmerzt 
und das zu beklagen wir die Häupter der Zeugen anrufen? Ist 
der Gehorsam gegen solche Leute, für die solches Tun noch die 
geringste ihrer Schändlichkeiten gegen den Islam und die Muslims 
bedeutet, Gehorsam oder Widersetzlichkeit (gegen Gott)? Nein 
beim Herrn der Ka'ba und nochmals nein. Ihnen kann man nur 
gehorchen, indem man sich dem Herrn der Welten widersetzt. 
Das kann kein Gläubiger wollen. Der Prophet hat gesagt, wie 
der Imäm Ahmed in seinem Musnad überliefert: Wenn einer eurer 
Fürsten euch eine Sünde heißt, so gehorchet ihm nicht, und wie 
al-Häkim von Gäbir in seinem schönen Hadith überliefert: Wer 
einen Machthaber zufriedenstellt dadurch, daß er Gott erzürnt, tritt 
aus der Religion Gottes heraus, und wie ad-Dailami überliefert: wer 
seinen Namen mit dem eines ungerechten Imäms aufschreibt, ist 
sein Genosse im Höllenfeuer. Und der Chatib überliefert von Anas 
von dem Gesandten Gottes, daß er gesagt: wer mit Leuten schreibt, 
gehört zu ihnen ; und wer einen Muslim durch Furcht dazu zwingt, 
einem Machthaber zu gefallen, wird am Tage der Auferstehung 
mit ihm zusammengebracht. Wir sehen nun mit unseren eigenen 
Augen, wie das Reich seines früheren muslimischen Charakters 
entkleidet wird, und wenn wir nach einem Grunde forschen, der 
Gehorsam erforderlich machte, oder nach einer der Bedingungen 
des Kalifats oder nach der Ordnung der gemeinsamen Sache, so 
finden wir sie nicht. Wir wollen nicht erst darlegen, wohin es 
mit dem Islam durch sie gekommen ist, denn das muß jeder Muslim 
sich selbst klar machen und das können wir jetzt in der Eile doch 
nicht erschöpfen. Es genügt euch zu sagen, daß wir uns vor der 
Wahl zwischen zwei einander vollkommen ausschließenden Möglich- 
keiten sehen, entweder diese Partei, die sich des Osmanischen 

3* 



.V> JHe Welt (l-s Jslamf, Band (i. 1918, Heft 2 

3Cf<0a0O0O0O000O0Oa0OO00000000000000(XXX)0C)CKXX)000000000^^ 

Reiches hrmächtißt liat, zulriedcn /u stollon und (jott zu erzürnen, 
oder sie zu erzürnen und Gott zufrieden zu stellen. Wir ziehen 
das zweite vor und wollen lieber Gott als den Menschen gefallen. 
Wenn die rechtgeleiteten Kalifen, die Gott ehren woUe, das getan 
hätten, was die Einheitsleute tun - wovor Gott sei — , so hätten 
wir Gottes Nähe gesucht, indem wir uns gegen sie erhoben, und 
Gottes Wohlgefallen dem ihren vorgezog^en. Wir tun das nicht 
von uns aus, sondern auf die Weisung der rechtgeleiteten Kalifen. 
Denn Abu Bekr as-.Siddiq sagte in seiner ersten Predigt nach 
Antritt des Kalifats: Gehorcht mir, solange ich Gott und seinem 
Propheten gehorche; wenn ich Gott und seinem Propheten un- 
gehorsam werde, braucht ihr mir nicht mehr zu gehorchen. So 
pflegte jeder zu sprechen, der die Herrschaft über die Muslime 
übernahm von den Genossen und ihren Nachfolgern und denen, 
die ihnen in guten Handlungen bis zum Gerichtstage nachfolgen. 
Dadurch wurden die Muslime siegreich nnd erlangten das Glück 
der beiden Welten und wurden mächtig" unter den Völkern der 
Erde. Wir wünschten einen anderen Ausweg zu finden, bei dem 
wir Gott zufriedenstellen könnten, ohne uns gegen diese Menschen 
zu erheben, sie lialfen uns aber nicht dabei. Da faßte uns der 
Zorn um Gottes willen, er verlieli uns Sieg und festen Stand, 
seinem Rechte zu helfen und seinen Glauben zu festigen, da 
er weiß, daß das Ende dieses Volkes nur durch dasselbe Mittel 
wie sein Anfang gedeihen kann. Jedes muslimische Herz im 
Osmanischen Reich, sogar die Türken in Anatolien und einzelne 
von der osmanischen Sultansfamilie in ihren Palästen beten zu 
Gott, uns zu helfen. Fern sei es von Gott, die Hoffnung der 
Unterdrückten zurückzuweisen und die Bitte der Frommen gegen 
die Frevler zu schänden werden zu lassen. Es ist kein Zweifel, 
daß die Länder, die die Einheitsleute vernichtet haben, da sie den 
Deutschen helfen wollten, wenn ihre Bewohner sich gegen diese 
aufrührerische Partei erhöben, wie wir es getan, aufhören würden, 
Schauplatz des gegenwärtigen Krieges zu sein und ihren Bewohnern 
erhalten bleiben. Wenn es aber so weiter geht, wie bisher, wird 
vom Reiche nichts mehr übrig bleiben. 

Wenn ihr euch das merkt zu dem, was der Herausgeber der 
indischen Zeitung „Maschrik" in den Nummern vom i6. und 19. Sep- 
tember darg^elegt hat, daß die Osmanen kein Recht auf das Kalifat 
haben, wie aus allen Büchern des hl. Rechts und des Glaubens 
hervorgeht, so wird euch klar werden, daß wir nur aufgestanden sind. 



Krieffitur künden i^. 37 

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um diese Gefahren abzuwenden und neue Stützen für das islamische 
Recht und die wahre, auf das hl. Recht g^egründete Zivilisation zu 
errichten, nach der zu leben ihr schon lange wünscht. Wenn wir 
mit dieser gesegneten Erhebung auch nur erreichen, daß wir unser 
Land vor dem bewahren, was andere islamische Länder betroffen 
hat, so ist es genug. Wir wollen die Blicke unserer Gegner darauf 
richten, die anderen Länder von den Schäden zu reinigen, die ihre 
Bewohner betroffen haben, und sie aus den Händen derer zu retten, 
die sie in tlies Unglück gestürzt, wenn dort nur noch etwas Glaubens- 
eifer sich findet. Wir haben unsere Pflicht getan, und Gottlob 
unser Land von den Wurzeln der Ketzerei und den verderblichen 
Eingebungen gereinigt. Die Muslime aber, die diese Rotte {tugma 
Tttypia) weiter verteidigen, müssen sich zu Gott bekehren, ehe ihre 
Zungen, Hände und Füße gegen sie zeugen, was sie getan. Dies 
ist unsere, der Gelehrten vom Gotteshaus, wahre Meinung, und wir 
wollen, daß ihr sie kennen lernt, damit niemand sicli durch vor- 
schnelles Urteil geg'cn den Tatbestand versündige. Wir wollten 
den islamischen Rat denen unserer Brüder nicht \'orenthalten, die 
in ihrer Unbedachtsamkeit verharren und die Partei, gegen die 
wir aufgestanden sind, nicht im einzelnen kennen, damit sie sich 
nicht von ihren Mietlingen verführen lassen, die ihre Religion um 
die Nichtigkeiten dieser Welt verkauft haben. Einer der größten 
Irrtümer ist es, zu meinen, daß die Erhebung gegen diese Partei 
eine Erhebung gegen den rechtmäßigen Kalifen sei, der alle Be- 
dingungen des KaHfats oder doch einige davon erfülle. Wer das 
glaubt, fäUt unter das Verdikt des Koranverses: Die an die 
Zeichen Gottes nicht glauben, erfinden nur Lügen {16, 107) und 
des Prophetenwortes: wer einen MusHm für ungläubig erklärt, ist 
selbst ungläubig. 

Wir haben bis jetzt nur das getan, wozu uns die Sorge um unser 
geisthches und weltliches Heil trieb. Unter uns ist gottlob niemand, 
der die Vorschriften seines hl. Gesetzes nicht kennte und nicht 
nach den Geboten seines Glaubens handelte und das Beste seines 
Volkes und Landes nicht wüßte. Zwischen uns und unseren Gegnern 
mögen die Bücher des Gesetzes entscheiden, die in unseren und 
ihren Händen sind. Wir glauben nicht, daß ein Gelehrter nicht 
wüßte, was die Rechts- und Glaubensbücher in Sachen des Kalifats 
und Imamats und ihrer Bedingungen und Rechte vorschreiben. 
Davon weicht keiner von den früheren Gelehrten des Islams und 
den späteren Faqihs ab. 



38 />'> HW/ des hhniis, Ilmd H. IUI 'S. Heft 2 

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Was sagt die islamische Welt zu den Osmanen, die die Kalifen 
der Muslime sein wollen, obwolil sie Jahre lang ein Spielball in den 
Händen der Janitscharen waren, die sie nach Belieben erniedrig^ten 
und erhöhten, testeten und absetzten und unbeschreiblich mit ihnen 
umsprangen, ohne sich dabei um die Regeln für die Ein- und Ab- 
setzung von Kalifen in den Rechtsbüchern zu bekümmern, wie die 
Geschichte bezeugt. Nun hat sich die Geschichte wiederholt, diesen 
Janitscharen sind Enkel erstanden, die ebenso mit Abdulaziz, Murad 
und Abdulhamid verfuhren; die Ermordung Jusuf Lzzeddins ist ja 
noch nicht lange her. Unsere Gegner, die das Kalifat der Osmanen 
für rechtmäßig halten, müssen entweder meinen, daß diese Janitscharen 
und ihre Enkel das Recht hatten, über das Kalifat zu entscheiden 
— und wir glauben nicht, daß, wer auch nur eine Handvoll Ver- 
stand hat, so etwas behaupten wird, da die Rechtsbücher ihn Lügen 
strafen — oder sie müssen zugeben, daß diese Janitscharen und 
ihre Enkel nicht das Recht dazu hatten. In diesem Falle fragen 
wir sie, wo ist das Kalifat und seine Bedingungen? Wir sind bereit, 
jeden Zweifel, der den Leuten darüber auftauchen sollte, zu beant- 
worten. Was bleibt dann den Gegnern noch übrig als sich zu 
bekehren und mit uns zu bekennen, daß man ernstlich danach 
streben müsse, den Islam zu ehren und das Licht seines Ruhmes 
zu erhöhen ? 

Jedenfalls wollen wir diese Erörterung, auf die wir uns not- 
gedrungen haben einlassen müssen, nicht weiter ausspinnen. Wir 
haben eine g'ule Entschul digung^, die uns des weiteren enthebt, 
denn wir suchen nur das Beste für unsere Religion und unser 
Land. Zum Schluß wollen wir als Augenzeug'cn es euch in der 
Ferne wissen lassen, daß — so wahr uns Gott am Tage der Auf- 
erstehung richten wird — wir heute keinen frömmeren muslimischen 
Fürsten kennen, als den Sohn seines Propheten, der in Arabien 
den Thron bestiegen hat, keinen gottesfürchtigeren, keinen, der 
Gottes Befehle und Gesetze in Wort und Tat mehr achtete und 
durchführte, und besser zu Gottes Wohlgefallen uns regieren könnte. 
Die Araber haben ihm nur deshalb als König gehuldigt, weil sie 
das für das Beste für ihre geistlichen und weltüchen Angelegen- 
heiten hielten. In »Sachen des islamischen Kalifats haben wir, obwohl 
es bekannt ist, daß es zur Zeit erledigt ist, nichts ruhendes bewegen 
wollen, so lange darüber kein allgemeingültiger Beschluß der 
islamischen Welt vorliegt. Gruß denen, die das Wort hören und 
das Beste davon befolgen. Gott leite uns alle recht. 



Kneijum-hniuhn IS. ^q 

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Der Oberqadi und Mutti des Higäzgebietes, Schaich 'Abdallah 
Sarrag-. Der Mufti der Schafi'iten as-Saijid 'Abdallah az-Zawäwi. 
Der Mufti der Malikiten, Schaich Muhammed 'Äbid al-Mahki. Stell- 
vertretender Mufti der Hanbahten Schaich Muhammed Sadaqa 
'Abdalgani. Der Schaich der Prediger am Mesgfid al-Haräm, Schaich 
Ahmed Abu'l Hair Mirdäd. Emin al-Fetwä Schaich Derwisch 'Ugaimi. 
Naqib der Saijids, Saijid Muhammed as-Saqqaf. Professor an der 
hL Moschee, Schaich 'Abdalkerim an-Nagi. Dgl. M. Emln Mirdäd. 
Dgl. 'Abdallah Abu 'HJair Mirdäd. Dgl, Saijid 'Abbäs b. 'Abdal'azlz 
al-Maüki. Dgl. Schaich 'All Bäbesel. Dgl. 'Abdarrahman IJüqir. 
Dgl. M. Gemäl al-Mäüki. Dgl. 'Ah al-Maliki. Dgl. Saijid M. al- 
Marzüql. Dgl, Saijid M. Häsim Mugahid. Dgl. Schaich Ahmed 
b. 'Abdallah al-Qäri, Dgl. As'ad b. Ahmed Dahhan. Dgl. Ga'far 
Lubni. Dgl, Ahmed b, 'Abdallah Näzirin. Dgl. M. Tahir Mahmud 
Dabbäg. Dgl, M. 'Ali Sarräg. DgL Saum Safi (so!). Dgl. M. 'Ali 
Balhujür, Dgl. 'Abdarrahman b. Sulaimän Qädi. Dgl. M. b. Kämil 
Sindi, Dgl, Halil b. Ibrahim 'Ugaimi. Dgl. 'Abdallah b. Ahmed 
al-Magribi. Dgl. Sa'id b, M. al-Jamäni. Dgl. Saijid Ahmed as-Saqqaf. 
Dgl. Saijid Ahmed b. 'Abdal'aziz al-Maliki. Dgl. M. b. Salim 'Ug-aiml. 
Dgl. Hamid b. 'AbdaUäh al-Qari. Dgl. 'Abdallah b. 'Abbäs Hidawi. 
Dgl. Saijid M. Säüh b. 'Aqil. 



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40 If-ie Well <hs hl<imK. Hand H. IHIh. Heft 2 

ntitrrrrrnrfwirriBiini n nn nrn mTrTnTTmmmTmmTffTrTrrTrrmTT^^ 



DIE GROSSE STEPPE ASIENS UND DIE 
WESTOSTSTRASSEN. 

VON 
MARTIN HARTMANN. 

Die Probleme der völkischen und kulturellen Entwicklung- des 
Mittelost greifen immer tiefer auch in unser Leben ein. Wurden 
wir bisher nicht unmittelbar berührt, so ist doch die deutsche 
Forschung auch hier nicht müßig gewesen und zahlreicli sind die 
Arbeiten deutscher Gelehrten, die mit diesen Problemen in Be- 
ziehung stehen. 

Für Briten und Russen hat bei der Richtung ihres staatlichen 
und wirtschaftlichen Lebens stets die staatsrechtliche und völker- 
rechtliche Seite der asiatischen Probleme im Vordergrund gestanden. 
Gerade hier ist die Beziehung des Rechts zum Leben besonders 
War: es handelt sich da meist nicht um die Anwendung starrer 
Rechtsnormen, sondern um die Bildung oder Ausgestaltung eines 
Rechtszustandes. Dabei ist genaue Kenntnis der Gesellschaft, zu 
welcher in rechtliche Beziehungen getreten werden soll, erste 
Bedingung. In Rußland ist, trotz der engen Berührungen des 
herrschenden Volkes mit den zum weitaus größten Teil islamischen 
Elementen, die in die russische Herrschaft einbezogen werden sollen, 
oder, wenn bereits einbezogen, dem allgemeinen russischen Rechts- 
zustande unterworfen werden sollen, die Kenntnis der fremden 
Gesellschaft meist nur ganz oberflächlich, und es gibt zahlreiche 
Beispiele, in denen die Regierung in der Behandlung der Muslime 
die größten Fehler begangen hat. Man wird sagen können, daß 
die Verwaltung der muslimischen Bestandteile des russischen Reiches 
weit weniger geschickt war und ist, als es in Indien der Fall war. 

Nicht ohne Besorgnis sehen Rußland und England einen Kon- 
kurrenten auf dem Plane erscheinen, dessen Tüchtigkeit zu fürchten 
.sie Grund zu haben glauben. Deutschland hat bis zum Ende des 
1 Q.Jahrhunderts nicht unrühmlich AnteU genommen an der politischen 
Gestaltung des Vorderen Orients, wie es auch im Äußersten Osten 
die Augen offen hatte und in entscheidenden Fragen seine Ent- 
schließung zur Geltung brachte. Was zwischen Vorderasien im 
Sinne der Asiatischen Türkei und Ostasien im Sinne Chinas und 



Uartmann. TJie </>ofie Steppe Asiens und die Wfsloftsimßefi. 41 

OCC)0COeX»OO0C)C>C<X)«0OCXXXXX)CXXIO0C<XXXXXXXX>C<XD00C«»OOCXXX)^^ 

Japans lag, beschäftigte uns weniger. Was sollten wir in diesen 
Gebieten tun, an die unmittelbar heranzukommen außer Möglichkeit 
schien und auf denen die russischen und })ritischen Interessen als 
erste Hypothek lasteten ? 

Heute ist es anders. Der Zusammenbruch des tsaristischen Rußland 
zeigt uns den Mittelost in voller Bewegung. Das ist natürlich nicht 
so aufzufassen, als würden dort mit einem Schlage Staatsgebilde 
entstehen, die sich mit Erfolg dem aus den Trümmern neu erstehenden 
Russenreiche entgegenstellen könnten. Sobald es zu dem neuen 
Rußland gekommen ist, das wenigstens einen Teil der alten, ihra 
nach dem Kriege amputierten Glieder wieder gewonnen hat, beginnt 
auch von neuem die Politik der Expansion, die nun einmal von 
dem russischen Wesen unzertrennlich ist, hier sich ausdrückend als 
festere Anschließung' der bisher nur lose angeschloss(?nen islamischen 
Außenprovinzen. 

Deutschland ist nicht in der Lage, in diesen Prozeß direkt ein- 
zugreifen. Es ist müßig, Zukunftsbilder zu entwerfen und den 
Propheten spielen zu wollen. Es ist aber nicht bloß gestattet, 
sondern sogar geboten, den gegenwärtigen Zustand darzustellen 
und dabei auf diejenigen Momente hinzuweisen, die eine bedeutendere 
Sonderentwicklung versprechen. Ich nenne hier an erster Stelle 
den jedem Sehenden scharf entgegentretenden Durst der inner- 
asiatischen Völker nach Fortschritt und ihre, in dieser Richtung 
g'ehende Bewegung", die durch hochintelligente und willensstarke, 
von einer unzählbaren Schar fleißiger Mittelkräfte unterstützte 
Männer geleitet wird. Es wird unermüdlich gearbeitet um vorwärts 
zu kommen und diejenige Waffe sich zu erwerben, mit der alle 
Unterjochungsversuche Fremder am gewissesten und erfolgreichsten 
bekämpft werden können : die Waffe der höheren kulturellen Stufe, 
die zugleich die Grundlage des erfolgreichen Kampfes mit der 
Kriegswaffe ist. 

Die Völker Asiens, die in dieser Frage in Betracht kommen, 
sind fast ausnahmslos Türken; die Burjäten und Kalmüken ver- 
schwinden unter ihnen. 

Die Russen und die Briten — die letzteren haben ein Interesse 
zur Sache, sofern durch die Bewegungen der Türkvölker des Mittel- 
ost ihre Grenzländer Afganistan und Persien berührt werden — 
sehen mit wachsender Besorgnis auf das brausende Meer der mittel- 
östlichen Türken. Sie wissen, daß Deutschland gar nicht anders 
kann als an der Bewegung Anteil nehmen, schon wegen der Roh- 



42 T)ie Welt (/es /.sA ////.<. /J^mtf H. IdtS, lieft 2 

stoftversorgung, für die der Mittelost von der größten Bedeutung 
werden wird. Ein anderes Moment ist das Ansehen Deutschlands 
bei jenen Völkern. In ihren Augen steht das deutsche Volk zum 
mindesten gleichwertig neben dem russischen und dem englischen. 
Man konnte nicht verhindern, daß zahlreiche Individuen der 
beweglichen und lernbegierigen Türkvölker mit dem deutschen 
Volke direkt oder indirekt in Beziehung traten. Man konnte auch 
nicht verhindern, daß dabei, trotz aller, über uns in die Welt 
gesetzten Lügenmähren, gerade zu uns die Türkvölker Vertrauen 
faßten. Hier spielt die Religion hinein. Russen und Briten haben viel- 
fach so gehandelt, daß ihr Verhalten den Muslimen erscheinen mußte 
als ein „Vertreiben aus dem eigenen Lande" und daß damit die 
Normen in Anwendung kommen, die durch Koran 60, 9 gegeben sind. 

Der religiöse Zustand wies die Türken-Muslime des Mittelost noch 
mehr als auf das deutsche Volk auf ein anderes hin, das ihnen 
durch Blutband nahe steht: das Osmanische. Es ist . mit Recht 
bemerkt worden, daß die Türken Rul^lands zum weitaus größten 
Teil noch nicht auf die Stufe des sozialen Lebens gelangt .sind, 
auf welcher nationales Bewußtsein vorhanden ist. Es gibt noch 
weite Klüfte in den sozialen Institutionen, ohne deren Ausfüllung 
oder Überbrückung eine Verschmelzung der Türken Rußlands und 
des Mittelost mit den Osmanen nicht möglich ist. Es ist auch die 
Frage, ob es je zu einer solchen, zu nationaler Einheit führenden 
Kluftausfüllung- kommen wird (wie schwer war es, die kulturell so 
hochstehenden deutschen Stämme zu einem wirksamen, gegen 
Angriffe g'efeiten nationalen Zusammenschluß zu bringen !). Auf 
osmanischer Seite arbeitet man mit dem Gedanken, daß gewisse 
kirchliche Institutionen dem Verschmelzungsprozeß große Dienste 
leisten werden. Es ist nicht zu leugnen, daß der Kalifatsgedanke 
bei geschickter x\usbeutung die Tendenz der Annäherung fördern 
kann. »Seine Bedeutung darf aber nicht überschätzt werden. Es 
steht hier entgegen die geistige Verfassung der nördlichen und 
östlichen Türken: sie sind durchaus praktisch veranlagt und fragen 
stets an erster Stelle : wie steht es mit dem tatsächlichen Nutzen ? 
In diesem Falle gestaltet sich die Frage so: 1. Kann der Kaufe 
uns eine wirksame Hilfe gewähren bei unserem Bemühen um 
kulturellen 1' ortschritt ? 2. Kann der Kalife uns wirksame Hilfe 
gewähren im Kampfe gegen Feinde ? 

Tatsächlich sind die Machtmittel des Kalifen, soweit er der 
Padischah des Osmanischen Reiches ist, nicht unbedeutend. Die 



Hartinann, Die (p'ofü' Steppe A-v'ens imd die Wi-stost-itrafieu. 43 

8O0OO0O0O0OOOOO000<X)00O0000O000<XXXXX)00000O<XXXXXXKXXyXXXXDO0OCKXXXXXX»0OO000OC>^^ 

Türkei hat in den letzten Jahren auf dem Gebiete der kulturellen 
Entwicklung* schöne Fortschritte gemacht, und es wird auch von den 
Türken des Nordens und Ostens anerkannt, daß sie bei ihrem Bildungs- 
streben wertvolle Hilfsmittel in der Türkei, d. h. in Konstantinopel, 
dem einzigen bedeutenderen Kulturzentrum des weiten Reiches 
finden. Man kann aber der Erwägung nicht ganz eine Berechtigung 
absprechen, daß die moderne türkische Kultur relativ jung* ist, daß 
sie erworben ist durch ein erst vor einigen Jahrzehnten beg'onnenes 
ernsteres Indieschulegehen bei den fränkischen Völkern; es ist also 
nicht zu verwundern, wenn man bei den nördüchen und östlichen 
Türken die Frag'e hört (ich selbst habe sie nicht selten vernommen) : 
„Warum sollen wir moderne Geistesbildung und damit auch Charakter- 
bildung in Stambul suchen, wenn wir sie an den mannigfaltigen 
und reichen Bildungszentren der westHchen Welt finden können, 
wo wir zugleich überall einer großen Zahl sittlich hervorragender, in 
ihren geistigen, wirtschaftlichen und staatlichen Lebensäußerungen 
völlig" integrer Personen begeg'nen und an ihrem Beispiel unser 
eigenes sittliches Leben stärken und aufbauen können ?" Dazu 
kommt, daß das, was die Osmanen selbst beim besten Willen an 
materieller Unterstützung der geistige Kultur suchenden Stammes- 
genossen leisten können, doch nur g^ering ist. Die eigenen nächsten 
Volksgenossen machen wirtschaftlich schon seit Jahrzehnten schwere 
Krisen durch, und g'egenwärtig ist, wie wir mit schmerzlicher Teil- 
nahme sehen, die materielle Not kaum noch erträghch (die groß- 
zügige Lebenshaltung, die wir nicht selten bei den Türken im 
Auslande finden, darf über die wahrhaft bemitleidenswerte Lage 
der großen Masse in der Türkei nicht hinwegtäuschen). Auch das 
kann nicht verschwiegen werden, weil es allen aufrichtigen Osmanen 
und auch allen die Verhältnisse genauer kennenden Westlern nur zu 
bekannt ist, daß in der Ausg^estaltung der meisten Verwaltungszweige 
es zu schönen und vielversprechenden Anfängen gekommen ist, daß 
aber doch bei näherem Zusehen allzu sehr der Schein überwiegt 
und daß die wahren und entscheidenden Bedürfnisse des Volkes 
bei weitem nicht in g'enügender Weise berücksichtigt sind. Wie 
wenig" die Osmanen an eine Unterstützung" der vStammesgenossen 
im Norden und Osten denken können, geht hervor aus dem Artikel 
von Halide Edib in Wakyt xova 30. Juni „Wir wollen bei uns nach 
dem Rechten sehen", mit der ernsten Mahnung", den Türkismus 
zunächst zu Hause zu üben, und nicht sich und andere mit Theorien 
zu täuschen -(vgl. Neuer Orient III, Nr. 8, S. 418). 



44 l>i<f ^'elt (h's Islams. Hand C. iUlH, lieft 2 

Die nördlichen und östlichen Türken äufiern fast überall, wo 
man ihnen begej^net, eine lebhafte Sympathie für den osmanischen 
Rassengenossen, den sie mit Vorliebe „älterer Bruder" nennen, und 
für den sie neben dieser Sympathie eine wahrhafte Bewunderung 
wegen seiner glänzenden militärischen Eigenschafton und der aus- 
gezeichneten T.eistungen im Weltkriege empfinden. Aber in Dingen 
ihres Kulturfortschritts sind sie von einem unbc/ähmbarcn Drange 
besessen, schnell und sicher vorwärts zu kommen. Sie fühlen die 
ungeheuere Gefahr, die ihnen droht, wenn sie nicht schnell handeln. 
Denn der l'eind sitzt ihnen auf dem Nacken. Wie können sie sich 
gegen ihn schützen ? Wer bringt ihnen Hilfe ? Es wäre ein Unrecht, 
Hoffnungen zu erwecken, die sich voraussichtlich nicht verwirkhchen 
lassen. Es ist bei Behandlung der Frage gröfite Vorsiclit geboten. 
Namentlich die Presse sollte sich Beschränkungen in dieser Hinsicht 
auferlegen. Denn schon beginnt die Legende der Feinde ihr Werk, 
das an erdichtete oder verstümmelte Nachrichten anknüpfend ein 
falsches Bild gibt, um uns bloßzustellen oder zu schädigen. Ein 
wirksames Mittel der Gegenarbeit gegen die Verleumdung gibt es 
nicht Es ist aber gut, phantasievolle Geschichtsklitterung niedriger 
zu hängen. Alle Presseäußerungen der feindlichen Welt müssen 
verfolgt werden. Bei der Weitsicht der Briten, die durch die lange 
praktische Beschäftigung mit den Fragen des Mittelost geschult 
sind, finden wir zuweilen bei ihnen neben Auslassungen, die eine 
Spitze gegen uns enthalten und zu beachten sind, um dem Sich- 
bilden von Legenden möglichst schnell entgegentreten zu können, 
solche, die als gut orientierende Zusammenfassung von Tatsachen 
und Plänen nützlich sind. 

Eine Arbeit solcher Art, die Aufsehen erregte durch Anlage 
und Durchführung und die reich ist an allgemeinen Gesichts- 
punkten und Entwicklungsgedanken und wertvoll durch die Be- 
achtung der Raumverhältnisse als gesellschaftbildendcr Faktor, ist 
„Russia, Germany and Asia" in T/w round Table (Nr. 31, Juni 1918, 
S. 526 — 5Ö4). Sie ist aufgebaut auf dem falschen Gedanken, daß 
Deutschland Rußland und damit Asien erobern wolle. Es ist das 
böse Gewissen des Briten, aus dem dieses Schreckgespenst ihm 
erwächst. Weil er selbst beständig mit gierigem Auge alle Teile 
der Welt auf Raubmöglichkeiten hin durchforscht, hat er Deutsch- 
land im Verdacht, seine Armeen bis in den Mittelost und P>rnost 
senden zu wollen. Dabei zeigt der Aufsatz gute Kenntnis der 
Hauptsachen, soweit die russische Herrscliaft über Asien und ihre 



Harttnanii, Dif große Sieppi' Asiens und dir Westoststraßen. 45 

O0C»O0000OO0<XX»00000(X)0(XXXXXXXXX)000000000<XXXXXXXXXy500<>3000000<>XX500000000C^^ 

Bedingungen in Betracht kommen, und die Fähigkeit synthetischer 
Darstellung-, die aus den Einzelheiten durch geschickte Zusammen- 
stellung ein Gesamtbild von starkem Eindruck herstellt. 

Die Gliederung ist folgende: I. Die Steppe als politischer Faktor; 
n. Rußland und Asien: Der Nordostdurchweg; III. Rußland und 
Asien: Der Südostdurchweg; IV. Deutschlands Gelegenheit; V. China 
oder Indien? 

Eine kurze Einleitung stellt fest, daß für Rußland, d. h. das Land 
der großrussischen Sprache, die Steppe ist, was für Antäus die Erde 
w^ar, und daß die Steppe den deutschen Waffen unerreichbar ist; 
ferner: das Russische Reich beruht wesentlich auf der Herrschaft 
Rußlands über die Steppe und ist ein neuer Wuchs. 

I. Die Steppe als politischer Faktor. Die große Steppe 
erstreckt sicii östlich bis zu Altai und Pamir; im Süden begrenzt 
sie das persische Hochland, dann Kaspi, Kaukasus und vSchwarz- 
meer; westlich reicht sie bis zu den Karpathen und fußt jenseits 
in der Ebene Ungarns; im Norden schließt sie ab das Waldland 
der Ukraine und Großrußland, östlich vom Ural die Taiga am 
Mittellauf von Ob und Irtisch. Dieses ungeheuere Gebiet ist 
physikalisch nicht uniform; die Einförmigkeit besteht in der Gleich- 
heit der Lebensbedingungen, wenigstens seit der Herrschaft Ruß- 
lands. Nur Nomaden konnten Rumänien, die Schwarzmeerprovinzen 
und Westsibirien Jahrhunderte beherrschen. Die Steppe bestimmte 
ihre Lebensform: sie ist dem Handel offen, leichte Wege führen in 
ihr in allen Richtungen. Die Steppenmacht ist zu vergleichen der 
Seemacht: sie ist unteilbari. Immerwährende Zusammenschlüsse 
finden statt: schwache Stämme werden von stärkeren verjagt oder 

1 Hier bieten sich zwei Parallelen, die lehrreich sind, wie's zu machen ist und wie nicht: 
die Syrische Steppe und die Sahara. Mit unvergleichlicher Energie und bemerkensr 
wertester Geisteskraft packten die Franzosen das Problem des großen Nordafrikanischen 
Landmeeres zwischen dem Küstenlande und dem Sudan an, und unter ihren Händea 
verwandelte es sich aus einem trennenden in ein verbindendes Element, das durch die 
Mittel moderner Technik, durch Ausbau der Oasen und Anlegung artesischer Brunnen, 
durch Verwendung von Automobil und Flugzeug in den Dienst einer weitschauenden 
Kultur- und Staatspolitik gestellt ist. Anders die Syrische Steppe. Ihr nördlicher Teil, 
zwischen den Linien Damaskus — Palmyra — ed-Der und Aleppo — Dscheräbulus, war bis 
kurz vor dem Einbrüche der Araber im Dienste des Kulturlebens; aber das Kalifat 
und die in ihm wirkenden Mächte hatten nicht die Kraft, das Zerstörungswerk des 
Nomadentums aufzuhalten ; die Versuche der Türken, das Land der Kultur zurück- 
zugewinnen, waren ohne Ernst und darum ohne Erfolg. Hier stehen wir vor einer 
großen Entwicklung. 



46 l>ic MV// de.^ l/^lams. Band 6". i9i8, Heft 2 

C(«ClOOCK>OCXXX>OOOC^X<X>OOOOOClOOCXXXXXyXXXX^ 

aufgesogen. Der Eroberer bewegt sich vollkommen frei: ein Mönch 
im Mittelalter sah aus dem Mongolcnlager zwei Heere aufbrechen, 
das eine nach Ungarn, das andere nach Birma. Die Steppen- 
beweglichkeit erklärt die Verbreitung der indo-europäischen Spracli- 
fqmilie, wozu zu vergleichen ist die Übertragung von Englisch und 
Spanisch nach Amerika. Aber Steppenmacht wirkt nicht auf Siedel- 
land: überllutcten Steppenmenschen die großen Reiche, so konnten 
sie sich gegen die Seßhaften niclit halten; es gab eine Störung, 
aber keine wesentliche Modifizierung. Anders ist es mit der 
Kontrollierung der Steppe von außen. Sie selbst war nie Brut- 
land für ein Volk. Viele Stämme kamen aus den Bergtälern der 
Mongolei und des Altai, aber sie modelten nicht, vielmehr wurden 
sie gemodelt. Schon in sehr frühen Zeiten brach Persien mit Land- 
bau und Städtebau in die Steppe ein, bis nach Ferghana und den 
Oxus hinunter bis zum Aralsee. Die Zivilisation hielt sich in Oasen, 
deren Siedler in Verbindung mit der übrigen Welt blieben. Das 
Avaren lebensfähige Außenposten, immer in Defensive. Das Kaspische 
Meer wird von der Steppe beherrscht; die kaspischen Provinzen 
Persiens übten nur geringen Einfluß auf die andern Küstenländer. 
Der Kaukasus ist zu klein und zu bergig, um Einfluß über seine 
Grenzen hinaus zu üben: seine Bewohner schützen sich nur mit 
Mühe gegen Einbrüche. Mehr Einfluß übt das Schwarzmeer unter 
dem Banne des Mittelmeers: am Don, am DnjejDr und im Asowschen 
Meer finden Berührungen zwischen Steppe und Mittelmeerzivilisation 
statt: griechischer Handel vom 6. bis 4. Jahrhundert und genuesi- 
scher im 13. und 14. Jahrhundert (der Skythenkönig- mit seinem 
Hause in einer griechischen Niederlassung bei Herodot wird von 
dem eifersüchtigen Stamm getötet). Die Seefahrer sind in der 
Hand der Anlieg^er der Meerengen, und der griechische Handel 
wird von den Persern, der genuesische von den Osmanen ge- 
brochen. Von Anatolien oder dem Balkan aus konnte 'die Steppe 
nicht regiert werden. Die Osmanen schlugen sich durch bis zur 
Krim, änderten aber die Bedingungen der Steppe nicht. Zentral- 
europa übte Einfluß auf die Steppe nur an den beiden Rändern, 
und der Verkehr war gering. Einmal war die Steppe beherrscht 
von . indo-europäischen Nomaden, aber eine Flut turanischer Ein- 
wanderer vom Altai her schwemmte sie fort, außer den Osseten. 
Das gab einen vollkommenen ethnologischen Wandel in historischer 
Zeit, ein Zeugnis derUnstätheit der Steppenmacht. Nur darf man nicht 
generalisieren. Das Entstehen des Russischen Reiches warf alles um. 



Harimanii. hie aroßf SU'ppe Anenf^ und die Westo^tdrafkn. 47 

eO0C©0€KXXXXXXX>00<X)<XXX>OCXXXXXXXXX>00O000OO000O0O0C«<XXXXXXXXX)^^ 

n. Der Nordost durch weg. Rußland ist der erste Herrscher 
über die .Steppe in ihrer Ganzheit. Die Russen kreisten die Steppe 
ein: dieser Prozeß begann vor 400 Jahren und erreichte seine größte 
Intensität während der letzten Generation. Die Bev<)lkerung mehrte 
sich und änderte ihre Lebensweise. Steppe und Rußland blieben 
nicht mehr verschiedene Elemente, sondern wurden organische 
Teile eines wirtschaftlichen und politischen Ganzen. Rußland war 
entstanden durch den Ausbruch einer slawonischen Bauernschaft 
durch die Wälder zwischen den Pripetsümpfen und der Newa im 
6. Jahrliundert; die Vertriebenen waren finnische Waldbewohner, 
Im 10. Jahrhundert wurde der russische Staat geschaffen durch 
Seefahrer aus Skandinavien. Religion und Kultur kamen von 
Konstantinopel über den Dnjepr und drangen den Strömen entlang- 
durch den Wald an die Ostsee und die obere Wolga. Ähnlich 
wirkten die Wolga entlang islamische Einflüsse auf die östlichen 
Finnen. Bolgar, der Vorläufer von Kasan, war der Gegenpart 
von Kiew. Um 1000 wurden Slavische Russen zum Christentum, 
Finnische Weißbulgaren zum Islam bekehrt. Der letzte Aufschwung 
des Steppenvolkes fand unter Dschingis statt. Batu zermalmte 
Rußland 1238, und die Russen blieben seinen Nachkommen, den 
Chanen der Goldenen Horde tributpflichtig. Westrußland geriet 
unter zentraleuropäische Kontrolle. Die Ukraine sonderte sich mit 
einer besonderen Nationalität. Die Chane der Goldenen Horde 
wurden gestärkt durch Annahme des Islams, und das führte zu 
einer Union zwischen den Nomaden der Weststeppe, die Muslime 
wurden, und den Finnen der Mittelwolga, die das Türkische an- 
nahmen. Rul^land war unter den Tataren so hilflos wie die Christen 
der Iberischen Halbinsel unter den Mauren. In beiden Fällen kam 
es zu einer Reaktion, die nicht nur verlorenen Boden wieder 
gewann, sondern neue Welten öffnete. In beiden Fällen wurde 
die orientalische ZiviHsation herausgetan: von den Portugiesen 
durch die Seeschiffahrt, von den Russen durch die historische 
Expansion nach Norden und nach Nordosten. Die Händler von 
Nowgorod drängten an den Flüssen entlang zum Weißen Meer 
und zum Ural. Die Goldene Horde brach zusammen, während 
Nowgorod und das obere Wolgabecken sich unter den Fürsten 
von Moskau einten. 1552 — 54 wurden die Chanate von Kasan 
und Astrachan erobert, und 1586 wurde dem Westsibirischeu 
Chanate ein Ende gemacht. Stürmisch ging es vorwärts: der 
Islam wurde umgangen. Die wettergestählten Russen drangen 



48 r>ie Welt des hlan,.<, Hand tl, 19 i 8, /f. ff, 2 

e0IMe0O00<XXXX)00ea0O(XXXXXM000O000O0OO(XXXXXXXXXXXXXXXXXXXX>3O00O0OO(X>00O(>3O0CX)OOOOC)OOOOC^^ 

an einem wunderbaren Flußsystem vorwärts: £in Wolga und Kama 
und durch den Ural nach Tobolsk, dann an den Jcnissei, dann durch 
die Tunguska hinauf zur Lena, von dort nach Jakutsk und dann 
zur Wasserscheide, die auf den Stillen Ozotin l>lickt. ]3essen Küste 
wurde 1638 erreicht. Der Nordostdurchweg' war in 68 Jahren 
zurückgelegt worden. Das stellt sich der portugiesischen Um- 
schilTung Afrikas an die Seite. Aber die Durchdringung der 
Steppen Sibiriens begann erst 300 Jahre später. Als Parallele 
bietet sich hier die früheste Tätigkeit von Franzosen und üng- 
ländern in Nordamerika: die Eingeborenen werden ausgerottet 
oder bekehrt. Bedeutend wirkt der Teehandel aus China. Un- 
sichere Elemente v/erden in immer weiter sich vorschiebenden 
Kolonien angesiedelt; zu vergleichen ist das Hudson Bay-Territory 
in der Geschichte Kanadas. Endlich kam die Sibirische Bahn. Aber 
östlich vom Baikalsee brachte diese selbe Bahn der russischen Ober- 
hoheit Verderben, denn mit ihr kamen die chinesischen Kolonisten 
ins Land, daneben japanischer Einfluß. So wurde Rußland machtlos. 
Nach der Revolution kam der Zusammenbruch, der die letzte Spur 
des Russentums wegzufegen scheint. Die Außenposten der russischen 
Bauern sind vom Hauptkörper durch eine Viertelmillion Burjäten 
abgeschnitten, Buddhisten, die der Russiiizierung widerstanden und 
seit der Revolution .sich mit Tendenz zu nationaler Autonomie 
organisierten. In Westsibirien dagegen entstand zwischen Baikalsee 
und Ural ein neues Rußland. Hier setzte vor etwa 20 Jahren die be- 
rühmte großzügige russische Siedelung.spolitik (innere Kolonisation) 
ein. Die Bedingungen waren nicht so günstig wie in Kanada. 
Doch ist ein vielversprechender Fortschritt zu verzeichnen. Die 
Einfuhr von Landbaumaschinen wuchs stetig. Dänen führten ge- 
nossenschaftliche Meiereiwirtschaft ein. Die Nebenbahn Omsk — 
Perm — Wologda vermittelt einen kürzeren Weg zur Ausfuhr über 
Archangelsk. Die Bevölkerung stieg von 4I/4 Million 1897 auf 
8 Milhonen 1911; von diesen acht MiUionen sind nur etwa eine 
halbe MilUon Eingeborene, darunter nur 200000 Tataren oder 
tatarisierte Samojeden und Finnen in den Provinzen Tobolsk und 
Tomsk und 130000 Burjäten im östlichen Irkutsk, als einzige 
Elemente mit selbständiger Kultur. 

in. Der .Südost-Durchweg (S. 538 — 549) beschäftigt sich haupt- 
sächlich mit den Kosaken: Das Hauptmoment ist der Kampf der 
Stanitsa, des verschanzten Kosakendorfes, gegen die Kilntka, das 
Wanderzelt. Eine der letzten Kosakengründungen durch die 



Harlmann, DU' große Steppe Asiens rind die WeMostsiraßen. 49 

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Regierung war die Schaffung einer neuen Kosakenlinie an der 
armenischen Front in dem neubesetzten Osmanischen Territorium 
durch die russischen Militärbehörden im gegenwärtigen Kriege. 
Russische Kolonisten wurden in das Land der Armenier gesetzt, 
die die türkischen Grausamkeiten vertrieben hatten, und dem nichts- 
würdigen Plane wurde nur durch die Revolution ein Ende gemacht 
[das ist ein offenes Urteil über die Art der russischen Freunde]. 
Diese ganze Kosakenbewegung und ihre Ausnutzung war der 
Lebensfaktor in der russischen Expansion nach Südosten: Der 
Kosakendamm staute die Nomadenflut. Ihr Ebben brachte die 
zentrale Steppe in das Bereich der Zivihsation und bereitete den 
Weg für die Kolonisation Westsibiriens. Ein großer Schritt hierin 
war die Vertreibung der Kalmükischen Einbrecher 1770. Auf der 
anderen Seite hatte Rußland mit den Türken abzurechnen, denn 
das Krim-Chanat, das den Weg zum Schwarzmeer versperrte, hatte 
türkischen Rückenschutz. Die Schranke wairde zerbrochen im 
Frieden von Kütschük Kainardschi 1774, die Krim annektiert 1783. 
Es folgt die Zeit der Städtegründungen. Das Schwarzmeer hörte 
auf ein türkisches Meer zu sein, wurde aber darum nicht ein russisches 
Meer. Rußland sog die Steppe auf bis zum Fuß des Kaukasus. 
Aber seine Expansion konnte dort nicht Halt machen. Der Kampf 
ging weiter, und der Friede von Brest-Litowsk, der alles umwirft, 
wird nicht die letzte Entscheidung sein; sie hängt von dem schließlichen 
Schicksal des Kaukasus ab. Der Kaukasus ist wie der Balkan eine 
Brücke zwischen zwei Kontinenten und eine Meerenge zwischen 
zwei Meeren, und ist zugleich ein Treffpunkt für Rassen und 
Zivilisationen. Von 1774 ab ist der Kaukasus zwischen muslimischen 
Mächten und Rußland geteilt. Georgien wird russisches Protektorat. 
Die Einverleibung in das russische Reich wird 1878 vollendet durch 
Übernahme von Batum, Kars und Ardahan. Die Herrschaft über den 
Kaukasus sicherte Rußland den Besitz der Schwarzmeersteppe und 
brachte dem Kaukasus großen Segen. Die Bahn Baku — Poti wurde 
gebaut und die Petroleumausbeutung gefördert. In Turkestan 
fielen um 1500 die Özbeken wie Heuschrecken über die Städte 
des Landes her, das in kleine Chanate zerrissen wurde. Die Ver- 
bindung" zwischen den Oasen wurde gestört. Doch ein wilderes 
Steppenvolk, die Turkmenen, besetzten die verlassenen Oasen zwischen 
der persischen Grenze und dem Oxus. Hier wirkte Rußland Außer- 
ordentliches durch die Transkaspibahn. Das Motiv dieses Vordringens 
war vielleicht der Gedanke, die Niederlage im Krimkriege durch 

Die Welt lies Islams. Band 6. 4 



50 f>i<' ^flt <l<"< ff^'unf. Baml H. 1918, Heft 2 

<X)00e00(XX)0000000«00000(XXI0000C<«0CXX<>0CO(XXX}000000CXXX»CXXXXXXXXXXXX3^^ 

Bedrohung- Indiens zu rächen. So sah man die Sache gewöhnlich 
in Großbritannien an, und der britischen Diplomatie gelang es, die 
neue russische Grenze gegen Persien und Afganistan so zu führen, 
daß Indien außer Gefahr blieb. Aber wenn auch Rußland sein 
Ziel nicht erreichte, so erwarb es ein eigenes Indien in dem Lande 
jenseits des Oxus. Bei einem Vergleiche zwischen Britisch-Indien 
und Russisch Zentralasien zeigt sich: beide sind Länder alter 
orientalischer Ziviüsation, durch Eroberung an europäische Staaten 
angeschlossen, von denen sie durch eine Raumlücke getrennt sind, 
die Steppe in einem Fall, das Meer im anderen. Der Hauptunterschied 
liegt in der Beziehung zwischen Herrschern und Beherrschten: 
England und Indien sind getrennte Einheiten, Rußland und Zentral- 
asien sind zusammengeschweißt zu einem Organismus. 

IV. Deutschlands Gelegenheit (S. 549 — 558). Die Steppe 
steht unter konzentrischem Druck von aUen Seiten. So fielen die 
Kirgisen: sie mußten sich die russischen Bauern gefallen lassen, 
mußten selbst Landbauer werden. Symbol sind die Bahnen Rostow — 
Baku und Samara — Taschkent, 1914 war die Umwandlung der 
Steppe in Siedelland in voUem Lauf ; der Prozeß ist zu vergleichen 
mit der Arbeit Roms in Westeuropa. Rußland und Rom waren 
Exponenten des Militarismus; sie hatten die gleiche Weite der 
Auffassung in dem Straßenbau zur Sicherung ihrer Eroberungen. 
Die sibirische Bahn und der Transkaspi sind die modernen Parallelen 
zu den großen Römerstraßen, und die lateinischen coloni entsprechen 
den Kosaken der Russen. Zu Roms Expansion in Verbreitung von 
Sprache und Bauerntum ist zu vergleichen die Russifizierung und 
Kolonisierung der Steppe. Landfrage und Nationalitätenfrage sind 
in Rußland nur verschiedene Namen für dasselbe Problem sozialer 
Umbildung. Die Ursachen des Umschwungs waren moralisch, denn 
das Tsartum war wie Rom Verkörperung von Gewalt und Un- 
gerechtigkeit, zugleich aber auch von schöpferischer Kraft. Das 
war für die Beglückten in ihren Ruinen ein Greuel der Verwüstung, 
Hätte die Zeit wirken können, so hätte das schöpferische Element 
triumphiert. Aber als der Krieg kam, war das Russische Reich 
kaum in die zweite Phase seiner Geschichte getreten: das Gute 
und das Böse waren noch zusammengekettet und die Fesseln des 
Tsarismus konnten nicht ohne gleichzeitige Erschütterung der Grund- 
lagen des Reiches gebrochen werden. Die Revolution gegen die 
üblen Methoden konnte nicht ausbleiben. Kirgisen und Baschkiren 
waren durch die Kolonisationspolitik mit den erschütternden Metzeleien 



Hartnumn, Die große Steppe Asiens und die Westoststraßen. 51 

00<XXXXXKXXX)<XIOC500000(XXXXXXX>X>00CXXX«)0(:<XXXXX)0O00CO000OO^^ 

durch russische Truppen 1910 zum Äußersten getrieben und ver- 
langten Abzug der russischen Ansiedler und Wiederherstellung 
ihrer alten Stammgrenzen und Einrichtungen. Überall regt sich 
der Nationalismus und das Streben nach Loslösung. Aber die 
Übel der Zentrifugalitüt brachten wiederum zentripetale Kräfte auf: 
man fühlt, daß alles zusammenhängt. Zentralasien entdeckt, daß 
Unabhäng'igkeit wirtschaftlich ausg'edrückt Hungertod bedeutet. 
Die transkaukasischen Nationalitäten lernten aus der türkischen 
Besetzung Batums, daß Partikularismus politische Vernichtung 
bringen kann und daß ihr Gedeihen vom Transithandel abhängt. 
So wird sich alles regeln, und das Russische Reich dürfte von Krieg 
und Revolution genesen. Die Randländer der Steppe kommen 
wieder zusammen. Es ist wie bei einem Erdbeben : die Häuser 
werden mit den alten .Steinen wieder aufgebaut und besser. Aber 
zurzeit liegen die Steine noch herum, zur Verfügung des Feindes. 
Kann Deutschland nebenbuhlerisch die Hand auf dieses Material 
legen? Die Einmischung Deutschlands am Ostasienende ist keine 
ernsthafte Möglichkeit. Die große russische Nation ist unzerstörbar 
und Deutschland kann sie nicht aus ihren Sitzen treiben ; höchstens 
kann es versuchen, sie unter seine Kontrolle zu bringen. Aber 
seit Brest-Litowsk ist die Hauptstadt Rußlands von Petersburg nach 
Moskau gewandert, nicht nach Berhn. Selbst dann könnte Deutschland 
nicht effektiv jenseits des russischen Nationalterritoriums sich aus- 
breiten. Deutschland könnte nur als Verbündeter Rußlands ein- 
dringen, etwa unter dem Zwange fremder Gefahr. Aber als Rußlands 
Verbündeter hätte Deutschland Einmischung zu leiden in seine 
innere Entwicklung, Die russische Kolonisierung der Steppe 
würde weitergehen. Die Steppe ist Rußlands Zukunft; mit ihr ist 
Rußland unbesiegbar, und Deutschlands Hauptpohtik nach dem 
Kriege muß sein, die Steppe Rußland zu entwinden. Dazu muß 
Deutschland den Südostdurchweg haben. Hier ist Rußlands 
Stellung unsicher. Die deutschen Absichten in dieser Richtung 
müssen ernst genommen werden. Deutschland hat vier Karten 
in der Hand: als erste die Unabhängigkeit der Ukraine, die eine 
Tür nach der westHchen Steppe öffnet; die Ukraine ist das natürliche 
V/erkzeug Zentraleuropas gegen russischen Imperialismus und diente 
als solches den Litauern, Polen und Schweden. Die zweite ist der 
Südostbund der Kosaken, von Orenburg bis zum Don; die Kosaken 
sind ein störendes Element im politischen Körper Rußlands; ihre 
Landreserven sind das Gierziel der Bauernschaft; unter den 



tj Die WelL des 14a ms, Band 6. 1918, Heß 2 

eOOOe(X>OCCOOCCCOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXXXXXXX>OOOCOC>(>XXXX>OOOOOOOOCXXKX>OOOOC^^ 

Bolschewik! werden die Kosaken der Kern der Opposition sein ; 
kommt die Bourgeoisie durch die Kosaken auf, so sind wiederum 
die unterworfenen Bevölkerungen ein Revolutionsherd; kurz es 
gibt immer Fälle, in denen Deutschland einschreiten kann. Dritte 
Karte: die Eifersucht zwischen Armeniern und Georgiern, zu ver- 
gleichen dem Zwist zwischen Serben und Bulgaren; wird das richtig 
ausgeljeutct, so kann der Weg durch Transkaukasien geöffnet 
werden, und der Niederbruch der Schranke zwischen der Türkei 
und Azerbaidschan würde Deutschlands vierte Karte ins Spiel bringen : 
die panturanische und panislamische Propaganda. Die Bewegung 
hat geringe innere Lebenskraft : von 19 Millionen russischer Mushme, 
von denen 16 MilHonen Türken sind, haben nur wenige die Auf- 
fassung oder die Fähigkeit, sich nach solchen Zielen zu organisieren; 
den meisten brachte die Revolution nur eine plötzliche Entlastung 
von einer unwiderstehlich wandelnden Gewalt. Sie würden gern 
in den alten Torpor zurückfallen. Aber Rußland hat sie schon 
unwiderruflich gemodelt: sie können einen zivihsierten Partner nicht 
entbehren. Die Türkei kann nicht an Rußlands Stelle treten ; wären 
Türkei und Rußland allein auf dem Platze, so würde der russische 
Einfluß unvermeidlich überwiegen. Aber Deutschland könnte, durch 
die Türkei wirkend, besitzerloses Material zu dem Wall zusammen- 
bauen, den es in der Steppe g'egen weitere russische Kolonisierung 
braucht. Die eingeborene Bevölkerung ist die einzige brauchbare 
Schranke, denn Deutschland kann nicht Deutsche an die Stelle 
verjagter russischer Siedler setzen. Das verhindern schon seine 
geographische Lage, seine soziale Entwicklung und seine Islam- 
politik, und es käme für Deutschland nur darauf an, Rußland eines 
Vorteils zu berauben, den es nicht sich selbst beilegen kann. Diesem 
Ziele würde gedient werden durch die Errichtung eines „Kirgisistan" 
als ein von Rußland unabhängiger Staat. Die nördliche Grenze 
würde von Deutschland gezogen werden und unter deutsche Bürg- 
schaft gestellt werden. Ließe sich auch „Basclikiristan", das letzten 
Herbst nach der Niederlage der Kosaken von Orenburg durch die 
Bolschewiki als Staat aufgebracht wurde, von Rußland lösen und 
in das deutsche Netz einfangen, so wäre ein Keil zwischen Europäisch- 
Rußland und Westsibirien über die Sibirische Bahn getrieben. 
Baschkiren und Kirgisen würden sich dem deutschen Plane bereit- 
willig fügen. Von allen russischen MusUmen haben sie die meiste 
Ursache zu Besorgnis und zu Rache; sie sind auch an Zahl die 
stärksten (Baschkiren ungefähr 2 Millionen, Kirgisen ungefähr 5). 



Harimnnn, Die große Steppe Aäen.'* nvd c/>> Wesfostsiraßcn. ^^^ 

((iOQeooocoxx>o(xeeoooooooooc<x)ooooocxxxxx)OOOCocooocxxxxxxxxxx)oooc)oooc^^ 

Ihre Fähigkeit zur Selbstregierung ist fraglich, aber so lange Rußland 
ferngehalten wird, würde eine Periode der Anarchie in der Steppe 
zu Deutschlands Vorteil sein, weil sie die schließliche deutsche 
Einmischung unvermeidlich machen würde. Die Einmischung würde 
stufenmäßig sein und würde mit wirtschaftlicher Durchdringung 
beginnen. Tatarische Petroleumkönige in Baku und sartische 
Baumwollzüchter in Fergana würden, wenn durch den russischen 
Zusammenbruch mit Ruin bedroht, durch den deutschen Markt sich 
mehr als entschädigt finden. Eine progermanische Partei mit 
materiellen Interessen würde sich büden. Die osmanische Ver- 
mittlung würde ausfallen, die turanischen und islamischen Machen- 
schaften würden ausgeschaltet werden. Es könnten Jahre vergehen 
bis zur Umwandlung der unabhängigen Staaten in deutsche Provinzen, 
aber sie würde sicher schließlich kommen, wie die römische Ver- 
waltung in Westasien kam, als das Reich der Seleukiden durch 
die römischen Waffen gestürzt worden war. 

V. China oder Indien? Würde Deutschland selbst durch die 
Vernichtung des Russischen Reiches befriedigt sein? Der Südost- 
Durchweg zur Einkreisung- der Steppe weist auf China und Indien. 
Der Weg nach China böte den geringsten Widerstand. Der 
Terminus des Transkaspi in Fergana liegt am Fuße des Passes 
über den Thien-Schan nach Kaschgar; eine Zweigstraße führt von 
Taschkent durch Semirjetschie und über den Altai in die Mong'olei. 
Auf beiden Straßen war immer große Bewegung. Der Islam wirkte 
belebend. Unter den Mongolen waren Peking und Bagdad Post- 
station eines Reiches. Deutschland scheint hier leichtes Spiel zu 
haben, aber die Turanier in Ostturkestan sind unter fremder Herr- 
schaft, und die Muslime in China wohnen verstreut, sind auch nicht 
mehr als fünf Millionen. Der Islam ist in China unfreier als in 
Indien. Ein Einfall Deutschlands in China würde sofort allgemeinen 
Widerstand wecken. Größer ist die Gefahr für Indien. Die Inder 
haben ein starkes islamisches Gemeinschaftsgefühl. Der Weg führt 
durch Persien und Afghanistan, wo Deutschlands Islampolitik 
ihm nützen würde. Deutschland hat eine doppelte Näherungslinie: 
über Bagdad und mit der Transkaspibahn auf das Iranische 
Plateau. Aber in Indien trifft Deutschland auf das Britische 
Commonwealth. Unsere Stellung dort ist nicht unverwundbar. Bei 
unserem ersten Angriff war die Landbrücke zwischen Europa und 
Indien in der Hand von starken orientalischen Mächten. Indiens 
Nordwestgrenze war immer bedroht von starker Kontinentalmacht: 



54 J'^ic- ^^''If «^''•^ Islams, Band (j. 1918, Heft 2 

von Napoleon kurze Zeit nach Tilsit, von Rußland 1815 — 1915. 
Wir schütztc;n uns durch Pufferstaaten. Die gegenwärtigen Grenzen 
sind von 1) ritischen Oiplomaten gezogen, mit ungeheurem Erfolg. 
Um 1900 schuf Deutschland einen zweiten Landweg nach Indien, 
und Rußland strömte ökonomisch über die Grenzen: es einbezog 
Nordpersien. Da nahm England einen Politikwechsel vor: Ver- 
ständigung mit Rußland 1907. Doch gleichzeitig Verhandlungen 
mit Deutschland. Englands Anstrengungen für den Frieden zwischen 
1907 und 1014 sind bezeugt. Eine friedliche Politik war wohl mög- 
lich, aber Deutschland zerstörte sie, indem es den Krieg anfing. 
Während des Krieges trat ein starker Wandel ein: die Türkei gal) 
die Neutralität auf; Indien war nicht mehr durch Pufferzone ge- 
schützt; England wurde im. Mittelosten in direkte Berührung mit 
Deutschland gezwungen. Dazu brach im kritischen Moment unser 
Verbündeter, Rußland, zusammen. Wir müssen nun die doppelte 
Last allein tragen. Aber wir waren zuerst auf dem Platze, und 
rein militärisch ist unsere Lage besser als vor dem Kriegte. Deutsch- 
land muß sich erst in Transkaukasien und Zentralasien festsetzen; 
führt es dann den Schlag gegen uns, so sind wir vorbereitet. Aber 
wir können Schwierigkeiten haben: die Reaktionspartei in Buchara 
und die vStämme in Afghanistan und an der Nordwestgrenze sind 
leichter fanatisiert als die mehr zivilisierten muslimischen Völker. 
Die Neutralitätspolitik des Emir \'on Afghanistan wurde bereits 
erschwert durch deutsche Emissäre: es gibt eine prodeutsche Partei 
im Lande, die ihr Haupt erhoben hat, seit der russische Druck von 
der Nordgrenze gewichen ist, und Deutschland erhöhte sein An- 
sehen durch den Artikel VE von Brest Litowsk: „Respektierung 
der politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit und der 
territorialen Unversehrtheit Persiens und Afghanistans." Schon sind 
Schritte getan um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Persien und 
der Türkei wiederherzustellen; der Transithandel mit Persien durch 
die transkaukasische Bahn und den Transkaspi, nach dem Deutsch- 
land schon vor dem Kriege gierte, wird nicht länger durch Ruß- 
land gehindert sein, wenn diese Linien unter deutsche Kontrolle 
kommen. Unter diesen Umständen kann das Erscheinen einer verhält- 
nismäßig kleinen deutschen oder turko-deutschen Truppenmacht öst- 
lich vom Kaspi einen Sturm erregen, aber die Mittelostfront könnte 
während dieses Krieges niemals der Hauptschauplatz von kriege- 
rischen Operationen werden, und der Gedanke einer großen 
deutschen Armee, die, in Batum ausgeladen, eine afghanische 



Hartmann, Diy große Steppe A.vev^ und die We^^toHstraßen. 55 

•<Xy3OOOOOOOO0O0<X)00O0(XXXXXXXXXXXXXX>D00OC)0Or<X»O0OO0(XX500000OOO000OO0 

Lawine auf die Indischen Ebenen losließe, ist zwar von der deutschen 
Propag-anda ang^ekündigt, kann aber kaum von dem deutschen 
Generalstab durchgeführt werden. Andererseits wäre die Ersetzung 
russischer Militärmacht an der afghanischen Grenze durch deutsche 
Militärmacht, wenn sie auch den Lauf des Krieges nicht materiell 
beeinflußte, doch ein schwerer Schlag für das britische Gemein- 
wesen, wenn sie unter Friedensverhältnissen durchgeführt würde. 
Denn solcher Friede würde nur unterzeichnet werden, wenn 
Deutschland den WiUen und die Macht behielte, den Völkerbund 
abzulehnen. In diesem Falle würden die Völker des Britischen 
Gemeinwesens, nicht zuletzt das Indische Volk, mit der Bewachung 
einer Landgrenze vom Mittelmeer bis zu den Pamirs belastet werden, 
und zwar auf einer von dem Sammelbecken der Menschenkräfte 
und den Mittelpunkten gewerblicher Produktion abseits lieg'enden 
Linie. Das Wettrüsten würde andauern, und Deutschland hätte 
den Vorteil, ein Zerstörungsziel zu verfolgen, während wir, mit 
dem Feind vor den Toren, eine feste Ordnung des Bestehenden 
aufrechterhalten müßten. 

So berührt das Schicksal des Russischen Reiches das Britische 
Gemeinwesen nur etwas weniger als Rußland selbst. Jede Seite 
unserer imperialistischen und auswärtigen Politik würde schließlich 
in Mitleidenschaft gezogen, wenn Rußlands „Südostdurchweg" end- 
gültig in deutsche Hände überginge, und eine unserer wesentlichen 
Friedensbedingungen ist, daß Deutschland auf diese Absicht ver- 
zichtet. Aber selbst wenn diesen Ländern die volle Möglichkeit 
der Selbstbestimmung gegeben werden soUte, werden wir ein 
Lebensinteresse an dem Wege behalten, den sie nehmen. Unsere 
traditionelle Politik in Mittelost ist die Aufrechterhaltung einer 
neutralen Zone zwischen Europa und Indien, aber der ganze 
asiatische Kontinent wird durch die wechselnden Schicksale der 
Steppe und ihres Randlandes berührt. Die letzte Revolution dort 
hat unsere Dispositionen umgeworfen, und wir können sie nur 
wieder herstellen, wenn die Herrschaft der Steppe wieder in starke 
Freundeshände kommt". 

Die Voraussicht, die diese Ausführungen beherrscht, ist be- 
wunderungswürdig. Alle Möglichkeiten werden erwogen und mit 
einer Offenheit besprochen, als wären wir längst über die Zeiten 
hinweg, wo großzügige Pläne das Monopol einer kleinen Schar 
waren, die sie im kleinsten Komitee hinter gepolsterter Doppeltür 
beriet. Gewiß, auch vordem war die Landkarte für ein paar 



50 Die Welt d,'s I^lnjns, Band 6'. iS18, Heft 2 

C0O0000OC<XX)CX5«0000OO0CXJ0OO(»OOCXXXXXXXX)CKX>OCX>X>0«X)O0OO0O<X)C^^ 

Groschen jedem käuflich, und jeder konnte auf ihr projektierend 
herumfahren, aber hier werden von einem Manne, der ersichtHch 
Einbhck in die Pläne der Reg-iorenden hat, J^LntwicklungmögHcli- 
keiten besprochen, die sich nur dem sorofältigfst Beobachtenden 
offenbaren, unter Heranziehung- von angebhchen feindlichen Plänen. 

Typisch für dieses Hereinziehen von weitausgreifender Projekten- 
macherei, die doch nur durch die britische Gefahr uns aufgezwungen 
sein könnte, ist der Gedanke des Auftauchens einer „verhältnismäßig 
kleinen deutschen oder türkisch-deutschen Truppenmacht östlich 
vom Kaspi". Der Verfasser tröstet sich damit, die Mittelostfront 
könnte während dieses Krieges doch nimmer zu dem Haupt- 
schauplatz eines Bewegungskrieges werden, und eine solche Armee 
würde kaum die afghanische Lawine auf Indien herabschleudern 
können. Er hat sich unnütz erregt. Wie sollten wir wohl auf den 
Gedanken kommen, eine größere Truppenmacht soweit im Osten 
der Vernichtung auszusetzen? Hätten wir wirklich nichts gelernt 
aus den beiden Britischen Feldzügen, die sich an die Namen 
Jillenborough und Roberts knüpfen, aus der Vernichtung zweier 
starker indobritischer Armeen? Wie kommt der Verfasser dazu, 
uns Absichten zuzuschreiben, für die wir auch nicht den geringsten 
Anhalt geboten haben? Wir sind nicht Engländer, die, macht- 
und geldgierig, fremde Völker sich unterwerfen, um ihnen das Joch 
aufzulegen und sie so lange als mög-Rch darunter zu wahren, alle 
Listen und Schliche ausdenkend, um den Zeitpunkt, der doch 
einmal eintreten muß, so lange als möglich hinauszuschieben. 
Wir wollen nichts weiter als den Völkern Asiens behilflich sein, 
in Ruhe und Frieden ihr wirtschaftliches und kulturelles Leben zu 
entwickeln, ungestört durch britische und russische Gewalttäter vom 
Schlage der Lords Clive und Hastings, der Skobeleff und Annenkoff. 

Der Verfasser selbst gibt Winke, wie Deutschland in Zentral- 
asien arbeiten kann. Die Offenheit, mit der er uns das Geheimnis 
einer wirkungsvollen Agitation verrät, ist verdächtig. Malt man 
uns ein rosa Zukunftsbild, um uns in verhängnisvolle Abenteuer zu 
verwickeln? Sollte etwa der Verfasser bei dem „Kirgisistan", von 
dem er als neu zu schaffendem selbständigem Staate spricht, an 
die Konstruktion anknüpfen, die ich vor 13 Jahren im Vorwort 
meines Reisebuches i), das sich vielfach mit den Kirgisen beschäftigt, 

1 Martin Uartniann. Chiucsisrh-Turke.stan. Geschiclile, Verw;illurg, Geistesleben und 
Wirtschaft. Frankfurt a. Main. Keller, o. J. 116 Seiten. Irh erlaube mir die Auf- 



llarinuinn. Jh'e fjroße Sieppe Asiens xind die Westoststraßen. 57 

j)(j(XjeOtXXXXXXOOOO<XXXXXXXXXXXXX)OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOC^^ 

aussprach ? Von dieser Konstruktion teile ich hier nur das mit, was 
mir auch heute noch von Bedeutung- scheint. Ich sage S. IV: 

,, Erstünde heute den Kirgisen, die in gewaltiger Zahl die Gebirge um die Tarim- 
becken-Ebene herum bewohnen, ein Einiger, der ihre wilde Kraft leitend sie zum Ein- 
bruch in die Kulturländer führt, es könnte wohl eine Katastrophe geben, es würde 
aber kaum zu einem dauernden Zustande kommen. Doch gibt es eine andere Möglich- 
keit: dafi die Kirgisen mit der fränkischen Kultur bekannt werden, sich zu einer ge- 
ordneten Wirtschaft bequemen und als die Potenteren die Leitung des Landes über- 
nehmen, mit anderen Worten: die Schaffung eines selbständigen Kirgiseureiches, das 
zunächst alle von Kirgisen bewohnten Gebiete Turkestans umfaßt und von den türkischen 
Gebieten die, die nach den natürlichen Bedingungen den Berggebieten anzuschließen 
sind, im wesentlichen also das Reich Ja'qub Beks." 

Die anderen Ausführungen sind auf Voraussetzungen aufgebaut, 
die heute nicht mehr zutreffen. Es wurde als Charakter des neuen 
Reiches „Kirgisistan'* (den Namen brauche ich a. a. O. S. V, 3) 
angenommen, daß es 1. zunächst nominell unter chinesischer Ober- 
hoheit stehen, 2. durch Vertrag der Mächte garantiert sein, 3. nicht 
islamisch sein, sondern volle Religionsfreiheit haben müßte. Eine 
Schwierigkeit wäre die Uneinigkeit der herrschenden Familien. Es 
wurde exemplifiziert auf Rumänien und g^esagt: „ein fleißiger und 
gewissenhafter Mann fränkischer Herkunft könnte als vom Lande 
gewählter, von den Mächten bestätigter Fürst ein Kirgisistan mit 
Entwicklung" der reichen, bisher so gut wie gar nicht verwerteten 
Naturkiäfte schaffen". Damit ist es heute natürhch nichts. Es kann 
sich nur darum handeln, daß das tüchtige Volk, das das Bergland 
im östlichen Russisch-Turkestan und in Chinesisch-Turkestan be- 
w^ohnt, seine ausg'ezeichneten Fähigkeiten und Eigenschaften unter 
Leitung zuverlässiger und ihm aufrichtig wohlwollender Männer 
entwickelt. Heute ist unter den nördlichen und östlichen Türken 
ein starkes Gefühl dafür vorhanden, daß jetzt der Zeitpunkt ge- 
kommen ist, wo der muslimische Teil der Bevölkerung Rußlands 
sich zu einem Kulturelement durcharbeitet, das zunächst sich selbst 
ein autonomes vStaatsleben schafft, sodann aber auch dem ganzen 
östlichen Lande neue große x\ntriebe und Kräfte der Entwicklung 
zuführt. Nur wenige Worte aus dem Vorwort meines: „Chinesisch- 
Turkestan" seien hier noch angeführt (S. V): 

„Die Zukunft eines gut verwalteten, aus dem Eifersuchtgetriebe der Weltmächte 
ausgeschalteten selbständigen Staatswesens an der Grenze von Osteurasien und West- 

merksamkeit auf diese Arbeit zu lenken, die zahlreiche Mitteilungen über Kaschgarien, 
die sich sonst nirgends finden, enthält, und die in den Anmerkungen ein umfangreiches 
Materi.1l, zum Teil aus russischen und orientalischen Quellen geschöpft, bearbeitet. 



58 /-'»> ^^^dt dex hlavii^, Hände. 19i8, Heft 2 

«)oooBOOOoooooo<xxjocxxx>Doooooooooo(XXXXxxyx)oooocxx)oooocxxyyxxxxxx)ocxxoo<r^^ 

eurasicn lüßt sich nicht hoch genug einschätzen. Ist hier ein neutraler Punkt für das 
politische, ein sicherer Stapelplatz fiir das wirtschaftliche Leben gegeben, so muß es 
sehr bald zu einer Wiederbelebung da großen C'berlandweges kommen, den die Alten 
die Seidenstraße nannten, und der zur Zeit Dschingis Chans ungezählte Scharen kriege- 
rischer und friedlicher Wanderer in beiden Richtungen fluten sah. . . . Jetzt führt ein 
unterbrochener Schienenweg vom Kap Finisterre bis Andidscban am Fuße des Grenz- 
walles gegen Kaschgarien, daneben ein zweiter, erheblich kürzerer, der durch die 
Dampferfahrt Baku — Krasnowodsk unterbrochen ist. Eine neue, kontinuierliche Ver- 
bindung des äußersten Westens mit der (irenzc Kaschgariens steht von Norden her. 
im Anschluß an die Sibirische Bahn, in Aussicht 1. Ein nur nominell von China 
abhängiges, vom Wohlwollen der Kulturstaaten getragenes Kaschgarien würde den 
kurzen Anschluß an jene gewaltigen Weltstrafien leicht erreichen. . . . Ein gesichertes 
Kirgisistan fände .iber auch mit Leichtigkeit die Mittel, den .\nschluß an die alte 
Hauptstadt Chinas, Singanfu, zu erreichen, die sehr bald mit dem Qstchinesischen Bahn- 
netz verbunden sein wird. Man wird sagen: Das ist Zukunftsmusik. Nun, wer im 
Jahre 1880 in Beirut sagte, man werde von diesem Punkt aus mit der Bahn Damaskus 
erreichen, der wurde ausgelacht. Und wer behauptet liätte, man werde von Beirut 
eine ununterbrochene Bahnverbindung nach Medina, Konstantinopel und Bagdad haben 
(diese Verbindungen sind gesichert), der wäre für irrenhausreif erklärt worden. Die 
Tatsache, daß man vom äußersten Westen Europas Wladiwostok und Peking auf dem 
Schienenwege erreichen kann, daß man, wie schon bemerkt, Andidschan mit der Bahn 
erreicht, läßt das billige Höhnen über Zukunftsträumereien als urteilslos und selbst des 
Höhnens wert erscheinen. Es handelt sich hier nicht um Liebhabereien oder um das 
' Glänzen mit Voraussagungen, die sich auf ein Herumfahren auf der Landkarte stützen, 
sondern um höchst ernste Erwägungen, an denen der kulturelle Fortschritt und das 
wirtschaftliche Gedeihen vieler Millionen hänj:;t, und die ?!edeutung haben für uns selbst." 

Was ich 1905 drucken ließ — gedacht wurde es auf dem Heim- 
ritt zwischen Kaschgar und Osch im März 1903 — , ist das Bild, 
das mir aus einem halbjährigen Aufenthalte in Russisch- und 
Chinesisch-Turkestan erwachsen war, das Bild eines Mittelost, der 
einen Bestandteil bildet des „Denkens in Erdteilen", das auch bei 
uns immer mehr heimisch wird. Der große Krieg weist uns be- 
ständig auf die gewaltigen Räume hin, mit denen Rußland und 
England rechnen. Sibirien, Indien, China, Japan sind Kräfte im 

1 Gemeint ist die Bahn Orenburg — Taschkent, die damals noch im Bau war. Zu den 
Weltstraßen bemerke ich noch: Für Europa— Indien kommen zwei Landwege in Be- 
tracht: I. durch die Ukraine über Astrachan und Gurjew (an der Mündung des Ural 
in den Kaspi), weiter durch die genügende Bedingungen bietende Steppe nach Chiwa — 
Tschardschui (am AmuDerja) — Merw — Kuschk (Kuschka der Karten) — Herat— Kandahar— 
Quetta; daneben die Landwasserwege über Baku — Krasnowodsk (mit den Varianten Donau- 
mündung — Poti— Baku, Riga— Moskau (in gleichem Breitengrade mit Riga, zu ver- 
binden durch leistungsfähigste Durchlinie) —Baku und Ostsee— Schwarzmeer (Bahn und 
Kanal)— Baku); 2. der Südweg: Konstantinopel— Erzerum — Tebris— Kaswin — Meschhed— 
Herat. Herat wird als Treffpunkt beider Linien und Schnittpunkt der Linie Chiwa— 
Kuschk — Herat— Kandahar von größter liedeutung. 



Hartinann, Die große Steppe A.üens und die Westoststrafien. 5^ 

C<XX)0C«O0OOO00««0a000000000O00O0(XX)00000OO0O0O000OOO00O0000<XXXXXX)0000OC)00000CXX>^^ 

Kampf, die täglich ihre Wichtigkeit uns fühlbar machen. Gefahr 
droht von dorther. Mit der Festsetzung der Osmanen an den 
Meerengen trat in Europa der Kampf um das Schwarzmeer in ein 
akutes Stadium, das bis jetzt als „Orientalische Frage" die Welt 
quälte. Nun ist diese Frage der Erledigung nahe (durch Inter- 
nationalisierung des Schwarzmeers). Und schon tut sich ein ganzes 
Bündel neuer Fragen auf, unter denen der Weg Europa — Indien — 
China als die Neue Orientalische Frage hervortritt. Die Unfähig- 
keit und der Mangel an Ernst bei Behandlung der Alten Orien- 
talischen Frage waren monumental: ein zerfallendes Staatswesen 
konnte den Lauf der Entwicklung- aufhalten, weil die Andern sich 
nicht einigen konnten. Das darf nicht wiederkehren. Der einzige 
Feind, den der Interessenausgleich hat, ist Großbritannien, Es will 
die Weltstraßen durch Asien in der Hand haben ohne Kon- 
kurrenten, und damit die Herrschaft über ganz Eurasien sich 
sichern, da ohne Freiheit der Straßen die Entwicklung der andern 
Völker unterbunden ist. Dieser Gefahr ist zu begegnen durch 
schleuniges Handeln: es ist durch eine zwischenvölkische Verein- 
barung die Internationalisierung der Weltverkehrsstraßen fest- 
zulegen. Die Weltwege müssen frei sein, wie die Meere frei sein 
müssen. Kein Staat, gehöre er dem Völkerbunde an oder nicht, 
darf künftig einen Weltverkehrsweg" seinem Einzelwillen Untertan 
machen. Dafür müssen Bürgschaften geschaffen werden in gleicher 
Weise wie für die Freiheit der Meere. Grundbedingung ist ge- 
naueste Erforschung des weiten Raumes, der bestrichen wird. 
Neben der Einzelforschung muß hergehen Zusammenfassung. Schon 
jetzt liegt eine bedeutende Literatur vor in deutscher Sprache, 
und auch in andern Weltsprachen fehlt es nicht an vortrefflichen 
Arbeiten, Daneben sind zu beachten die Aufsätze der ernsten 
Zeitschriften, die sich mit diesen Problemen befassen. Namentlich 
in Rußland ist in der Form von Zeitschriftartikeln gutes Material 
niedergelegt. 

Als ein Bei.spiel wichtigen Zeitschriftenmaterials erscheint mir 
die Äußerung des Anonymus i), die oben im Auszug mitgeteilt 
wurde. Ich habe mich auf diese auszügliche Mitteilung beschränkt. 
Es lassen sich zu Synthesen, wie hier eine versucht ist, immer eine 

1 Die Artikel in The round Table sind nie mit dem Namen des Verfassers versehen. la 
zahlreichen Fällen wird der mit den Gegenständen Vertraute ersehen können, wer der 
Verfasser ist. In dem von Russia, Germ an y and Asia vermutet man Phillips 
Price. 



6o /AV Welt des Jshuns. Band 6. 1918, Heft 2 

eOOOeOOO<XXXlOOeOOOCXXXXKXX)OOOCXXXXXXXXXXXKXXK>OOCKXXK^^ 

Anzahl Einwendungen erheben. Aber die gelehrte Kleinarbeit 
kommt ohne solche mutigen Zusammenfassungen mit Schluß- 
folgerungen nicht weiter. Gerade heute brauchen wir solche 
Arbeiten, die über die Enge der beschränkten Umwelt hinaus- 
führen. Alle tüchtigen Kräfte aller Nationen sind berufen mit- 
zuarbeiten an dem großen Werke der Schaffung eines Zustandes, 
bei welchem die Völker nicht mehr in dem Jagen nach dem Wahn- 
bilde einer falschen Größe sich zerfleischen, sondern zum gemein- 
samen Wohle und zum Wohle jedes Einzelnen im friedlichen Bunde 
arbeiten. 

Charlottenburg, den i. September 1918. 



Literatur. 6 1 

•0C¥De0e«000000C!00(K>CO0iX)CO00000CKXXXXXXXXXXXX)CO(KKXXXK^^ 



LITERATUR. 

Die Zeitungen in Konstantinopel. 

(Ergänzungen zu W. I. Bd. V, 78 nach dem Stande von September 1918.) 

Von dem Rückschläge, den die Presse Konstantinopels infolge des Krieges erlitten 
hatte, erholte sie sich trotz der Papierknappheit im letzten Jahre wieder. Es sind da 
folgende fördernde Momente zu verzeichnen: der Zusammenschluß der Zeitungen zu einer 
Pressevereinigung 1 und die wohl unter dem Einflüsse dieser Vereinigung zustande ge- 
kommene Aufhebung der politischen Pressezensur seitens der türkischen Regierung im 
Juni 1918. Das Papier wird teils durch Vermittlung der deutschen Botschaft aus Deutsch- 
land, teils aus Österreich bezogen. Gegen diese Abhängigkeit in der Papierfrage vom 
Auslande sind schon häufiger Stimmen laut geworden, so noch kürzlich von Ahmed Emiii 
in seiner Zeitung Waqyt, der energisch für die Gründung von Papierfabriken eintritt. 
Aber auch über diese Pläne darf man wohl wie so häufig sagen: „Der Wille ist stark, 
aber das Fleisch ist schwach." Zu den technischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten 
derartiger Gründungen vgl. G. Herlt im Neuen Orient Bd. III, 357 1918 Heft 7. — Die 
wichtigsten Blätter sind nach wie vor Iqdäm, Tanin, Sabäh, Jeni gün, d. i. der frühere 
Taswir-i-efkjär, wozu jetzt noch das neu gegründete Organ Ahmed Emins, der Waqyt, 
hinzutritt. Die Preise der Zeitungen sind alle um 100% in die Höhe gegangen: der 
Straßenverkaufspreis ist jetzt allgemein I Piaster, während er vor zwei Jahren noch 10 
Para war. Das Vierteljahrsabonnement des Waqyt z. B. ist im letzten Halbjahr von 50 
auf 95 Piaster gestiegen. 

Eingegangen sind: Dscheside-i-scharqyje, Le Moniteur Oriental imd das Witzblatt 
Hände. Im übrigen treten zu den in meiner Zusammenstellung der Zeitungen Konstanti- 
nopels Ende 1916 (W. I. Bd. V, 78) aufgeführten Blättern folgende hinzu: 

A. Zeitungen: 
a) türkische: 

1. Waqyt. Tageszeitung, i. Jahrg. Begründet im Oktober 1917. Verantwortlicher 
Herausgeber und Hauptschriftleiter: Ahmed Emin. Erscheint täglich 2 Seiten, selten 
4 Seiten stark, gr.2°. Bezugspreis: für die Türkei 325, für das Ausland 420 Piaster 
jährlich. Der anfangs stets von dem Herausgeber Ahmed EmIn geschriebene Leitartikel 
wird in letzter Zeit häufig durch Arbeiten von Sellm Sirri, Köprülüzäde Mehmed Fu'äd, 
Hälide Edib Hanum usw. ersetzt, entsprechend dem Ziele des Herausgebers, das er in 
seiner Zeitung selbst einmal aussprach, im Leitartikel möglichst viele Persönlichkeiten zu 
Worte kommen zu lassen. 

2. Aty. Begründet im Januar 1918. Hauptschriftleiter: Dscheläl Nürl, der Heraus- 
geber der Zeitschrift Edebijjät-i-*umümijje megmü'asy (vgl. W. I. Bd. V, 80, u. Martin 
Harlmann im Neuen Orient Bd. II, 148/9 191 7 Heft 3). Für die Redaktion verantwort- 
lich: Ismä'il Subhl. Erscheint täglich 4 Seiten stark, kl.2°. Bezugspreis: Inland 350, 
Ausland 420 Piaster jährlich. — Es ist ein konservatives Blatt (vgl. die eingehende Be- 
sprechung im Neuen Orient Bd. II, 441 Heft 9). 

1 Pressevereinigungen bestehen jetzt in Konstantinopel, Smyrna und seit dem Juli 1918 
auch in Beirut. 



62 hlc W,li <l,s />A(//<.v, Bandr,. Iblb, lieft 2 

orooeo€)ooooocx»eewoooooooooooooc»oooooooociooooooooooooc)oooooo(xxxx»ooooooooooooooooooooocoo<xx 

3. Zcmän. 1. Jahrg. Begründet im März 1918. Verantw. Schriftleiter: Mehnicd 
Nedschäli. Erscheint täglich 4 Seiten stark, kl. 2^. Bezugspreis: Inland 325, Ausland 
390 Piaster jährlich. Hinter diesem Blatte steht der frühere Unterrichtsminister Schükri Bei. 

4. Jef5i gün. Politisches, wissenschaftliches und literarisches Morgenblatt, i. Jhrg. 
Begründet im September 1918. Besitzer und Ilauptschriflleiter: JOnus Nädi. Verantw. 
Redakteur: Ahmed Räsim. Erscheint täglich 2 Seiten stark, gr.2'^. Bezugspreis: Inland 
340, Ausland 410 Piaster jährlich. Einzelnummer 40 Para. — Unter diesem Namen 
machte der kürzlich verbotene Taswir-i-efkjär seine Pforten wieder auf. 

5. Schu'le. 1. Jhrg. Begründet im September 191 8. Verantw. Leiter: Medschd ed-din. 
Erscheint täglich 4 Seiten stark, kl.2°. Bezugspreis: 300 Piaster jährlich, Einzelnummer 
40 Para. — Es ist das Organ des Abgeordneten von Suleimänijje BabunzSde Ijikmct Bej. 
Sie wurde am 13. September 1918 mit Nummer 6 von der Militärverwaltung susjjcndiert. 

6. Akseham. Unter diesem Namen wird nach Mitteilungen des Osman. Lloyd vom 
ao. September 191 8 ein neues Abendblatt erscheinen, herausgegeben von dem in der 
Pressewelt bereits bekannten Soziologen Nedschm ed-din Sädiq; dem Assistenten Prof. 
Zija Gök Alp's, einem früheren Redakteur des Tanln Kjäsim Schinäsi und einem früheren 
Mitarbeiter des Taswir-i-eikjär und Iqdäm 'Ali Nadschi. Unter den Mitarbeitern finden 
sich: die Dichterin Hälide Edib Hanum, der Historiker Refiq, Ruschen Eschref u. a. 

7. Hiläl-i-ahmer. Erscheint nur an islamischen Festtagen, an denen sämtliche andere 
türkischen Zeitungen nicht erscheinen. Herausgegeben vom Zentralkomitee des Roten 
Halbmondes. Verantw. Redakteur; 'Ali Mädschid. 

8. Haftalyq Gazeta. ,, Politische, soziologische, literarische illustrierte Wochenzeitung." 
Begründet 1918. 1. Jahrg. Besitzer und Schriftleiter: Fäniq Sabri. Drucklegung in der 
Ewqäf matba'asy. Erscheint wöchentlich 12 Seiten stark, kl. 2'^. Einzelnummer 5 Piaster. 
Bezugspreis: Inland 250 Piaster, Ausland 50 Mark jährlich. 

b) griechische: 

1. Tachydromos. 19. Jahrg. Verantw. Leiter: Makridis. Erscheint täglich 2 Seiten 
stark, gr.2°. Bezugspreis: Inland 300, Ausland 390 Piaster. Einzelnummer: 60 Para'. 

2. Pharos. i. Jahrg. Begründet im März 1918. Besitzer und Leiter: St. Polykritos. 
Erscheint täglich 2 Seiten stark, kl. 2°. Bezugspreis: 340 Piaster jährlich, Einzelnummer 
60 Para. 

3. Nea Zöi. i. Jhrg. Begründet im August 1918. Besitzer und vcranlw. Leiter: 
Charilaos Menexopulos. Erscheint täglich 2 Seiten stark, gr.2°. Bezugspreis: Inland 
400 Piaster, Ausland lOO Frcs. jährlich, Einzelnummer 60 Para. 

c) armenische : 

Hairenik. 1. Jahrg. Begründet im Mai 191 8. Besitzer: M. Sandschakdschian. 
Verantw. Leiter: Artin. Erscheint täglich 2 Seiten stark, kl. 2°. Bezugspreis: 300 Piaster 
jährlich, Einzelnummer 40 Para. 

d) französische: 

Le Journal d'Orient. 1. Jhrg. Begründet im August 191S. Besitzer und Haupl- 
sehriflleiter: Albert Carasso. Verantw. Schriftleiter: Marco Nahoum. Erscheint täglich 
2 Seiten stark, gr.2°. Bezugspreis: Inland 325, Ausland 380 Piaster, Einzelnummer 
I Piaster. 

1 Erschien zur Zeit der Abfassung meiner früheren Arbeit nicht. 



iMeratur. 63 

oo©oooeocKX)cooooeoooooccoooocoooocoooooooooc»cocxxx)c<^^ 

B. Witzblätter: 
a) türkische: 

Scheitän. Jeden Donnerstag erscheinendes Witzblatt. 1. Jahrg. Begründet im Juni 
191S. Besitzer und Leiter: 'Awni 'Ali. Druck von der Nedschni-i-lstiqbäl matba'asy. 
Erscheint Donnerstags 4 Seiten stark, kl. 2°. Illustr. Bezugspreis: 52 Nummern 100 Piaster, 
für das Ausland mit Zuschlag der Postgebühren. Einzelnummer 2 Piaster. Anzeigenpreise 
nach Vereinbarung. 

b) griechische: 

1. Ano-Kato. ,, Der Spott in Konstantinopel.'' Ohne Zählung nach Jahrgang. Vcrantw. 
Leiter: Christo Ladikas. Erscheint wöchentlich einmal 4 Seiten stark, kl. 2°. Illustr. 
Bezugspreis: Jährlich 100 Piaster. Einzelnummer 2 Piaster. — Die vierte Seite dieses 
Blattes wird eingenommen von dem Witzblatte: Alithia. Einziges wöchentliches Tage- 
blatt. Organ für Witz. Jahrgang Af. Schriftleiter: Sanele Morias. 

2. Kentri. „Die einzige Zeitschrift für Satyre, Karikatur und Literatur." i. Jahrg. 
Schriftleiter: Kesisoglus (sie!). Herausgegeben von der Zeitung Patris. Erscheint wöchent- 
lich 4 Seiten stark, kl. 2°. Illustr. Bezugspreis: 40 Hefte 80 Piaster. Einzelnummer 
3 Piaster. 

3. Empros. ZaTupiKOV — MeqpiOTOcpeXlKOV. 10. Jhrg. Serie 2. Herausgeber: 
K. G. Makridis (Mephistopheles). Erscheint wöchentlich einmal 8 Seiten stark, kl. 2°. 
Illustr. Bezugspreis: Inland I20 Piaster, Ausland 25 Frcs., Einzelnummer lOO Para. 

Kara Bunar (Taurus), im September 1918. Willi Heffening 



OC%XX:)aO<XXXiOOOOOCOOCOO(XXXXXOOOOOOCX;OCICKX X XX )0 00(X»OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOC^ 



Ö4 1^^^ "^elt des Islams, Band 6". I:fl'i, Heft 2 

eoooeoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo(xxxxxxxxxxxxxx>ooocx>xxxx>>xxxxxyxxxxxxxxxxxxxxx)eaoo^ 



BIBLIOGRAPHIE. 

♦ bedeutet Vorhandensein in der Bibliothek der Gesellschaft, j Vorhandensein in der 

Deutschen Auslands-Bibliothek. Nach dem Titel in [ ] stehen Zugangsnummer der Bibliothek 

und gegebenenfalls Name des Geschenkgebers. 



Ausführliche Besprechung einzelner V.'erke bleibt vorbehalten. 

824. Koranen översatt frän arab. av K[arl] V[ilhelm Zcttersteen 
Stockholm: Wahlstnim & Widstrand (1917). XXIX, 551 S. 8° 

825. L.-M. Enfrey. Le Croissant sur la tranch^e. Quelques aspects 
de l'äme islamique pcndant la Guerre. Pref. de Ed. Monte t. 
Paris: Leroux [1918]. Vii, 84 S. 8° 

* 826. Hans von Mzik: Was ist Orient? Eine Unters, a. d. Ge- 
biete d. polit. Geographie. Wien: Gerold 1918. 25 S. 8° [792.] 

827. Sälih Munir Pacha. La Politique Orientale de la Russie. 
Lausanne: Libr. nouv. 1918. 302 S. 8° 

828. Deutschland über Allah. Av E[dwardJ F[rederic] Benson. 
Översatt frän engelskan. Stockholm: Lundberg & Olzon (1918). 
40 S. 8" 

829. Ministere des affaires etrangeres de Grece. Diplomatiska 
Aktstycken. 1. Förfölj eiser mot Greker i Turkiet. 2, Tyska 
och bulgariska invasioner i Grekland. Av Greklands Regering 
auktor. övers. Stockholm: Lundberg & Olzon i distrib. (1918). 
155 S. 8° 

830. Turän, A Magyar Keleti Kultiirközpont (Turäni Tärsascig) 
ertesitöje. Szerkesztette Vikar Bela. [1.] Budapest: Turäni 
Tarsasäg 1917. 8° [Turan. Anzeiger der Ungar. Orientalischen 
Kulturzentrale.] 

831. Das türkische Reich. Politisch, geographisch u. wirtschaftlich. 
Von Kurt Hassert. Tübingen: Mohr 1918. vu, 242 S. 8° 

832. Die Türkei. Von Dr. phil. Achmed Emin, Prof., Konstanti- 
nopel. Gotha: F. A. Perthes 1918. viii, 95 S. 8" (Perthes' Kleine 
Völker- u. Länderkunde. Bd 5.) 

833. Turkey and the War. By Vladimir Jabotinsky. London: 
Unwin (1917). vm, 263 S. 8° 

834. J[acques] de Morgan. Contre les Barbares de l'Orient. Etudes 
sur la Turquie ... Paris: Berger-Levrault 1918. IX, 263 S. 8° 
Aus: Eclair de Montpellier & Revue de Paris. 1915 — 1917« 

-}- 835. Brockelmann, Karl: Das Nationalgefühl der Türken im 
Lichte der Geschichte. Halle a. S.: Niemeyer 1918. 22 S. 8° 
LIalle -Wittenberg, Rektoratsrede v. 12. Juü 1918. (Hallische 
Universitätsreden 10.) [1844.] 



BibUof/raphie. '■^ 5 

,00C©0COCO0000000e000<XX>XXX)000000000000C»000000(XXX»000000 

*836. Süssheim, K[arl]: Die Malerei in der Türkei. 4° Aus: 
Der Sammler. Unterhaltungsbeilage der München-Augsburger 
Abendzeitung. No. 72. 73. 1918. [793.] 

837. Die Grundprobleme des türkischen Strafrechts. Eine recht- 
vergleich. Darstellung von Dr. jur. Wilhelm Jaenecke. Berlin: 
Guttentag lOiS, X, 144, LI S. 8' 

f 838. Türkische Jugend in Deutschland. Jahresbericht der Schüler- 
abteilung der Deutsch-Türkischen Vereinigung. Berlin 1918: 
Bergmann. 68 S. 8° [1843.] 

839. [Türk.] Uhuwwat. Biräderhed. [Ant.] Brotherhood. Ed. by 
M. A. J ab bar Kheiri and M. A. Sattar Kheiri. 1. Istambol 
1918: (Osmanieh Pr.\ 4 = 

840. demente da Terzorio (Padre) : Le missioni dei minori cappuc- 
cini: sunto storico. Vol. 4. (Turchia asiatica.") Roma, coop. tip. 
Manuzio, 1918. Abbüd. 454 S. 8° 

841. Meda, Filippo: La questione armena. Milano, fratelli Treves, 
1918. 16° 62 S. (Le pagine dell' ora, no 38.) 

842. La Domination Ottomane. (Etüde publ. par The Round 
Table.) L'Arm^nie martyre par Faiz El-Ghassein [Fa'iz al-Husain]. 
2. ed. Geneve: Atar (1917). 136 S. 8° [Umschlagt.] 

843. Martyred Armenia. By Fä'iz el-Ghusein [FäMz al-Husain], 
Bedouin notable of Damascus. Transl. from the orig. Arabic. 
London: Pearson 1917. 56 S. 8° 

844. From Turkish Toüs. The narrative of an Armenian family's 
escape. Py Mrs. Esther Mugerditchian. Transl. from the Armenian. 
London: Pearson 1918. 50 S. 8° 

845. L'Italia e la Palestina. S. Benigno Canavese, scuola tip. don 
Bosco, 1917. Abbild. 87 S. 8° 

Aus: Pasquale Baldi: Nei luoghi santi. Histor. Skizze d. Beziehungen zwischen Italien 
und Palästina. Veröffentlichung der Associazione nazionale pei missionari italiani. 

846. Great Britain, Palestine, Russia, and the Jews. A (2.) reprint 
of Edward Hoare's book 'Palestine and Russia'. Brought up to 
date with additional chapters by Rev. E. L. Längs ton. London : 
Thynne 1918. 107 S. 8° 

847. Jerusalem. Von Sven Hedin. Leipzig: Brockhaus igi8. 
157 S. 8° 

848. S3riens et Chaldeens. Leur martyre, leurs esperances. Par 
l'Abbe Eugene Griselle. Paris, Barcelone: Bloud & Gay (1918). 
108 S. 8° (Publications du Comite cath. de propagande frang. 
ä l'etranger.) (Tages actuelles' 1914 — 1918. No 115/ 16.) 

849. From the Nile to the Tigris. A story of compaining from 
Western Eg3^pt to Mesopotamia. By Capt. F[rederick] S[adlier] 
Brereton. Dl. by Frank GiUett. London [usw.]: Blackie 1918. 
330 S. 8° 

Die Welt des Islams, Band 6 5 



66 Die Welt des hhms. Band ß. 1918, Heft 2 

O(X»ec«X)O0O(X»00»00000O00(XX)0(XXXXX)000O0C)0O000000OO000O000OO000O000^^ 

850. Mcsopotamia: the key to the future. By Canson J[oseph] 
T. Parfit. J.ondon [usw.]: Hodder & Stoughton 1917. 41 S. 8° 

851. A Boswell of Baghdad. With diversions. By E[ward] V[errall] 
Lucas. London: Methuen '^1917). vi, 245 S. 8° 

852. The Irrigation of Mesopotamia. B}^ Sir W[illiam] Willcocks. 
2. ed. With pref. With 46 folding plates. [Text] Plans. London: 
Spon [usw.] 1917. 4°(8°) (Plans: 2<^) 

853. Le Sort de la Perse. La politique anglaise d6voilee. Amster- 
dam: van Langenhuysen 1917. 170 S. 8° 

* 854. Meine Flucht als persischer Bettler. Kriegserlebnisse von 
Hans Sachs. Mit i Kt. Berlin: Scherl (1918). 115 S. 8° [791.] 

855. Observations on the Musstilmauns of India descriptive of their 
manners, customs, habits and religious opinions made during a 
12 years' residence in their immediate society. By Mrs Meer 
Hassan Ali. 2. ed., ed. with notes and introd. by W[illiam] Crooke. 
London: Milford [usw.] 1917. xxvm, 442 S. 8° 

856. Victor Piquet. Les Civilisations de l'Afrique du Nord: Berberes, 
Arabes, Turcs. Avec 4 ct. 2. ed, refondue. Paris: Colin 1917. 
IX, 398 S. 8° 



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Mdrtin Härtmdnn 

t 5. Dezember 1918 



Martin Hartmarm f. 67 



MARTIN HARTMANN f. 

Martin Hartmann, der unsere Deutsche Gesellschaft für 
Islamkunde im Verein mit seinem Freunde Dr. Josef Fro- 
b erger gegründet, der ihr erster Vorsitzender war und ihr 
die treueste Arbeit gewidmet hat, ist am 5. Dezember ver- 
schieden. Die Einäscherung fand am 9. Dezember, am Ge- 
burtstag des Verewigten, an dem er sein 67. Lebensjahr 
vollendet haben würde, im Krematorium zu Berün N, Ge- 
richtsstraße, statt. Zur Feier waren erschienen der Direktor 
des Seminars für Orientaüsche Sprachen Herr Geh. Ober- 
Regierungsrat Prof. Dr. E. Sachau, Beamte und Lehrer des 
Seminars, Vertreter der Nachrichtenstelle für den Orient, der 
Vorderasiatischen Gesellschaft, der türkischen Kolonie von 
Berlin usw. Reiche Kranzspenden wurden vor dem Sarge 
niedergelegt, an dem der zweite Vorsitzende unserer Gesell- 
schaft die folgenden Worte sprach: 

An eben dieser Stelle stand vor wenigen Jahren der Ent- 
schlafene neben dem Sarge seiner Frau und widmete der 
teuren Toten die Worte, die wir damals aus seinem Munde 
vernahmen. Heut steht sein Sarg da, wo damals der Sarg 
seiner Frau gestanden. Er folgt ihr nun, und dem be- 
freundeten Kollegen hab' ich nun Abschiedsworte nachziirufen. 
Seiner Frau Bruder und dessen Famüie trauern um den Heben 
Verw^andten, der ihnen immer nahe lebte und treu zur Seite 
stand. Eigene Kinder, eigene nächste Blutsverwandte, mit 
denen er nahe verbunden gelebt hätte, klagen nicht an seiner 
Bahre, Nicht sowohl innigste Familienbande hat der Tod hier 
zerrissen; andere Bande, weitere ja weiteste Beziehungen 
sind hier gelöst. Von dem langjährigen Lehrer des Seminars 
für Orientaüsche Sprachen an unserer Universität nehmen 
Abschied die Zahl seiner Schüler, die er im Laufe der Zeit 
um sich gesammelt, und seine Amtsgenossen; von dem rast- 
losen geistigen Arbeiter nehmen Abschied seine Mitarbeiter, 
so in der Nachrichtenstelle für den Orient, in der er eine 
besonders wichtige Abteilung leitete, so in der Deutschen 
Gesellschaft für Islamkunde, die er begründet, deren erster 
Vorsitzender er war und in der ich ihm in besonders naher 



Die Welt dw Ulams. Band 6. 



Ö8 in,: Writ ,lef /s/nnis; lUnidr,. I<H^, li.ft :i j 4 

K»0e0O0OO0O00O00«00OO0O0O00000000000OO00O0OOOOO(>3OCXXX>0CXXXXXXXX)<>XXX>OOCX^^ 



Zusammenarbeit verbunden war. Vor allem aber beklagt die 
Wissenschaft den Verlust eines verdienten Gelehrten, der weit 
über die Kreise der Fachgenossen hinaus geschätzt war, nicht 
nur in Deutschland, nicht nur in Europa, nicht nur im weiten 
Orient, sondern in der ganzen zivilisierten Welt, wo immer man 
den Problemen des Orients, der Geschichte des Geistes, der 
Kultur, der RcHgion des Orients, Interesse entgegenbringt. 
Das Studium der orientalischen Sprachen, das Martin 
Hartmann auf der Universität zu den Füßen berühmter 
Lehrer philologisch-wissenschaftlich betrieben, befähigte ihn 
in jüngeren Jahren, 12 Jahre hindurch als Kanzlerdragoman 
des Deutschen Reiches in Beirut in Syrien zu wirken. Da- 
mit war er hinausgetreten aus der Enge der Studierstube in 
die lebendige Welt draußen, der sein Studium galt. Dem 
Studium der Bücher, von denen er eine reiche und seltene 
FüUe besaß, bheb er stets auf das eifrigste ergeben. Eine 
ungewöhnUche Arbeitskraft setzte ihn noch in der jüngsten 
Zeit, im nahenden Alter, in den Stand, bis zu 18 Stunden 
täglich hinter seinen geliebten Büchern studierend oder in 
die Schreibmaschine diktierend zu verharren. Aber das war 
das Gepräge seiner Arbeit, wie es das Gepräge jeder wissen- 
schafthchen Arbeit sein sollte: immer wieder eilte er aus der 
Studierstube hinaus in die Welt draußen. Auch aus seiner 
späteren Amtstätigkeit am Berliner Seminar heraus unter- 
nahm er zahlreiche Reisen, die ihn wiederholt nach dem 
Orient und bis nach Chinesisch-Turkistan führten. Innerhalb 
Europas war er eigenthch ständig unterwegs, Kongresse, 
Bibüotheken und Sammlungen besuchend, mit führenden 
Geistern Zwiesprache pflegend. Seine Veröffentlichungen, 
seien es selbständige Werke, seien es Arbeiten in Zeitschriften, 
sind überaus zahlreich. ErstaunHch war seine Meisterschaft 
in der Beherrschung von Sprachen. Daß ihm die europäischen 
Kultursprachen alle, mit Einschluß des Ungarischen und 
Russischen, zu Gebote standen, war selbstverständlich. Vom 
Arabischen, einem Hauptarbeitsgebiet des Enschlafenen, sagte 
einmal der Graf Sc hack, daß es leichter sei, alle europäischen 
Kultursprachen zusammen als die eine arabische Sprache zu 
erlernen. In der Tat wird es selbst unter den gelehrtesten 



Martin Hartma/in f. 69 



Arabisten wenige geben, die Arabisch glatt lesen, geschweige 
denn sprechen. Hartman n konnte wirklich Arabisch, er 
sprach es, er schrieb es; unter seinen Arbeiten sind auch 
solche, die er selbst arabisch verfaßt hat. Ebenso konnte er 
Türkisch. Die Sprachen aber waren ihm nicht Endzweck, 
sondern Mittel zum Zweck, Ausdrucksmittel, das Kleid, das 
den Geist umschheßt, den er suchte. Philologische, geo- 
graphische und historische Studien waren ihm nicht fremd. 
Aber sein Hauptinteresse war dem Studium^ des Geisteslebens 
des Orients, namentlich des heutigen islamischen Orients, zu- 
gewandt. Hier ging er den treibenden Kräften nach, die 
verschlungenen Fäden bloßlegend, überall hineinleuchtend, 
ermunternd, anfeuernd, wo er Gesundes, Kraftvolles antraf, 
Ungesundes, Schwächliches oft mit scharfem Wort rügend. 
Seine „UnpoHtischen Briefe aus der Türkei" und seine jüngsten 
Studien über die Dichter der neuen Türkei sind dafür Muster- 
beispiele. Hartmann war nicht so sehr ein Mann eigenen 
systematischen Aufbaus. Seine Hauptstärke war die Analyse 
fremden Geisteslebens, Neue Veröffentlichungen, Gespräche 
mit bedeutenden Persönlichkeiten, die er immer suchte, sog 
er förmhch in sich hinein, um sie dann in sofortiger Ver- 
arbeitung wieder darzustellen. Seine Literaturanalysen, wie 
sie z. B. in den Mitteilungen des Seminars für Orientahsche 
Sprachen und in der Welt des Islams erschienen sind, sind 
allgemein hochgeschätzt. 

Hartmann war ein Feuergeist. Sein Lehrer, der alte 
Fleischer, nannte ihn, wie mir Nöldeke einmal schrieb, 
le jeune etourdi. Ein Feuergeist ist er bis in sein Alter 
hinein geblieben. Mir sagte er einmal: „Ich weiß, daß ich 
mich vor dem Reiz des Neuen hüten muß." In einer solchen 
Veranlagung lag eine große Gefahr, die Gefahr der Sprung- 
haftigkeit und mangelnder Vertiefung. Dieser Gefahr wirkte 
entgegen neben seinem wissenschaftlichen Ernst seine ge- 
waltige Arbeitskraft, sein unbezwingbarer Arbeitswille. 
Von diesem seinem Geiste ist ein besonders beredtes Zeugnis 
ein Brief von ihm an mich, den er kurze Zeit vor seinem 
Tode seinem Schwager Herrn Dr. Härder diktierte. Ich 
hatte Martin Hartmann einige Zeit nicht gesehen und 



5* 



70 Trie Welt des /.v/aw.t, nand 6. 1918, lieft 3j4 

3oaoeot)ooooooocee«ooooooooooooooooooooooooo(X)oooooocnx)oooooooocKXooo(xxxxxK^^ 



nichts davon gewußt, daß auch ihn die Grippe angefallen, und 
hatte ihm Mitteilung gemacht von der schwierigen Lage, in der 
sich unsere Deutsche Gesellschaft für Islamkunde infolge der 
Zeitereignisse befinde. Darauf schrieb er mir (der Brief, diktiert 
am Sonntag, dem i. Dezember, ist datiert vom 2. Dezember): 
„Lieber Herr Kollege! Der Geist scheint noch einmal über die 
schuftige Materie zu siegen — das Fieber scheint gebrochen, 
und es geht wohl wieder allmählich in das alte Arbeitsleben 
zurück. — In der letzten schweren Kampfesnacht (Sonnabend 
auf Sonntag), wo* alles wild durcheinander tobte, trat immer 
wieder mit fast physischem Schmerze das Schicksal unserer 
Gesellschaft und der „Welt des Islams" hervor: sechs harte 
Jahre durchgehalten und nun ein unrühmliches Ende^ . . . 
Es gibt nur eine Rettung . . ." Und darauf entwickelte er 
auf mehreren Seiten mit klarer Schärfe und größter Lebendig- 
keit des Geistes seine Vorschläge, wie mit Erfolg weiter zu 
arbeiten sei, Vorschläge, die in seiner tiefen Kenntnis der 
verschiedenen, auch entlegener Kulturkreise des islamischen 
Orients wurzelten. Nach dem Briefe an mich diktierte er 
seinem Schwager noch über fünf Stunden Tatarisch. Ja, der 
Geist schien noch einmal über die Materie, über die schuftige 
Materie, wie er sie nannte, zu siegen. Das war am Sonntag. 
Am Montag früh wollte er von Haus fortfahren, um ge- 
wohnter Arbeit nachzugehen, konnte aber doch das Bett 
nicht verlassen. Der am Nachmittag herbeigerufene Arzt 
stellte Lungenentzündung fest, die beim Alter des Patienten 
höchst bedenklich erscheinen mußte. Gleichwohl wurde es 
am Dienstag bedeutend besser, der Arzt erlaubte sogar für 
den nächsten Tag aufzustehen. Aber am Mittwoch setzte 
Herzschwäche ein, und in der Nacht zum Donnerstag (5. De- 
zember) ist er, ohne gelitten zu haben, sanft entschlummert. 
Der Genius hat seine Fackel gesenkt. 

Wenn wir am Grabe stehen, lehnen wir uns auf gegen Tod 
und Vernichtung. Wir wissen auch, wenn ein gütiger Mensch, 
wenn ein Mensch starken und reinen Willens von uns ge- 

1 Hier hat, wie wir vertrauen, der Entschlafe«e zu schwarz gesehen. Wir hoffen 
unsere Gesellschaft und unsere Zeitschrift trotz bestehender Schwierigkeiten auf- 
recht zu erhalten. 



Martin Hartmann f. T l 

«oooeoooooocxx)eee«cxxxxxxoooooooocxxxx}Ooooocx]oooooooooooo(xiooooooooooooooooooooooooocxxxxxxxx 



gangen, so ist er nicht tot. Er steht in unserem Innern 
tausendfach wieder auf, wir sind Geist von seinem Geist, an 
seiner Glut entzünden wir weiter die Glut unseres Herzens. 
In dem Verewigten war der Intellekt in erstaunlichem Maße 
entwickelt, sein ganzes übriges geistiges Selbst schien in den 
Dienst dieses Intellekts gestellt. Aber auch dem Intellekt ist, 
unbeschadet der tiefen Wahrheit von i. Korinther 13, in der 
Ordnung der sittHchen Welt eine bedeutsame Rolle zugeteilt. 
Diese Ordnung der sittlichen Welt ist für uns voller Rätsel, 
die wir gerade gegenwärtig auf das erschütterndste erleben. 
Aber auch diesen Rätseln gegenüber brauchen wir Glauben 
und Vertrauen. Wir können nicht anders, wir müssen daran 
festhalten: eine höhere Hand ist es, die unser Schicksal, die 
unseres Volkes Sein, die die Menschheitsgeschichte leitet, 
ordnet, zu Höherem und Besserem emporführt. In Not und 
Tod ist dieser Glaube unsere Zuversicht und Stärke. 

Vor einer Reihe von Jahren erzählte mir der Verewigte von 
dem bekannten OrientaUsten Julius Euting, wie dieser ein- 
mal im Orient einen Grabstein angetroffen mit der Inschrift 
eines arabischen Verses, der ihm so gefiel, daß er diesen Vers 
von einem arabischen Steinmetzen in Stein aushauen ließ und 
diesen Stein dann als seinen eigenen Grabstein mit sich nahm. 
Auch seine Grabstätte, in der er nun schon verschiedene Jahre 
ruht, suchte er selber aus: eine herrliche Grabstätte in der 
Waldesschönheit des Schwarzwaldgebirges, auf weithinschau- 
ender Höhe. Jenen Vers lernte ich damals aus dem Munde 
des Entschlafenen. Ich merkte es wohl, daß er auch in seinem 
Herzen einen Widerhall gefunden. So darf ich den Vers, 
den ich aus seinem Munde empfangen, heut an seinem Sarge 
wieder sagen, so möge aus diesem Verse Martin Hartmann 
selber noch einmal zu uns sprechen: • 

Matä amsä firäH min turäbin 

wa-sirtu mugätvira *r-rabbi 'r-rahimi 

fa-hannüni, ahibba'i, wa-qüiü: 

Idk al-buSr5, qadimta ^alä karimin 
„Wenn mein Bett einst im Staube sein wird, 
„Und ich wohnen werde bei dem barmherzigen Herrn, 
„Dann wünschet mir Glück, meine Freunde, und sprechet: 
„Heil dirl Du bist zu einem gütigen Herrn gekommen!" 



72 Die Welt des Js/ams, Band r,. 19 lö, Heft 3J4: 

Booo«o«oo(X)oooeoeooooooo(X)oooooooooooooo( i ocx)ooooooeooooooooooooocxyxx»ooooooooooooooooooooooc)ooao^ 



DIE FRAUENFRAGE 

IM OSMANISCHEN REICHE MIT 

BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG 

DER ARBEITENDEN KLASSE . 

VON 
DR. CHARLOTTE LORENZ. 

Inhaltsübersicht. 

Seite 

I. Die Entwirklung der osmanischen Frauen frage 73 

1. Das Herauswachsen der osmanischen Frauenfrage aus politischen und wirt- 
schaftlichen Umwälzungen 73 

a) Demokratisierung der Verfassung 73 

b) Entwicklung des Nationalismus 76 

c) Kriegswirtschaftliche Wandlungen 78 

2. Die Hauptträger des Fortschrittsgedankens 79 

a) Männerwelt und Presse 79 

b) Frauenwelt, Frauenpresse, Vereinswesen 84 

3. Die Reform des Unterrichtswesens als praktischer Reform erfolg auf dem Wege 

zum Ziele 91 

II. Die gegenwärtige Lage der Frau in der Volkswirtschaft 106 

I. Die Bedeutung der Frau im Rahmen der Bevölkerungsbewegung 106 

a) Familienorganisation und Wirtschaft. Vorherrschende Eheform 106 

b) Das zahlenmäßige Verhältnis der männlichen und weiblichen Bevölkerung. 
Nachwuchs in 

c) Allgemeiner Einfluß der angeführten Tatsachen auf den Stand der Be- 
völkerungsbewegung 121 

3. Die Frauenarbeit im Dienste der Volkswirtschaft 128 

a) Friedens- und Kriegsarbeit in der Landwirtschaft und im ländlichen Neben- 
gewerbe (Ackerwirtschaft, Opiumgewinnung, Verwertung tierischer Produkte, 
Seidenzucht) 128 

b) Die Frauenarbeit in der Hausindustrie 136 

1. Häusliches Textilgewerbe 13^' 

SpinneTei und Weberei 13^ 

Bekleidungsindustrie, Strickerei, Posamentenanfertigung 143 

Tcppichkniipferei und Wirkerei (auch in ihrer Übergangsform zum 

Fabrikbetriebe) I45 

Stickerei, Nadelarbeit, Spitzcnanfertiguyg 168 

3. Wirtschaftliche Vereinsarbeil 177 

1 Herr Prof. Dr. Hartmann, dem diese Arbeit vor dem Druck vorgelegen, hatte sich zum 
Zweck etwaiger Zusätze eine genauere Durchsicht nach Herstellung des Satzes vor- 
behalten. Sein Tod hat ihn an der Ausführung dieser seiner Mitwirkung gehindert. 



IjOrenz, IHe Franenfrage im Osmanischen Reiche. y^ 

cicooeoooooooooooo«oooooooooooooooooooooooooooocx)oooooooooooooooo(x>oooooooooooooooooooooocxx>ooooeooo 

Seite 

c) Die Frauenarbeit im Handwerke i8o 

Herstellung von Fayencen, Metall- und Holzarbeiten, Orienlwaren . 1 80 

Das Handwerk der Armenierin 182 

d) Die Frauenarbeit im industriellen Großbetriebe 183 

Seidenspinnerei, Weberei 183 

Munitionsherstellung 185 

3. Die Frauenarbeit im Dienste der Kriegsfürsorge des Roten Halbmondes. 

Krankenpflege und soziale Hilfsarbeit 187 

4. Die Frau als Unterbeamtin im Staatsdienste 191 

III. Beurteilung der Frauenfrage 193 

1. Die Frauenfrage als aktuelles Problem 193 

2. Parallele zwischen der morgen- und abendländischen Frauenfrage 194 

3. Die nationalwirtschaftliche Bedeutung der Frauenarbeit 197 

a) Vom bevölkerungspolititischen Standpunkte 197 

b) Vom wirtschaftlichen Standpunkte 199 

4. Die Nationalisierung der Frauenfrage 199 

5. Weiterer Ausbau der Frauenfrage, reformprogrammatische Gedanken, religiöse 

und rechtliche Gegebenheiten 201 

6. Deutsche Kulturarbeit im Dienste der osmanischen Frauenfrage 205 



I. Die Entwicklung der osmanischen Frauenfrage. 

I. Das Herauswachsen der osmanischen Frauenfrag^e 
aus politischen und wirtschaftlichen Umwälzungfen. 

a) Demokratisierung der Verfassung. 

Wir müssen das erste ernsthafte Erwachen einer Frauenfrage in 
der Türkei in die Zeit hineinverleg-en, wo der altorientalische Ab- 
solutismus zum ersten Male energisch von Freiheitsbedürfnissen der 
Untertanen durchkreuzt wurde. Im Jahre 1839 sicherte der fort- 
schrittlich gesinnte Sultan Abdul Medschid, dessen Regierungs- 
jahren schon innere Reformen vorausgegangen waren, seinen Unter- 
tanen ohne Rücksicht auf konfessionelle Unterschiede Unantastbar- 
keit in Ehre, Besitz und Leben zu. Dieser großmütige Ausdruck 
der Toleranz hatte seinen Ursprung in einer Freiheitsströmung, 
welche mit den Ausläufern der französischen Revolution zum ersten 
Male aufklärend in die Machtsphäre sultanischer Despotie getragen 
worden war. Diese Zeit rüttelte auch zum ersten Male das Bewußt- 
sein der Frauenwelt wach, die in französischen Romanen eine von 
ihrer glühenden Phantasie verherrlichte Welt der Freiheit erträumte. 
Obwohl sogar der damalige Sultan Selim IL (1789 — ^1807) die Be- 
dürfnisse der Zeit erkannte und die Reformwünsche einsichtiger 
Männer, denen das Wohl der Frauen am Herzen lag, verstand, so 



74 '^'''> ^^W< <hs 7.<^/avi,«, Band (!. nH8, Heft Sji 

O0Cae(XX>000000000«000000CXXX>00000CXXXXXX>00000CI00(XO00C<XXX>CXXX)000^^ 

wurden jene Ideale doch nicht sogleich ihrer Verwirklichung ent- 
gegengebracht; die Nachfolger Seltms nahmen vielmehr wieder die 
alten Zügel der Despotie in die Hand. Da gelang es im Jahre 1876 
dem empörten Volke, den Tyrannen Abdul Aziz zu stürzen und 
seinen Nachfolger Abdul Hamid zur Proklamation der Verfassung 
zu bestimmen. Trotzdem aber siegte noch einmal das absolutistische 
Regiment mit seinen schlimmsten Greueln. Endlich, im Jahre igo8, 
zwang ein Gewaltakt des Volkswillens den Sultan nochmals zur 
förmlichen, schon vorher vom Volke verkündeten Proklamation der 
Verfassung. Mit diesem innerpolitischen Umstürze ging nun jene 
Ära Hand in Hand, welche auch die Frauen aus ihrer bisherigen 
Ohnmacht wachrütteln soUte. Jetzt begann in der Männerwelt die 
Überzeugung zu wurzeln, daß erst die geistige und wirtschaftliche 
Vollwertigkeit der Mütter die wahre Voraussetzung der Volks- 
gesundung sei, eine Entwicklung, welche dem Verzweiflungskampfe 
des Absolutismus schließlich ein Ende bereiten mußte. So begann 
der harte Kampf gegen traditionelle Sitten- und Rechtsbegriffe, 
welche die Frau von vornherein von jeder Erwerbsmöglichkeit aus- 
schlössen. Aber dieser Kampf zeitigte gar bald, und zwar schon 
unter dem Schreckensregimente Abdul Hamids, seine ersten Früchte. 
Der systematischen Unterdrückung des gesamten Schulwesens zum 
Trotz, in welchem der Absolutismus ein Hauptmittel zur Volksauf- 
klärung sehen mußte, konnte eine Normalschule für Lehrerinnen 
gegründet werden. Der Hauptgedanke, welcher den Sultan bei 
diesem immerhin schweren Schritte beseelte, war nicht etwa das 
Produkt uneigennütziger Menschenliebe, das Bestreben, den Unter- 
drückten damit ein weites Feld der notwendig gewordenen Erwerbs- 
arbeit zu geben; sondern der Sultan wollte mit dieser Gründung 
vielmehr ein wirksames Gegengewicht gegen den verwerflichen Ein- 
fluß ausländischer, besonders englischer und französischer Erziehe- 
rinnen bilden, welche mit der Ideenwelt westeuropäischer Kultur 
und nicht selten auch mit ihrer äußeren Erscheinung Unheü in das 
türkische Familienleben hineintrugen. Schon im Jahre igoi hatte 
Abdul Hamid durch ein besonderes Irade die Zulassung christlicher 
Erzieherinnen in den Harems verboten. Nun sollte die Einführung 
türkischer Lehrerinnen diese Gefahr beseitigen und zugleich eine 
feste Schranke zwischen westlicher Neuzeit und orientalischer Un- 
wissenheit aufrichten. Daß diese Gründung aber zugleich auch 
einem inneren Bedürfnisse entsprach, beweist der aus dem Jahre 
1909 stammende Bericht der Direktorin der amerikanischen höheren 



JLorenz, Die Franenfrage im (hmani^chen Reiche. 75 

«qeoeoooooooooooeeooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooocx)ooooooooooooooooocxxxxx3ooocxxxxxMaoooa 

Mädchenschule Mary Mill Patricks, demzufolge diese Normalschule 
-eine jährliche Abgangszahl von 60 bis 100 türkischen Lehrerinnen 
aufweist. In dieselbe Zeit fällt auch die Einführung besonderer Vor- 
lesungen für Frauen an der medizinischen Fakultät der Universität 
Konstantin opel. 

Sogar auf die Sitte des Schleierzwanges übte die innerpolitische 
Wandlung einen bezeichnenden Rückschlag. Zum ersten Male 
wagten die Frauen dieser Tradition aus eigenem Antriebe zu 
trotzen. So zeigten sich in den Tagen demokratischer Begeisterung 
dem vorüberfahrenden Sultane wohl zum allerersten Male unver- 
hüUte Frauenantlitze 1. Wenn die Frauen zwar auch an dieser 
impulsiven Regung nicht für die Folgezeit festhielten und wenn 
sich die Gesichtsvermummung nach wie vor noch im Rahmen des 
türkischen Frauenlebens behauptet, so mag dies wohl daran liegen, 
daß die P>au einmal unter diesem Zwange als alter und lieb- 
gewonnener Gewohnheit nicht leidet und wohl selbst die Gefahren, 
welche ihr bei ihrer großen Zurückhaltung aus einer so plötzlichen 
Entschleierung erwachsen würden, dunkel ahnt. Gerade diese letzte 
Konsequenz der Befreiung, so äußerlich und leicht sie dem spottenden 
Europäer erscheint, bedeutet auch für die fortschrittliche Türkin 
eine Überwindung ihrer weiblichen Scham, den letzten Bruch mit 
einem traditionellen Heüigtume. Daß die Überwindung dieser Sitte 
also lediglich an der Entschlußkraft der Frau gescheitert ist, beweist 
schon die Tatsache, daß ein im Jahre 1915 erlassenes Irade, das als 
Folgerung aus ihrer erwerbswirtschaftlichen Betätigung die Ent- 
schleierung der Frau gestattete, praktisch keinen Erfolg hatte. Auch 
muß man bedenken, daß die Ablegung des Schleiers in dem Fana- 
tismus der niederen Volksschichten einen haßerfüllten Gegner fände, 
daß, solange dieser Fanatismus von der ungebildeten Geistlichkeit 
geschürt wird, eine so offensichtliche Abkehr von Religion und 
Sitte ein ungeheures Wagnis bedeuten würde. M. E. läßt sich also 
erst, sobald man auch die breite Volksschicht für diese Reformfrage 
gewonnen hat, diese letzte Abrechnung mit der Tradition bewerk- 
stelligen. 

Die Demokratisierung in der Verfassungsentwicklung nimmt nun- 
mehr einen revolutionären Fortgang, in dessen Verlaufe sich erst 
ganz allmählich normale Reformgedanken herausschälen«. Derjuli- 

^ Vgl. Hartmann, Die Frau im Islam, S. 21. 

* Jäckh, S. 125. Vgl. auch zu diesem Kapitel: Der Kampf um die Koastitution, W. I. 
1, S. 166. 



76 • Die Welt dn /slawa, Hand H. lUtS, II^l 314 

r)C(X)O00OOOO0O0O0O000O000CXXX>00000O0000OCXXX)0O000000CXXXXXXXXXXXXXXXXX>00OCXXXX)OOO(^^ 

Revolution des Jahres 1908 folcft sehr bald die April-Reaktion des 
folgenden Jahres, welche den Jungtürken, den Vertretern des neu 
gegründeten „Komitees für Einheit und Fortschritt" die Zügel in 
die Hand gibt; doch nicht zu lange. Denn das Bewußtsein dieser, 
von Pariser Oberflächlichkeit angekränkelten Freiheitskämpfer er- 
regte beim Volke derartigen Anstoß, daß es dem Sultan mit Leich- 
tigkeit gelang, die Volksstimmung mit Hilfe der niederen Hodscha- 
Geistlichkeit gegen die jungtürkische Macht auszuspielen. Zwar ver- 
schwanden in der Tat nach diesen Intrigen die Jungtürken; aber 
die wiederum einsetzende Tyrannis des Sultans rief von neuem die 
Empörung der Militärtürken hen-or, welche im April gegen Kon- 
stantinopel marschierten und die Residenz und den Jildiz-Kiosk er- 
oberten. Ein Fetwa des Scheich ül Islam erklärt den Sultan für 
herrschaftsunwürdig und wortbrüchig und damit für abgesetzt. Seine 
Verbannung nach Saloniki besiegelt das Ende seiner Gewaltherr- 
schaft; das kaiserlich-päpstliche KaUfat, das als solches unabhängig 
von der Person des Herrschers bestehen bleibt, wird mit einem 
neuen Vertreter als Nachfolger besetzt. Die von einem jahrzehnte- 
langen Schreckensregimente befreite Türkei atmet einer freiheit- 
lichen Ära entgegen. Aber diese neue Ära stellte das von äußeren 
und inneren Kämpfen zerrissene Land vor eine Reihe Probleme, 
wie sie ein so schroffer Übergang von Despotismus zu Parlamen- 
tarismus mit sich bringen mußte. Eine Frau, welche in bescheidener 
Zurückgezogenheit ihr Leben verbrachte, mußte dem neuen jung- 
türkischen, zum Teil mit Pariser Weisheit durchsetzten Freiheits- 
ideal widersprechen; das wachsende Bedürfnis der Annäherung an 
europäische Kulturstaaten hingegen auf eine Intensivierung des 
gesamten Wirtschaftslebens hinsteuern, das eine erhöhte Bildung 
und eine regere wirtschaftliche Anteünahme der Frau voraussetzte, 

b) Entwicklung des Nationalismus. 
Diese Ideale und Ziele fanden bald ihren Niederschlag in dem 
emporstrebenden türkischen Nationalismus, welcher nach der langen 
Kette verlustreicher Kriege, die Glied für Glied vom Körper des 
türkischen Reiches getrennt hatten, nach dem plötzlichen Abfall 
der in Europa ansässigen Volkselemente, nach dem Erwachen 
nationaler Strömungen in Albanien, als große Begeisterung die 
türkische Welt durchzog. Das Bewußtsein, einerseits von den eigenen 
Landsleuten verraten, und das Gefühl andrerseits, auf das eigene 
Volkstum angewiesen zu sein, stärkte den Gedanken eines großen 



hore)iz, Dil' hrancnfrage im OsmaniscJu^ti Reiche. 7 7 

xxxxiooooooooooee0(xxxxxxxoxwooooooooooooooooooooeooooooooocxxx>oooooeoocxx)oc)O(xxx>oooc^ 

Rassenzusammenhanges unter den Angehörigen des Türkentums '. 
So entfaltete sich eine Art türkischer Irredenta, die eine gewaltige 
\'ereinigung aller rassenverwandten Elemente über die Landes- 
gTenzen hinaus bis in den russischen Kaukasus hinein erstrebte 2. 
Die Neuturaner, welche dieses nationalistische Ideal verkörpern, 
arbeiten also auf eine gewissermaßen bundesstaatliche Zusammen- 
fassung aller Nationalitäten des osmanischen Reiches hin, ohne die 
Entwicklung nationaler Eigenarten irgendwie zu hemmen, um auf 
diese Weise, also mittels der Dezentralisation der verschiedenen 
Volkselemente, die Konzentration des Türkentums in seinem Ur- 
sprungslande Turan zu neuer Kulturarbeit zu ermöglichen. Als 
Hauptvoraussetzung" zur Verwirklichung ihrer etwas utopistisch 
gefärbten Ziele haben sich nun diese Neuturaner wichtige Auf- 
gaben sozial-reformatorischer Natur, unter denen die Befreiung der 
Frau den ersten Platz einnimmt, zum Ziele gesetzt. Die Frauen, 
welche diese Neigung des Jungtürkentums mit Freuden auf- 
griften, haben sich daher gern in den Dienst nationalistischer 
Propaganda gestellt. Im Neuturanismus nimmt die Frau, welche 
zum Teil schon mutig die äußeren Konsequenzen ihrer Befreiung 
zieht und als Verkünderin nationaler Ideale frei und maskenlos in 
die Erscheinung" tritt, ihren Ursprung 2, Von dem Hauptmangel 
der türkischen Frau ausg"ehend, ist der Neuturaner in erster 
Linie bestrebt, ihre Unbildung und Weltfremdheit durch wissen- 
schaftHche Förderung zu heben; so werden im Türk Odschaghy 
(Türkischer Herd), wo sich die Nationalisten zu literarischen Vor- 
trägen zusammenfinden, an jedem Freitag Unterhaltungsabende 
für Frauen veranstaltet, in denen dieselben belehrenden Gegen- 
stände vorgeführt werden, wie zuvor in der Männerversammlung. 
Dieser Türk Odschaghy, welcher im März 1913 gegründet wurde, 
hat sich als vornehmsten Wirkungskreis folgende Ziele gesteckt: 
„Nationale Erziehung" des türkischen Volkes, des wichtig"sten Be- 

1 Der Nationalismus tritt als Ablösung des Osmanismus, der nach der Konstitution dein 
Panislamismus während des Tripoliskrieges voranging, in die Erscheinung. Vgl. Tckin 
Alp, Türkismus und Pantürkisraus. 

,2 Diese Irredanta fand u. a. ihren beredten Ausdruck in einer von Professoren der Uni- 
versität Konstantinopel unterzeichneten „Denkschrift des Komitees zum Schutze der 
Rechte der mohammedanischen türkisch-tartarischen Völker Rußlands". Aus den Dar- 
legungen geht hervor, daß diese Richtung eine Zusammenfassung der nördlichen (Ural-, 
Wolgatürken), der Krimtürkeu, Kirgisen, Turkmenen, Turkestantürken, die sich alle 
unter russischer Herrschaft befinden, erstrebt. W. I. IV, S. 33. 

3 Vgl. hierzu Halide Edib Hanum, Das neue Turan. 



78 Di' Wrlt des /s/a,ns. Band 6. l^iH. fhft 3!4 

oc«oeoooooooooea9«ooooooooooooooooooooooooooooooooeoocxxxxx)oooooooooooooooooc>oocxxxxxx>ooocxxxxx>ee^^ 

Standteils des Islamismus, Hebung seines intellektuellen, sozialen 
und ökonomischen Niveaus, Vollendung" der türkischen Sprache und 
Rasse" 1. Aber nicht allein, daß der Odschaghy den Frauen nur 
mit Anregungen und Vorträgen aufwartet, er gibt ihnen auch 
Gelegenheit, selbst rednerisch in die Öffentlichkeit zu treten, ja vor 
einem nur aus Männern bestehenden Auditorium zu sprechen, in 
welchem sogar die gestrenge Hodscha-Geisthchkeit vertreten ist. 
Noch andere Ereignisse der inneren und äußeren Politik trugen 
das ihre dazu bei, im Verlaufe der Demokratisierung das Problem 
der Frauenfrage aufzurollen, nicht zuletzt die fortwährende, durch 
ausländische Kulturarbeit in die Türkei hineingetragene Gemein- 
schaft mit dem Abendlande, die Aufklärungsarbeit französischer 
Literatur und Schulen, die Wirtschaftspropaganda Deutschlands. 

c) Kriegswirtschaftliche Wandlungen. 

Aber kein Ideal und kein Reform wünsch vermochte das Problem 
mit solcher Wucht und Schnelligkeit anzupacken, wie die durch 
die langen Kriege veränderten Wirtschaftsbedingungen, welche 
mit dem Weltkriege ihren kritischen Höhepunkt erreichten. Die 
verschiedenen Symptome der Kriegswirtschaft, wie wir sie selbst 
seit Jahren am eigenen Körper empfinden, also die Schwierigkeit 
der Lebenshaltung, das Fehlen männlicher Arbeitskraft und haus- 
väterlichen Einkommens, die Teuerungsverhältnisse usw. forderten 
von der Frau eine erhöhte wirtschafthche Leistungsfähigkeit. 
Hierzu kam noch der zu Beginn des Krieges hervorgerufene Um- 
sturz der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen der Türkei, welcher 
nach Aufhebung der Kapitulationen und mit der vertraglichen 
Festlegung der deutsch-türkischen Rechts- und Wirtschaftsbe- 
ziehungen in die Erscheinung trat. Gerade von der neuen deut- 
schen Kulturgemeinschaft mit der Türkei, welche diese Rechts- 
verträge gewährleisten sollten, wird die Zukunft, die ganze wirt- 
schafthche Gestaltung der Frauenfrage abhängen. Denn erst dieses 
Ereignis, das türkische Staatsmänner vielleicht mit Recht als das 
yornehmste Ziel dieses Krieges ansehen, verbürgt der Türkei eine, 
von fremdländischer Bevormundung freie, wirtschafthche Aufwärts- 
bewegung; andererseits verlangen die deutsch-türkischen Rechts- 
verträge eine so energische Anpassung islamischer Rechtsbegriffe 
an abendländische Grundsätze, daß die wirtschaftliche Mitarbeit der 

* Tckin AJp, Türkismus und Pantüxkismus, S. 27. 



J.orenz. Die Franfnfrage im Oamanischen Reiche. 79 

OCC0C<XXXXXX>C»0(XXX>00C»XXX)00CXXXXX)CXXXXXX)0CXXXXXX)0O0OOOOO0O000CXX>000O00O0C^^ 

Frau einerseits und die Hebung ihrer rechtlichen Stellung im 
abendländischen Sinne andererseits als unbedingte Erfordernisse 
erscheinen i. 

So stand die Frau, mit Beginn des Krieges auf sich selbst an- 
gewiesen, einer Reihe von Erwerbsmöglichkeiten gegenüber, welche^ 
ihr bisher verschlossen gewesen waren. Damit wurde ein Bedürfnis 
befriedigt, das in dem Maße, wie ihre materielle Versorgung schon 
durch die ungünstigen Scheidungsparagraphen und die Abwesenheit 
des Mannes in Frage gestellt war, immer brennender geworden 
war. Auf der anderen Seite bot der Krieg mit den Wunden des 
Schlachtfeldes und dem Elende der Zurückgebliebenen bei dem 
völligen Fehlen einer staatlich organisierten Kriegsfürsorge in der 
Türkei ein großes Feld freiwilliger weiblicher Hilfsarbeit. Außer- 
dem hatte der Krieg eine Anzahl anderer sozialer Probleme wie 
Waisenfürsorge, Kinderschutz, Witwenunterstützung usw. herauf- 
beschworen. So entwickelte sich die Soziologie als besonderes 
Lehrfach an der Universität Konstantinopel, das naturgemäß auch 
zur Frauen frage Stellung nehmen mußte. Auch der zum Türk 
Odschaghy gehörige Türk Bilgi Derneji, eine Akademie für tür- 
kische Wissenschaften, vereinigte unter seinen sechs Abteilungen 
eine Sonderabteilung für Philosophie und Soziologie (Felsefe we 
Idschtimaijat) unter dem Vorsitz vom Emrullah Effendi. 

2. Die Hauptträg^er des Fortschrittsgedankens. 

a) Männerwelt und Presse. 

Bei den soeben aufgeführten treibenden Momenten im inneren 
und äußeren politischen und Wirtschaftsleben konnte kein Zweifel 
mehr darüber bestehen, daß die jungtürkische Männerwelt zu einem 
der ■ eifrigsten Träger der neuen Reform werden mußte. Von dem 
Grundgedanken des türkischen Revolutionsdramas beseelt: „Die 
Frauen einer Nation sind der Maßstab für den Grad ihrer Gesittung" 2 
haben sie endüch eingesehen, daß eine geistig und wirtschaftlich 
hochstehende Frau der Familienwirtschaft eine wertvollere Stütze 
sein müsse, als eine weltfremde, ungebildete. So treten sie mit 
Energie für eine Europäisierung des Familienlebens und für eine 
bessere Schulung der Frau in die Schranken. Nicht allein, daß sie 
mit uralten Traditionen brechen und das System freier Entschließung 

1 Vgl. die deutsch-türkischen Rcchtsverträgc. Verl. Heymann, Berlin. 

2 Jäckh, S. 125. 



8o l>'n- 11',// (Irs lsl,in,>. lüiuil ij. liilH, Ihfl 314 

K«oeocooo(xxx»eo«oooooc)ooooooooooooooooooeoooooooeocxx)oooocx»oooooocxxxxxxxxx>x^ 

zur Ehe durch die Möglichkeit geselHgen Verkehrs anbahnen 
wollen, sind sie auch ernstlich bemüht, die mit europäischen Be- 
griffen nicht zu vereinbarende Unbildung ihrer Frauen durch eigene 
Unterweisung auszugleichen, !^o hilft der moderne Ehemann, wo 
es not tut, heute dem Mangel an elementarstem Können seiner 
Frau durch Lese- und Schreibunterricht nach. Auch die Aus- 
gänge der Eheleute stehen seit jüngster Zeit nicht mehr allzu 
streng unter dem Zwange der Trennung, so daß man bisweilen 
schon heute gemeinsame Spaziergänge und Einkäufe unternimmt 
und, entgegen dem, was behauptet worden ist, selbst das gemein- 
same Betreten der Galata-Brücke nicht mehr in den Bereich der 
Unmöglichkeit gehört. 

Es ist nun nicht uninteressant, einmal festzustellen, wie hoch- 
stehende, auch in Deutschland bekannte türkische Persönüchkeiten 
dem neuen Zuge der Zeit geg-enüb erstehen und wie die Presse die 
Stellungnahme solcher Männer widerspiegelt. Nach allem, was man 
von den Ansichten türkischer Staatsmänner und Literaten, sowie 
hier in Deutschland lebender türkischer Persönlichkeiten über 
diesen Punkt hört, scheint es heute wie eine gewisse Beschämung 
über die Rückständigkeit und Unterdrückung ihrer Frauen auf 
ihnen zu lasten. Dann aber fehlt es auch nicht an entschlossenen 
Bekennern der Wahrheit, welche mit der ganzen Energie ihres 
Wirkens für eine schnelle und gründliche Umgestaltung eintreten. 

Der türkische Generalissimus Enwer Pascha, mit dessen Namen 
sich heute das Wohl und Wehe der ganzen Türkei verknüpft, 
gehört durchaus nicht zu jenen Enthusiasten des Türkentums, 
welche die Überlieferung mit Gewaltstreichen ausrotten und die 
ungebildeten Schichten mit ihrem Umstürzlertume beglücken wollen. 
Ernst und maßvoll ist er von der Gewißheit durchdrungen, daß 
gerade die deutsche Geisteskultur auf die türkische Gedankenwelt 
ausstrahlen und auf die Umgestaltung türkischen h'rauenlebens 
günstig einwirken werde. Wenn auch die deutsche Ideenwelt dem 
türkischen Vorstellungsvermögen fremder ist, so wird doch ihr 
Einfluß, dort, wo sie einmal erfaßt ist, vertiefender und veredelnder 
wirken, das türkische Volkstum mit seiner gesunden Gründlichkeit 
durchdringen und es so allmählich von den Zwangsvorstellungen 
verflachender und sinnfälliger französischer Romanliteratur befreien. 
Gerade die französische Literatur hat die modernen Reformwünsche 
der türkischen Frauenwelt in eine so abenteuerhungrige und 
revolutionäre Richtung getrieben, daß die Würdigung deutschen 



Lorenz, IJie Fninenfrage im Osvia7iische7i Beiclie. 8l 

Geisteseinflusses von Seiten einer führenden Persönlichkeit nicht zu 
unterschätzen ist. 

Einen bedeutenden Förderer hat die türkische Frauen frage in 
dem jetzigen Unterrichts- und Postminister Schükri Bej gefunden, 
der auf einer im Juni dieses Jahres (1917) unternommenen Studien- 
reise nach Deutschland wertvolle Anregungen für die Umgestaltung 
des türkischen Mädchenschulwesens fand. Besonders die Organisation 
des Lettehauses, das er während seiner Berhner Studien kennen 
lernte, sollte ihm, wie er sich seinerzeit schon äußerte, in dieser 
Hinsicht als Vorbild dienen. Heute haben sich seine Reformpläne 
zum Teil schon in einem nach diesem deutschen Muster organisierten 
türkischen Lettehause in die Tat umgesetzt. Diesem schenkt auch 
das Ewkaf-Ministerium sein lebhaftes Interesse, indem es für sein 
materielles Fortkommen sorgt. 

Dschemal Pascha, der als Kommandant des vierten osmanischen 
Armeekorps auch in Deutschland bekannt sein dürfte, hat sich 
gleichfalls besonders die Förderung des weibhchen Kunstgewerbes 
zur Aufgabe gemacht. Er ist der Begründer einer erst kürzlich 
eröffneten Teppichwirkschule in Damaskus. Seinem Organisations- 
bhck ist auch die miHtärische Heranziehung von Frauen im land- 
wirtschaftlichen Betriebe zu danken. 

Zu den aufgeklärten Geistern der jungen Türkei, welche die 
religiösen und kulturellen Gegensätze zwischen Christentum und 
Islam mit gesundem Idealismus überbrücken wollen, gehört Mahmud 
Mukhtar Pascha, welcher von 1913 — 15 als türkischer Botschafter 
in Berlin tätig war und als Führer der türkischen Militä^artei 
bekannt ist. Er ist der Sohn des Eroberers von Jemen, Achmed 
Mukhtar Pascha, und war selbst als aktiver General im Balkan- 
kriege tätig. Sein Hauptwerk: „Die Welt des Islam im Lichte 
des Korans und der Hadith" zeigt „die abgeklärte reife Welt- 
anschauung, die wir bei den Mystikern des Islams fanden", wie es 
in der Kritik von Professor Hartmann heißt 1. In diesem Buche, 
dessen Daseinszweck es ist, das Mißverhältnis zwischen Religion 
und äußerem Kirchentum zu überbrücken, findet sich neben Kapiteln 
über die Mission des Propheten, die Duldsamkeit des Islam usw. 
auch eine kurze Darlegung der islamischen Frauenrechte mit 
Quellenangaben 2j welche sich freilich von einer gewissen Schön- 
färberei nicht freimachen kann. So fehlen u. a. die schwer- 

1 Vgl. w. I. IV, s. 123. 

2 a. a. O. S. 113. 



82 Die Welt des Jdam^. Bnmi H. 1918, lieft 3j4 

«»oeotxxxxxxxaeeeoooooooooooooooooocaoooooooooooooooooooocxxxxxxxwooooooooocxxxxxxxxxxa^^ 

wiegenden Scheidiing-sparagraphen vollständig. Doch verrät schon 
seine idealistische, tolerante Auffassung von der Gemeinschaft aller 
Religionen, und die Achtung, welche er der Frau als solcher zollt, 
ihn als Vertreter der Moderne und damit als Freund des türkischen 
Frauenproblems überhaupt i. 

Als sehr energische Vertreter türkischer Frauenrechte treten 
besonders zwei Literaten in die Erscheinung: Dschelal Sahir und 
Dschelal Nuri. Der erstere, Dschelal Sahir, der als Lehrer für Stil 
und schöne Literatur am internen Gymnasium von Stambul tätig 
ist, trat seinerzeit als Herausgeber der türkischen Frauenzeitung 
Demet, einer illustrierten Wochenschrift, hervor, welche aber aus 
Mangel an Geldmitteln eingehen mußte. Aus seiner Feder stammt 
ein Artikel: „Die Wahrung der Frauenrechte" und ein kleines Prosa- 
stück: „Unter jungen Mädchen", welches die Gründerinnen des 
Rotweißen Clubs in Salonik (dieser Club wurde 1907 gegründet), 
darstellt. Dschelal Nuri, der frühere Chefredakteur des Jeune Türe, 
ein junger, nationalistischer Schriftsteller, welcher als fesselnder 
Plauderer beliebt ist, tritt für die Frauen mit dem energischen 
Worte ein: „Eine Gesellschaft ohne Frau ist wie ein Mann ohne 
Seele und Zunge." Auch er ist ein entschiedener Gegner des 

1 Aus der Fülle der Literaten, welche sich mit der Feder aufs eifrigste für die neue Zeit- 
frage ins Mittel legen, kann ich hier natürlich nur einige wenige herausgreifen. D» 
sind vor allem die zahlreichen Vertreter des Nationalismus, wie z. B. Tekin Alp, welcher 
als Mitarbeiter der Bilgi Medschmuasy (wissenschaftliche Zeitschrift), der Wochenschrift 
Idschtihad und der Tageszeitung Turan als Vertreter nationalistischer Ideen wirkt, zu 
nennen. Aber auch als bedeutende Wissenschaftler finden wir die Nationalisten in den 
verscljiedenen Abteilungen des Türk-Odschaghy : so in der Abteilung für Türkologie den 
bekannten Geschichtsschreiber Brusali Tahir Bej, in der Abteilung für Islamkunde den 
großen Philosophen Riza Tewfiq Bej und den Theologen Scheich Mahmud, in der Ab- 
teilung für Biologische Wissenschaft bedeutende Mediziner und in der Abteilung für 
Philosophie und Soziologie den früheren Finanzminister Dschavid Bej, Lutfi Fikri Bej 
usw. als Vertreter des modernen Nationalismus und damit als Freunde der Frauen- 
bewegung. 

Unter den Soziologen der Stambuler Universität kommt noch außer den Genannten 
der Dozent Ahmed Emin Bej in Betracht, der Begründer einer Gesellschaft füi 
Kinderschutz, welcher mit vollem Nachdruck auf die inneren Schäden des türkischen 
Familienlebens, einer Folge der fehlenden Familientradition hinweist. Ein anderer 
Professor der Soziologie an der Universität, den die Zeitung Hilal (Halbmond) „den 
berufenen Apostel der nationalistischen Schule" nennt, ist Zia Gök Alp, ein Mitglied 
des Zentralkomitees für Einheit und Fortschritt. Sein romantisches Werk, Kizil Elma 
(roter Apfel), welches das Land der Neuturancr verherrlicht, also eine Ausgestaltung 
des nationalistischen Gedankens bildet, setzt sich für die neuen Rassen- und Kulturziele 
der aufstrebenden Türkei mit besonderem Nachdruck ein. 



J.orenz, Die Fraitenfra</e im Osmanischen Reiche. 83 

ecoo<x)oociooooooooooooooooooc)ooooooooooooooooooc)0000ooooooooooooooooooooooooooooooooooocxxxxxxxx3ee>oooa 

französischen Literatureinflusses, der lediglich den gebildeten 
Schichten zugute komme, und damit die Kluft zwischen ihnen und 
dem Volk nur noch mehr vergrößere. Dieser Schaden macht sich 
bei dem Fehlen eines gesunden Mittelstandes besonders empfindlich 
bemerkbar. Daher sieht auch er in der Schaffung eines solchen 
die notwendige Voraussetzung für die Lösung der Frauenfrage.- 
Eine wirksame Beeinflussung reformatorischer Art verspricht auch 
er sich von der deutschen und amerikanischen Kultur. Sehr be- 
zeichnend ist seine Stellungnahme zur Tradition, deren Wesen er 
fein damit definiert, daß man nicht in den Fehler verfallen dürfe, 
geschichtliche Überlieferungen mit lebendiger Überlieferung zu 
verwechseln, ohne welche überhaupt keine Nation bestehen könne. 
In einem Artikel über Individualismus und Kollektivismus betont 
er, daß infolge des Weltkrieges die wirtschaftlichen und ästheti- 
schen Grundlagen des Familienlebens erschüttert seien und damit 
eine Reform unbedingt notwendig geworden sei. 

Als pädagogischen Reformator möchte ich hier den Hodscha 
Ahmed Edib, den früheren Leiter einer Mädchenschule in Stambul 
und Begründer des Wissenschaftsheimes (Bügi Jurdu), erwähnen. 
Nachdem er einen hohen Posten im Unterrichtsministerium be- 
kleidet hatte, zog er sich zurück, um ganz der Verwirklichung 
seiner Ideen leben zu können. Diese hat er in einer Schrift: 
„Das Schulmuseum" niederg'elegt. Er ist der Herausgeber des 
Organes des Wissenschaftsheimes (Licht des Wissenschaftsheimes). 
Weiterhin gehört hierher der bekannte Schulmann Husein Raghib 
Bej, welcher im Tanin vom Juli bis September 1917 ein aus- 
führliches Programm des Mädchenschulwesens wie auch des Frauen- 
studiums entwirft. 

Auch des beliebten türkischen Vaterlandsdichters, Mehmed Emin, 
des früheren Steuerdirektors in Trapezunt, welcher in Konstantinopel 
eifrig für das nationalistische Ideal propagierte, und durch seine 
Oden an Columbus, Guttenberg und Luther bekannt ist, müssen 
wii- in diesem Zusammenhang gedenken 1. 

^ Überhaupt wären in diesem Rahmen noch die zahlreichen türkischen Gelehrten und 
Schriftsteller zu erwähnen, die an Ort und Stelle mit der deutschen Wirtschafts- und 
Geisteskultur vertraut geworden, ihre Erfahrungen als wertvolles Kulturgut in ihr 
Vaterland zurücktragen und somit einen wichtigen Grundstein zur Verwirklichung jimger 
Reformbestrebungen legen; hier nenne ich den früheren Minister Mehmed Dschelal 
Bej, dessen in deutscher und türkischer Sprache erschienenes Buch : „Reiseeindrücke 
in Deutschland" sich mit Energie für die Förderung der deutsch-türkischen Wirtschafts- 

Die Welt des Islams, Band 6. 6 



84 T>ir Wrlt (h's fs/aiNs, H„u,l 6. 19ls, Heft .'Üi 

b) Frauenwelt, Frauenpresse, Vereinswesen. 

Angesichts dieser energischen Vorkämpfer für ihre Rechte durfte 
es auch den Frauen nicht mehr allzu schwer fallen, mit ihren Wünschen 
in die breite Öffentlichkeit zu tretend Während die Schriftstelle- 
rinnen 2 Fatme Alije Hanym, Senije Hanym und Niguar Hanym 
als die Hauptvertreterinnen der älteren Richtung zu nennen sind, 
tritt unter den Neueren als die bedeutendste Vorkämpferin die 
energische Persönhchkeit einer Frau hervor, deren Schriftstellerruf 
auch bereits über die Grenze ihres Vaterlandes hinaus Anerkennung 
gefunden hat: Hahde Edib Hanym. Gerade ihrer gründhchen 
Schulbildung, welche sie im amerikanischen College in Skutari genoß, 
danken ihre Zeitgenossen die Einsicht, Mäßigkeit und Gründlichkeit, 
die sie mit ihrer ganzen Leidenschaftlichkeit für ihre Schwestern 
einsetzt Ihr erstes öffentliches Auftreten fällt in die Zeit der ersten 
Verfassungskämpfe 1908, wo sie die unter Mahmud Schewket 
Pascha, dem damaligen Führer der MiHtärpartei, einmarschierenden 
siegreichen Verfassungstruppen durch einen poetischen „Gruß des 
Sultans Osman" vom Bergsee des Olympos aus begrüßte. Ihr 
nationalistisches Ideal spricht sie in den Worten aus: „Was ich am 
meisten wünsche, ist, alle Türken der Vv^elt in politischer und 

beziehungen einsetzt; Habib Edib, den Verfasser einer türkischen Grammatik, welcher 
hier als Mitarbeiter der Zeitschrift: ,,Die Islamische Welt" wichtige Aufklärungsarbeit 
über die türkischen Frauen leistet u. a. m. 

Da die nationalistische Partei mit ihrem modernen Frauenideal heute die führende 
Rolle in der Türkei spielt, so bietet uns naturgemäß auch fast die gesarate türkische 
Tresse das getreue Abbild des neuen Zeitgeistes. Gegenüber dem antifeministischen 
Tassfir-i-Efkjar, dem Organ der alten, jungtürkischen Partei, welche in dem Osmanismus 
ihr Vaterlandsideal verwirklicht sah, erweisen sich der jungtürkische Jeni-Medschmuha, 
eine Zeitschrift, welche von den früheren Herausgebern des pensee turque verlegt wird 
und bedeutende Gelehrte zu ihren Mitarbeitern zählt, sowie fast sämtliche größeren 
türkischen Tageszeitungen wie der Tanin, dessen Direktor Husein Dschavid Bej ist, 
der Servet-i-Fünun (Reichtum an Wiesen), der Sabah (Morgen), die volkswirtschaftliche 
Zeitung Iktisadijat Medschmuasy usw. als Freunde der Frauenfrage. Besonders sehen 
natürlich die nationalistischen Zeitungen wie das Organ der Akademie der Wissen- 
schaften, der Bilgi dernegi, Bilgi medschmuasy unter dem Patronat des Zentralkomitees 
für Einheit und Fortschritt, eine sehr gut ausgestattete umfangreiche MonatSBchrifl, die 
Wochenschrift Idsrhtihad, die Tageszeitung Turan, der Türk Jurdu (Türkisches Heim), 
der für das nationale Osmanly-Türkisch eintritt, ebenso wie die Organe des Komitees 
für Einheit und Fortschritt, der Osmanly, der Genc;ve und der Hilal in der VerUetung 
weiblicher Rechte eine ihrer vornehmsten Kulturaufgaben. 

1 Vgl. hierzu Hartmann, Die türkische Frau. In: W. I. II, S. 15. 

2 Vgl. W. 1. III, S. 139. 



J^orenz, 1 He Frauenfragf. im Osmanisclien I^iddie. 85 

kultureller Beziehung mächtig und unabhängig zu sehen." ^ Ihr 
erstes rednerisches Auftreten fällt in die Zeit des Balkankrieges, 
wo sie in einer Versammlung ihren Genossinnen die Ziele des neuen 
Turan, dem ihre unermüdliche Arbeit galt, vor Augen führt. 

Ihre literarische Tätigkeit ist äußerst vielseitig. Sie ist die Mit- 
arbeiterin verschiedener nationalistischer Blätter, sowie des jung- 
türkischen frauenfreundlichen Tanin; sie hat Wildes Salome ins 
Türkische übersetzt (eine Szene wurde im Tanin veröffentlicht 2) und 
sich damit als Freundin deutscher Geisteskultur bekundet, welcher 
sie auch durch Erlernung der deutschen Sprache nähergetreten ist. 
Ihr eigentliches Lebenswerk aber gilt der Hebung der türkischen 
Mädchenbildung als wichtigster Grundlage zur Befreiung der Frau. 
Unermüdlich hat sie ihre ganze Kraft für die Lösung dieser schwierigen 
Aufgabe einzusetzen verstanden und das Verständnis für ihre Not- 
wendigkeit zu beweisen gewußt. Dem Türk Jurdu vom 19. August 
1917 zufolge, welcher eine Unterredung zwischen Kasim Schinasi 
und ihr darstellt, sieht Hahde ihre Aufgabe jetzt darin, die durch 
Aufhebung der französischen Schulen entstandene Lücke wieder 
auszufüllen; da die französischen Schulbestrebungen vor allem die 
Knaben erfaßten und die Bildung der Mädchen für das Leben und 
die Heirat vernachlässigten, mußte hierin ein gründlicher Wandel 
geschaffen werden. Als Generalinspektorin der Mädchenschulen 
war Halide im Jahre 1917 von der Regierung aus zur Verwirk- 
lichung ihrer Reformgedanken nach Syrien geschickt worden. Der 
Kern ihres syrischen Erziehungsprogrammes war der, einmal den 
syrischen Mädchen eine bessere Büdung zuteil werden zu lassen, 
sie ferner mit der türkischen Kultur vertraut zu machen und in 
ihnen das Bewußtsein der Gemeinsamkeit zu wecken. Dieses 
Reformprogramm hat seitens der Regierung, der sie es vorlegte, 
völlige Anerkennung erfahren. 

Ihre ganze Leidenschaftlichkeit und Größe offenbart sich aber 
besonders in ihrem politischen Roman „Das neue Turan" (im Jahre 
1910 erschienen), der auch als Bestandteil der deutschen Orient- 
bücherei einen bleibenden Platz gewonnen hat 3. In der Gestalt 
Kajas, welche ihrem und ihres Geliebten Vaterlandsideale nach hartem 
Kampfe ihre Lebenslust zum Opfer bringt, in dem rastlosen, selbst- 
losen Wirken dieser Frau für Jugenderziehung, Frauenbildung und 

1 Tekin Alp, S. 12. 

2 Noüz in: W. L IV, S. 60. 

• Besprechung in: W. I. IV, S. 125. 



86 l>ie W,lt dfs Islam.«, Band 6'. 19iS, Heft Sji 

Befreiung, hat die Dichterin ein getreues Abbild ihrer selbst 
geschaffen, wie sie es dem Herausgeber dieses Romans, Dr. 
F. Schrader, gestanden hat. Ihre Hterarische Bedeutung liegt in 
der feinen Charakteristik der türkischen Frauenseele, die sie be- 
sonders in den Romanen Handan, einer Erzählung in Briefen, und 
Sewieh Tanib meistert, obwohl sie — bereits zum zweiten Male — 
verheiratet ist, wirkt sie doch noch ebenso unermüdlich für ihr 
turanisches Freiheitsideal und als Leiterin des türkischen Lehrerinnen- 
seminars in Konstantinopel und Beirut an Frauenbildung und Er- 
ziehung weiter. Auch die Kindererziehung bildet eine ihrer Haupt- 
aufgaben. So veranstaltete sie im März 1916 (einer Mitteilung 
des Osmanischen Lloyd zufolge) im Türk Odschaghy eine Kinder- 
aufführung ihres dreiaktigen Schauspiels „Die Hirten von Kanaan" 
und erregte damit großen Beifall. Im Türk Jurdu vom 17. Sep- 
tember 1917 schildert Ruschen Eschref einen Besuch bei Halide 
in ihrem eigenen Heime, wo sie ihm wertvoUe Aufschlüsse über 
ihre bisherige literarische Tätigkeit gibt. 

Der Haupt Wirkungskreis der türkischen Frauenrechtlerinnen ist 
naturgemäß das Schriftstellertum. So verknüpft sich mit dem Namen 
einer Reihe moderner Dichterinnen und Schriftstellerinnen auch 
das Ideal der ]^>auenbefreiung. Besonderen Nachhall hat das 
deutsche Geistesleben und die deutsche Siegesstärke in der Dichterin 
Ihsan Ralf wachgerufen, welche ihr Gedichtwerk „Tränen" der 
Gesellschaft für Islamkunde mit den Worten widmet: „Verehrungs- 
voller Gruß einer türkischen Frau an die deutsche Nation aus 
glorreichem, siegreichem Blutkampfe heraus." Auch diese Frau 
sieht die moderne osmanische Frauenbewegung durch das solide 
ruhige deutsche Vorbild vorgezeichnet. Weiter möchte ich hier 
die Dichterinnen Mihri Nisa, die sich besonderer allgemeiner Beliebt- 
heit erfreut, Güside Sabri, in deren Dichtungen die Weltschmerz- 
lichkeit der jüngeren Literaturrichtung zum Ausdruck kommt ^ 
^Ulwije Hanum, die ihren Genossinnen das zuversichtliche „Unser 
Land wird leben" zuruft, Jaschar Nesike, deren Bild sich in der 
illustrierten Frauenzeitung findet, HaUde Salih, deren hterarischer 
Ruf durch „Zerstörte HeiHgtümer", Gedichte in Prosa, Erzählungen 
u. a. m. begründet wurde, nennen. Besonders interessiert an dieser 
Stelle durch Aufstellung positiver Reformforderungen eine Frau, 
welche nach Ansicht Hartmanns der panislamisch - türkischen 
Richtung angehört: Fatme Mükerrem Hanum i; ihr Artikel über 

1 Ilartmann, Die türkische Frau. In: W. I. II, S. 15 ff. 



TjOrenz. Die Fraiieiifra<i(' i'n O'^nuniüchen Rnchc. 87 

die Lebensfrage der Frau ist uns auf dem Umwege über England, 
wohin er auf Veranlassung des Generalleutnants Imhoff Pascha 
durch den Sohn des osmanischen Botschafters in London gerichtet 
wurde, bekannt geworden. Sein Inhalt befaßt sich erstens mit der 
Mädchenerziehung, zweitens der Verheiratung, drittens der Sorge 
lür die Verheiratete, Dem Mangel an Lehrkräften und Lehrstoff 
wünscht die Verfasserin durch Unterweisung Befähigter in Europa 
Abhüfe zu verschaffen. Was die Verheiratung anbelangt, so sieht 
sie das heilsamste Mittel zum Zweck, an Stelle der so sehr 
als Bevormundung empfundenen Brautschau, im Heiratsbureau, 
einer Einrichtung, die zwar für europäische Begriffe verwerflich 
erscheint, bei dem gänzlichen Mangel geselliger Annäherung in der 
Türkei aber zunächst als ein Übergangsstadium dem unwürdigen 
Treiben der Görüdschüs (Brautschauerinnen) entschieden vorzuziehen 
ist. Am schwersten erscheint die Lösung der dritten Reformfrage, 
da es hier ein Äquivalent für den fehlenden Rechtsschutz gegen 
willkürliche Entlassung durch den Ehemann zu finden gilt. Die 
energische Forderung, die Weltfremdheit der Frau durch Hebung 
ihrer Büdung mit Vorträgen wissenschaftlicher Art zu überbrücken, 
mochte gewiß ihren moralischen und geistigen Halt gegen solche 
unerwarteten Schicksalsschläge stärken. Dann aber mußte die Er- 
öffnung von Erwerbsmöglichkeiten ihr die Gelegenheit geben, sich 
von der materiellen Abhängigkeit von ihrem Manne frei zu machen. 
Diesem Bedürfnis soll die Eröffnung von Handwerkerschulen, be- 
sonders für verstoßene Frauen, dienen. Auch verdient der Vorschlag, 
Frauen als Reiseinspektorinnen, besser gesagt, reisende Inspektor- 
innen, welche die Ermittlung schütz- und unterstützung'sbedürftiger 
armer Familien in allen Landesteilen übernehmen sollen, entschieden 
Beachtung. Zeugt er doch deutlich für das Verständnis, welches 
Fatme und mit ihr die modernen Frauen dem Mangel an sozialer 
Hilfsarbeit entgegenbringt (W. L). Freüich verhehlt sie sich in 
diesem Programm durchaus nicht die materiellen Schwierigkeiten, 
welche seiner Verwirklichung entgegenstehen, da von selten der 
Regierung als konservativen Faktors in absehbarer Zeit keine 
finanzielle Unterstützung zu erwarten sein werde. 

Wie groß der Einfluß ihrer Ideenwelt auf die Modernisierung der 
öffentlichen Meinung gewirkt hat, geht daraus hervor, daß ihr 
Programmentwurf schon heute in der Eröffnung von Frauenkursen 
an der Universität Stambul, welche viermal wöchentlich stattfinden, 
seine Verwirklichung gefunden hat. 



88 [>ie Wt'h dm hJams, Band S. 1918, Heft 3,i 

tm)cmooocxxxxx3ooomxx)ooocoocococxxxxxotxocxx^ 

Unter den Frauen, an deren Namen sich diejenigen berühmter 
Persönlichkeiten knüpfen, ragen Fatme Alie, die Tochter des Schrift- 
stellers Dschewdet Pascha, Neimed Hanum, die Frau des früheren 
Großvesirs Ghazi Ahmed Mukhtar Pascha, die Prinzessin Hairie ben 
Aiad 1 und Nadschie Sultane, die Gemahlin Enwer Paschas, als sehr 
energische Vertreterinnen neuzeitlicher Frauenrechte hervor. 

Die Tatsache nun, daß bereits mehrere Zeitungen als Interpreten 
der freiheitsdurstigen Frauen sich durchzusetzen vermochten, wirft 
ein deutliches Schlaglicht auf den Siegeszug der Moderne. Gerade 
dadurch, daß die Frauenbewegung zunächst aus der Einsicht der 
Männer herauswuchs, durch physische Notwendigkeiten im Volks- 
wirtschaftsleben vorwärts gedrängt wurde und sich damit auf die 
ideelle Gemeinschaftlichkeit beider Geschlechter stützt, ist ihr, äußer- 
lich wenigstens, ein kampfloser Weg vorgezeichnet. Schon seit 
mehreren Jahren erscheint in Konstantinopel eine Frauenzeitung, 
Qadynlar Dünjasy (Frauenwelt), ursprünglich als Tageszeitung, heute 
als illustriertes Wochenblatt, als dessen Konzessionärin und Haupt- 
redakteur eine Frau namens Nurije Ulwije Hanum fungiert, und in 
deren Redaktion zwölf Damen beschäftigt sind. Ihr Hauptziel richtet 
sich auf die Verteidigung der Frauenrechte unter scharfer Betonung 
der im Koran zu ihren Gunsten sprechenden Satzungen; und zwar 
wiU sie diese Rechte hauptsächlich in Verbindung mit den haus- 
fraulichen und erzieherischen Pflichten der Frau gewahrt wissen. 
Sie war von Seiten einflußreicher ausländischer, auch deutscher 
Damen eifrig gefördert worden und enthält neben zahlreichen Ab- 
bildungen alles, was in der gesamten islamischen Welt auf dem 
Gebiete der Frauenfrage an Neuerungen und Reformwünschen zu 
verzeichnen ist. Dieses Organ steht auch im Dienste des Osmanly 
Müdafa-i-Huquqy Niswan Dchemieti, des „Komitees für die Ver- 
teidigung der Rechte der türkischen Frau". 

Um die Tendenzen der modernen Frau noch genauer zu ver- 
stehen, müssen wir einen kurzen Blick auf den gesellschaftlichen 
und vereinsorganisatorischen Zusammenschluß der osmanischen 
Frauen werfen, in welchem die jeweiligen Bedürfnisse ihren Nieder- 
schlag fanden. 

Am 22,. September 1908 wurde in Salonik die Gründung des 
bereits erwähnten rot-weißen Damenklubs voUzogen. Damit gingen 
dir Türkinnen der europäischen Türkei, welche im allgemeinen, in- 

1 Prinzessin Hairie ben Aiad ist durch eine Schrift „Die türkische Frau, ihr soziale» 
Leben und der Harem" bekannt. 



Lorenz, Die Frmtenfmge im Osmanischen Reiche. 89 

aoeO€IOOOOOOO<X>30eaOOOOOOOCX30000COOOOOOCCOOOOOOOOOCXXXXX)CXXXXXX«30000000(XCOOO^^ 

folge der engeren Kulturgemeinschaft mit Europa, als die fortschritt- 
licheren Elemente innerhalb der türkischen Frauenwelt galten, ihren: 
klein-asiatischen Genossinnen mit dem ersten Beispiele voran. In 
die Zeit des Tripoliskrieges durfte die Frauenwelt des modernen 
Pera an die Gründung eines türkischen Frauenklubs in dem be- 
rühmten Hotel Tokatlian denken. Dieses Ereignis zog die Auf- 
merksamkeit der Gesellschaft in dem Maße auf sich, daß sogar die 
amerikanische Botschaft für die Damen dieses Klubs einen Empfang 
veranstaltete, eine Tatsache, die um so mehr Beachtung verdient, als 
hier das erstmalige Zusammentreffen türkischer Frauen mit fremder 
Herrenwelt einen großen Wendepunkt für ihre bisherige vöUige 
Abschließung bedeuten mußte. 

Mit positiven Reformtendenzen treten folgende Vereinsorgani- 
sationen, welche zum Wohl der Frauen ins Leben gerufen wurden, 
hervor 1 : 

1. Die von HaUde Edib Hanum geleitete „Gesellschaft zur Hebung 
der Frauen" (Teali-i-Niswan Dschemieti), deren Mitglieder sich zum 
größten Teil aus sehr idealistisch veranlagten Lehrerinnen an 
türkischen Mädchenschulen, deren Wirksamkeit oft ohne materiellen 
Lohn blieb, zusammensetzen. Das Augenmerk dieser Frauen ist 
besonders auf Aufklärungsarbeit an der einfachen Mohammedanerin 
gerichtet. Die Auswahl geeigneten Lesestoffes, Vorträge, besonders 
geschichtlichen Inhaltes,Veranstaltungen religiös-patriotischer Feiern, 
sollen die wißbegierige Frau aus ihrem bisherigen geistigen Zustande 
emporheben und ihre Hilflosigkeit gegenüber modernen Weltan- 
schauungen überwinden. 

2. Eine andere osmanische Frauengesellschaft (Osmanly Qadynlaryn 
Thchemieti-i-HairiesT/), die sich das Mädchenbüdungswesen zur Haupt- 
aufgabe gemacht hat, ist durch die Schöpfung einer nationalen 
Mädchenschule, welche in einem Vororte Konstantinopels, Nischan- 
tasch, im Oktober 1913 feierUch eröffnet wurde, hervorgetreten. 

3. Besonders fruchtbar sind die Bestrebungen des „Komitees für 
die Verteidigung der Rechte der türkischen Frau" 2, welches von 
EUwie Mewlan Hanum gegründet wurde, als dessen Organ, wie 
bereits hervorgehoben, „die Frauenwelt" erscheint. Der Hauptzweck 
dieses Komitees ist auf Erziehung der muslimischen Frau zur Arbeit 
und persönlichen Freiheit gerichtet. Der praktische Reformsinn 

1 Vgl. zu diesem Kapitel: Türkische Fräuenvereine, W. 1. 1, S. 222 und: Türkische Frauen- 

gesellschaften W. I. II, S. 20. 
* Osmanly müdafa-i-hukuky-nisvian dschemiety. 



oo THe Welt des Jslams, Band 6. 19 is. Heft 3j4 

OOOOeOCIOOOOOOOOOC*OOOOOOC«XXXXXXXXXXXIOC)CXXXXXXXXXKXXXXXXIC»(X»OOOOOCXXXX)OC)00^ 

seiner Mitglieder setzte sich in eine sehr energische und für moham- 
medanisch-türkische Begriffe staunenswerte Tat um: Dank den Be- 
mühungen der Zeitung „Frauenwelt" fand ein muselmanisches 
Mädchen zum ersten Male eine Anstellung bei der Konstantinopeler 
Telefongesellschaft und damit in einem öffentlichen Betriebe. Wie 
sehr dieses Komitee den Erfordernissen seiner Zeit Rechnung trägt, 
geht daraus hervor, daß es aus eigenem Antriebe eine Geldsamm- 
lung für einen türkischen Aroplan veranstaltete, der als Stiftung 
der osmanischen Frauen für die türkische Armee schon durch seinen 
Namen Qadynlar Dünjasy (PYauenwelt) energisch an das Vorhanden- 
sein dieser segensreichen Einrichtung gemahnen soll. 

Den Bedürfnissen der veränderten Wirtschaftslage kommt eine 
sehr bemerkenswerte Neugründung entgegen, welche unter dem 
Patronat der Prinzessin Nadschie Sultane, der GemahHn Enwer 
Paschas, ins Leben gerufen ist. Es ist die „islamische Gesellschaft 
zur Förderung der Frauenarbeit", welche Tausenden von Frauen 
Arbeitsmöglichkeiten verschafft hat^. Das vom Q.Juni 1916 (27. 5. 
1332) datierte Statut des Vereins hat vom Ministerium des Innern 
seine Bestätigung erfahren und ist von Salah Dschimdscha, dem 
Abgeordneten für Stambul, Ali Riza, dem Generalstaatssekretär 
des Kriegsministeriums und zwei Rechtsanwälten unterzeichnet. 
Gerade diese Tatsache liefert wieder den treffenden Beweis für die 
Zielsicherheit der neuen Arbeitsbedürfnisse der Frau, welche von 
Seiten bedeutender Staatsmänner anerkannt und gefördert werden. 
Abgesehen von der wirtschaftlichen Nutzbarmachung der vielen 
brachliegenden Frauenkräfte hat sich der Verein auch energisch 
bemüht, den Frauen in die verschiedensten Zweige der öffentlichen 
Verwaltung Eingang zu schaffen. 

Neben dem Frauenarbeitsverein treten aber noch eine Reihe 
anderer Vereinsorganisationen in die Erscheinung, welche den Schwer- 
punkt ihres Programmes gleich diesem auf die Konzentration der 
Frauenarbeit im Dienste gewerblichen Fortschrittes und sozialer 
Fürsorge legen: der Esirkeme Derneji und der Zianet einerseits, 
der Rote Halbmond andererseits. Von ihrem Wirkungskreise und 
Erfolge wird noch im volkswirtschaftlichen Zusammenhange die 
Rede sein. 

Wir sehen, daß dem Zusammenschluß der Frauen zur Wahrung 
ihrer Interessen durchaus maßvolle, ja konservativistische Be- 

1 Laut einer Nummer der volkswirtschaftlichen Zeitung (Iktisadijat Medschmuasy vom 
17. Oktober 1917). 



Lorenz, Die Froiii'/ifraf/c im O.^mainscJien Reiche. QC 

OOOOeOCXXX)0(XXX300eOOOOCOOOOCXXXXX)OOCXXXKXXXXXXXXXXXXXXXXXIOOOOOOOOOCX)0000000000(X}^^ 

strebungen zugrunde liegen, die in ihrer Eindeutigkeit allen 
diesen Organisationen eine große Einheitlichkeit und Stärke ver- 
leihen. Die Wahrung derjenigen Rechte, welche die Frau für 
ihre ethische und materielle Sicherheit unbedingt braucht, die 
Aufklärung und Schulung ihrer geistigen Rückständigkeit, damit 
die Erziehung zu praktischer Lebenserfahrung und endlich die 
Heranziehung ihrer Kraft zum Wohle des Ganzen, dies sind die 
drei Hauptziele, in denen das moderne Reformprogramm der 
osmanischen Frauen gipfelt. Wenn es auch, was nicht anders zu 
erwarten war, nicht, an Auswüchsen fehlt, wie sie die Osmanih 
dem verderblichen Einflüsse französischen Romanstoffes dankt, so 
erlegt ihr doch ihre anerzogene Zurückhaltung und das gerade 
noch bei den ungebildeten Schichten rückständige Verständnis für 
ihre Deklassierung Bescheidenheit und Maß auf. Dieser Umstand 
wird gewiß die Gewähr für eine ruhige und programmatische 
Entwicklung des gesamten Frauenproblems, welchem die Aus- 
schreitungen allzu moderner Frauenrechtlerinnen gewiß fremd 
bleiben werden, ebenso bürgen, wie die Tatsache, daß die türkische 
Männerwelt als Hauptträger des neuen Zeitgeistes dem türkischen 
Frauenideal einen sicheren Rückhalt bietet. 

Gerade die gemeinsame Erkenntnis, daß die praktische und 
wissenschafthche Unerfahrenheit der Frau an ihrem bedauerns- 
werten Rückstande die Schuld trägt, hat die Entwicklung der 
osmanischen Frauenbewegung in ihrem Kernpunkte, der Reform 
des Erziehungs- und Unterrichtswesens einsetzen lassen, 

3. Reform des Unterrichtswesens. 

Zwei Pädagogen, welche energisch für die Reform des Mädchen- 
schulwesens eintraten, habe ich bereits genannt: den Hodscha 
Ahmed Edib, der seine Gedanken in der Schrift „Das Schul- 
museum" niederlegte, und Husein Raghib, dessen interessante Dar- 
legungen in fünf großen Artikeln im Tanin veröffentlicht wurden 1, 
Machen wir uns zunächst ein Bild von der Ausdehnung des türki- 
schen Elementarschulwesens für Mädchen. 

^ Seine Ausführungen finden sich i. in Nr. 3094 vom 21. Juli 191 7, 2. in Nr. 3loi 
Tom 7. August 1917, 3. in Nr. 31 16 vom 15. August 1917, 4. in Nr. 3134 vom 
2. September 19 17 und 5. in Nr. 3140 vom 8. September 191 7. Vgl. zu diese» 
Kapitel auch: W. I. II, S. 13: Das Schulwesen im Orient und Türkei: Unterrichtswesea, 
W. I. III, S. 139. 



Q2 Die Welt iU.f> Islams. Band C. t918, Heft '^4 

■'•'•r'f<'<ri''nTr>rye}tvx,mt^arinvyivv-r>t^rr>rr^^ . ■ rnnn-|l-i:i|- m iOJi.i<j 

Da in der Türkei bis vor kurzem kein SchuLzwang für Mädchen 
bestand, so ist naturgemäß das Analphabetentum einer der größten 
Mängel der einfachen Frau, um so mehr, als die abgeschlossene 
Lebensweise den Mädchen jede Möglichkeit praktischer Lebens- 
erfahrung raubte. Eine Anfang 1916 vom Unterrichtsministerium 
veröffenthchte Statistik enthält sorgfältige Angaben über die Ver- 
breitung des türkischen Schiüwesens und genaue, durch Karten 
illustrierte Aufzeichnungen über das Verhältnis der Knaben- und 
Mädchenschulen zueinander^. Zugrunde gelegt sind die Verhältnisse 
der Jahre 1912 und 1913 (1328 und 29). Danach beträgt die 
Gesamtzahl der die Regierungsvolksschulen besuchenden Kinder 
246069, und zwar 200776 Schüler und 41293 Schülerinen, so daß 
sich das Verhältnis wie 1 : 5 gestaltet. Es verschiebt sich dagegen 
wesentlich bei der Anzahl derjenigen Kinder, welche Privatschulen 
besuchen. Hier kommen auf 126284 Schüler 61571 Schülerinnen^ 
so daß sich die Besucherzahlen wie 1 : 2 verhalten. Noch günstiger 
für die Mädchen gestaltet sich das Verhältnis bei den 1962 Schulen 
für nichtmohammedanische Kinder, welche ingesamt von 152744 
Schülern und Schülerinnen besucht werden. Nähere Angaben über 
die Anzahl der nichtmohammedanischen Schulmädchen waren nicht 
gemacht worden. Die Gesamtzahl aller mohammedanischen und 
nichtmohammedanischen Schulkinder der Elementar-, Vor- und 
Mittelschulen ist vom Unterrichtsministerium auf 596577 festgelegt 
worden 2. Es läßt sich nun an der Hand einer Tafel, welche diese 
statistischen Angaben verdeutlicht, der Prozentsatz der Schülerinnen 
für jedes Wilajet feststellen. Er ist am ungünstigsten in dem 
dichtbevölkerten Kastamuni, in Karahisar, Urfa und Itschili, wo er 
nur 1 — 10 Prozent erreicht. Im zentralen Kleinasien (den Wüajets 
Angora, Konia) beträgt er 11 — 15; in den Randgebieten der 
Nordküste, so in den Liwas Brussa, Biledschik, Smyrna, Adana usw. 
bilden die schulbesuchenden Mädchen schon 21 — 30, in Biga, 
Kirkküisa, Tschataldscha 31 — 40, und endlich in Konstantinopel 
selbst 41 — 43 Prozent sämtlicher Schulkinder 3. In dem großen 
Werke des Franzosen Cuinet über die asiatische Türkei finden sich 

* Nach den Angaben llusein Raghibs im Tanin, welche sich ebenfalls auf die Statistik 
Jes Unterrichtsministeriums stützen, standen im Wilajet Aidin 65 — 70 Mädchenschulen 
310 Knabenschulen, in Konstantinopel 20 — 25 Mädchenschulen 86 Knabenschulen und 
in Adana 20 — 25 Mädchenschulen 55 Knabenschulen gegenüber. 

*. Vgl. auch Besprechung dieser Statistik in: W. I. IV, S. 61. 

^ Hierzu Husein Raghib: Tanin Nr. 3108 vom 7. August 1917. 



Lorenz, Die Frauenfrage im O-smanischen Reiclu'. 

an manchen Stellen ziemlich genaue durch Vergleich und eigene 
Forschung gewonnnene Zahlen über die Anzahl der Schulen der 
einzelnen Wilajets mit der Verteilung des weiblichen und männ- 
lichen Elementes unter den Kindern. So wurden in den 90 er Jahren 
2. B. die 3061 Schulen des Wilajets Trapezunt von 3798 Mädchen 
und 86984 Knaben besucht, ein Verhältnis, das gerade bei der 
großen Dichtigkeit der Bevölkerung für die wirtschaftliche Ent- 
wicklung des Landes sehr schwer ins Gewicht fallen mußte. Im 
Inneren, im Wilajet Siwas, gestaltet sich das Verhältnis wieder 
günstiger. In 3591 Schulen wurden bei 48 173 Knaben 6320 Mädchen, 
also ein Achtel der schulbesuchenden Knaben gezählt. Ahnlich 
verhalten sich die Ziffern in Mamurut-ul-Aziz, wo 160 Schulen von 
1750 Mädchen gegenüber 9190 Knaben besucht werden. In 
Diarbekr wiederum verschiebt sich das Verhältnis sehr zu Un- 
gunsten der Mädchen. Hier stehen nur 13 Mädchenschulen mit 
1081 Mädchen, 1192 Knabenschulen mit 60430 Schülern gegenüber. 
Ein ganz anderes Bild liefert uns Konstantinopel mit seiner näheren 
Umgebung. In Skutari gab es damals schon zwei Spezialschulen 
für Mädchen mit 144 Schülerinnen, 14 Sekundärschulen, welche 
von 434 jungen Mädchen, und 1163 Knaben, und endlich 27 Ele- 
mentarschulen, welche von 3063 Knaben und 1291 Mädchen be- 
sucht wurden. 

In Syrien sah es mit der Elementarschulbtldung der Mädchen 
besonders schlecht aus. Da es sehr wenige öffentliche Schulen 
gibt, so bleiben die Mädchen sogar in größeren Städten oft ohne 
die aUerelementarsten Schulkenntnisse. 

Bis in die jüngste Zeit hinein haben sich nun diese Zahlentat- 
sachen, welche für die elementare Schulbildung der Frau ein 
trauriges Zeugnis ablegen, nur wenig geändert. Erst die neue 
Aera des demokratisierten Verfassungs- und intensivierten Wirt- 
schaftslebens brachte auch hier endlich eine Steigerung der Be- 
dürfnisse mit sich. So kam der Verein zur Hebung der Frauen- 
bildung (teali-i-nisswan dschemieti) mit der Eröffnung einer Schule für 
Türkinnen, in welcher zweimal wöchentlich als Unterrichtsfächer 
Lesen, Schreiben, Rechnen und Glaubenslehre gelehrt werden, 
einem sehr fühlbaren Mangel entgegen. Heute geht ein starker 
reformatorischer Geist durch das gesamte Schulprogramm des 
Unterrichtsministeriums, welches soeben begonnen hat, die Um- 
gestaltung an Haupt und Gliedern theoretisch wenigstens fest-! 
zulegen. Abgesehen von den Reformplänen, welche sich auf die 



g4 TMr Wdt des fs/ains, Baml 6. 19 IS. Ihft :ii4 

X^0eiXXXXXXI0OO0e«00000O0000O0OO00000000O00O(XX)00OC)0OOCXXXXX)0O0O0O0O0OO0O(X)CXXXXXXXXXX)^^ 

Universität, die alten Theologieschulen, die Revision der Lehr- und 
Unterrichtsfächer erstrecken, soll auch das gesamte Eiern entarschul- 
wesen eine eingehende Wandlung zugunsten der Mädchenbildung 
erfahren. Das Resultat dieser Bestrebungen war der Erlaß eines 
mit dem 6, Oktober 1913 wirksamen provisorischen Gesetzes 
betreffend den Elementarunterrichte Schon § 1 spricht die Not- 
wendigkeit des allgemeinen Schulzwanges zum ersten Male aus: 
Der Elemenlarunterricht ist obligatorisch und in den öffentlichen 
Elementarschulen unentgeltlich. § 3 zufolge wird eine besondere 
Elementarschule für Mädchen dann ins Leben gerufen, wenn in 
einem Dorfe über 50 schulpflichtige Mädchen wohnen; sonst sollen 
die Schulen nach Möglichkeit gemischt sein. Vom fünften bis 
sechsten Lebensjahre werden Knaben und Mädchen in der Klein- 
kinderschule unterrichtet; sodann laut § 23 in der drei Stufen um- 
fassenden Schule bis zum zwölften Lebensjahre. Für die genaue 
Einhaltung der Gesetzesvorschriften wird eine Überwachungsstelle 
durch den Oberpräsidenten als Vorsitzenden des Ausschusses für 
den Elementarunterricht eingesetzt (§ 27), welcher in jeder Provinz- 
hauptstadt zweiwöchentlich tagen soll. 

Das höhere Mädchenschulwesen, soweit es nicht in Händen 
fremder Nationen oder deren Missionen sich befindet, liegt eben- 
falls noch sehr im Argen, zumal das Bildungsbedürfnis für das 
Mädchen der höheren Gesellschaftskreise im Hause selbst unter 
Zuhilfenahme fremder, besonders französischer Lehr- und Er- 
ziehungskräfte nach landläufiger Ansicht hinreichend befriedigt 
wurde. 

Besonders das amerikanische Schulwesep hat durch Eröffnung 
von Primärschulen, das sind Gemeindeschulen, welche von christ- 
lichen Kindern besucht werden, höheren Schulen, welche etwa 
unseren Realgymnasien entsprechen würden, und den sogenannten 
American Colleges als Vorstufe zum Universitätsstudium auch das 
'Mädchenbildungswesen in hohem Maße gefördert 2. Von den 
höheren Schulen wird z. B. die von der amerikanischen Mission in 
Adabazar eingerichtete höhere Mädchenschule, welche von drei 
Damen geleitet wird, von Naumann ^ als Musteranstalt gelobt. Die 
Anstalt wird hauptsächlich von Armenierinnen, daneben von einigen 

* Vgl. hierzu: G. Kampffmeyer, Türkische Schulgesetze, W. I. IV, S. 10, und Provisorisches 
Gesetz betreffend den Elementarunterricht, W. I. IV, S. 240. 

* W. I. I, S. 130: Amerikanische Hochschulen. 

3 Naumann, Vom goldenen Hörn zu den Quellen des EuphraU 



JjOrenz, ]>ie Franenfrage hti Osinanischcn I\ eiche. g5 

OOSOf.-'XIOOCXXDOOOOOOOOOOOCIOOOOOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXXXXXXXXXXXJOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO^^ 

Türkinnen, einer Tscherkessin und sogar einer Zigeunerin besucht. 
Naumann hebt hervor, daß gerade diese jungen Mädchen sehr 
begehrt, ja schon im voraus für die Ehe versagt seien. In der 
höheren Schule von Brussa finden sich unter loo Schülerinnen 
schon 14 Türkinnen 1. Von den 69 Idadie-Schulen des Reiches 
befindet sich ebenfalls eine höhere Mädchenschule in Konstantinopel. 
Colleges für junge Männer wie junge Mädchen sind in Konstantinopel, 
Beirut, Smyrna, Tarsos, Aintab, Harputh, Marsowan zu finden. Außer 
diesen Anstalten ist noch ein American College for girls in Beirut 
zu nennen, das zu einer vollwertigen Universität ausgebaut werden 
sollte. 

In Syrien war den jungen Mädchen bisher höhere Schulbildung, 
abgesehen von der einzigen, von deutsch-katholischen Schwestern, 
den Boromäerinnen, in Beirut unterhaltenen Schule, verschlossen. 
Höchstens stand es ihnen daneben noch frei, die deutsche Real- 
schule in Jerusalem, oder die hebräischen Gymnasien in Jaffa und 
Jerusalem, in welchen für Knaben und Mädchen gemeinsamer Unter- 
richt erteüt wurde, zu besuchen. Zeigen nun schon die angeführten 
Zahlentatsachen, wie sehr sich das mohammedanische Element der 
schulbesuchenden Mädchen in der Minderheit befindet, so war kaum 
anzunehmen, daß diese Anstalten seitens mohammedanischer Os- 
maninnen besucht wurden. 

In jüngster Zeit hat nun die berühmte Pädagogin Halide Edib 
Hanum, wie schon erwähnt, auf einer Inspektionsreise nach Syrien 
ihre Pläne und Erfahrungen in einem großen, von der Regierung 
genehmigten Reformprogramm niedergelegt. Ihre Reform erstreckt 
sich namentlich auf die türkischen Mädchenschulen in den Wilajets 
Beirut, Damaskus und im Sandschak Libanon. In der in Beirut 
gegründeten Schule wird Unterricht hauptsächlich in Pädagogik er- 
teilt. Dem Unterricht der Mittelschulen sind besondere Fachkurse 
mit Erfolg angegliedert worden. Sogar eine Kunstklasse sollte dem 
Schulplan angeschlossen werden. Ihr Hauptaugenmerk legt Halide 
auf die Verschmelzung des syrischen und anatolischen Elementes, 
die Erziehung zu gemeinsamen Landes- und Kulturinteressen. Daher 
sollen in dem von ihr geleiteten Lehrerinnenseminar in Beirut außer 
einheimischen auch anatolische Mädchen Aufnahme finden. Auch 
für ältere Frauen wurden Kurse in türkischer Sprache und Schneiderei 
eingerichtet. 

1 w. I. I, s. 130. 



gö Die Welt ,ic.< Is/ains, Band (j. i9lS, lieft -V / 

ec'ooeoeooocKX)Ocioo*oooooocoooocxx»xx)OOOooooocxxxxxx)oooooooooooc<xxxxxx^ 

Auch anderweitig stehen den jungen Mädchen von heute schon 
Anstalten offen, die ihnen eine, über die türkischen Begriffe vom 
unbedingt Notwendigen hinausgehende Bildung ermöglichen i. So 
wurde vor einigen Jahren in Kandili Bagtsche, das idyllisch und 
gesund zwischen Marmara- und Schwarzem Meere eingebettet liegt, 
ein Mädchenlyceum eröffnet, dessen Absolvierung zum Studium 
an ausländischen Universitäten ohne Einschränkung in der 
Fakultät berechtigt. P>eilich hat man aus diesem Zugeständnis an 
das Bildungsbedürfnis der Frau noch nicht die Konsequenz der Er- 
schüeßung der Landesuniversitäten gezogen und damit dem Uni- 
versitätsstudium nur ein theoretisches Zugeständnis gemacht. Denn 
bei ihrer noch nicht überwundenen Unsicherheit im öffentlichen Auf- 
treten war es wohl kaum zu erwarten, daß sich die junge Studentin 
im w^issenschaftlichen Interesse in das Ausland begeben würde. Erst 
im Jahre 1915 erfolgte von der Stadt Smyrna aus die Entsendung 
von vier türkischen Studentinnen nach Europa 2, von denen sich 
drei für Pädagogik und eine für Zahnheükunde entschieden hatten. 
Im Jahre 1893 hatte sich die Universität Konstantinopel zur Ab- 
lialtung besonderer Vorlesungen für Frauen an der medizinischen 
Fakultät entschlossen. Damit kam sie einem allgemeinen, besonders 
in mohammedanischen Ländern sehr dringenden Bedürfnisse ent- 
gegen, da die Frauen hier in Krankheitsfällen vielfach auf Selbst- 
hilfe angewiesen waren. Dieser Erlaß bot zum ersten Male die 
Möglichkeit, eine geschulte Kraft in den Dienst der Allgemeinheit 
zu stellen. In ihrem grundlegenden Buche über die Frau ^ hebt 
L. Braun gerade dieses Ereignis als besonders fortschrittlich hervor, 
da die Türkei mit diesem Zugeständnis der Entwicklung der deutschen 
Frauenbewegung sogar voranging, welche die Zulassung zum medi- 
zinischen und pharmazeutischen Studium erst im Jahre 1899 nach 
hartem Kampfe durchsetzte. M. E. ist aber diese Tatsache kaum 
mit der Zulassung medizinstudierender Frauen in Deutschland in 
Beziehung zu setzen. Sie erklärt sich wohl hauptsächlich aus den 
zahlreichen Opfern, welche der Tod unter den Frauen infolge Ver- 

1 Hierhin gehören mehrere Sultanie-Schulen, deren es im ganzen 42 gibt und welche bei 
zwölfjährigem Lehrgange etwa unseren Obcrrcalschulen entsprechen. So wird in der 
W. I. I, S. 229 die Eröffnung der privaten Fethi Bej-Mädchenschule in Ajas Pascha 
und die Errichtung einer Mädchenschule in Damaskus vom Wohlfahrtskomitee bekannt 
gegeben. 

2 Laut einer Notiz in der W. 1., welche einer anatolischen Zeitung, der Kjöilü, ent- 
nommen ist. 

- Lili Braun, Die Frauenlrage (Geschichte). 



I^orenz, T)ie Frauen frar/e im Osniantsclieri lieiche. 97 

Weigerung ärztlicher Hilfe fordern mußte. Gymnasiale Vorbildung 
zur Teilnahme an solchen Vorlesungen scheint mir ebensowenig 
Vorbedingung zu sein, wie das Recht auf Grund dieser Studien 
eine selbständige ärztliche Praxis auszuüben. Selbstverständlich 
mußten diese Frauen den Nachweis ihrer Kenntnisse durch Er- 
werbung eines Diplomes führen. 

Im Jahre 1913 wurde eine Frauenhochschule {Niswan Dar-ül-fünuny, 
Frauenuniversität), welche der Universität Konstantinopel angegliedert 
ist, eröffnet. Diese Anstalt wirkt durch Vorlesungen wissenschaft- 
licher und praktischer Art an der allgemeinen Bildungsreform der 
Frau mit. Daneben besteht schon seit längerer Zeit als Parallele 
zum türkischen Lehrerseminar (TJar-ül-Muallindn-i-Alie) ein Lehre- 
rinnenseminar ( I Jar-ül-Muallimati- Alie)y dessen wissenschaftliche Be- 
deutung der der Universität g'leichg'estellt ist. Während das Lehrer- 
seminar von 694 Hörern besucht wurde, zählte die Frauenhochschule 
145 Hörerinnen. 

Auch eine osmanische Schule für schöne Künste steht Herren 
und Damen zum Besuche offen. 

Ein recht erheblicher Wert wird jetzt seitens des Unterrichts- 
ministeriums auch auf die Ausbildung praktischer häuslicher, kunst- 
gewerblicher und kaufmännischer Fähigkeiten der jungen Mädchen 
gelegt Schon § 3 des provisorischen Gesetzes über den Elemen- 
tarunterricht hat die Eröffnung von Handfertigkeits- und Gewerbe- 
schulen für Knaben und Mädchen in das neue Programm ein- 
bezogen. Einer Mitteilung des Türk Jurdu vom S.Juli 1917 zufolge 
wurde im Juli 1916 ein „Wissenschaftsheim für Frauen" (BUgi Jurdu) 
geschaffen, das in seinen Grundzüg'en und seiner Großzügigkeit ein 
getreues Abbüd des Berliner Lettehauses darstellt. Sein Begründer 
ist der schon wiederholt erwähnte Hodscha Ahmed Edib, der in 
der Zurückgezogenheit ganz seinen Reformideen lebte, welche er 
mit dieser Gründung wirksam in die Tat umsetzte. Das Unterrichts- 
programm zeigt eine große Vielseitigkeit: neben Sprachunterricht 
in Türkisch, Französisch und Deutsch werden Musikstunden für 
Piano, VioHne und Laute erteilt; Geschichte, Geographie, Natur- 
geschichte, Rechnen, Mathematik und Sachenlehre dienen der 
wissenschaftlichen Vorbüdung, Hauswirtschaft und Nähen mit Zu- 
schneiden, sowie Zeichenunterricht und Vorträge über Kinder- 
erziehung der praktischen Ausbildung der Besucherinnen. Auch die 
Eröffnung eines Turnkursus und einer Kochschule wird im Anschluß 
an diese wichtigen Lehrgegenstände geplant. Gerade die Ein- 



q8 Die Welt des JdamR, /Jnnd d. 191X, Heft .?/4 

oeeoeeeoooooooaaeooeoooooooooooooocxx]oooocx»ooooooeooooooooc)C)ooooocxic)ooc)ociocxxxxnxxx^^ 

beziehung der Hauswirtschaftslehre in den Rahmen der Unterrichts- 
gegenstände ist als bedeutsamer Fortschritt gegenüber der bis- 
herigen wirtschaftlichen Unerfahrenheit der Hausfrau, welche auf 
das gesamte Wirtschaftsleben bis heute zurückwirkte, zu buchen. 
Die Teilnahme an den verschiedenen Fächern ist dem Bildungs- 
bedürfnis und der Wahl der einzelnen Besucherinnen, welche sich 
aus jungen Mädchen und jungen und älteren Frauen zusammen- 
setzen, anheimgestellt. Der Unterricht, die Bibliotheksbenutzung, 
sowie die Lieferung der Bücher finden ohne Entgelt statt. Dement- 
sprechend w^erden auch weder Examina in den einzelnen Fächern 
verlangt, noch Zeugnisse ausgestellt, freilich ein Umstand, der dzis 
Verantwortlichkeitsgefühl nicht stärkt und manches Schwanken und 
Versagen der Teilnehmerinnen mit sich bringt. Um auch einen 
möglichsten Ausgleich der elementarsten Schulkenntnisse dieser 
Frauen herbeizuführen, werden nach je drei Monaten fortlaufend 
Lese- und Schreibstunden veranstaltet, an denen je dreißig Schüle- 
rinnen teilnehmen können. Für anders sprechende Elemente erfolgt 
der Unterricht in weiteren Sonderklassen. Außerdem findet für die 
zahlreichen Teilnehmerinnen, welche zwar lesen, aber nicht schreiben 
können, der Unterricht in einer besonderen Orthographieklasse 
statt. Der große Andrang zu diesen Elementarkursen ist ein deut- 
licher Beweis für das allgemein empfundene Bedürfnis nach Hebung 
des geistigen Zustandes in der Frauenwelt. Das Unternehmen, das 
für die wirtschaftliche Entwicklung der Frauenfrage von ausschlag- 
gebender Bedeutung ist, besitzt in dem Organ Bilgi Jurdu Yschyghy, 
Licht des Wissenschaftsheimes, welches von dem Gründer der An- 
stalt am 15. April 1917 ins Leben gerufen wurde, ein wertvolles 
Propagandamittel, in Schükri Bey, sowie dem Unterrichts- und 
Ewkaf-Ministerium geistige und materielle P'örderer. Die Zahl seiner 
Schülerinnen, die augenblicklich 200 beträgt, ist der schlagende 
Beweis für die unbedingte Notwendigkeit dieser Gründung. 

Auch die Erkenntnis der Wichtigkeit spezieller Haushaltungs- 
schulen, in denen die Mädchen durch Fachlehrerinnen in der Koch- 
kunst unterwiesen werden, hat die Kommission für den Elementar- 
unterricht zu dem Beschluß veranlaßt, unter Heranziehung von 
Spezialistinnen Schulen für Kochlehrerinnen zu eröffnen, um diesen 
ihre Praxis und den Lernenden das Pensum zu erleichtern. 

In Syrien ist bisher die hauswirtschaftliche Ausbildung der 
Mädchen noch besonders mangelhaft. Nur in einigen, von Nonnen 
unterhaltenen Anstalten, so in Beirut, Jerusalem und einigen 



iMrenz, Die Fraiienfrdcie im Osmaiiisclien Reiche. 99 

BoooBecooooooooeooooocxxxxiooooooooooooooooooooooocxxxvxxxxaoooooooooooooooooooooooooooooooooooooeeoocx^ 

jüdischen Waisenhäusern, stehen den zukünftigen Hausfrauen Mög- 
üchkeiten zur Ausbildung offen 1. 

Der krankenpflegerischen Vervollkommnung der Frau soll eine 
unter dem Schutze des Zentralkomitees des Roten Halbmondes 
zu errichtende Frauenschule Ln Smyrna dienen; die Schülerinnen 
sollen in einer Schule für Ärztinnen, deren Eröffnung demnächst 
zu erwarten ist, Aufnahme finden. 

Das Handfertigkeitstalent der türkischen Frauen und Mädchen, 
das ihre stille Zurückgezogenheit mit den Jahrhunderten zur künst- 
lerischen Höhe entfaltete, wird auch schulmäßig vor den anderen 
Unterrichtsfächern im Interesse der Erhaltung und Förderung der 
Heimarbeit sorgfältig ausgebildet. Freilich handelt es sich hier 
nicht, wie wir später bei der Behandlung der Hausindustrie sehen 
werden, um die Ausbildung und Erhaltung der alten traditionellen 
Famüienkunst, sondern mehr oder weniger eine Nutzbarmachung 
weiblicher Handfertigkeit für die Bedarfsbefriedigung des Auslandes. 
Bezeichnender Weise kommen diese Einrichtungen für die Aus- 
bildung türkischer Mädchen nur in gering^em Maße, hauptsächlich 
aber für die der besser gestellten armenischen und griechischen 
Mädchen in Betracht. So werden in der griechischen Mädchen- 
schule (Ecole Centrale des Filles de Pera) etwa 500 — 600 Mädchen 
bereits vom 6. Lebensjahre an, abgesehen von den Elementarfächern 
Französisch, Griechisch usw. auf Wunsch bis zu ihrem 18. Lebens- 
jahre in Näherei, Stickerei und Wäscheanfertigung unterwiesen. In 
Brussa und Ismid haben französische Nonnenorden die handarbeitliche 
Ausbildung junger Mädchen in der Hand: Dort wird von den 
„Soeurs de Charite de St. Vincent de Paul" eine mit der Kirche 
dieser Nonnen verbundene Schule unterhalten, in welcher Nähen 
und Sticken nach französischem Geschmack gelehrt wird. Auch 
hier, in Ismid, unterweisen die französischen Schwestern vom 
Assumptionistenorden die jungen Mädchen in Stickereien nach 
modernen Vorlagen. In Adabazar werden in einer zu einem arme- 
nischen Mädchenpensionat gehörigen Schule neben Elementar- 
fächem auch Handarbeitsstunden in großem Maßstabe erteüt. In 
Smyrna macht besonders ItaHen für Schulzwecke große Auf- 
wendungen. Hier wie überall in den größeren Städten Kleinasiens 
zeigt das Ausland ein gToßes Interesse an der Förderung des weib- 
lichen Handarbeitsunterrichtes und dessen berühmter Erzeugnisse. 

1 Ruppin, Syrien als Wirtschafts- und Kolonisationsgebiet. 

Die Welt des Islams, Band 6. 7 



loo Dir Wi'h des fs/aiNs, Band 6. UHS. Heft :>i4 

Trotzdem arbeitet der Unterricht all dieser Schulen nicht so sehr 
auf eine erwerbsmäßige Verwendung der erworbenen Kenntnisse, 
als vielmehr eine Verwertung im Rahmen der Häuslichkeit hin, da 
ja die Teilnehmerinnen zumeist begüterten Familien angehören. Die 
Ausbildung aber zeigt einen weit über das Durchschnittsmaß euro- 
päischen Handarbeitsunterrichtes hinausgehenden Umfang und er- 
möglicht auch eine Verwertung der erworbenen Fertigkeiten im 
Erwerbsleben. 

Auch in Palästina wird der Handarbeitsunterricht von selten des 
Auslandes sehr gefördert. Vom Hilfsverein deutscher Juden werden 
neben Knaben- auch Mädchenschulen unterhalten, in denen außer 
Turnen, Hygiene, Stenographie und Buchführung besonders Hand- 
fertigkeitsunterricht erteilt wird. In der englisch-jüdischen Evelina- 
Rothschild-Mädchenschule wird sowohl Handarbeits- wie Haushal- 
tungsunterricht erteilt, in der Kunstgewerbeschule des Vereines 
Bezalel in Jerusalem unter Leitung von Professor Schatz wird neben 
Ausbildung junger Leute in Steinhauerei, Kunsttischlerei usw. auch 
die Teppichknüpferei für Mädchen gelehrt. Die Ausbildung in der 
Spitzenhäkelei wurde durch eine Frau Dr. Thon, die eine jüdische 
Frauenorganisation dafür interessierte, technisch vervollkommnet, 
so daß die .Schülerinnen in der Lage waren, mit den erworbenen 
Kenntnissen ihren Lebensunterhalt verdienen zu können i. 

Für die kunstgewerbliche Ausbildung junger Mädchen gibt ein 
Lehrplan für Mädchengewerbeschulen des Unterrichtsministeriums 
Aufschluß und Richtlinien. Abgesehen von den Kunstgewerbe- 
schulen in Konia und Damaskus, die aber wohl nur dem Besuche 
männlicher Schüler offenstehen, werden auch Frauen in besonderen 
Fachschulen herangebildet. So steht ihnen in Konstantinopel der 
Besuch einer Schneiderinnenakademie und einer Stickereischule 
offen. Die Teppichweberei wird in einer von Großhändlern unter- 
haltenen Knüpfschule in Smyrna, welche auch über eine Muster- 
sammlung und Echtfärberei verfügt, einer zur kaiserlichen Fabrik 
in Hereke gehörigen Knüpfschule und einer erst vor kurzem von 
Dschemal Pascha gegründeten Teppichwirkschule in Damaskus 
gelehrt. 

Der starke Bedarf an kaufmännisch geschulten weiblichen Hilfs- 
kräften, welcher für den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes 

^ Vgl. Trietsch, Palästinahandbuch (Kap. Schulwesen). Über Handarbeitsunterricht vgl. 
Dietrich, Kleinasiatische Stickereien und Trietsch, Palästina-Handbuch. Ferner Droop, 
Türkisches Handwerk in der Islamischen Welt, Nr. 6, S. 373. 



I.oretiz, Die Frauenfrage im Osmanischen Hei che. loi 

ooc«eoooocxxxx3e«oooooocxxx»ooooooooooooooooocxxxxx»ooooocxx)oocx}Oooooooooooooooooaoooooooooooocx9«eooaa 

bezeichnend ist, hat dem Unterrichtsministerium zu einem wichtigen 
Beschlüsse Veranlassung gegeben. Um Frauen die zur Ausbildung 
in Bank- und Handelshäusern erforderlichen Kenntnisse zu ermög- 
lichen, wurde in dem Gebäude der Frauenuniversität im Jahre 1917 
eine ebenfalls der Universität angegliederte Handelshochschule für 
Frauen eröffnet. In dieser wird der erforderliche Unterricht bei 
einjährigem Lehrgange von Handelsschullehrern erteilt. Auch der 
Arbeitsnachweis geschieht durch das Unterrichtsministerium selbst. 
Dem Erlasse zur Einschreibung sind eine große Anzahl junger 
Mädchen gefolgt, so daß die Besucherinnenzahl (laut Mitteilung der 
Iktisadiat Medschmuasy) über 100 betrug und die Spaltung in zwei 
Kurse notwendig wurde. Auch der Ausschuß für die Fortbildungs- 
schulen des Wilajets Stambul beschloß die Eröffnung einer Fort- 
bildungsschule für Mädchen in drei Kursen in der Mädchenmuster- 
schule am Bajasidplatze, um eine Vorbereitung in der kaufmännischen 
Tätigkeit zu ermöglichen. 

Mit einer Reform des Schulwesens mußte nun aber auch eine 
entsprechende Umgestaltung des weiblichen Unterrichtswesens einher- 
gehen. Nach der Statistik des Unterrichtsministeriums von 1912/13 
standen bereits 1005 Lehrerinnen 6255 Lehrern an Elementarschulen 
gegenüber. Außerdem wird hier an Hand einer Karte einerseits 
das Zahlenverhältnis zwischen Lehrpersonal und Gesamtbevölkerung, 
sowie zwischen Lehrerinnen und weiblicher Bevölkerung graphisch 
dargestellt. Seitdem hat die Ausbildung von Mädchen für den 
Lehrberuf große Fortschritte gemacht. Nach den Angaben Husein 
Raghibs gab es im Jahre 1915 bereits neben 25 Lehrerseminaren 
9 Lehrerinnenseminare. Als deren größtes kommt das schon im 
Jahre 1863 gegründete in Konstantinopel in Frage, welches seit 
seinem Bestehen bereits über 1000 Lehrerinnen ausgebildet hat. 
Außerdem ist hier ein von Halide Hanum geleitetes Seminar in 
Beirut zu nennen, in welches nach ihrem Reformprogramm jährlich 
20 syrische und anatolische Mädchen aufgenommen werden sollen. 
Ein Beweis dafür, wie eng die Frauenfrage mit der Demokratisierung 
der Verfassung verknüpft war, ist die Tatsache, daß erst nach 
ihrer Einführung Pädagogik und andere aufklärende Lehrfächer 
in den Unterrichtsplan dieser Seminare aufgenommen wurden, ohne 
welche doch bisher ein verständiges Unterrichtsziel undenkbar er- 
scheinen mußte. So konnte gerade von diesem Zeitpunkte an eine 
ganz bedeutende Steigerung in der Zahl der Lehramtskandidatinnen 
beobachtet werden. Betrug die Besucherzahl 1907/08 noch 108, 



jo: THc Welt ,/es fs/anis. Band H. 1918, Heft 3j4 

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so war sie igt 1/12 auf 145 gestiegen, während sie heute auf 1384 
angewachsen ist. Nach Ansicht Husein Raghibs läßt sich aus dieser 
rapiden Vermehrung darauf schUeßen, daß in kürzester Zeit der 
Bedarf an Lehrerinnen gedeckt sein, ja, daß bei entsprechender 
weiterer Zunahme sogar mit Konkurrenzschwierigkeiten zu rechnen 
sein dürfte. Die acht Elementarseminare für Lehrerinnen, abgesehen 
von dem in Konstantinopel befindlichen, zählen insgesamt 780 
Seminaristinnen und 119 Lehrerinnen. 

Im Jahre 1915 wurde von Sati Bey, dem früheren Direktor des 
Lehrerseminars in Konstantinopel eine neue Schule begriindet, mit 
welcher außer einem Mutterheim und einem Kindergarten auch 
ein Lehrerinnenseminar verbunden ist, zu dessen Besuche das 
Abgangszeug'nis einer Volksschule berechtigt. Der nur einjährige 
Lehrgang des Seminars zerfällt in drei Kurse: in dem ersten gelten 
Türkisch, Rechnen, Geometrie, Geschichte, Geographie, Natur- 
wissenschaften und Gesundheitslehre als Lehrfächer; im zweiten 
Psychologie, besonders, soweit sie sich auf das Seelenleben jüngerer 
Kinder bezieht, Pädagogik, die Lehre von der persönlichen und 
sozialen Bildung, sowie deren Nutzanwendung; und im dritten 
endlich werden die Besucherinnen in Musik, Kulturlehre, Zeichnen 
und Handarbeit unterwiesen. Nach Absolvierung dieser drei Kurse 
hat die junge Lehrerin nicht nur die Berechtigung, in Elementar- 
schulen, sondern auch in anderen Anstalten Unterricht zu erteilen. 
vSogar der etwas antifeministische Taswir-i-Efkjar (Spiegel der 
Meinungen) begrüßt diese Neugründung als sehr zweckmäßig und 
spricht den Wunsch nach reger Beteiligung auch ausländischer 
Besucherinnen aus. 

Der weiteren Heranbildung weiblicher Lehrkräfte im Dienste 
des Elementarschulwesens sollen die in Konstantinopel eingeführten 
Prüfungen zur Erlangung des Befähigungsnachweises für den 
Elementarunterricht dienen 1. Bedingung für die Zulassung zu diesen 
Prüfungen sind Einreichung von Leumunds- und Schulzeugnissen, 
eines Zeugnisses über den bisherigen Lebenswandel, sowie eines 
Gesundheitsattestes und Impfscheines. Gerade die beiden letzten 
Bedingungen legen ein erfreuliches Zeugnis für die Umgestaltung 
der türkischen Gesundheits- und sanitären Begriffe ab. Abgesehen 
von der Altersgrenze, die sich bei den männlichen Bewerbern 
zwischen 19 und 35 Jahren, den weiblichen dagegen zwischen 17 

* Vgl. Provisorisches Gesetz bctrefTcnd den Elementarunterricht, W. I. IV, S. 240. 



T^orenZy Die Frauenfrage im Chinanii^cJiex Reichf. 103 

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und 35 Jahren bewegen muß, sind die Mädchen den gleichen 
Bestimmungen wie die Elementarlehrer unterworfen. Diese Tendenz 
spricht sich auch deutlich in den Ausführungsbestimmungen des 
provisorischen Gesetzes über den Elementarunterricht aus. So 
besagt § 98 ausdrücklich, daß alle Bestimmungen des Gesetzes, 
welche sich auf die Lehrerseminare, die Schulleiter und Lehrer 
beziehen, auch auf die Lehrerinnenseminare sowie auf die Schul- 
leiterinnen und Lehrerinnen Anwendung finden sollen. § 48 heißt 
es: „Zur Heranbildung von Lehrerinnen für die Elementarmädchen- 
schule werden auf Beschluß der Provinzialausschüsse für den 
Elementarunterricht und nach Bilhgung des Unterrichtsministeriums 
an den Orten, wo es erforderlich ist, Lehrerinnenseminare mit 
Internat errichtet werden." Ebenso wie die Frage der Ausbildung 
und Anstellung wird auch die der Besoldung analog den für die 
männlichen Teilnehmer geltenden Sätzen auch für die weiblichen 
Lehrkräfte geregelt. So beziehen die Hilfslehrerinnen ein Anfangs- 
gehalt von 200 Piastern (etwa 40 Mark monatlich), das jedesmal 
nach Verlauf von 5 Jahren um 100 Piaster steigt, bis es mit 600 
Piaster (120 Mark) seinen Höhepunkt erreicht. Die Besoldung der 
Elementarschullehrerinnen steigert sich in sieben Klassen von 300 
bis 1000 Piaster (also 60 — 200 Mark), die der Lehrerinnen an 
Elementarlehrerinnenseminaren von 500 Piaster Anfangsgehalt auf 
1000 Piaster Höchstgehalt in fünf KUassen (100 — 200 Mark). Den 
Hilfsleiterinnen an den genannten Seminaren wird ein Anfangs- 
gehalt von 750, ein Höchstgehalt von 1100 Piastern in drei Gehalts- 
klassen gewährt (also 150 — 220 Mark). Den Seminarleiterinnen 
in drei Erlassen 1200—1400 Piaster (240—280 Mark). Allerdings 
sind den Inspektoren des Seminar- und Unterrichtsbetriebes nicht 
ausdrücklich gleichwertige Inspektorinnen zur Seite gestellt 1. Nur 
die Oberaufsicht über die Kindergärten soU laut § gi der Aus- 
führungsbestimmungen von Unterrichtsinspektorinnen, und wo diese 
fehlen, von Lehrerinnen und Leiterinnen an Schulen und Seminaren 
ausgeübt werden. 

Auch an Privatschulen wird die Lehrbefähigung und der zur 
Leitung erforderliche Bildungsnachweis durch eine mit dem 2. De- 
zember 1915 rechtskräftige Instruktion über die Privatschulen an 
bestimmte Bedingungen geknüpft 2. Nach § 7 der Ausführungs- 

^ Halide Hanum als Schulinspektorin Syriens bildet eine Ausnahme. 

2 Diese Bedingungen werden im türkischen Reichsanzeiger (Taqwim-i-Wekaji) vom 26. Sep- 
tember 1915 veröffentlicht Vgl. auch: Instruktion über die Privatschulen, W. I. IV, S. 225. 



104 The Welt des hlanif. B,in>J H. 191 ^S, lieft 3J4 

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bestimmungen sollen alle Privatschulen, zu denen auch alle zum 
Studium bestimmter Wissenszweige, Sprachen oder Gewerbe er- 
öffnete Lehrkurse gehören, einen Leiter bzw. eine Leiterin besitzen, 
die bei der nötigen Qualifikation auch einen Befähigungsnachweis 
hinterbracht hat. Die Befugniserteilung zur Eröffnung privater 
Lehrerinnenseminare hängt laut § i 7 von dem Vorhandensein eines 
Lehrkörpers ab, welcher die Hauptfächer: osmanische Sprache und 
Literatur, Geschichte und Erdkunde, Mathematik und die Grundzüge 
der Wissenschaft {uiehai füuun) zu lehren vermag. Und zwar ist 
es erforderlich, daß auch die Lehrerinnen dieses Lehrkörpers 
Hochschulbildung nachzuweisen imstande sind. 

Als Befähigungsnachweis für die Leiterinnen, Lehrerinnen und 
Hilfslehrerinnen privater Elementarschulen ist der Besuch von 
Mittelschul- bzw. Elementarschullehrerinnenseminaren notwendig 
(§ 25) oder auch ein entsprechender anderer Bildungsnachweis. 
Leiterinnen, Lehrerinnen und Hilfslehrerinnen an Elementar- und 
Mittelschulseminaren müssen den Besuch von Oberlehrerinnen- 
seminaren, Universitätsabteilungen oder anderen Hochschulen nach- 
weisen können. Auch Lehrerinnen an Handels-, Landwirtschafts- 
und Industrieschulen müssen den Nachweis ihrer fachlichen Vor- 
bildung erbringen (§ 27). 

Die Großzügigkeit in der Erfassung des Frauenbüdungsproblems, 
wie sie sich in den vielen Neuschöpfungen, welche bei der Knapp- 
heit der türkischen Mittel erstaunen müssen, und diesem Gesetz- 
entwurfe des Unterrichtsministeriums kundtut, wirft einen erfreu- 
lichen Blick auf die Entwicklungsmöglichkeit der Frauenfrage über- 
haupt. Zwar darf man sich auf den ersten Blick nicht durch die 
ungeheure Vielheit, welche in häufigen Beschlüssen und Bestim- 
mungen zugunsten des Mädchenschul- und Lehrwesens zutage tritt, 
beirren lassen und an einen plötzlichen Bildungsumschwung im 
türkischen Frauenleben glauben. Dazu scheint das ganze System 
des Erreichten und Beabsichtigten noch viel zu lückenhaft, das 
Elementarschulwesen noch viel zu wenig vom modernen Schul- 
zwange durchdrungen, die Voraussetzungen für den Befähigungs- 
nachweis zum Lehrerinnenberufe noch zu wenig europäischen Be- 
griffen angepaßt. Auch darf man sich nicht verhehlen, daß die 
Mittellosigkeit des türkischen Staates, an der ein langer Erschöpfungs- 
krieg zehrt, ein großes Hindernis auf dem Wege zum Erfolge dar- 
stellt, daß sich aber auch der Staat erst allmählich von der Bevor- 
mundung durch fremde Nationen, welche das türkische Schulwesen 



J^orenz, Die Frauenfrage im Osinanischen Reiche. 105 

rücksichtslos in ihre Schablone preßten, erholen muß, ehe er zur 
vollen Verwirklichung seiner eigenen Reformideen schreiten kann. 
Ausschlaggebend für den weiteren Ausbau des Frauenbildungs- 
problemes scheint mir die Tatsache, daß sich alle Pädagogen in 
dem Reformsystem einig zu sein scheinen, daß sie die Umgestal- 
tung bei der untersten Stufe einsetzen lassen und erst allmählich 
auf die höhere Geistesbildung erstrecken. 

Besonderer Wert wird ja auch von pädagogischer Seite auf den 
Schutz der jüngsten Kinder gelegt, dem durch Eröffnung einer 
großen Reihe von Kindergärten Rechnung getragen wird. Dieser 
soziale Fortschritt eröffnet jungen Mädchen und Frauen einen neuen 
g'angbaren Erwerbszweig, den der Kindergärtnerin. Auch § 3 des 
Gesetzes bestimmt die Eröffnung von Kindergärten und Kleinkinder- 
schulen, ein Erlaß, dem diirch zahlreiche Eröffnungen solcher An- 
stalten an allen Orten der Provinz sehr bald nachgekommen wurde. 
So wurde im Dezember 1915 in Brussa neben der Eröffnung von 
acht Kindergärten und fünf Mädchenschulen die Errichtung einer 
Schule für Kindergärtnerinnen gemeldet. Zweifellos wird die Ent- 
wicklung dieser Fachschulen mit der Zunahme des Kinderschutzes 
einen sehr günstigen Fortgang nehmen. 

Abschließend läßt sich aus der Praxis der Frauenbildungsreform 
im Hinblick auf ihren bisherigen Entwicklungsgang folgern, daß 
ihre Ergebnisse heute mit scharfem Schnitt die heutige junge von 
der älteren Generation trennen. Dort walten die Mütter, zum Teil 
noch des Lesens und besonders des Schreibens unkundig, in be- 
scheidener Zurückgezogenheit still ihres Amtes. Hier sucht die 
Schulbüdung und die Erfahrung der Töchter sich den praktischen 
Bedürfnissen der modernen Wirtschaft anzugleichen. Tagtäglich 
legen Mitteüungen der türkischen Presse das beste Zeugnis für die 
Mitwirkung der modernen weiblichen Jugend auf allen Gebieten 
im öffentlichen Leben ab, welche ihr zuvor ihre Weltfremdheit 
verschlossen hatte. Mehr und mehr läßt die türkische Frau den 
Mantel ihrer vpllen Zurückgezogenheit fallen, um bald, wenn erst 
die reformierte Schul- und Lebenspraxis sie mit den nötigen Er- 
fahrungen ausgestattet und ihr die Sicherheit im öffentlichen Auf- 
treten gegeben hat, auch den äußeren Schleier vor einer Männer- 
welt fallen zu lassen, welche in ihr nicht mehr das willkürlich zu 
veräußernde Sachgfut, sondern die gleich zu achtende Gefährtin er- 
blickt. Denn es steht außer Zweifel, daß die Wertschätzung der 
Frauenbildung sich auch unbedingt auf ihre Bedeutung im Rahmen 



io6 Die Weh des hlams, Band 6. 1918, lieft Sji 

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der Familie und damit der Bevölkerungsbeweg'ung, sowie auf ihre 
erwerbswirtschaftliche Leistungsfähigkeit ausdehnen wird. 

Damit kommen wir zur Behandlung der Frauenfrage im Bereiche 
der volkswirtschaftlichen Entwicklung bis in die Jetztzeit. 



IL Die gegenwärtige Lage der Frau in der 
Volkswirtschaft. 

I. Die Bedeutung der Frau im Rahmen der Bevölkerung-s- 

bewegung. 

a) Familienorganisation und Wirtschaft, vorherrschende Eheform. 

Heute, wo die Modernisierung des türkischen Mädchenschulwesens 
schon einen Ersatz für die pädagogische Unerfahrenheit mancher 
Mutter schafft, wo in Fortbildungsschulen die spezielle Heranbildung 
tüchtiger Hausfrauen erfolgt, beginnt auch das wirtschaftliche und 
erzieherische Schwergewicht in der Familie sich mehr auf Seiten 
der Frau zu neigen. 

Die Organisation der Familie beruht auch heute noch zum Teil, 
besonders bei den bäuerlichen Elementen des Volkes, auf dem 
Autoritäts- und Subordinationsgedanken der Jugend vor dem Alter, 
sowie der Frauen vor den Männern. An der Spitze der patriarcha- 
lischen Familiengemeinschaft residiert der Pater familias als an- 
erkanntes Oberhaupt mit erzieherischen Funktionen über seine 
Söhne und deren Frauen und Kinder, welche alle ein gemeinsames 
Haus vereinigt. Hier spricht der Vater das Machtwort über die 
Heiratsangelegenheiten seiner erwachsenen Kinder, Söhne wie 
Töchter. Im Hause des Vaters wird dem heiratsfähigen jungen 
Manne die von den Eltern oder deren Verwandten erwählte Braut 
zugeführt. Besonders streng ist der Familienzusammenschlufl bei 
den armenischen Bauern zu beobachten. Hier findet eine wirt- 
schaftliche Spaltung der Famüie erst dann statt, wenn sich drei 
volle Generationen um einen Herd geschart haben, sobald also die 
mit dem Anwachsen der Familie zunehmenden verfügbaren Arbeits- 
kräfte, besonders der von der reinen Landarbeit zum Teil fern- 
gehaltenen Frauen, die Menge der gewonnenen Rohstoffe und das 
Fehlen bequemer Absatzmöglichkeiten eine Eigenproduktion im 
engeren Familienrahmen als zweckmäßig erscheinen lassen. Auch 
die Beduinen schließen sich in Syrien zu Gruppen von lo — 50 Zelten, 
also ebenso vielen Familien zusammen. In dieser Anordnung ziehen 



Lorenz, Die Ft-anen frage int Osmanischeji Reiehc. 107 

sie mit ihren Herden in das Herz Syriens, wo sie zum Kummer 
der seßhaften Bevölkerung, der Fellachen, die Stoppel- und Saat- 
felder abweiden. 

Sicherlich hat diese Form der Familienvereine bei aller Alter- 
tümlichkeit und Gezwungenheit auch ihre Lichtseiten im ethischen 
und erzieherischen Sinne. Sie hat die Hochachtung vor den Eltern, 
Sittlichkeit und Religiosität als Familienheiligtümer erhalten. Anderer- 
seits hat sie aber auch an der streng religiös gesetzlichen Vor- 
rangstellung des Mannes vor der Frau, an seiner Disziplinarg"ewalt 
als Ehemann festgehalten und die Famüienwirtschaft auf einer 
primitiven Stufe gefesselt. Ihr Hauptvorzug liegt aber m. E. in der 
Stärkung und Erhaltung des Familiensinnes, der bei dem Charakter 
der Ehe als reinem Zivilkontrakt und der leichten Scheidungsmög- 
lichkeit ungeheuer wichtig war; dies besonders in einem Lande, wo 
die Vererbung des Familiennamens nicht wie bei uns Zeugnis von 
dem Alter und der Verzweigung einer Familie ablegt. Hier mußte 
ja mit dem Übergange der jungen Famüie zur Eigenwirtschaft, mit 
ihrer Loslösung aus dem großen Famüienverbande das Gefühl der 
Zusammengehörigkeit schon der nächsten Generation verloren gehen. 
Eine Lockerung des Eheverbandes, welche noch durch die fehlende 
Interessengemeinschaft der Eheleute und das Verstoßungsrecht des 
Mannes verschlimmert wurde, mußte die unausbleibliche Folge sein 
und auf die Stellung der Frau im Rahmen dieser kleineren Familien- 
organisation eher verschlechternd als verbessernd wirken. 

Es ist wohl nicht zu leugnen, daß der polygamische Charakter 
der Ehe und damit die Spezialisierung der Haushaltungen für die 
einzelnen Frauen das Gefühl der Zusammengehörigkeit unterminieren 
mußte. Diese Schädigung war mit dem Übergange zur Monogamie 
nicht aus der Welt zu schaffen, da ja gerade diese Entwicklung 
zur Einehe weniger durch Veredelung der Moralbegriffe als durch 
wirtschaftliche Motive bedingt wurde. Wenn nun zwar die Poly- 
gamie, welche vor einem halben Jahrhundert noch in der ganzen 
Türkei als vorherrschende Eheform getrieben wurde, heute fast 
ganz im Schwinden begriffen ist, so lassen sich doch ihre Jahr- 
hunderte alten Spuren nicht sogleich mit der Modernisierung der 
osmanischen Wirtschaft hinwegwischen. Gerade dieser äußerlich 
bedingte Übergang von einem alteingewurzelten Ehesystem zu 
abendländischer Lebensform mag bei vielen jungen Leuten eine 
gewisse Interesselosigkeit an der Schließung der Ehe überhaupt 
gezeitigt haben. Damit soll naturgemäß nicht etwa der Rückkehr 



io8 I>ie. Welt des Islamx, Bande». ÜUH, Heft 314 

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zur Vielweiberei das Wort geredet werden. Schon die Natur, welche 
das männliche und weibliche Geschlecht im gleichen Zalilenverhält- 
nis über die ganze Erde verteilt, muß die Monogamie als vor- 
herrschende Eheform verlangen. Zwar rühmt Schopenhauer die 
Mormonen, „die unnatürliche Fessel der Monogamie verworfen zu 
haben"; und Nietzsche kennzeichnet „die islamische Haremswirt- 
schaft als die ungeheure Vernunft Asiens". Auch E. Hartmann ^ 
versucht das Vorhandensein der Polygamie mit dem Argumente 
zu verteidigen, daß die männliche Naturanlage polygamisch, die 
weibliche dagegen monogamisch gerichtet sei. So sei an allen 
Orten, wo der Mann ausschließlich herrsche, die Vielweiberei als 
überwiegende Form zu finden; dort dagegen, wo höhere Bildung 
eine Gleichberechtigung der Geschlechter herbeigeführt habe, sei 
die Monogamie, äußerlich wenigstens, durchgedrungen, wenn sie 
auch selbst hier nicht streng innegehalten werde. Aber alle diese- 
Argumente, von wie bedeutender Seite sie auch kommen mögen, 
können kaum von der Zweckmäßigkeit oder gar Notwendigkeit 
dieser Einrichtung überzeugen. 

So proklamieren heute auch die Jungtürken die Monogamie als 
die einzige, ihrer modernen Weltanschauung würdige Ehegemein- 
schaft und weisen die europäischen Phantasiegespinste über die 
polygamische Zügellosigkeit mit Entrüstung zurück. 

Wie steht es nun mit der heutigen Ehepraxis der Türken, in- 
wieweit erscheinen die Vorstellungen des Abendlandes über das 
türkische Haremsleben gerechtfertigt? Wir dürfen das Wort Harem, 
welchem noch zu sehr der Nimbus schrankenloser Vielweiberei an- 
haftet, nicht mit seinem eigentlichen Sinne verwechseln. Auch 
heute noch bedeutet es, gemäß seinem wörtlichen Sinn „das Ver- 
botene", den Teü des türkischen Hauses, welcher die Frau völlig vor 
der Männerwelt abschloß, in den sich bei Todesstrafe kein fremder 
Männerschritt wagen durfte. Dieser Teil des Hauses beherbergt 
nun je nach der Ausdehnung der türkischen Famüienorganisation 
eine große Anzahl weiblicher Familienmitglieder, mitunter auch nur 
die Frau des Hausherrn allein. 

Hören wir nun das Urteil einiger moderner Türken über die 
heutige Vielweiberei: Mahmud Mukhtar Pascha, den wir schon durch 
seine Darlegungen über Frau und Ehe kennen, sagt hierzu 2; „Von 

* Eduard Hartmann, Die Philosophie des Unbewußten, S. 184. 
2 a. a. O. S. 115. 



Lorenz, Die Fraueiifrufic. im Osmanischen lieic/ie. 109 

OCCKXKX)0O<XX)OO(XX)Q000000CXXXXXXX)O00O0OCIO0OO00O00O0C)0^ 

der gesetzlichen Vielweiberei wurde bis vor einem halben Jahr- 
hundert noch reichlicher Gebrauch gemacht. Seitdem haben sich 
die Verhältnisse gründüch geändert. Solange kaukasische Tscher- 
kessen ihre Töchter nach der Türkei brachten und verkauften, so- 
lange abessinische und sonstige Sklavinnen zu kaufen waren, konnte 
die Vielweiberei bestehen. Veränderte soziale und poHtische Ver- 
hältnisse, sowie Antisklavereibestrebungen haben im Verein mit 
der Verbreitung der Frauenbildung die Vielweiberei faktisch so 
gut wie aufgehoben." Als das Moment, welches beim Verschwinden 
der Polygamie am meisten ins Gewicht fällt, erscheint mir aber 
der durch den wirtschaftlichen Rückgang bedingte finanzielle Ruin 
vieler Familien, der den heiratenden Söhnen eine möglichste Be- 
schränkung in der Haltung der Frauen auferlegte; dazu erforderte 
die jahrelange Kriegswirtschaft erst recht eine Vereinfachung der 
Familienhaltung. Die meisten Türken sprechen auch den wahren 
Grund ihrer eheherrlichen Beschränkung unumwunden aus. So sagt 
Halil Hahd Be)': „In unseren Tagen ist die Erhaltung nur eines 
einzigen Weibes schon eine so schwierige Sache, daß viele Männer 
des Morgenlandes auf die Freuden des Ehelebens überhaupt ver- 
zichten", eine Ansicht, die mir selbst von türkischer Seite hier 
wiederholt bestätigt wurde. Interessante und wahrheitsgetreue Auf- 
klärungen gibt uns ein türkischer General mit Namen Izzet Fuad 
Pascha 1. Er g^ehört zu den wenigen Mohammedanern, welche sich 
nicht scheuen, die Lage der Frau dem männlichen Egoismus auf 
das Konto zu setzen. In bezug auf die eheliche Praxis sagt er: 
„Nur die oberen Zehntausend können von der Erlaubnis des Korans 
einen buchstäblichen Gebrauch machen". So führt er das Beispiel 
seines Schwiegervaters und Vaters an, von denen der eine über 
i-ier Frauen und 500 Konkubinen verfügte, während in dem Hause 
des anderen, seines Vaters, 80 Frauen erhalten wurden. Sämtliche 
Kinder dieser Frauen und Odalisken galten als legitim, sofern nicht 
die Mutter eines anderen Sklavin war, z. B. also der rechtmäßigen 
Frau des Paschas gehörte. 

Das Verschwinden des Sklavenhandels nahm nun also auch nach 
Izzets Ansicht der Polygamie mit ihrer schrankenlosen Konkubinen- 
wirtschaft das eigentliche Rückgrat. Das ungeheure Bedienungs- 
personal der Ehefrauen wie das Wäsche-, Tisch-, Toiletten-, Tanz-, 
Besuch- und Musikpersonal, das sich in den großen Harems noch 

1 Izzet Fuad Pascha, Das türkische Haremsleben und sein wirtschaftlicher Einfluß, Deutsche 
Revue 19 14, S. 175. 



HO Die Welt des Islams. Ihmd f,. IfUS, Jh'ft ;;'4 

COC«0000(XXX>0O000a0000000000000(XXX>0000000000000000000000000000000<X00CXXXX)0(X3000(XXXXXXXX>X^^ 

aus 500 Sklavinnen zusammonsetzte, verschwand mehr und mehr 
von der Bildftäche; dort aber, wo es sich ungeachtet der Anti- 
sklavereibestrebungen zunächst behauptete, verschlang seine Unter- 
haltung derartige Summen, daß eine vcUlige Verarmung des moham- 
medanisch-türkischen Bevölkerungselementes herbeigeführt wurde. 
Nun schwand zwar mit der Zahl der Sklaven das despotische wirt- 
schaftliche Abhängigkeitsverhältnis Ungezählter und die ungeheuren 
sozialen Unterschiede zwischen Herr und Diener. Aber die Ver- 
armung des Türkentums zog eine andere, für den Bestand des 
Reiches verhängnisvolle Entwicklung nach sich: den Griechen und 
Armeniern, den am w'enigsten reichstreuen Elementen des türkischen 
Staatskörpers, den geriebensten und gewandtesten Handelsleuten 
des Morgenlandes, wurde die wirtschaftliche Hegemonie auf Kosten 
der türkischen Elite des Landes äußerst leicht gemacht. 

Wir dürfen mit Izzet Pascha sagen, daß die Polygamie ihrem 
heutigen Wesen nach die Lebensverneinung der türkischen Familie 
bedeutet. Sie ist in sich selbst eine Unmöglichkeit, da sie niciit 
besitzt, was sie zu sein vorgibt: Familie im Sinne wirtschaftlicher, 
ethischer, geistiger Interesseng^emeinschaft. Denn die zahlreichen 
Frauen und Kinder, die den polygamischen Harem bevölkern, können 
in ihrem lockeren Gefüge, in ihrem rein materiellen Abhängigkeits- 
verhältnis zu ihrem Herrn und Gebieter nicht das Wesen der 
Familie ausmachen. Hier stehen sich absolute Gebieterstellung und 
völlige Entrechtung als zwei unüberbrückbare Pole gegenüber und 
haben die Gesundheit der modernen Einehe erschüttert; Izzet Pascha 
charakterisiert das Wesen der Frau im Rahmen der Vielweiberei 
mit dem offenen Worte: „Die türkische Frau trägt einen Todes- 
keim in sich, den Marasmus der Gefangenschaft." 

Von türkischer Seite werden nun natürlich die vereinzelten Licht- 
seiten der Polygamie mit besonderem Pathos hervorgehoben. Gewiß 
ist zuzugeben, daß die Polygamie die schwierigen sozialen Probleme 
des Abendlandes, wie die Versorgung unehelicher Kinder und die 
Kinrichtung der Prostitution nicht kennt, ja ihrem Wesen nach nicht 
kennen kann; es fragt sich nur, ob die Errungenschaft einer höheren 
Gesittung mit einer, wenn auch nicht unfehlbaren Gesellschafts- 
ordnung den Tausch mit abendländischer Eheform nicht wünschens- 
wert macht. Auch die unbedingte Sicherung der Volksvermehrung 
im polygamischen System steht bei dem mangelnden Interesse an 
einer zahlreichen Nachkommenschaft und dem Fehlen eines echten 
l^'amilienzusammenhanges durchaus nicht außer Frage. 



Igoren:. Du' Fnuieiifi-age im Osmanischen Reiche. 11 1 

IXX5000<XXXX>>>3«OOOOC>OOCOOOOOOOOOOOOCXXXX!OOOOOOCXXXXX)0<XXXX)OOOC)CKX>DOO(^^ 

Im allgemeinen gehen die Ansichten über die heutige Aus- 
dehnung der Vielweiberei selbst bei Türken und gut unterrichteten 
Orientkennern sehr auseinander, da eine statistische Erfassung der 
Eheschließungen bisher nicht stattgefunden hat. Während Pautz^ 
die Meinung vertritt, daß von der legalen Erlaubnis nur äußerst 
selten, nämhch in tausend Fällen ungefähr einmal Gebrauch ge- 
macht wird, hat Auerbach, der als deutscher Arzt in Haifa Gelegen- 
heit hatte, das arabische FamUienleben näher kennen zu lernen, 
die Polygamie daselbst vier Mal beobachtet (Haifa ist eine Stadt 
von 7250 Einwohnern). Im allgemeinen kann man sich wohl der 
Ansicht türkischer Staatsang'ehöriger anschließen, welche hier in 
Wort und Schrift verkünden, daß etwa 95 Prozent der Verheirateten 
in monogamischer Ehe leben, während die übrig'en höchstens zwei, 
sehr wenige nur mehr Frauen ihr eig'en nennen. Ich nenne hier 
z. B. Dr. med. Husei'n Himmet Bej aus Konstantinopel, welcher 
1916 im Bayrischen Hof in München einen Vortrag über die 
türkische Frau hielt 2. Auch er hält die Monogamie in 95 Prozent 
der Fälle für die vorherrschende Erscheinungsform. 

Von den verschiedenen Völkern der Türkei treiben hauptsächlich 
noch heute vereinzelte Nomadenstämme, wie Beduinen und Kurden, 
besonders deren Häuptlinge, zum Teil noch uneingeschränkte Viel- 
weiberei, während in den Städten nur vereinzelte FäUe vorkommen. 
Diese Tatsache läßt sich noch an verschiedenen Zahlenbeispielen 
im folgenden verdeutlichen. 

b) Das zahlenmäßige Verhältnis der männlichen zur \\'^eiblichen 
Bevölkerung. Nachwuchs. 

Um nun der Ausdehnung der Polygamie und Monogamie etwas 
genauer auf den Grund zu gehen, brauchen wir uns nur das zahlen- 
mäßige Verhältnis der männlichen und weiblichen Bevölkerung vor 
Augen zu halten. Da ja eine Ehelosigkeit der Frauen fast gänzlich 
ausschaltet, so lassen sich in den Gegenden, wo ein erheblicher 
Frauenüberschuß festzustellen war, auch Rückschlüsse auf die Praxis 
der Polygamie ziehen. 

Bei der Ungenauigkeit, ja dem völligen Versagen der türkischen 
Volkszählung, welche fast nur den männlichen TeU der Bevölkerung 
erfaßt, ist es natürlich schwierig, sich ein genaues Bild von dem 

1 Pautz, Mohammeds Lehre von der Offenbarung, Leipzig 1898. 

* Dieser Vortrag wird in der Münchener Tageszeitung vom 11. Dezember 1916 be- 
i5prochen. 



112 !>'ie Welt lies I4a,ii.% Band (k 1918, Heft :j'4 

ix j «oeoceoocx3oo o oe*oooc)ooooooooooooocxxxxxxxxaooooooooocxxxxxxxxxxxoocoooooooooooc^^ 

gegenwärtigen Stande der türkischen Bevölkerungsbewegung zu 
machen und das richtige Kompromiß zwischen den nicht unerheb- 
lichen Abweichungen des ungenauen Zahlenmaterials zu schließen. 
Selbst die an sich genauen Angaben des französischen Forschers 
Cuinet zeigen in der F'eststellung des weiblichen Elementes in der 
Bevölkerung große Lücken. Auch die syrischen Forschungen 
Ruppins scheiterten teüweise daran, daß die Bewohner der Harems 
der Kontrolle gänzlich entzogen waren, da auch den von Geistlichen 
geführten Registern nicht allzusehr zu trauen war. Wie schon 
im grauen Altertum rechnet man auch wohl heute noch die seß- 
hafte Bevölkerung nach Familien, die nomadisierende dagegen 
nach Zelten und gewinnt auf diese Weise durch Addition der 
erfahrungsgemäß gewonnenen Durchschnittszahlen für eine Familie 
die höchst ung'enaue Gesamtziffer. 

Wir wollen nun zunächst dort, wo es möglich ist, uns das zahlen- 
mäßige Verhältnis der weiblichen zur männlichen Bevölkerung 
vor Augen führen. Nach Cuinets Berechnungen, welche allerdings 
nur für einzelne Wilajets die Geschlechter getrennt aufführen i, 
zeigen die meisten Provinzen ein starkes Überwiegen der weiblichen 
Bevölkerung; bei anderen hingegen macht sich daneben auch ein 
Überschuß an männlicher Bevölkerung geltend. So setzt sich eine 
der armenischen Stammprovinzen, Erzerum, seiner Bewohnerzahl 
nach, aus 344000 Männern und 300780 Frauen zusammen;, im 
gleichfalls armenischen Bitlis dagegen entfallen auf die Gesamt- 
bevölkerung v^on 398625 Einwohnern 19Q726 Frauen neben 198939 
Männern. In der innerkleinasiatischen türkischen Provinz Angora 
kommen auf 469 148 Männer 423 753 Frauen. In der Kurdenprovinz 
Mamuret ul-Aziz (also dem typischen Nomadenlande), zeigt die 
Differenzierung der Bevölkerung nach Rehgion und Rasse in allen 
ihren Einzelheiten ein starkes Überwiegen der weiblichen Bevölkerung. 
Hier zählt das mohammedanisch-osmanische, also hauptsächlich 
türkische Rassenelement auf 126916 Männer allein 140 500 Frauen, 
wonach auf 100 Männer allein 110,7 Frauen kämen; demnach einen 
Prauenüberschuß von 5 Prozent, ein Beweis also für die Hinneigung 
der Nomaden zur Polygamie. Auch bei den Kurden, welche hier 
mit 28750 Frauen gegen 26200 Männer vertreten sind, würden 
auf einen Mann 1,1 Frauen kommen. Die Kisil Basch fallen nur 
mit einem geringen Überschuß (91 500 Frauen gegen 91 080 Männer) 

1 .So fehlt z. B. die Spezialisierung in den Provinzen Trapezunt, Siwas, Konia und Adana 
gänzlich. I 



Loren:, Die Fruuenfrdqe im Usnuviisrhen Ä'eiche. II3 

eoooeecoooooooeoeooooooooooooocxx»ooooooooooooooooeoooooooocxxxxxxxxxx)cx>X)(xxxxx)ocx)ooocxxxxxx3ooa0ooo^ 

ins Gewicht. Stärker tritt dieses Verhältnis wiederum bei den 
Armeniern zutage 1, bei denen der männhche Bestandteil der Be- 
völkerung nur mit 93 Männern gegen je 100 Frauen an der Gesamt- 
bevölkerung beteiligt ist, also ein Frauenüberschuß von 3,8 Prozent 
zu verzeichnen ist. Hinzu kommt noch ein geringer Prozentsatz 
Griechen, welche mit 350 Frauen gegenüber 300 Männern ver- 
treten sind. Es zeigt sich also hier deutüch bei sämtHchen Rassen, 
besonders aber bei den mohammedanisch-türkischen, armenischen 
und kurdischen Elementen ein auffallendes Überwiegen der weib- 
lichen Bevölkerung, Als ausschlaggebender Faktor in diesem 
Mißverhältnis kommt allerdings die oft jahrelange Abwesenheit 
vieler Männer von der Heimat aus Erwerbs- und militärischen 
Gründen hinzu. Es ist wohl nicht zu hoch gegriffen, wenn man 
mit Cuinet auch heute noch den weiblichen Überschuß der mo- 
hammedanischen Bevölkerung Kleinasiens auf 17 Prozent veran- 
schlagt, ja vielleicht darf man heute trotz monogamischer Ehe und 
Antisklavereibestrebungen in Anbetracht der enormen jahrelangen 
Kriegsverluste diesen Satz noch beträchtlich höher schrauben. Im 
armenischen, also christlichen Sandschak Harput beträgt der Über- 
schuß ebenfalls 17 Prozent, im teils türkischen, teils armenischen 
Malatia 13 Prozent,' in Dersim 7 Prozent. Ganz anders tritt daher 
dieses Zahlenverhältnis bei den rein christlichen Bestandteilen des 
Volkes, die weder der Polygamie huldigen noch zum Heeresdienste 
eingezogen werden, es sei denn höchstens im Spezialberufe des 
Arztes oder Apothekers, hervor. Hier ist ein weiblicher Überschuß 
von höchstens 5 Prozent zu verzeichnen. 

Auffallend tritt ein türkisches Wilajet hervor, an welchem sich 
die angeführte Zahlentatsache nicht bewahrheitet: die anatoHsche 
Provinz Kastamuni. Hier zeigt sich gerade bei den Mohammedanern 
ein starkes Überwiegen der männlichen Bevölkerung; es besteht 
nämlich ein männlicher Überschuß von über 3 Prozent 2. Bei den 
Griechen tritt derselbe Überschuß in die Erscheinung; bei den 
Armeniern stehen 1137 Frauen 1510 Männern, bei den Kopten 

1 Nach religiösen Gesichtspunkten setzen sich die Armenier folgendermaßen zusammen: 

Gregorianische Armenier . . . 29792 Männer und 32 191 Frauen, 
Katholische ,, ... 800 „ „ 875 ,, 

Protestantische „ ... 2950 „ „ 31 10 ,, 

insgesamt also: 33542 Männer und 36176 Frauen. 

2 Hier kommen auf 480213 Frauen 511 767 Männer; bei den Griechen auf 10156 Frauen 
II 351 Männer. 



114 "''' ^^^'fl '/'-^ />/'///'•>•. lh,n,l (;. IUI 8, Jhft 314 

«rooeooocnoooo«eeeoooooooooooaooooooooooooooooooooeooooooooooo(X)oooooooooooooooo(X)ocx>cxxxx«x3ooee^^ 

993 Frauen io86 Männern gegenüber. Danach zeigt die Gesamt- 
zahl der weiblichen Bevölkerung Kastamunis von 493 199 sich der 
männlichen von 525713 weit unterlegen, so daß also ein Männer- 
überschuß von 3 Prozent hervortritt. Ahnliche Abweichungen von 
der Regel zeigen sich in der Zusammensetzung der konstantino- 
politanischen Bevölkerung. Wir müssen uns mit Cuinet auf den 
asiatischen Teil der Stadt, welcher die Kreise 8 — 10 umfaßt, be- 
schränken. So überu'iegt im achten Kreise (Canhdja mit Um- 
gebung) der mohammedanische männhche Teil der Bevölkerung 
mit 3 Prozent; dasselbe gilt auch für Griechen, Armenier, Bulgaren, 
Tscherkessen, Juden und Fremde. Die Gesamteinwohnerzahl des 
achten Kreises weist einen männlichen Überschuß von 9 Prozent 
auf. Im neunten Kreise (Skutari mit Umgebung) beträgt der Über- 
schuß 10 Prozent; im zehnten Kreise (Kadiköj) dominieren die 
Männer mit 8198 Personen bei einer Gesamteinwohnerzahl von 82400, 
also mit 9 Prozent. Danach beträgt also im asiatischen Teile von 
Konstantinopel bei einer Einwohnerzahl von 163084 der Überschuß 
des männüchen über den weiblichen Bevölkerungsstand 18946 
Personen, also 1 1 Prozent. 

Auch diese Tatsache des männlichen Überwiegens in der Be- 
völkerung der handeis- und gewerbeeifrigsten Gegenden, zu denen 
besonders Konstantinopel zählt, gibt noch eine weitere Erklärung 
für das starke Vorherrschen des weiblichen Elementes im zentralen 
und östlichen Kleinasien ab. Wenn Gegenden, wie z. B. auch das 
südliche Kappadozien 1, Dörfer aufweisen, in welchen das männliche 
Element fast ganz vom Erdboden verschwunden zu sein scheint, 
so hat das seinen Grund in der geringen gewerbüchen Entwicklung 
jener Provinzen, die den Mann oft zur Auswanderung in gewerblich 
höher entwickelte Städte treibt, aus denen er oft erst nach jahre- 
langer Abwesenheit wohl begütert zu seiner Familie zurückkehrt. 

Ich glaube nicht allzu fehl zu gehen, wenn ich nach dem Gesagten 
annehme, daß die Handel- und Gewerbetreibenden und hauptsächlich 
von orthodoxen Griechen bewohnten Küstenstriche Nord-, West- 
und Südanatoüens sich namentlich in den größeren Handelsstädten 
durch ein Überwiegen des männlichen Bevölkerungsbestandteiles 
auszeichnen, da naturgemäß das bisher starke Überangebot männ- 
licher Arbeitskraft nach den .Haupterwerbszentren des Landes 
drängte; darin findet also das außerordentliche Übergewicht des 

1 Hierzu E. Banse, Die Türkei. 



J^oreyiz, Die Frmienfrage im Osmanischen Reiche. 115 

bäuerlichen türkischen, kurdischen, armenischen und griechischen 
weiblichen Elementes in InneranatoHen einen Ausgleich. Immerhin 
darf man aber wohl den Frauenüberschuß Kleinasiens auf 8 bis 
10 Prozent veranschlagen. 

Die bevölkerungspolitischen Zustände Syriens zeigen das um- 
gekehrte Verhältnis der kleinasiatischen Gebietsteile, nämlich, im 
ganzen genommen, einen männlichen Überschuß von 2 Prozent. 
Die Angaben Ruppins sind natürlich auch, wie alle Zahlenangaben 
aus der Türkei, mit einer gewissen Vorsicht hinzunehmen. Wenn 
auch auf Grund des Personenstandsgesetzes vom 10. Juni 1902 für 
sämtliche Osmanen die Pflicht bestand, sich in die amtlichen 
Personenstandsregister eintragen zu lassen, so kam doch nur ein 
geringer Teil der Bevölkerung dieser Bestimmung nach, während 
sich ein erhebücher Teil seiner Verpflichtung entzog. Diese Tat- 
sache sowie der Umstand, daß bis vor kurzem das nicht osmanische 
Element der Bevölkerung dem Gesetze überhaupt nicht unterworfen 
war, macht die Lückenhaftigkeit der folgenden Angaben einiger- 
maßen begreiflich. 

So weist das Wilajet Aleppoi allein 212463 Personen auf, welche 
sich nicht nach Geschlechtern registrieren lassen, und darüber 
hinaus gewiß noch eine große Anzahl überhaupt nicht in die Listen 
aufgenommener Personen. Die Gesamtzahl der nach Geschlechtern 
registrierten Personen des Wüajets beträgt 656944; der Überschuß 
an Männern beträgt also 15 834 Personen, das sind 2,4 Prozent bei 
der Gesamtbevölkerung. Auf 100 Männer kommen demnach nur 
95 Frauen. 

Umgekehrt verhält sich die Verteilung der Geschlechter im 
Wilajet Damaskus, dessen Mutesarrifliks bis auf Kerak ein starkes 
weibliches Übergewicht zeigen 2. Hier tritt bei einer Gesamt- 
Männlich Weiblich Insgesamt 
registriert 

Mutesarriflik Aleppo . . . 266880 257917 18503; 709832 

„ Aintab . ■ . 69 509 62 638 27428 I59 570 

Wilajet Aleppo 336389 320555 212463 869402 

2 Ruppin a. a. O. S. 8. 



Mutesarriflik Damaskus 

„ Hama . . 

„ Kerak . . 

„ Hauran 

Wilajet Damaskus . . . 

Die Welt des Islams, Band 6. 



Männlich Weiblich Summe 

224321 236091 460412 

103469 107535 211 004 

37769 32519 70288 

90477 92629 183 106 



456036 468774 924810 



iin Die Welt des Mrnns, Ii<ni<l H. 1U18, Heft 3j4 

Doooeoooooooooaoe>oooooocxxx)oooooooooocxxxxxxxxxxx»oooocxxxx)oooooooooooooooooooooo^^ 

bevölkerung von 924805 Personen ein Frauenüberschuß von 12 738, 
also von 1,3 Prozent in die Erscheinung, so daß also auf 100 Frauen 
97 Männer kämen. 

In Beirut endlich linden wir in den drei Regierungsbezirken 
Beirut, Tripolis und Lattakie ein Überg'evvicht der weiblichen Be- 
völkerung von 1,1; 0,9 und 2,3 Prozent; in den drei folgenden Akka, 
Nablus, Libanon dagegen ein Übergewicht der männlichen Ein- 
wohnerschaft, während Jerusalem nicht nach Geschlechtern speziali- 
siert ist^. Hier bilden also die Frauen nur 94 Prozent der männlichen 
Bevölkerung. Danach ergibt sich bei der Gesamtbevölkerung ein 
Übergewicht der männlichen Bevölkerung- von 3 Prozent. 

Für Gesamtsyrien ergibt sich hiernach folgendes Büd: Die Ge- 
samtsumme der zu ermittelnden Frauen der drei Wilajets beträgt: 
1386178, die der Männer 1426633; der Männerüberschuß also 
58455 Personen; die gesamte Bevölkerung läßt sich annähernd auf 
3423631 Menschen berechnen, bei denen aber die 212463 nicht 
registrierten Personen des Wilajets v^eppo sowie die 398362 nicht 
nach Geschlechtern aufgeführten Einwohner des Regierungsbezirkes 
Jerusalem mitgerechnet wurden. Sonach würde auf eine Gesamt- 
zahl ermittelter männlicher und weiblicher Einwohner von 2812811 
Personen ein männlicher Überschuß von 2 Prozent entfallen; so daß 
also der Bestandteil der weiblichen Bevölkerung mit nur 97 Frauen 
auf je 100 Männer in die Erscheinung tritt 2. 



Mutcsarrirtik Beirut . 

„ Tripolis 

„ Lattakie 

„ Akka . 

„ Nablus . 

,, Libanon 



Vlännlich 


Weiblich 


104944 


107 345 


86 596 


87869 


71 ii8 


74502 


68936 


68228 


77034 


76715 


225 580 


182 170 



Summe 
2 1 2 309 
174465 
145 620 
137 164 

153749 
407 750 



„ Jerusalem . . . 398362 398362 

Wilajet Beirut 634208 596849 i 629419 

398 362 
Diesem Männerüberschuü Syriens entspricht nun allerdings nicht die Tatsache, dafi auf 
Grund von Forschungsergebnissen in Syrien und Mesopotamien auf 100 Knaben- ein 
Überschuß von 2 — 3 Mädchengeburten gerechnet wird. Diese Erscheinung, die von 
dem Entwicklungsprinzip anderer Länder vollkommen abweicht, tritt wie Schmoller — 
Grundriß, S. 164 — ausführt, besonders bei d c n Völkern zutage, wo Rasseverschieden- 
heit der Eltern und exogame Paarung vorherrschen. Hiermit könnte man die Polygamie 
in Syrien-Mesopotamien als eine naturgewollte Einrichtung ableiten, wenn nicht die oben 
angeführte Tatsache des männlichen Überschusses dagegen spräche. Die einzige Er- 
klärung für diese Differenz liegt m. E. in der außergewöhnlich hohen Sterblichkeit der 
jungrerheirateten Frauen. 



Lorenz, Die Frauenfroge im Osmanischen Reiche. 117 

t<x9c«ooocio(xx)oeoeooeooooooooooooc)ooooocx)oooo(xxxxxxx)oocxxxx)oo^^ 

Während also das osmanisch-türkische Kernland Kleinasien ein 
besonders starkes Überwiegen des weiblichen Elementes gerade 
bei seinem Hauptbestandteile aufweist, tritt in Syrien, dem Lande 
der zum Teil nomadisierenden Araber ein kleiner Überschuß der 
männlichen Bevölkerung hervor. Aus dieser Tatsache kann man 
also den Rückschluß ziehen, daß die Vielweiberei in Syrien kaum 
eine nennenswerte RoUe spielt. Das immerhin erstaunliche Über- 
gewicht der männlichen Bevölkerung läßt sich wohl damit erklären, 
daß gerade die umherziehenden Beduinen sich der Zählung fast 
völlig entziehen. Andererseits ist Syrien der Tummelplatz vieler 
fremder Volkselemente, Christen und Juden, weichein den verhältnis- 
mäßig hoch entwickelten Städten ihrem Gewerbe nachgehen und 
natürlich in erster Linie durch die Zählung erfaßt werden können. 
Wenn wir nun auch annehmen müssen, daß heute infolge der 
großen Verluste des Kj-ieges wiederum ein stärkeres Überwiegen 
der weiblichen Bevölkerung hervortreten wird, so gestatten doch 
allein schon die finanzielle Erschöpfung des Volkes und die 
Modernisierung des Wirtschaftslebens eine Rückkehr zur Polygamie 
nicht. Außerdem hat es die Frau gerade unter dem Drucke der 
letzten Jahre bereits verstanden, in irgend einem Erwerbszweige 
Ersatz für den Mangel an materieller Versorgung zu suchen. Es ist 
sogar anzunehmen, daß nach Beendigung dieses Erschöpfungskrieges 
ein erheblicher Frauenüberschuß überhaupt ohne eheliche Ver- 
sorgung bleiben wird. 

Wenn nun zwar die aufgeführten Zahlenbeispiele ebenso wie 
die Abschaffung des Sklavenhandels sich deutlich für die über- 
wiegende Praxis der Monogamie aussprechen, so fehlt es doch, 
wie Jäckhi sich ausdrückt, der türkischen Einehe an dem „volks- 
wirtschaftlichen Mark". Es wird also der kommenden Generation 
nicht die persönliche und volkswirtschaftliche Würdigung entgegen- 
gebracht, eine Tatsache, welche für die Frage der Bevölkerungs- 
vermehrung von einschneidender Bedeutung sein mußte. 

Wenn wir zunächst von der unmittelbaren Wirkung dieses 
Krieges absehen, so trägt doch bereits die bevölkerungspolitische 
Entwicklung vor ihm einen ungesunden Keim in sich, den Izzet 
Pascha als den „Marasmus der Gefangenschaft der Frau" kenn- 
zeichnet. Das lose Gefüge der türkischen Ehe und die infolge des 
wirtschaftlichen Rückganges so außerordentlich erschwerte Familien- 

1 Jäckh a. a. O. S. 69. 

S* 



ii8 Die Weh des Islams, Band 6. 191^, lieft 3; 4 

i>oooeeooc>oo(x>ooooooooooooooooooooooooooo(yx>oooooooo(xxxxxxxxx>oooooooooooooooocxxxxxxx30o^ 

gründung haben gerade bei dem osmanisch-türkischen Bestandteile 
der Bevölkerung eine gewisse Erschlaffung gegenüber der starken 
Vermehrungstendenz anderer lebenskräftiger Emporkömmlinge her- 
aufbeschworen. Es scheint, als sei die moderne Wirtschaftsent- 
wicklung etwas zu schnell und gewaltsam über die islamische 
Welt hereingebrochen und habe die verborgene Pflanze des Harems 
zu heftig in ihren Bannkreis gezogen. Vielleicht hat das aus dem 
plötzlich erwachten Interesse Europas an der Erhaltung der Türkei 
erwachsene Kulturbündnis auch die „Entschleierung" der Frau zu 
stürmisch vollzogen. Sicherlich befindet sich die heutige türkische 
Frau in einem Übergangsstadium zwischen Tradition und Neuzeit, 
in einer Stagnation, aus welcher sie sich nach energischer Ab- 
rechnung mit der Vergangenheit zum Bewußtsein ihres Persönlich- 
keitswertes durchringen muß. 

So befindet sich die Frage des türkischen Bevölkerungsnachwuchses 
heute in einem sehr kritischen Entwicklungsabschnitt, dem der 
Krieg mit seinen üblen Begleiterscheinungen erst recht seinen 
Stempel aufgedrückt hat. Die türkische Ehe hat sich, wenn man 
so sagen darf, französisiert und bei der Erleichterung des Scheidungs- 
verfahrens hier wie dort ihren ursprünglichen Daseinszweck ein- 
gebüßt. Abgesehen davon, daß man sich vor einem größeren 
Kindersegen zu schützen sucht i, werden auch unzählige Kinder 
im Säughngsalter durch das Außerachtlassen sanitärer Vorschriften 
und infolge des heißen Klimas dahingerafft. Das Zusammenwirken 
einer hohen Sterbe- und geringen Geburtenziffer haben nicht nur 
den Geburtenüberschuß überhaupt in Frage gestellt, sondern zu 
einem Stillstande, teilweise sogar Rückgange gerade des türkisch- 
anatolischen Bevölkerungselementes geführt. Bisher lag der Schwer- 
punkt der türkischen Volksvermehrung aber gerade auf dem, wenn 
auch verarmten, so doch gesunden anatolischen Bauernstamme. 
Seit aber das Schlachtfeld nun schon seit Jahren dieses kräftige 
Element mit Waffen und Seuchen vernichtet, scheint eine Ver- 
jüngung der mohammedanischen Bevölkerung vor der Hand erst 
recht schwierig. Gerade der Rückgang des Bauernstandes mußte 
aber um so schwerer ins Gewicht fallen, als das Fehlen menschlicher 
Arbeitskraft bei der eigenartigen klimatischen und Bodenbeschaffen- 
heit des Landes (Bodenversalzung, Wasserwirtschaft usw.) kaum 

* Vgl. hierzu: Junge, Das Problem der Europäisierung der türkischen Wirtschaft, S. 147. 
Fitzner, Anatolien, Wirtschaftsgeographie, S. ao. 



Lorenz, Die I^raucnfrage im Osiuaimclwn Heiclie. 119 

eOOOOO€)OOCOOOOC<X30000000CXX»OOOOOOOOOCOOCXXXX500000C^^ 

durch Maschinen zu ersetzen war und ein weiterer wirtschaftlicher 
Rückgang die notwendige Begleiterscheinung sein mußte. 

An einem Zahlenbeispiel läßt sich das Verhältnis zwischen Ge- 
burten- und Sterbeziffer erläutern. Nach einer Notiz des Nationalisten- 
organes Türk Jurdu vom 21. Juni 17 (Nr. 137) sind türkischerseits 
für den Liwa Eskischehir folgende Tatsachen festgestellt worden : 
Verteilung- des männlichen und weiblichen Elementes; Zahl der Ge- 
burten und Todesfälle. Sämtliche drei Bezirke weisen einen Über- 
schuß an männlicher Bevölkerung auf: 

Männer Frauen Summe: 

Eskischehir 47 735 43825 91560 

Siwrihisar 18669 16449 35 118 

Michalydschyk .... 17806 17102 34 908 

Liwa Eskischehir. .. 84210 77 376 161586 

Hier besteht also ein Männerüberschuß von 6834 oder 4 Prozent. 

Die jährliche Zahl der Geburten wurde auf 4441, und zwar 2196 
männliche und 2245 weibliche Kinder berechnet, wonach auf die 
Gesamtbevölkerung 27,4 pro mille Geburten im Jahre entfallen: 13,4 
pro miUe männliche, 14 weibliche. Dieser Geburtenziffer steht nun 
aber eine jährüche Sterbeziffer von 5141, darunter 3819 Todesfälle 
männlicher, 1322 weibHcher Personen, gegenüber, so daß die Sterbe- 
ziffer allein mit 31,6 pro mille an der Gesamtzahl der Bevölkerung 
beteiligt ist: 23,4 pro müle männliche und 8,2 pro mille weibliche 
Todesfälle. Danach überwiegt zwar die weibliche Geburtenziffer 
die Sterbeziffer bei weitem; es besteht also ein Überschuß an weib- 
lichen Geburten von 5,8 pro mille; wohingegen die männliche Ge- 
burtenzahl hinter der Sterbezahl um 10 pro mille zurücksteht, 
so daß nicht nur — • zusammengefaßt — ein Stillstand in der Be- 
völkerungsvermehrung, sondern sogar ein erheblicher Rückgang, 
ein Überschuß der SterbefäUe von 4,2 pro mille, zu verzeichnen ist. 

Wenn dieser Bevölkerungsrückgang z-^ar auch nicht so deutlich 
wie an diesem Zahlenbeispiel in der gesamten Türkei hervortreten 
mag, so wird doch gerade ärzthcherseits der Rückgang des osmanisch- 
türkischen Volksbestandes in Kleinasien bestätigt. Ein geradezu 
trostloses Bild von dem Stande der türkischen Bevölkerung Klein- 
asiens entwirft ein deutscher Arzt, Professor Dr. v. Düring, welcher 
seine Erfahrungen, die er während einer vierzehnjährigen Praxis 
als Arzt in Konstantinopel und auf Reisen als Sanitätsinspektor 
sammelte, in einer Abhandlung „Der Niedergang des Osmanischen 



120 Die WeJt </^.s- hJaw^, Band 6". 19i^, fleft 3j4 

O'~*"<*0<»O0O0OCX»09CX»0000000000CXXXXXX)0C«00CXXXXXXJ0O00O0C)0OOOO0C»DCX^^ 

Reiches" ^ niederlegte. Das Resultat seiner eingehenden Unter- 
suchungen gipfelt in dem Satze: „Der Zustand der Volksgesundheit 
dieser ganzen Gegend — am schlimmsten Teile Kastamunis am 
Schwarzen Meere — und die Aussichten für die Zukunft besonders 
der islamischen Bevölkerung sind erschütternd, kommen einer 
Katastrophe gleich. Die Syphilis herrscht in diesen Gegenden, und 
wie ich später feststellen konnte, fast im ganzen Osmanischen 
Reiche." Erst vor kaum loo Jahren wurde diese verheerende 
Krankheit von türkischen Truppen eingeschleppt und hat sich seit- 
her mit katastrophaler Schnelhgkeit über Kleinasien, Syrien und 
Arabien verbreitet. Der orientalische Fatalismus, welcher in allen 
irdischen Plagen nur eine höhere Fügung erblickt, die er still und 
wehrlos über sich ergehen lassen muß, kehrte sich wenig an die 
nötigen Vorsichtsmaßregeln und ebnete damit dem Elend seinen 
furchtbaren Weg. Da die Krankheit in der Mehrzahl der Fälle 
durch zufällige Übertragung weiter um sich griff und gerade die 
Schulkinder sich gegenseitig fortgesetzt infizierten, zeigten sich be- 
sonders in den Dorfschulen die frischesten Infektionen und Ent- 
stellungen. So stellte V. Düring häufig eine Behaftung von 70 bis 
80 Prozent der schulbesuchenden Kinder fest. 

Das Ausbleiben der Nachkommenschaft als die bedenklichste 
Folge dieser Krankheitserscheinung hat in manchen Wilajets ihre 
traurigen Spuren gezeichnet. Fast in allen Gegenden, welche durch 
Kinderlosigkeit gekennzeichnet waren, wie: Ismid, Kastamuni, 
Samsun, Trapezunt, Hüdavendighiar, besonders also in den nördlichen 
und westlichen Küstenstrichen Kleinasiens, konnte die Syphilis als 
einzige Ursache festgestellt werden. Eine zum Teil völlige Ver- 
ödung der einst blühenden Dörfer, ein rapides Zusammenschmelzen 
der Einwohnerzahl waren die traurigen Folgen. Nach Angaben 
v. Dürings waren eine ganze Reihe Dörfer am Küstenstriche des 
Schwarzen Meeres, so zwischen Adabazar und Eregli (Heraklea), wie 
ausgestorben; ein Dorf, <las ursprünglich 500 Einwohner gezählt 
hatte, war innerhalb von 30 Jahren auf 7 Personen zusammen- 
geschrumpft. Freilich läßt sich wohl m. E. das Aussterben der 
dörfischen Bevölkerung nicht allein mit dieser ursächlichen Er- 
scheinung in Beziehung setzen, da gewiß auch andere häufige 
Epidemien, wie Pest, Cholera, Typhus, Pocken und Schwindsucht, 

1 V. Düring, Der Niedergang des Osmanischen Reiches. In: Süddeutsche Monatshefte, 
-\pril 191 3. 



Lorenz, Die Frauenfraqe im Osmanischen Reiche. i 2 i 

eoeoeoeoocxxoooeeoooooooooocxxxxxxxxxxxxxxjoooooooocoocoxxxxxxxxxxxxxxxxicioocxxioooc^ 

ferner Auswanderungen und Verschiebungen!, besonders innerhalb 
der zwischen den anatolischen Osmanen eingesprengten Nomaden- 
kolonien, sowie gewaltsame Ausrottung des armenischen Bevölke- 
rungselementes mitgesprochen haben. Auch werden die düsteren 
Bilder v. Dürings noch durch einige andere Tatsachen gemildert. 
Die Lebenskraft des türkischen Bevölkerungselementes wird, wie 
auch Krause 2 betont, durch zwei Faktoren erhöht: einmal die 
religiös festgelegten Reinigungsvorschriften, die in ihrer häufigen 
Wiederholung ein gewisses Gegengewicht gegen die fataüstische 
Auffassung über ansteckende Krankheiten bilden; femer die Ent- 
haltung von jeglicher Art geistiger Getränke und endlich die 
geringe Abwanderung ins Ausland. Daneben macht sich ein, 
wenn auch geringer, so doch bemerkbarer Rückgang der Sterblich- 
keitsziffer (so im Liwa Eskischehir um 0,5 Prozent als günstiges 
Moment fühlbar. Auch die Regenerierungstendenz jedes durch 
kriegerische Verluste geschwächten Volkes wird immerhin bei 
baldiger Beendigung des Krieges als ausgleichendes Faktum ins 
Gewicht fallen. SchließHch hat auch das Erwachen des türkischen 
Rassenbewußtseins, des Pantürkismus, gestärkt durch das nationale 
Vaterlandsideal „Turan", in diesem Kriege das große Wunder ge- 
wirkt, welches v. Düring 1913 bei allem Pessimismus als einzige 
Möglichkeit einer Wieders^erjüngung ansah. 

c) Einfluß der angeführten Tatsachen auf den allgemeinen Stand 
der Bevölkerungsbewegung. 

Wie haben nun diese bei dem Stillstande bzw. Rückgange der 
türkischen Bevölkerung maßgebenden Faktoren auf die Entwick- 
lung'stendenz des osmanischen Türkentums gewirkt? Gestützt auf 
eine aus dem Jahre 1844 stammende Volkszählung, welche der Be- 
arbeiter Ubicini sicheren Quellen (Listen der öffentlichen Schulden- 
verwaltung) entnimmt, und nach welcher eine Bevölkerung von 
12 Millionen nachweisbar war, und ferner auf die Tatsache, daß im 
Jahre 1890 nur 7 Millionen Einwohner Kleinasiens gezählt wurden, 
hält V. Düring eine Bevölkerungsabnahme von 5 Millionen Menschen 
im Laufe von 46 Jahren für nicht unmöglich. Auch für die Jahre 
1893/96 hält er an einer absoluten Abnahme der Türken um einige 
hunderttausend Menschen fest, da eine Vermehrung der klein- 

1 Krause, Die Türkei (Kap. Bevölkerung), S. 24. 

2 Vgl. auch; y. d. GolU a. a. O. S. 119. 



122 /''/« ^^''elt des h/ams, Band H, 1918, Heft 3j4 

or<»COOOOOOOOOOOCXKXXX)OOOOOOOOOCXXXXXXXXXXX300C)OOOOOOOOOOOOOOOC>0000000000000000^^ 

asiatischen Bevölkerung nicht zu verzeichnen war, obwohl in dieser 
Zeit das christliche und jüdische Element des Volkes sich nachweisbar 
vermehrt hat, und außerdem Tausende von mohammedanischen Ein- 
wanderern (Muhadschirs) nach Kleinasien strömten. Dagegen er- 
scheinen mir die zahlenmäßigen Angaben v. Dürings doch etwas 
zu pessimistisch gefärbt und den tatsächlichen Verhältnissen zu 
widersprechen. Da v. Düring eine Besserung der Krankheitszustände 
fast für ausgeschlossen hält, weil die neueingerichteten Kranken- 
häuser sich infolge massenhafter Unterschlagungen nicht halten 
können, so hätte in den Jahren 1893 bis 1913 erst recht ein weiterer 
erheblicher Rückgang verzeichnet werden müssen. Nach den 
jüngsten Forschungen Philippsons beträgt aber die Einwohnerzahl 
Kleinasiens mit Anatolien heute 13 Millionen, also sogar eine MiUion 
mehr, als die für das Jahr 1844 angesetzte Ziffer, so daß also von 
einem fortgesetzten Rückgange nicht die Rede sein kann. Diese 
Ziffer ist um so wichtiger, als Anatolien als das Kernland des türki- 
schen Bauernstandes jahrzehntelang seine Söhne gegen die auf- 
ständischen Araber und die Balkanländer geschickt hat. (Nach Arabien 
allein 40 — 50 Prozent.) In diesen Feldzügen wurde aber dieser 
kräftige Truppenbestand durch die verschiedensten Seuchen dezimiert. 
Trotz allem stellen die Erfahrungen des heutigen Krieges der Be- 
schaffenheit und Menge des osmanisch-türkischen Soldatenmaterials 
das beste Zeugnis aus. 

Die ursächlichen Erscheinungen des türkischen Bevölkerungs- 
rückganges und ihre Rückwirkung auf die allgemeinen Aussichten 
des türkischen Volkszustandes haben wir damit nach verschiedenen 
Seiten beleuchtet. So haben wohl alle Faktoren, welche überhaupt 
die Zersetzung eines Volkes herbeiführen können, an der Existenz 
des osmanischen Türkentums gezehrt: Kriege, Krankheiten, wirt- 
schafthcher Niedergang, ein ewiger Kreislauf von Ursache und 
Wirkung in ununterbrochener Wechselfolge. In diesem jahrelangen 
Kampfe um Seih oder Nichtsein stand nun die mohammedanische 
Türkin schutzlos, ein Opfer wirtschaftlichen Rückganges, den ein- 
fachsten Lebensbedürfnissen der heranwachsenden jungen Genera- 
tion verständnislos gegenüber. Und doch mußte gerade von ihr 
die Verjüngung der türkischen Nation erwartet werden, da ja das 
Bestehen des Osmanischen Reiches heute eine Frage des nationalen 
Türkentums geworden ist. Von der Aufklärung der Frau in wirt- 
schaftlicher und besonders sanitärer Hinsicht muß also der Bestand 
der kommenden türkischen Generation abhängen. Dieses Ziel ist 



Lorenz, iHe bnaienfrmji^ im Osmanischen Reiche. 123 

ef>eoeooooooooooooeooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooocxxxxx>eooooo 

allerdings bei der Abg'eschlossenheit der Mohammedanerin zu- 
nächst schwer zu verwirklichen. Und doch hat gerade die Pionier- 
arbeit deutscher Arzte nach dieser Richtung schon Wunder ge- 
wirkt, und das Muster deutscher Krankenhäuser in Konstantinopel 
usw. und deutschen Sanitätswesens im Felde wird, wenn es sich 
auch nur langsam Bahn bricht, im Verein mit dem Schulreform atori- 
schen Umschwung, der schon heute auf eine Heranbildung tüchtiger 
Hausfrauen und Mütter hinarbeitet, im Verein mit der rechtlichen 
und sozialen Hebung der Frau, im Verein endlich mit der Stärkung 
des türkischen Bauernelementes durch steuerliche und militärische 
Entlastung, sowie Hebung des Existenzminimums, auch die Frage 
des türkischen Nachwuchses in eine geordnete Bahn lenken. Voraus- 
setzung bleibt natürlich, daß die Türkei aus diesem Erschöpfungs- 
kampfe nicht völlig gebrochen hervorgeht. 

Die Erhaltung des osmanischen Türkentums ist um so bedeutungs- 
voller, als seinem Bestände, je weniger lebenszähe es sich zeigt, 
von anderen kräftigeren Volkselementen wie den Griechen und 
Armeniern die Gefahr des Erdrücktwerdens droht. Diese Mög- 
lichkeit war um so mehr zu fürchten, als gerade diese beiden Volks- 
bestände ihren türkischen Landsleuten als rassen feindlich und von 
eigenem Nationalbewußtsein durchdrungen gegenübertreten. Anders 
liegen die Dinge bei den Mohadschirs, welche das religiöse Empfinden, 
zum Teil wohl auch das Gefühl der Rassengemeinschaft nach der 
Eroberung der europäisch-türkischen Provinzen in die Türkei trieb, 
wo sie gewerbliche Erfahrungen und erhöhte landwirtschaftliche 
Technik und Arbeitserfahrungen in die Rückständigkeit der türkischen 
Wirtschaft hineintrugen. Die Armenier aber, welche als einheitliche 
Nation über Rußland, Persien und die Türkei verstreut leben, 
unterscheiden sich gerade in der Frage ihrer wirtschaftlichen 
Existenz vorteilhaft vom Türken 1. Eine gesunde Vermehrungs- 
tendenz verbunden mit einer großen Liebe uud Freude für die 
heranwachsende Generation haben, abgesehen von körperlicher 
und geistiger Frische, dieses Volk wachsen und über die Grenzen 
seines Landes hinaus erstarken lassen. Wenn auch die Armenierin 
des Gebirges vor dem Fremden ihr Antlitz verhüllt, und wenn sich 
auch innerhalb des primitivsten Elementes des Armeniertumes noch 
manche barbarische Sitte in der Verfügung über die Ehefrau be- 
wahrt hat, ja wenn selbst katholische Armenier noch hier und 

1 Vgl. Armenische Bevölkerungsstatistik, W. I. II, S. 286 und Voss. Ztg. vom 30. Juni 1913. 



124 J^ff '*'''/< </'••' /•'/"»'•v Hand (L 19 tH, lieft 3 4 

da der Vielweiberei huldigen, so steht doch bei all diesen Abarten 
einer christlichen Sittenlehre die armenische Frau als tüchtige 
Mitarbeiterin des Mannes der Lebensweise ihrer mohammedanischen 
Schwester unendlich fern; und ihre im christlich-religiösen Sinne 
geweihte Ehe stellt ein festeres Gefüge dar, als der islamische 
Zivilkontrakt. Da nun die Vermehrung des armenischen Stammes 
mit der Erweiterung des Kulturbodens nicht Schritt halten konnte, 
und da das immer haltloser werdende Türkentum die armenische 
Expansionskraft mit Eifersucht und Schrecken erkannte, suchte es 
sich mit Gewaltakten gegen diese langsame Erdrosselung zu schützen. 
So hat sich die türkische Angst schon seit Jahrhunderten in grau- 
samer Ausrottung dieses lebensfähigen Bestandteiles des türkischen 
Reiches Luft gemacht, sich damit eines tüchtigen Wirtschaftsfaktors 
beraubt und einen Feind im eigenen Lande geschaffen. Schon im 
Jahre 1829, als der Norden Armeniens an Rußland fiel, glaubten 
die Unterdrückten die Stunde der Befreiung nahe und wanderten 
zu Zehntausenden aus den östlichen türkischen Provinzen nach 
Rußland aus. Die Massenmetzeleien der Jahre 1893, 1895, 1896 
und 1909 — 1895 sollen allein 200000 Menschen ums Leben ge- 
kommen sein — hatten das gleiche Ergebnis. Diesmal erfolgte 
die Auswanderung z. T. nach Ägypten, da die Russifizierung die 
Vaterlandslosen ihrem Ideal nicht näher gebracht hatte. Wie 
lebenszähe und entwicklungskräftig trotz der wiederholten furcht- 
baren Aderlässe das Armeniertum allen Vernichtungsplänen trotzt, 
beweist die Tatsache, daß gerade die Landesteile, nach welchen 
die armenische Abwanderung aus ihrem Kernlande strömte, zu 
den dichtest besiedelten der Türkei gehören. So fand z. B. infolge 
Übervölkerung der Insel Chios, welche die für die Türkei un- 
gewöhnliche Volksdichte 90 aufweist, eine Abwanderung nach 
Ägypten statt. 

Auch die griechische Familie, deren Bestand bisher nicht durch 
gewaltsame Ausrottung erschüttert wurde, trägt einen gesunden 
Keim in sich und droht bei der sprichwörtlichen kaufmännischen 
Gesundheit des erwerbseifrigen Griechen bald auch den wirtschaft- 
lichen Bestand des hartbetroffenen Türkentums in Frage zu stellen. 
So zeigt Anatolien gerade in den Küstenstädten, in welchen sich 
der griechische Kaufmann und Handelsmann festgesetzt hat, die 
größte Volksdichte. Abgesehen von der europäischen Türkei, wo 
die Volksdichte mit Einschluß von Konstantinopel 67, mit Ausschluß 
(also für das Mutesarriflik Tschataldscha) 41 beträgt, ist sie in 



Lorenz, Die Frauevfrage im O.vnanischen Reiche. 125 

Trapezunt am stärksten: 44. In den nördlichen Übergangsprovinzen 
sowie in Westkleinasien schwankt sie zwischen 30 und 32, während 
sie für ganz lOeinasien mit Armenien zusammen nur 17 beträgt, 
ein Beweis also für die bevölkerungspoHtische Überlegenheit des 
griechisch-armenischen Handelsstandes. Genauer stellt sich nach 
Phüippson die kleinasiatische Volksdichte folgendermaßen dar: 

für Nord- und Westkleinasien 29 

„ Inner- und Südkleinasien 15 

„ ganz Anatolien also 22 

oder nach Endres für Anatolien 21 

für Armenien und Kurdistan »31 

Die auffallende Niedrigkeit der armenischen Volksdichte hat 
ihren Grund weniger in den wiederholten Massenvertügungen und 
Abwanderungen, da sich, wie wir gesehen haben, die armenische 
Rasse als außerordentüch vermehrungsfähig erwies, sondern vielmehr 
in der Eigenart der Boden- und Klimaverhältnisse der inner- 
asiatischen Trockensteppe, welche bei der Primitivität der landwirt- 
schafthchen Technik einer Expansion hemmend im Weg-e steht. 

Aber nicht nur in seinem Kernlande Kleinasien, sondern inner- 
halb des ganzen Osmanischen Reiches trägt gerade das stamm- 
erhaltende Element die Zeichen eines gewissen Verfalles. Denn 
auch Mesopotamien, vSyrien und Arabien, also die Gebiete des 
osmanischen Arabertumes stehen noch heute in der Blüte einer 
gesunden Volksentwicklung. Besonders in Syrien tritt eine außer- 
o-ewöhnlich starke Vermehrung der Bevölkerung zutage, welche 
mit der ungewöhnlich frühen Heirat der syrischen Mädchen 
im Zusammenhang steht. Nach den Berichten eines deutschen 
Arztes in Haifa 2 werden die Mädchen im noch nicht heirats- 
fähigen Alter in die Ehe gegeben, so daß Mütter von 13 Jahren 
durchaus keine vSeltenheit bilden. Die mangelhafte körperliche 
Entwicklung dieser jungen Frauen, verbunden mit dem Mangel 
erfahrener Personen und der Furcht vor Inanspruchnahme eines 
Arztes, fordern aber naturgemäß unter ihnen ungezählte Opfer; 
und in Anbetracht ihrer schwächlichen Konstitution sowie der 
völligen Unkenntnis sanitärer Schutzvorschriften, welche bei den 
ungewöhnlichen Hitzegraden eine besondere Berücksichtigung- ver- 

1 Vgl. auch Fitzner, Auatoliens Bevölkerung, S. 29 ff. 

- Auerbach, Die syrische Frau. In: Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiographic, März 
1917. 



126 />/> Weh des Ishmis, llnul il. 10 IS, IJeft 4 

O0(XX)(X>OCKX>(XXXXX>000000000000CX)00000CXXXXXX)0O0OOOO00OCXXX>XXXXXXXXXDOC«OOO^^ 

dienen, ist die Säuglingssterblichkeit eine erschreckend hohe: bis 
50 Prozent zuweilen. Diese Tatsache, sowie die außerordentliche 
Vermehrungsfähigkeit des syrischen Volksbestandes wird auch von 
Ruppin bestätigt. Doch ist eine zahlenmäßige Erfassung dieser 
Verhältnisse schwer möglich, da eine große Anzahl der Geburten 
und Sterbefälle überhaupt nicht zur Anmeldung gelangt, weil gerade 
der nomadisierende Teil des Volkes sich der Kontrolle entzieht. 
So sind die Vierteljahrsberichte, welche das Ministerium des Innern 
von den Behörden erhält, durchaus unzuverlässig. Aber beide Tat- 
sachen, die große Frauen- und die große Säuglingssterblichkeit, fallen 
bei der fortgesetzten Ergänzung" des vermehrungsfähigen Volkes 
nicht besonders stark ins Gewicht. Dazu bietet die außerordentliche 
Fruchtbarkeit des Landes, die Billigkeit der Lebenshaltung, die 
Handelstüchtigkeit des Küstenvolkes usw. auch die besten wirt- 
schaftlichen Grundlagen für eine gesunde Entwicklung der Familie, 
Abgesehen davon, daß Syrien die größten Dichten des Osmanischen 
Reiches überhaupt aufzuweisen hat (so hat das Wilajet Beirut die 
Volksdichte 45, der Libanon sogar 161, West- und Nordsyrien 28, 
Ostsyrien 9), läßt sich auch an allen größeren Städten des Landes 
eine starke Aufwärtsbewegung der Bevölkerung bis in die Jetztzeit 
nachweisen, welche nicht allein der starken Einwanderung zu 
danken ist. Aus dem Palästina-Handbuch von Trietsch greife ich 
folgende Zahlen heraus, welche die bevölkerungspolitische Ent- 
wicklung einiger wichtiger Handelsplätze veranschaulichen. Von 
den Küstenstädten war Jaffa in einem Zeiträume von 27 Jahren 
(1881 — 1908) von 10000 auf 50000, Haifa von 1881 — 1912 von 
6000 auf 20000, Beirut von 1782 — 1912 von 6000 auf 150000, also 
um nicht weniger als 2500 Prozent, um das 25 fache im Laufe von 
130 Jahren, Lattakie von 1892 — 1900 von 6000 auf 22000, also 
um das zweieinhalb fache; Alexandrette von 1817 — 1912 von 350 
auf 15000; Mersina von 1900 — 1912 von 9000 auf 22000 Einwohner 
angewachsen. Von den Binnenstädten war folgendes Bild zu ge- 
winnen: Die Einwohnerzahl Jerusalems war im Laufe von 67 Jahren 
(1845 — 1912) von 12000 auf 100000 angewachsen; die von Nablus 
im Laufe von 26 Jahren (1880 — 1906) von 15000 auf 28000 und 
die von Liberias von 1886 — 1912 von 5000 auf 10000, zeigt also 
im Zeiträume von 26 Jahren eine Verdoppelung. Aleppos Ent- 
wicklungskurve zeigt dagegen abweichend von den anderen Städte- 
bildern im Jahre 1880 einen bemerkenswerten Tiefstand mit einer 
Einwohnerzahl von looooo gegenüber 300000 im Jahre i759' 



Lorenz, Die Fmifenfrage im Oif7na)usrJie)i linche. IZJ 

OOO00C«0O0OO0O00O000OO0000000000O00000O0000O00000OOO0OO000000000O00O000CXXXXXXX)000000(^^ 

Seitdem hat aber in rascher Aufwärtsbewegung ein Wiederaufbau 
stattgefunden, so daß bereits 1912 wieder das ursprüngliche Niveau 
von 300000 Einwohnern erreicht war. 

Die außerordentliche Volksdichte, besonders des Regierungs- 
bezirkes Libanon, hat nun wiederum durch eine starke Abwanderung 
einen Ausgleich erfahren. Nach Angabe Ruppins sind im Laufe 
von 30 Jahren (bis 1915) von dort allein 100757 Personen, also 
etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung des Libanon (400000), 
ausgewandert. Dieser ungeheuren Abwanderung steht nun aber 
wiederum eine jüdische Einwanderung von 40000 gegenüber, die 
allerdings während der Kriegsjahre 1914/15 eine Verminderung 
um 12 — 14000 erfahren hat. Trotzdem kann man die Durchschnitts- 
zahl für die jährliche Abwanderung auf 15 — 20000 Menschen 
schätzen 1. 

Der starken Bevölkerung Syriens, welche in gewissen Teilen 
sogar eine Übervölkerung aufweist, steht nun der Osten mit einer 
nur sehr geringen Volksdichte (9) gegenüber, besonders in dem 
von Beduinen nur spärlich bewohnten und weniger fruchtbaren 
Steppenlande, welches schließlich in völlige Wüste übergeht. 

Das Gesamtbild der bevölkerungspolitischen Entwicklung der 
Türkei ist also nach den vorangegangenen Darlegungen kein so 
ungünstiges, wie es auf den ersten Bück scheint. Da der völkische 
Kern des Landes, das anatolische Bauerntum und das seßhafte 
und beduinische Arabertum Syriens neben Einfachheit der Lebens- 
haltung seinen gesunden Vermehrungstrieb bewahrt haben, gilt 
es nun einerseits, dem Stillstände und Rückgange der Bevölkerung 
mit jedem Mittel zu steuern, andererseits an der Erhaltung der 
zahlreichen Nachkommenschaft zu arbeiten. Abgesehen davon, 
daß der heutige Gewohnheitszustand des Krieges ruhiger und 
sicherer Innenkultur Platz machen muß, mit welcher auch eine 
Assimilierung der verschiedenen rassenfeindlichen Volksbestände 
einhergehen muß, daß ferner die wirtschaftlichen Voraussetzungen 
einer Familiengründung durch einen Umschwung des gesamten 
wirtschaftlichen Lebens eingeleitet werden müssen, gilt es, der Frau 
als Hausfrau und Mutter, in zweifacher Weise den Weg zu ebnen. 
Einmal kommt es darauf an, besonders der osmanischen Türkin 
das „Odium ihrer Gefangenschaft" zu nehmen und ihr mit einer 
. sozialen HöhersteUung das Bewußtsein ihres mütterlichen Daseins- 

1 Vgl. Ruppin a. a. O. S. isff. 



128 T)le \\\'h d,'s Is/ams, Band 6. !^J8, Heft 3' 4 

coeoeoeocooooeoeoaoco c ccccocoooootxxiixxKxxxxxxx)^^ 

Zweckes von neuem anzuerziehen, sie aber andererseits mit den 
Begriffen sanitärer und ärztlicher Notwendig'keiten vertraut zu 
machen. Langsam zeichnet die deutsche Kulturarbeit ihre Spuren 
in die Entwickelung der türkischen Volkswirtschaft. Ob sie auch 
an einer Regeneration der osmanischen Bevölkerung mitarbeiten 
wird, wird davon abhängen, ob die Türkei ihr eigentliches Lebens- 
element, das Türkcntum, aus diesem Erschöpfungskriege in eine 
bessere Zukunft hinüberretten kann. 

2. Die Frauenarbeit im Dienste der Volkswirtschaft. 

a) Friedens- und Kriegsarbeit in der Landwirtschaft und im länd- 
lichen Nebengewerbe. 

Bei der geringen Leistungsfähigkeit, welche man im allgemeinen 
von der türkischen Frau erwartet, wird man ihre wirtschaftliche 
Tatkraft nicht allzu hoch veranschlagen. Wissen wir doch, daß 
die geringe Berührung mit dem öffentlichen Leben sie von jedem 
außerhäuslichen Erwerbszweige von vornherein ausschloß. Trotzdem 
und vielleicht gerade deshalb ist die natürliche Tüchtigkeit der 
Frau nicht in der Häuslichkeit verkümmert, sondern hat sich selbst 
ein großes, ihren Talenten entsprechendes Betätigungsfeld voll 
stillemsiger Schaffensfreude in den vielen Stunden unfreiwilliger 
Muße gesucht. Es soll hier naturgemäß nicht die Rede sein von 
den romantischen Gestalten der prunkvollen Harems, w^elche ihre 
Langeweüe mit Putz und Lektüre schlechter Romane vertändelten 
oder bisweüen ihre geschickten Hände mit einer feinen Nadelarbeit 
beschäftigten, sondern von den Frauen des Kleinbürgerstandes, 
welche in erster Linie durch das schaffende Bauerntum vertreten 
sind. 

Wie sehr gerade die streng religiöse Erziehung die Wirtschaft- 
lichkeit der mohammedanischen Türkin beeinflußte, wird besonders 
deutlich, wenn man die Erwerbsarbeit der christlichen Osmanin 
zum Vergleich heranzieht. Schon bei der Behandlung des Schul- 
wesens sahen wir, daß eine systematische Ausbildung in erster 
Linie den christlichen Elementen zugute kam, während die Türkin, 
frei vom reinen Erwerbstriebe, ihr natürliches kunstsinniges Können 
in den Dienst ihrer Hausarbeit stellte. Wieder treten uns auch 
hier die Wirtschaftsgegensätze des Morgen- und Abendlandes mit 
besonderer Schärfe entgegen. Auf der einen Seite die echt- 
orientalische von keiner Hast getrübte Ruhe und Beschaulichkeit^ 



LiOrenz, iJie Franenfrage im (hrnatiischen Reiche. 129 

COOOeOOO0OOO(X)0eO»0O00OCXXXXXXXXIOO0OCXXX)O00O000000O0OO00O0O(XXXX)0O0O00O0O0O0000O000^^ 

die Arbeit mehr als Selbstzweck betrachtet; auf der anderen der 
Erwerbstrieb der auf eigenen Füßen stehenden Freu, welcher nach 
dem Produkt seines Fleißes erst in zweiter Linie fragt. Dort die 
Erwerbsarbeit um der Kunst willen, hier die Kunst um des Erwerbes 
willen. Vergegenwärtige man sich nun, wie gerade dieser Wirt- 
schaftskontrast, der in letzter Linie auf dem Gegensatz zwischen 
mohammedanischer und christlicher Weltanschauung fußt, an der 
Übervorteilung der Türkei durch die Mächte Europas die Schuld 
trägt, so darf man sich dem Gedanken nicht verschließen, daß auch 
innerhalb der Türkei selbst die christlichen Elemente der Frauenwelt 
vor den rein orientalischen die Wirtschaftlichkeit des Denkens 
voraushaben. Liegt nun hierin eine Gefahr für die erwerbs- 
wirtschaftliche Entwicklung der türkischen Frauenfrage? Solange 
das orientalische Denken nicht selbst von der Gewinnsucht des 
Auslandes erfaßt wird und sich damit auf die bisher unnachahmlichen 
Produkte der Heimarbeit überträgt, kann meines Erachtens von 
einer Gefahr nicht die Rede sein, ganz abgesehen davon, daß 
numerisch die christlichen Bestandteile des Osmanischen Reiches 
noch wenig hervortreten. Wir wollen nun im folgenden die wirt- 
schaftliche Leistungsfähigkeit der osmanischen Frau in den ver- 
schiedenen Zweigen der türkischen Volkswirtschaft ins Auge fassen. 
Untersuchen wir zunächst, inwieweit die Landwirtschaft auf die 
Mithüfe der Frau angewiesen war. Die anatolische Landwirtschaft 
bot schon seit jeher ein Bild der Verödung und dankt eigenthch 
nur der Verschwendung, mit welcher die Vegetation auch ohne 
menschliche Hilfe sprießt, ihre bescheidene Existenz. Während der 
Großgrundbesitzer in den großen Städten irgend einem Staatsdienste 
nachjagt, weil er es verschmäht, seine eigene Scholle zu bebauen, 
schwebt die Schar seiner KJieinbauern, denen er sein Land in 
kleine Farmen geteilt, für kurze Zeit verpachtet, zwischen zwei 
Gefahren: der Müitärpflicht und dem Steuerpächter. Beide haben 
in erster Linie an seinem wirtschaftHchen Ruin mitgearbeitet. Die 
Militärpflicht lastet nur auf dem türkischen Bauern, läßt also die 
griechischen und armenischen Landwirte auf ihrer Ackerscholle. 
Die Steuerlast, welche sich aus fünf verschiedenen Abgaben zusammen- 
setzt und den Bauer mit 40 Prozent seines Gesamteinkommens 
heranzieht 1, wird von den gewinnsüchtigen Steuerpächtern in 
wucherischster Weise ausgenutzt. Die alttestamentarische Beschaffen- 

1 T. d. Goltz, Anatolische Ausflüge, S. 344. 



130 />/> Welt </i's fshims, liaud a. 191H, lieft SU 

<K>SlOeOIX30IXy00CXO0«)0C000OCO0CXKO0CK0CXXXXXXXOCI^^ 

heit der Ackerbaugeräte (Holzpflug, Dreschschlitten, Worfel usw.) 
und die fatalistisch ergebene Stumpfheit und Bequemlichkeit des 
türkischen Bauern haben dann das ihre zu seiner völligen Ver- 
armung getan. Außerdem kennt die türkische Landwirtschaft nicht 
die rationelle Verschmelzung des reinen Ackerbau- und Viehzucht- 
betriebes. Wie in Syrien, wo der ungezügelte Beduine seine Herden 
über die Saat- und »Stoppelfelder der seßhaften Fellachen treibt, 
widmen sich die Wanderstämme Kleinasiens vorwiegend der reinen 
Steppenviehzucht. So vertreten die zu den eingewanderten Balkan- 
völkern (Mohadschirs) gezählten: Türken, Tscherk essen, Lasen, 
Kurden, Georgier, Turkmenen, Tartaren, Jürüken, die viehzüchten- 
den Anatolier, während die eigentlichen alteingesessenen anatolischen 
Türken, von Natur ein Hirtenvolk wie die heute noch reintürkischen 
Turkmenen und Jürüken, heute den seßhaften Bauernstand Klein- 
asiens. Daher sind sie auch auf ihrer SchoUe nicht in ihrem 
ureigensten Elemente, wie ihnen viele Asienreisende gern an- 
dichten: Gutmütig, stumpf und zähe, aber lässig und bequem i. 

Nach Naumann beschäftigen sich in Anatolien allein 8i Prozent 
der Gesamtbevölkerung, einschüeßlich Frauen und Kinder, mit Vieh- 
zucht und Ackerbau, 5 Prozent ausschüeßlich mit Viehzucht; so daß 
also der Getreidebau bei weitem überwiegt 2. Die Gesamtzahl der 
großen und kleinen Bauernwirtschaften wird von ihm auf 582000 
veranschlagt, die Seelenzahl der anatolischen Landbevölkerung in 
Skutari, Ismid, Brussa, Kastamuni, Angora, Konia, Adana, Siwas, 
Trapezunt auf 3880000. 

Nach diesen Darlegungen muß man den Wert der anatolisch- 
türkischen Frauenarbeit mit besonderem Maßstabe messen. Während 
der türkische Bauer fatalistisch ergeben den Erträgen seines 
schwachen Fleißes entgegensieht, lastet auf den Schultern der 
Frauen, wie es von Seiten der gründlichsten Orientforscher be- 
stätigt wird, die schwerste Ackerarbeit. In Kannenbergs ausführ- 
lichem Sammelwerke 3 werden nach den Beobachtungen Schaff ers 
die Bauersfrauen als häßlich und abgearbeitet geschildert; er selbst 
sagt von dem türkischen Landvolke des Innern: „Die Männer sind 
faul und lassen die Frauen für sich arbeiten." Und Herrmann äußert 
sich folgendermaßen: „Im Hause ist der Bauer der alleinige Herr- 
scher; nie wird man zwischen ihm und der Frau einen lauten Streit 

1 Vgl. Herrmann, Die anatolische Landwirtschaft; Grothe, Auf türkischer Erde. 

a Karger a. a. O. S. 9. 

3 Kannenberg, Kleinasiens Naturschätze usw. 



JjOrenz, Die trauenfrcHiP, im Osmayaschen J' eiche. 131 

hören, da sich diese bedingungslos dem Willen des Mannes fügt? 
sie ist mehr die Sklavin als die bessere Hälfte des Mannes. Beim 
Essen bedient sie ihn und wenn ein Geschäft das Ehepaar zu einer 
Landreise nötigt, sitzt der Mann auf dem Esel und reitet, während 
die Frau in dem wirbelnden Staube nebenher schreitet." Und von 
ihren ländlichen Arbeitspflichten: „Zur Feldarbeit wird die' Frau 
tüchtig angehalten. Sie schafft unverdrossen in der glühenden 
Sonne mit verhülltem Kopfe und Gesicht, sobald sie nicht aUein ist. 
Was die Arme dabei leidet, ist leicht zu verstehen. Aber alles tut 
sie ohne Murren. Allah hat ihr nun einmal durch den Propheten 
diese Rolle zugewiesen." Der Verfasser weist dann weiter auf die 
Unsicherheit ihrer materiellen Versorgung infolge der leichten Ver- 
stoßung durch den Mann hin, welcher nur durch die beim Gericht 
zu hinterlegende Kaufsumme, welche sich nach dem Werte der 
Frau richtet, einigermaßen ausgegüchen werde. Selbst zu den 
schwersten Arbeiten läßt sich der Mann oft lange nötigen, wenn 
er im Vorhofe der Moschee oder in Männergesellschaft seinen Kef 
hält. Ja, in der von Kannenberg angeführten Stelle Schäffers heißt 
es sogar, daß der Mann getreu den Worten des Korans der Frau 
nicht selten den „schlagenden Beweis" ihres Daseinszweckes liefere. 
So führt die Frau auf der schweren Ackerscholle die Pflugschar, 
lenkt den von Ochsen oder Büffeln gezogenen Dreschschütten 
stehend über den oft spärlichen Erntesegen und sondert mit der 
Worfel die ausgetretenen Körner von der Spreu, dem einzigen 
Futter des Viehs. Am Abend verkündet dann Gesang und Pauken- 
schall die Heimkehr der unermüdlichen Landarbeiterinnen auf dem 
schwerfälligen, federlosen buntbemalten Ochsenwagen (Araba)i. 

Auch in Syrien wird die Landarbeit der Frauen und Kinder 
besonders ihrer Billigkeit wegen außerordentlich geschätzt. So er- 
weist sich, wie Ruppin schildert, der Anbau des Sesams, den der 
FeUache als Vorfrucht zum Weizen baut, gerade erst durch die 
Mithilfe billig bezahlter Frauen- und Kinderarbeit als lohnend. 
Erfordert schon die Vorbestellung des Feldes durch häufiges 
Pflügen und Auflockern des Bodens viele Arbeitshände, so muß 
diese empfindliche Pflanze, welche schon unter unzeitigem Regen 
erheblich leidet, besonders in ihrer Wachstumsperiode auf das sorg- 
fältigste beobachtet werden und müssen besonders die zahlreichen 
Unkräuter fortwährend entfernt werden. Hierbei gerade bewährt 
sich die ausdauernde Frauenarbeit am besten. 

1 Zur ländlichen Frauenarbeit vgl. auch Herrmann a. a. O. S. 27 u. 

Die Welt des Islams, Band 6. 9 



J32 T)if Welt (Irs /sl,nn.<. liiu,,! H. lUts, Heß 314 

o^)ooeoeooooooooeeaooooooooooooooo(xxxx30oooooooc<xxxyxooocx)oooooo(x<yx)0oc<^^ 

Ebenso unentbehrlich wie im Sesambau, ist nun aber auch die 
Mithilfe der Frau beim Anbau des Hanfes. Weakly, den Ruppin 
anführt, sagt hierüber: „Ein merkwürdiges Hindernis für die Ent- 
wicklung des Hanfbaues besteht darin, daß das Loslösen des 
Bastes von dem Stengel eine besondere Geschicklichkeit erfordert, 
welche nur die Frauen eines einzigen Dorfes (Nakieh) besitzen, 
so daß nicht mehr Hanf angebaut werden kann, als diese Frauen, 
welche zur Zeit der Hanfernte auf die Dörfer ziehen, verarbeiten 
können." So betrug die Jahresproduktion an Hanf im Jahre 1912 
z. B. nur 1300 Tonnen im Werte von 1 Million Francs. 

Erwähnen möchte ich auch noch die bei der Fülle wildwachsender 
Pflanzen, welche der syrische Boden hervorbringt, recht erhebhche 
Sammelarbeit der Frau. Das Süßholz, dessen Wurzel einen ein- 
gedickten, süßen Saft, der als Lakritze bekannt ist, liefert, wird, 
einer amtlichen türkischen Statistik zufolge, jährlich in einer Menge 
von 12285098 Kilogramm gesammelt und verschickt. Einen be- 
deutenden Ertrag liefern auch Galläpfel, Tragantgummi, Kreuz- 
beeren, ferner eine bei den Bewohnern viel verspeiste Knollenart, 
Kamaje, und besonders die als Droge verwendete Koloquinte, welche 
durch die Händler Gazas zur Ausfuhr gelangt und ebenfalls von 
Frauen uud Kindern gesammelt wird. So wurden 1912 in Gaza 
allein Koloquinten im Werte von 2000 Pfund ausgeführt. 

Ein besonders wichtiger Zweig der Frauenarbeit ist bei der 
Rückständigkeit des türkischen Kohlenbergbaues u. a. auch die 
Gewinnung des Heizmaterials aus Büffel- und Ochsendung. Neben 
der reinen Ackerarbeit erstreckt sich das Arbeitsfeld der anatoli- 
schen Bäuerin auch auf verschiedene Zweige des ländlichen Neben- 
gewerbes. Hierher gehört u. a. die Gewinnung des Opiums. Wie 
Grothe in seinen Reiseberichten 1 schildert, erfordert gerade dieses 
Geschäft weniger Kraft als Geduld und größte Ausdauer; daher 
hält sich der Mann gern davon fem und überläßt es seinen Frauen 
und Kindern. Das Opium wird in der Weise gewonnen, daß die 
Mohnköpfe lose angeritzt werden. Die ausfließende milchige Flüssig- 
keit erstarrt schon nach wenigen Stunden und wird dann in müh- 
samer Arbeit in winzigen Kügelchen wieder entfernt. Tausende 
dieser kleinen Körner, deren Entfernung zu wiederholtem Bücken 
zwingt, füllen erst ein Kilogramm, welches auf dem Markte mit 
8 — 10 Mark, nach Körte mit 14 — 15, ja 21 Mark verkauft wird 2. 

^ Grothe, Auf türkischer Erde, Reisebilder und Studien. 
2 Körte, .\natolische Skizzen. 



Lorenz, IHe Frauenfragc im Osnianisclwii lieiclw. 133 

C<XX)eOOCOOOOC<X3(X)eOOOOO<XX)OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCIOOOOOO(XXXK3000000000000000000CX 

Als besonders einträgliches Nebengewerbe wird die Seidenzucht 
von den besser situierten Kleinbauern AnatoHens betrieben. Meisten- 
teils besitzen diese kleinen Grundbesitzer eine Maulbeerpflanzung 
von 2 bis 3 Dönüm 1, wobei die ganze Familie sich mit der Auf- 
zucht der. Raupen beschäftigt 2. Die Jahreseinnahmen eines solchen 
Betriebes lassen sich durchschnittlich auf 2000 — 3000 Piaster, also 
etwa 400 — 500 Mark jährlich, ohne Abzug der allerdings sehr 
niedrigen Produktionskosten, veranschlagen. Da aber die Aufzucht 
der Raupen meist in den Wohnräumen der Familie erfolgt, so ist 
das Risiko immer ein beträchtliches. Daher haben sich besonders 
griechische und armenische Unternehmer mit der Einrichtung be- 
sonderer Zuchtanstalten befaßt. Über das Abhaspeln der bei der 
Seidenzucht gewonnenen Kokons wird noch an anderer Stelle die 
Rede sein. 

Im Gegensatz zur anatolischen Bäuerin, deren Wirksamkeit sich 
besonders auf dem rauhen Acker entfaltet, hat die Armenierin einen 
größeren hauswirtschaftlichen Pflichtenkreis, welcher dem scharf 
ausgeprägten Erwerbssinne dieses Volkselementes entspricht: das 
Backen des Brotes, das Bereiten von Butter und Käse, die Her- 
stellung von Kerzen, Seife und Rosensaft, die Branntweinbereitung 
und die Erzeugung des Wunderbaumöles zu Beleuchtungszwecken, 
das Formen von Töpferwaren und kleinen tönernen Herden und 
Mangalen (Feuerbecken) aus der an den Flußufern gefundenen 
Tonerde, das Flechten von Matten aus Binsen und endlich die 
Verfertigung der verschiedensten WoUwaren gehören als selbst- 
verständliche Hausfrauenpflichten zum Tagewerke einer armenischen 
Bäuerin. Sämtliche Arbeiten sind bei der wirtschaftlichen Nieder- 
haltung des Armeniertumes an die natürlich gegebenen Rohstoffe 
und die primitivsten Handwerkszeuge gebunden. So wird z. B. die 
gereinigte Wolle mit einem groben Schlägel bearbeitet, gelockert 
und in diesem Zustande zum Ausstopfen der Matratzen benutzt; 
oder es wird das rohe WoUgarn in einfachster Weise mit Pflanzen- 
farben gefärbt, zu Strümpfen verstrickt oder zu Kleidern und Bett- 
zeug verarbeitet. Auch Teppiche verschiedenster Größen und sehr 
grobe feste Dschedschimen genannte Stoffe, aus denen Säcke ge- 
fertigt werden, entstehen bei Zusammenarbeit mehrerer Frauen 
unter primitiven Holzwerkzeugen. 

1 Dönüm = 1088 qm. 

2 Kaerger, Kleinasien, ein deutsches Kolonisationsfeld. 

9* 



134 ^^^^ ^^^^^*- '^«•'^ li'lcijm, Band (i. 1918, Heft Sji 

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Diese Form einer zentralistischen Familienwirtschaft hat sich 
heute vorzugsweise noch in den entlegenen Dörfern Türkisch- 
Armeniens erhalten und ist, je mehr man sich größeren Städten 
nähert, im Schwinden begriffen. Eine allmähliche Spaltung der 
Haushaltungen, eine Loslösung der verheirateten Brüder aus dem 
großen Familien verbände hatte eine Isolierung des eigenen Pro- 
duktionsbetriebes zur Folge. Damit schwand aber auch der eigent- 
liche A.nsporn und die ursprüngliche Rentabilität der für einen 
großen Verband wirksamen häuslichen Betriebe mehr und mehr. 
So w^erden zwar Tücher, Klleider und ähnliches noch von den 
Frauen im Hause selbst hergestellt, die dazu notwendigen Roh- 
stoffe jedoch schon in fertigem oder halbfertigem Zustande gekauft; 
die Strümpfe werden teils aus fertiger Wolle selbst gestrickt; oder 
aber es wird eine Spinnerin zuvor mit der heimischen Herstellung 
des Strickgarnes betraut. Mehr und mehr spitzt sich die Haus- 
arbeit der Frau auch mit der Verfeinerung der Bedürfnisse auf 
größere Heranziehung fremder Hilfe zu. Noch herrscht die Sitte 
gegenseitiger unentgeltlicher nachbarlicher Hilfsarbeit zu größeren 
Festlichkeiten, wobei den Arbeiterinnen freie Bewirtung gewährt 
wird. Alle z. B. vor einer Hochzeit auf diese Weise erzeugten 
Fertigwaren, welche lediglich dem Eigenbedarfe der betreffenden 
Familie zugute kommen, stehen außerhalb des Erwerbslebens. Da 
außerdem diese heimischen Produkte im Wettbewerbe mit ähn- 
lichen Erzeugnissen höher entwickelter Länder nicht in Frage 
kommen, fäUt diese Erscheinungsform des armenischen Hausfleißes 
nicht besonders als volkswirtschaftlicher Faktor ins Gewicht. 

Immerhin veranschaulicht diese Vielseitigkeit der Frauenarbeit 
bei einem zwar rückständigen aber rüstigen Bauernelemente im 
Osmanischen Reiche die hauswirtschaftliche Tüchtigkeit der Frau, 
eine Tatsache, welche bei dem Rassenhaß beider Volksstämme und 
dem aufs höchste gesteigerten Erwerbssinne des Armeniers sowie 
der schnellen Vermehrungstendenz dieses Volkes zum Verhängnis 
für das anatolisch-türkische Bauerntum werden kann. 

Heute hat nun aber der Wirtschaftsumsturz des Krieges auch 
in die anatolische Ackerwirtschaft eine Krise zum Besseren hinein- 
getragen 1. Die militärische Inanspruchnahme des Kleinbauern 
drückte nunmehr gewaltsam der Frau allein die Pflugschar in die 

^ Vgl. Die türkische Landwirtschaft im Kriege, Tägl. Rundschau vom 31. Oktober 1916 
und Das türkische Landbauzwanggesetz, W. l. IV, S. 297. 



JjOrenz, Die Frauen frage vn Osmanischen Reiche. 135 

Hand. Die Absperrung der Zufuhr von allen Seiten zwang die 
Landwirtschaft mit einem Schlage zu einer Betriebssteigerung, 
welche sich nicht nur notgedrung^en von fremder Einfuhr un- 
abhängig machen, sondern die Ernährung des ganzen Landes 
sicherstellen mußte. Das schien zunächst an dem Fehlen männ- 
licher Arme scheitern zu wollen. Da trat das Landbauzwanggesetz 
im Jahre 1915 in die Erscheinung, welches von allen Besitzern 
eines Anwesens und — dies ist besonders wichtig — auch für 
Frauen die Landbaupflicht verlangte 1. Im Verein mit den bisher 
müssigen Elementen des Bauerntumes begann nunmehr auch die 
anatolische Bäuerin zum ersten Male ihre Hand energisch zu rühren. 
Der Erfolg war ein überraschend günstiger. Nicht nur, daß das 
Ernteergebnis des neuen Erntejahres hinter dem des Vorjahres 
durchaus nicht zurückstand, überholte es auch, wohl besonders 
dank dieser gesetzgeberischen Organisation und unter dem harten 
Drucke der Not den bisherigen Ertrag. Von allen Seiten spendete 
man der tatkräftigen Hufe, besonders der anatolischen Bäuerin das 
wärmste Lob. Die Heranziehung der Frau in der Ackerbestellung 
wurde teilweise sogar militärisch organisiert. So fand, einer Mit- 
teilung des Tanin zufolge, auf Befehl Dschemal Paschas, des 
Kommandanten des IV. osmanischen Armeekorps, die gruppen- 
weise Beschäftigung von Frauen in den Militärbezirken Adana^ 
Beka und Beisan statt. Hier wurde eine große Anzahl von Frauen 
bei Entlohnung, Beköstigung und Unterhaltung ihrer Familien 
nutzbringend beschäftigt. Ein deutlicher Beweis, wie hoch der 
dankbare Osmane dieses ganz ungewöhnliche tatkräftige Eingreifen 
der Frau einschätzte, offenbarte sich bald in der Errichtung eines 
Wahrzeichens seiner Dankbarkeit, eines Denkmals in Konia, welches 
im Frühjahr 1917 enthüllt wurde und für die wirksame Frauen- 
hilfsarbeit dieses Krieges ein schlichtes und schönes Zeugnis ab- 
legen soll. 

Es ist wohl anzunehmen, und im wirtschaftlichen Interesse des 
Osmanischen Reiches zu wünschen, daß die anatolische Landwirt- 
schaft sich auch über die Zwangslage dieses Krieges hinaus weiterhin 
auf eine stärkere weibliche Mithilfe im reinen Ackerbaubetriebe 
stützen wird. Denn man darf sich nicht verhehlen, daß auch dieser 

* Wortlaut und einzelne Bestimmungen dieses Gesetzes im Tanin, Hilal u. a.: „Durch 
dieses Gesetz Terpflichtet die Regierung alle osmanischen Untertanen, Männer wie Frauen, 
die Landwirte und militärfrei sind, eine durch das Landwirtschaftsministerium zu be- 
stimmende Anbaufläche zu bestellen und für das nächste Jahr Brachland zu pflügen" usw. 



136 nie Welt des Is/ams, limnl H. t91t<, Heft 3j4 

Krieg unter dem gesunden Bestände des militärpflichtigen anatoli- 
schen Bauerntums furchtbar aufgeräumt hat, daß viele Bauern- 
wirtschaften, herrenlos geworden, dem Steuerpächter und einem 
sicheren Verfall entgegengehen. Auf den Schultern der Frau muß 
also mehr und mehr das Schwergewicht in der Ackerwirtschaft als 
ausgleichender Faktor gegenüber der Aussaugung durch das er- 
drückende Steuersystem liegen, wie es das gute Beispiel der 
Armenierin zeigt. Gerade die urwüchsige ungebrochene Kraft, 
welche auch heute noch besonders die anatolische Türkin des 
platten Landes auszeichnet, muß in der Zerrüttung des türkischen 
Bauernstandes als das neue belebende Element wirken, welches die 
türkische Wirtschaft so sehr entbehrt. Es muß den gesamten 
Bauernstand vor der Müdigkeit und Erschlaffung retten, welcher 
er bei der bisherigen Ausbeutung durch das Steuerpachtsystem 
unbedingt verfallen muß. Es kann nicht genug betont werden, daß 
der Ruin des anatolischen Bauerntums als eines der lebensfähigsten 
Volksbestände des Osmanischen Reiches mit einer Vernichtung des 
Osmanentums überhaupt identisch ist. Nicht allein eine Erleichterung 
seiner hart empfundenen Militärpflicht und eine Reform des länd- 
lichen Steuersystemes, sowie eine Intensivierung des Betriebes durch 
Modernisierung der Geräte, Kultivierung des Bodens usw., können 
hier das Wunder einer Wiederverjüngung wirken, wenn nicht eine 
frische Kraft die Zeichen des Verfalles verwischt und dem ganzen 
Bauerntume wieder zu neuer Lebensfähigkeit verhilft. 

b) Die Frauenarbeit in der Hausindustrie. 
1. Häusliches Textilgewerbe. 

Wir haben schon darauf hingewiesen, daß die bisherige teilweise 
Zurückhaltung der Anatolierin vom reinen Ackerbaubetriebe ihre 
haus wirtschaftliche Kraft auf ein anderes Gebiet individuellen 
Schaffens lenkte, welches mit der primitiven Rohstoffgewinnung 
viehzüchtender Nomadenvölker gegeben war. Es ist die Textil- 
industrie in allen Zweigen einfacher und künstlerisch verfeinerter 
Produktion. 

Noch heute hat sich besonders die kunstgewerbhche Heimindustrie 
in ihrer ganzen eigenartigen Echtheit und Einfachheit gegenüber 
dem Eindringen fremder Konkurrenzware und moderner groß- 
industrieller Technik behauptet und wird es wohl voraussichtlich 
noch für eine längere Zeit. Diese sonderbare Erscheinung des gewerb- 



Lorenz, Die Franevfraye im Osmaniftrhen 'Rei/'hr. 137 

oc<>o0oooooooooeoo<oooooocxxx»ooc)ooooo<x>ooooocworxin<y)oooooooooo(x)o^ 

liehen Rückstandes in Verbindung- mit einer absoluten Konkurrenz- 
losigkeit gerade dieser künstlerischen Hausprodukte hat ihren 
Grund, wie auch Junge in der Einleitung seines Archivs für Wirt- 
schaftsforschung im Orient ausführt, in dem Mangel an reinem 
wirtschaftlichen Erwerbstriebe, wie er moderne Kulturstaaten kenn- 
zeichnet, bei einer starken Kapitalfeindlichkeit und damit dem 
Fehlen des modernen Großkapitalismus. Von jeher haben politische 
und wirtschaftliche Zwangslagen die freie Entfaltung dieses Erwerbs- 
triebes nicht aufkommen lassen; und die unerschütterliche, dem 
europäischen Kulturträger so unbequeme Ruhe und Beschaulichkeit 
des Orientalen, welche ihm die fatalistische Ergebenheit seiner 
Religion in langen Jahrhunderten anerzogen hat, haben zu jener 
eigenartigen Verinnerlichung seines Schaffens geführt, das ganz 
in der Liebe zu seinem Produkt aufging, ohne an seinen unmittel- 
baren Erwerbszweck zu denken. Mit dieser engen Gemeinschaft 
zwischen Produzenten und Produkt, bei welcher das Werturteil des 
arbeitseifrigen Erwerbsmenschen und der Begriff der zeitlichen 
Gebundenheit ganz in den Hintergrund traten, und bei welcher 
sich die Grenzen zwischen Wirtschaft und Kunst mehr und mehr 
verwischten, konnte sich die so beglückende harmonische Innen- 
kultur des Menschen entfalten, die dem Strudel der modernen 
Wirtschaftsjagd und ihren Vorteüen unendlich fern blieb. Diese 
Entwicklung vollzog sich zwar auf Kosten des zivilisatorischen Fort- 
schrittes, führte aber zu einer restlosen selbstzufriedenen Schaffens- 
freude des Individuums. Auf diesem Boden, welcher die schönsten 
Früchte einer heiteren Kunst hervorbrachte, konnte der modern- 
kapitalistische Unternehmergeist mit der verflachenden Geschmacks- 
richtung des gewinnsüchtigen Großbetriebes naturgemäß schlecht 
gedeihen; ja, heute, wo sich die moderne Großindustrie vereinzelt 
in die oft noch geheim gehaltene eigenartige Technik der häus- 
lichen Kunst einzumischen beginnt, hat sie nicht selten zu einer 
Vernichtung Jahrhunderte alter Werte geführt. 

Ihrem ursprünglichen Wesen, der Befriedigung der eigenen 
künstlerischen Schaffensfreude entsprechend, haben sich nun die 
zahlreichen Zweige der türkischen Industrie, welche bei uns längst 
dem modernen Fabrikbetriebe anheimgefallen sind, im engen 
Rahmen der Famüie erhalten. Hier haben sie an den Orten, welche 
noch nicht von dem ausbeutenden Unternehmertum erfaßt wurden, 
oder unter wirtschaftlichen Notlagen zu leiden hatten, die schönsten 
Erzeugnisse einer liebevollen Naturbeobachtung, wie sie sich in der 



,38 THe Welt de.« Islams. Band 6. 19 J 8, Heft 3j4 

oo<xieocoooocx)ooocaoo<»ooooooo(»oooooocxxx)cioooooooooeooc)ooo 

eigenartigen Stilisierung und den wundervollen Farbenharmonien 
orientalischer Phantasie widerspiegelt, ans Licht gefördert. 
■ Besonders in der Freiheit des Landwesens, welches ihr die Natur 
in hundertfacher Gestalt vor Augen führte, hat nun die Zurück- 
gezogenheit der Frau in einer Richtung etwas Gutes gewirkt: sie 
hat ihre gesunde Schaffenskraft auf eine starke Verinnerlichung in 
der Behandlung des ihr anvertrauten Gutes gelenkt. 

Boden und Klima der Türkei liefern die denkbar günstigsten 
Voraussetzungen für das Gedeihen sämtlicher Textilrohstoffe. Die 
Herden der (halbansässigen) Mohadschirs, der syrischen Beduinen 
und Araber, liefern WoUe und Mohair; Hanf, Flachs und Baum- 
wolle gedeihen unter den verschiedenen klimatischen Bedingungen, 
welche Anatolien kennzeichnen; die Seidenzucht blüht in der Mittel- 
meerregion als ländliches Nebengewerbe. Es sind also alle Roh- 
stoffe, welche dem Lande eine Entwicklung im textilindustriellen 
Sinne vorschreiben, in Fülle vorhanden und sogar einer weit größeren 
Quantitäts- und Qualitätssteigerung fähig, wenn erst einmal eine 
rationellere Bewirtschaftungsweise sich der uralten ländlichen 
Technik bemächtigt hat. 

Trotz allem ist aber die türkische Textilindustrie, von wenigen 
Ausnahmen abgesehen, selbst in ihren ersten Produktionsphasen, 
der Spinnerei und Weberei, noch heute dem Hausbetriebe und 
damit der Arbeit der Frauen vorbehalten g.ebHeben. Bei der weiten 
Verbreitung der Spinnerei und Weberei bis in das Zelt des 
umherziehenden Beduinen und der vielfach für den Eigenbedarf 
arbeitenden als bäuerliche Nebenbeschäftigung erscheinenden 
Betriebsform ist eine Erfassung des Umfanges dieses Hausindustrie- 
zweiges kaum mögUch. Auch die Berichte der Konsularämter 
können sich hier naturgemäß nur auf eine zusammenfassende Fest- 
stellung der hauptsächlichsten Tatsachen beschränken. Zumeist 
findet man beide Formen der Textilindustrie nebeneinander in allen 
Wilajets, in welchen auch die Teppichknüpf erei heimisch ist, wie 
in Adana, Angora, Konia, Siwas, wo also die Rohstoffgewinnung 
eine unmittelbare häusliche Verarbeitung bedingt. 

Im Wilajet Angora», das, abgesehen von Kaisarie, gewerblich 
noch wenig entwickelt ist, spielt die Wollspinnerei, welche von 
etwa 7 — 8000 Frauen als häusliches Nebengewerbe betrieben wird, 
eine große Rolle. Ursprünglich zeichnete sich auch Mamuret-ul-Aziz 

* Bf richte für Handel und Industrie 1907. 



Lorenz^ T)ie Fraiumfracie im OfoiiaTmchen Reiche. 139 

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durch blühende Weberei und Spinnerei aus, von denen besonders 
die Wollspinnerei gepflegt wurde. Die furchtbaren Armenier- 
massakers haben jedoch unter der sehr erwerbstüchtigen Be- 
völkerung des Landes erschreckend aufgeräumt und diesen wichtigen 
Industriezweig lahmgelegt. Im Jahre 1907 waren etwa 5000 Web- 
stühle im Betrieb, Auch das andere kurdische Wilajet Bitlis 
zeichnet sich durch Spinnerei, welche in jeder Kurdenhütte heimisch 
jst, sowie Baumwoll-, Woll- und Mohair- Weberei aus. In der Stadt 
Bitlis selbst wurden in derselben Zeit etwa 450 Stoffwebstühle ge- 
zählt. In Diarbekr spielt das Verspinnen des Baumwollgarnes als 
heimische Nebenbeschäftigung die Hauptrolle, Aber auch hier hat 
die blutige Armenierverfolgung ihre unverwischbaren Spuren in 
das einst blühende Hausgewerbe gezeichnet. Weberei und Spinnerei, 
welche in den 80 er Jahren über 20000 Webstühle zu ihren Ber 
trieben zählten, sind rapide zurückgegangen. Heute sind in Diarbekr 
selbst, wo in der Blütezeit 3000 Webstühle gezählt wurden, vielleicht 
insgesamt noch 1000 in Betrieb. Auch in Mossul, das in gewerb- 
licher Beziehung ebenfalls einen unbedeutenden Platz einnimmt, 
haben sich Spinnerei und Weberei als wichtigste Hausindustrie- 
zweige erhalten. 

Das Heimatland der osmanischen Textilindustrie, Syrien, in welchem 
hauptsächlich Baumwoll-, WoU- und Leinwandweberei sowie die 
Herstellung seidener Tücher von Wichtigkeit sind, hat durch die 
mangelhafte schutzzöllnerische Entwicklung (hohe Binnenzölle, 
geringe Einfuhrzölle), welche erst kürzlich durch die mit der Auf- 
hebung der Kapitulationen notwendig gewordene Zollreform behoben 
wurde, sowie durch die Einfuhr ausländischer Fertigwaren und 
endlich unter der allgemeinen Zunahme der fränkischen Kleidung 
eine erhebliche Einbuße erfahren. So ging auch hier die Anzahl 
der spinnenden und webenden Frauen immer mehr zurück. Heute 
konzentriert sich das Textilgewerbe hauptsächlich noch in Aleppo, 
Ai'ntab und den aufblühenden Städten Urfa und Marasch, welche in 
der Lage sind, im Verein mit dem Hinterlande den Bedarf der Stadt 
und ihrer Umgebung zu decken. Mit Einschluß der Teppichindustrie 
und Seidenspinnerei l'ßt sich die Ausdehnung des syrischen Textil- 
gewerbes in Aleppo aus der Anzahl der Webstühle: 12816 im Jahre 
1907, heute etwa 20000, ermessen. In der Spinnerei, welche Wolle 
und Ziegenhaar verarbeitet, und von den Frauen ebenfalls als 
Nebengewerbe betrieben wird, sind die Lohnverhältniss'e außer- 
ordentlich ungünstig: 8 — 15 Pfg. Tagesverdienst bei bescheidenster 



140 THe Welt des h/<ini.-<. Band G. J91H, Tlt'ft 3^4 

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Lebenshaltung-, Auch in der Weberei, wo in Akkord gearbeitet 
wird, sieht es mit der Entlohnung nicht besser aus: als Maßeinheit 
für die Webearbeit gilt i Pik (= 160 Zentimeter). Danach gestalten 
sich die Löhne qualitativ abgestuft folgendermaßen: Lohn für 1 Pik 
Cuttenic 14V2 Pfennige, desgleichen für 1 Pik Seide 14V2 Pfennige, 
ferner für Halbseide 1 1 Pfennige, und Rasleje 8 Pfennige. Da 
bei den beiden ersten Webarten an jedem Tage etwa 6 Pik, bei 
den beiden anderen dagegen 10 Pik fertiggestellt werden können, 
so läßt sich der Tagesverdienst einer Arbeiterin auf 90 Pfennige 
bis 1 Mark berechnen, eine Einnahme, von welcher mitunter noch 
15 Pfennige für den Lehrjungen abgerechnet werden müssen. Die 
Tatsache, daß gerade die Handweberei unter der Konkurrenz des 
Auslandes erheblich zu leiden hatte, bestätigt auch der aus dem 
Jahre 1913 stammende Handelsbericht von Trapezunt; der Rück- 
gang der Webstühle (von 75 auf 70) und der Produktionsmenge ist 
ein Beweis für die immer geringer werdende Rentabilität des Haus- 
betriebes, welcher noch infolge der Niedrigkeit der Löhne sich als 
nicht konkurrenzfähig erwies. 

Die Seidenspinnerei, welche hauptsächlich in Brussa und im 
Libanon zu Hause ist, hat naturgemäß ebenfalls die Frauen- 
arbeit in ihren Dienst gestellt. In Syrien, einem der ältesten 
Seidenländer, hat sie sich aus zwei Gründen so gesund entwickeln 
können (Ruppin): Einmal waren die Bauern von einer drückenden 
Abgabe, dem sogenannten Oscher (d. i. der Zehnte), und die Spinnerei 
von der Gewerbesteuer frei; und zweitens war die Beschaffung der 
Arbeitskräfte infolge des Überwiegens der christlichen Bevölkerung 
nicht schwierig. So gab es nach Ruppin, welcher sich auf Ducousso 
beruft, im Jahre 1912 in Syrien 194 Seidenspinnereien, davon im 
Libanon allein 155, deren Rohseideerzeugung sich 1912 auf 524000 
Kilogramm belief. In diesen Spinnereien werden gewöhnlich je 
30—100 Frauen und Mädchen beschäftigt. In der näheren Um- 
gebung des Libanon, im Wilajet Beirut, sind ebenfalls sechs größere 
Seidenspinnereien mit insgesamt 1000 Arbeiterinnen in Betrieb. 
Die Gesamtzahl der im Textilgewerbe in Syrien beschäftigten 
Personen vor dem Kriege wird von Ruppin auf 10 — 12000 an- 
gegeben. Von diesen waren ein Sechstel männliche, fünf Sechstel 
weibliche Arbeiter tätig, so daß also die Gesamtzahl der seiden- 
spinnenden Frauen, Mädchen und Kinder Syriens sich auf 8330 
bis 10000 beläuft. Von dieser Zahl, in welcher die zahlreichen 
Bäuerinnen, die in ihrer Wirtschaft der Seidenzucht selbst ob- 



Lorenz. Die Frawnfrage im Osniatiischen Reiche. 14 1 

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liegen, nicht enthalten sind, liefert einen Maßstab für die große 
Ausdehnung dieses Erwerbszweiges. 

Die Löhne betragen für größere Mädchen bei einer 1 o — 1 2 stündigen 
Arbeitszeit 2 — 4 Markpiaster, etwa 35 — 70 Pfennige täglich, für 
Kinder nur die Hälfte dieses Satzes. Diese schlechten Lohn- 
verhältnisse und die ungesunden Arbeitsräume, in welchen meist 3 — 10 
Handwebstühle arbeiten, haben auf die Lage der Arbeiterinnen 
aber sehr ungünstig eingewirkt, da die Seidenspinnerei selbst in 
den großen Textilstädten Syriens, wie Homs, Hama, Aleppo, 
Damaskus, ihren primitiven Charakter als Heimarbeit bewahrt hat. 
Meist liegen die Arbeiterinnen vier Monate des Jahres der Spinnnerei 
ob, während sie in den übrigen acht Monaten in der Weberei 
ihren Lebensunterhalt verdienen. 

Die Seidenspinnerei in Kleinasien, welche unter besseren Ent- 
wickelungsbedingung-en steht als die syrische, vollzieht sich im 
Gegensatz zu dieser im Rahmen des reinen Fabrikbetriebes und 
wird daher an anderer Stelle zu behandeln sein. 

In Mesopotamien, wo unter Leitung der deutschen Orient- 
Handels- und Industriegesellschaft noch vor kurzem die Hand- 
weberei und Spinnerei eine große Rolle spielten, war hauptsächlich 
die christliche Bevölkerung als das erwerbsfleißigste Element ver- 
treten. Heute ist infolge Verbannung dieser tüchtigen Arbeits- 
kräfte durch die türkische Regierung der so wichtige Erwerbszweig 
fast ganz lahmgelegt, so daß vor der Hand nicht abzusehen ist, 
ob bei dem Mangel an Ersatzkräften eine baldige Wiedererholung- 
nach dem Kriege möglich sein wird. 

Uns interressiert vor allem die Tatsache, daß in gewerblich heute 
noch vöUig unentwickelten Landesteilen, wie z. B. auch im Wilajet 
Mossul sowie bei den Nomadenstämmen, gerade die Spinnerei und 
Weberei als die wichtigsten und einzigen häuslichen Erwerbs- oder 
Eigenproduktionszweige in das Bereich der Frauenarbeit fallen. 
Wenn auch infolge wirtschaftlicher Notlage diese beiden uralten 
Textüindustrieh eine erhebliche Einbuße erfahren haben, so ist 
doch mit einem Ruin durch europäische Industrialisierungspläne 
gerade bei den scheuen Stämmen der Steppe und den Viehzüchtern 
Anatohens kaum zu rechnen; ebensowenig, wie man annehmen 
darf, daß die Kurdin oder Tscherkessin des anatolischen Hochlandes 
ihr selbstgewebtes buntes Bauerntuch mit modernen europäischen 
Modeerzeugnissen vertauschen wird. Wenn also der Kleinbauer 
und Viehzüchter seine Frauen daheim weiterhin für den Eigenbedarf 



142 TU,' Weit <l,-K is/>nns. Band H. 191 S, Ilrft ...'? 

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des Hauses spinnen und weben läßt, so fragt es sich immerhin, ob 
die Ausläufer europäisch(Mi Unternehmerg-eistes die anderen leichter 
/.u erfassenden städtischen Hausbetriebe der Spinnerei und Weberei 
in den Bannkreis der Fabrikarbeit ziehen werden. Nach den 
heutigen Europäisierungsidealen zu urteilen, welche sich deutsche 
Großkapitalisten von einer Intensivierung des deutsch-türkischen 
TextUgeschäftes machen, muß man mit der Walirscheinlichkeit 
rechnen, daß das türkische Textilhandwerk in seiner heutigen 
Ursprünglichkeit von der modernen Maschine verschlungen wird, 
daß also damit das eigentliche Gebiet weiblicher Hausarbeit einer 
langsamen Aufsaugung durch europäisches Gründertum entgegen- 
gehen wird. 

Die einleitenden Schritte für diese Entwicklung hat bereits der 
Krieg mit der völligen Inanspruchnahme der heimischen Textil- 
fabriken, dem Inkrafttreten des Industrieförderungsgesetzes vom 
Jahre 1913, einer Erleichterung für kapitalstarke moderne Neu- 
gründungen, mit der Aufhebung der Kapitulationen und der Schaffung 
des neuen Schutzzolltarifes getan. Schon seit längerem arbeiten 
bereits z. B, in Adana 3 große, in Händen von Griechen befindliche 
Spinnereien mit etwa 20000 Spindeln; und die staatlichen Fabriken 
in Hereke, Ejub und die Tuchfabrik in Karmursal, deren Betriebe im 
Dienste des Heeresbedarfes mit moderner großindustrieller Ge- 
schwindigkeit und Genauigkeit arbeiten, tragen schon den Keim 
dieser Umwälzung in sich, der dem kleinen Handwerk mit Ver- 
nichtung droht. Da es die Türkei bisher nicht verstanden hat, 
dem günstigen Zusammenwirken ihrer Boden- und Klimaverhältnisse 
die entsprechende Menge der anbaufähigen Gespinstpflanzen zu 
entlocken, wird bald nach Beendigung des Krieges Deutschlands 
landwirtschaftliche Technik und Erfahrung den alttestamentarischen 
Ackergeräten den Garaus machen, den bisher fast unbekannten 
Begriff der Düngung und tieferen Pflügung einführen, den üppigen 
Kulturboden der Gefahr des Versalzens und Versumpfens ent- 
reißen und der Bewässerungstechnik wieder zu neuem Leben ver- 
helfen. Eine starke Steigerung der Textilrohstofferträge muß aber 
naturgemäß zu einer Erweiterung der Textilgewerbe über den 
Rahmen des eigentlichen Familienbetriebes hinaus führen; und 
damit geht wohl der Kerngedanke des deutsch-türkischen TextU- 
geschäftes, das der Modernisierung der türkischen Industrie mit 
kapitalistischem Unternehmergeiste, mit der Lieferung derjenigen 
Produktivgüter, welche das Land nicht selbst herstellen kann. 



Lorenz, Die Frauenfrage int OsutantscJien Reiclte. I43 

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und mit erfahrener kaufmännischer und technischer Leitung den 
Weg ebnen will, um dafür die konkurrenzlosen Fertigwaren der 
türkischen Textilindustrie einzutauschen, seiner Verwirklichung 
entgegen. 

Diese Entwicklung wird sich aber mehr und mehr auf Kosten 
der städtischen, im Hause arbeitenden Textilindustrie vollziehen. 

Im Interesse der türkischen Volkswirtschaft als Gesamtheit ist 
diese Entwicklung gewiß nicht zu beklagen. Aber auch vom Ge- 
sichtspunkte der Frauenarbeit wird sie kaum zu einer Katastrophe 
führen. Im Gegenteil! Sie wird gerade zu einer weiteren Ver- 
tiefung der bisher ausschließlich der Heimarbeit vorbehaltenen 
kunstgewerblichen Produktionszweige der Textilindustrie wie der 
Teppichknüpferei und Stickerei überleiten. Ganz abgesehen davon 
wird aber ein Freiwerden weiblicher Arbeitskräfte in den Städten 
als entscheidendes Moment für die Lösung der Fabrikarbeiterfrage 
nach dem Kriege ins Gewicht fallen. 

Im Gegensatz zu diesem bald zu erwartenden Rückgange in der 
heimischen Textilindustrie wird sich aber mit der Verengerung der 
deutsch-türkischen Wirtschaftsgemeinschaft und dem Eindringen 
europäischen Modegeschmackes für die Frau ein anderes lohnendes 
Arbeitsfeld eröffnen. Ein stark ausgeprägtes, gerade der vor- 
nehmen Türkin eigenes Luxusbedürfnis, das besonders die Damen- 
welt Konstantinopels auszeichnet, stellt an die Tüchtigkeit zahl- 
reicher Näherinnen erhebliche Ansprüche. Hier wie in Europa 
wird die Schneiderin im Hause der Arbeitgeberin mit der An- 
fertigung der verschiedensten Kleidungsstücke, wie auch Wäsche, 
betraut. Daneben wird aber auch außerhalb des Hauses auf Be- 
stellung gearbeitet. Dabei tritt als hemmendes Moment, wie Honig 
in seinen Ausführungen über Industrie und Handwerk 1 darlegt, 
ein sehr starkes Kreditbedürfnis der Detailkäufer in die Erscheinung. 
Die Bekleidungsindustrie, welche natürlich, dem starken Fremden- 
verkehr angemessen, in der Hauptstadt einen ziemlichen Umfang 
besitzt, befindet sich zum Teil in den Händen der zahlreichen 
Waisenhäuser, welche besonders billige Wäsche herstellen. Freilich 
hat das Eindringen europäischer Bekleidungswaren, welche die Be- 
dürfnisse der türkischen Damenwelt erhöhten und verfeinerten, zwar 
die Leistungsfähigkeit des inländischen Bekleidungsgewerbes an- 
gespannt, gleichzeitig aber auch eine größere Aufnahmefähigkeit 

1 Im Archiv für Wirtschaftsforschung im Orient II. 



144 ^^^^ ^'''^^ «^'■'••^ hliiins, JJatid 6. liilH, lieft ä i 

C)<XXXXXXX»CXXX)O000OC>0OOOOOOOOO0OO0OO0OOOOCXXXXXXXXX)OOOOOOOO0O0OO0e)0OOOC^^ 

für die beliebten Fertigwaren, besonders französischer Mode- 
-schöpfung, gezeitigt. Die Folge war allerdings, wie wir nachher 
noch unter dem Kapitel: „Wirtschaftliche Vereinsarbeit" sehen 
werden, die, daß sich sehr bald eine wirtschaftliche Strömuni^- 
gegen das Ausland entwickelte. Heute beginnt Osterreich im Wett- 
bewerbe mit Deutschland, die türkische Damenwelt mit den flotten 
Erzeugnissen der Bekleidungsindustrie durch Modeausstcllungen und 
geschickte Reklame bekannt zu machen und zu gewinnen. Wie 
weit das häuslich betriebene Bekleidungsgewerbe den Verführungen 
des Auslandes standhalten wird, wird sich erst im Zusammenhang 
mit der Gesamtentwicklung des türkischen Tcxtilgewerbes und 
seiner Industrialisierung feststellen lassen. Denn je mehr sich die 
Türkei in der Produktion von Rohstoffen und Fertigwaren ver- 
selbständigt, um so mehr wird auch das Schwergewicht des Be- 
kleidungsgewerbes auf die einheimische Bevölkerung fallen. 

Auch die Putzmacherei, welche sich in weiblichen Händen be- 
findet und vor allem in der Hauptstadt konzentriert, wird erst mit 
der Entschleierung" der Frau und damit dem Nötigwerden moderner 
Kopfbedeckungen sowie mit dem unmittelbar nach dem Kriege zu 
erwartenden zunehmenden Fremdenverkehr in der Hauptstadt ihren 
eigentlichen Aufschwung erleben. 

Wie die beiden ersten Textilge werbe, so steht auch ein anderes, 
die Hausstrickerei, bereits im Zeichen technischer Vervoll- 
kommnung. Während die Armenierin noch heute ihre buntgefärbte 
WoUe eigenhändig zu Strümpfen verstrickt, haben z. B. in Aleppo, 
Adana und Urfa Strickmaschinen deutscher Herkunft die alte Hand- 
arbeit verdrängt. So arbeitete in Adana eine Strumpfwirkerei mit 
sieben Strickmaschinen und 18 Hilfsmaschinen deutschen Fabrikates, 
mit 50 männlichen und weiblichen Arbeitskräften bei einer Tages- 
leistung von 700 Paar Strümpfen. In Urfa werden allein 1000 
deutsche Handmaschinen von heimarbeitenden Frauen betrieben; 
und die Kaiserliche Textilfabrik in Hereke beschäftigt ihre 
Arbeiterinnen ebenfalls mit der maschinellen Herstellung von 
Strümpfen und Trikotagen. 

In Syrien werden hauptsächlich in Aleppo und Damaskus Frauen 
in der Strumpfwirkerei im Hause beschäftigt. Nach Weakly be- 
stehen in Aleppo 5-- 6000, in Damaskus 1500 — 2000 deutsche 
vStrickmaschinen, deren Tageserzeugung je nach der Größe zwischen 
ein und drei Dutzend Paar Strümpfen schwankt, so daß sich der 
Gesamtwert der Jahresproduktion auf etwa 8 Millionen Mark be- 



horenz, Dii' Frauenfrage im Oxmanischen deiche. 145 

läuft. Die Löhne für die Frauen und Kinder, welche für den Unter- 
nehmer arbeiten, betragen 2 — 3 Piaster, also 40 — 60 Pfennige am 
Tage, Allerdings hat dieser Zweig der Heimindustrie besonders 
stark unter japanischer Konkurrenz zu leiden 1. 

Ein weiterer heute noch unscheinbarer Erwerbszweig, welcher der 
hausarbeitenden Frau nach Ansicht Herlts^ einen lohnenden Gewinn 
zu sichern vermag, ist die Herstellung von Posamenten. In 
dem bereits erwähnten Artikel Honigs werden zwei Betriebe ge- 
nannt, welche sich im Hause mit der Herstellung solcher Textil- 
waren befassen. Während der eine mit 60 männlichen Arbeitern 
besonders feine Möbelstoffe, auch auf Bestellung des Kaiserlichen 
Hofes, herstellt, befaßt sich der andere, in Halidschi Oghlu am 
Goldenen Hörn gelegene, welcher ausschließlich hausarbeitende 
Frauen beschäftigt, mit der Erzeugung billiger Gebrauchsartikel. 

Mit dieser kurzen Übersicht häuslicher Textilzweige verlassen wir 
das Gebiet der von der Konkurrenz Europas bedrohten Erwerbs- 
zweige und wenden uns ihrem großen konkurrenzlosen kunstgewerb- 
lichen Gebiete, der Teppicherzeugung, zu. 

Wenn Banse in seinem Werke über die Türkei von den Orient- 
teppichen sagt: „Sie sind wie der stilisierte, der letzte Ausdruck der 
blühenden Frühlingssteppe auf das Gemüt des Menschen, und wenn 
er sie „Gedichte in Farbe und Wolle" nennt, so hat er damit gerade 
die eigenartige Wesenheit des echten Nomadenteppichs getroffen, 
in dessen Farbeng-ebung sich die heitere Phantasie des Naturkindes 
offenbart. In ganz Kleinasien und Syrien, wo die ruhelosen Vieh- 
züchter über Berg und Tal ihre Zelte aufschlagen und ihre schönen 
prächtigen Herden über die Felder treiben, sind die haltbarsten 
und farbenechtesten Erzeugnisse der Teppichkunst zu Hause. So 
sind in Kleinasien besonders die Frauen der halbnomadischen 
Jürüken, eines sehr arbeitsamen und sittenstrengen Volkes, als 
äußerst geschickte Teppicharbeiterinnen bekannt. Auch in den 
Gebietsteilen der nomadischen Turkmenen, in Kappadozien, liefert 
die Steppenviehzucht die unverwüstlichen Rohstoffe der Ziegen- und 
Kamelherden. In Phrygien finden die gigantischen Felsgebilde 
der Landschaft in den prachtvollen Mustern der Nomadenteppiche 
eine vollendete Wiedergabe. So sind die Städte Kutahia, Afiun- 
Karahissar, Bulawadin, Akschehir, ferner die Dörfer der Koniaebene, 

1 Ruppin a. a. O. S. 138 ff. 

2 In der Zeitschrift Textilwoche. 



146 Die Welt des Islams, Hau,/ il. I9l<s, [{,[1 :{\4 

COOOOOtXX)OOC0300e900000000000000000CXXXXXXXXXXXXXX»OOOOOOOOOOCXXXXXXOXX30CIOOOOOCOCICX)<^^ 

die Landschaften Lydien mit Demirdschi, Kula, Gördes als Haupt- 
arbeitsstätten bekannt; und in der Hochebene Kilikiens, wo die 
nomadischen Hirtenfrauen die hervorrag^ende Wolle der Fett- 
schwanzschafe zu Zeltbahnen, Kleiderstoff<'n und Teppichen ver- 
arbeiten, liefert die Phantasie des Nomaden und die Jahrhunderte 
hindurch gepflegte Kunstfertigkeit der Frauen die originellsten und 
unverwüstlichsten Erzeugnisse. Auch der halbansässige Kurde ge- 
winnt seinen Lebensunterhalt aus den Erträgen seiner Viehzucht, 
der Wollweberei und besonders der wegen der Dauerhaftigkeit der 
Ware geschätzten Teppichknüpferei seiner Frauen ; im Hochlande 
von Armenien, wo Schafwolle, Ziegenhaar und wild wachsende 
Farbstoffe das beste und billigste Rohmaterial liefern, bilden Woll- 
weberei und Teppichknüpferei das Hauptgebiet der Hausindustrie, 
ja des Gewerbes überhaupt. Zahlreiche Bilder türkischer Nomaden- 
völker, in denen vor einer leichten Zeltbahn arbeitende Frauen sich 
um einen primitiven Knüpfrahmen gruppieren, veranschaulichen 
die Wichtigkeit und Verbreitung dieses Gewerbes. Abgesehen von 
Dardanellen im westlichen Troas (an der kleinasiatischen Küste) 
kommen außerhalb Kleinasiens noch als Hauptzentren für die 
Teppichindustrie Kerbela in Nordbabylonien, Damaskus in Syrien, 
Dschidda in Arabien in Frage; als Hauptausfuhrhäfen Kleinasiens 
Smyrna und Trapezunt. 

Zeichnen sich die Teppiche der Nomadenvölker durch größere 
Urwüchsigkeit und Regellosigkeit in der Verstreuung der Motive 
über die Fläche und durch eine gewisse geometrische Eckigkeit 
der Figuren, sowie geringeren Umfang aus, da der Knüpfrahmen 
dem engen Zelte angepaßt werden muß, so treten bei den Er- 
zeugnissen der seßhaften Stämme mehr abgerundete, pflanzliche 
Motive und andere Größenverhältnisse hervor, während eine Ver- 
schmelzung beider Unterscheidungsmerkmale auch mit ziemlicher 
Sicherheit auf eine völkische Vermischung hindeutet. 

Nach der Technik der Arbeit 1 unterscheidet man die Teppiche 
nach zwei Hauptarten: 1. nach Knüpfteppichen, 2. nach gewebten 
oder gewirkten Teppichen, den sogen. Kilims. Die erste und 
weitaus durchgängigste Erzeugungsart bedient sich des sogen. 
Knüpfrahmens, eines großen, während der Arbeit schräg gerichteten 
HokgesteUes, zwischen dessen etwa zwei Meter hohen Holzpfählen 
zwei parallele, horizontal laufende Walzen angebracht sind, deren 

1 Die anatolischc Teppicbinduttrie, Berichte füi Handel und Industrie 1906. 



J,orenz, Ple Frei uen frag r /?n Oi^ni ansehen Reiche. 147 

eX3O0<»O0OC<X)OOOO0«0O0OO0CIO<XXXXXXXX»O00C)C<)0O0OC»0O0O0OO0O0O0O000CXXX^ 

Länge, je nach der Breite des Teppichs, bis 10 Meter und darüber 
betragen kann. Auf diesem Gerüste werden nun die Wollfäden, 
Kettenfäden, von einer Walze zur anderen in der Weise gespannt, 
daß abwechselnd einer nach vorn und einer nach hinten geführt 
wird, zwei benachbarte Fäden also jedesmal hintereinander liegen, 
während eine den Walzen parallel laufende Querstange in der 
Mitte die Fäden regelmäßig teilt und spannt, wodurch der Vorgang 
des Knüpfens wesentlich erleichtert wird. Ist das Aufspannen der 
Kettenfäden erledigt, so nehmen je nach der Größe des Teppichs 
drei bis fünf oder mehr Frauen, die geschickteste in der Mitte, vor 
dem Gerüste Platz und beginnen mil der Einknüpfung der Woll- 
büschel von unten nach oben: Jede Arbeiterin ergreift zwei hinter- 
einanderliegende Kettenfäden und führt den bunten, etwa 5 cm 
langen Woll- oder Seidenfaden in der Weise um beide herum, daß 
die freien Enden zugleich an der Oberfläche herausragen. Durch 
sämtHche dieser bunten Wollbüschel wird nun den Walzen parallel 
ein Verbindungsfaden, Schußfaden genannt, gezogen, welcher dem 
Ganzen erst das Aussehen eines Gewebes verleiht. Die Knüpferinnen, 
zu denen schon Kinder vom fünften Lebensjahre an zählen, führen 
die Arbeit mit peinlichster Genauigkeit und Geschicklichkeit durch, 
so daß Knüpffehler nur sehr selten vorkommen. Dabei erstreckt 
sich die durchschnittliche Tagesleistung einer Arbeiterin auf einen 
Knüpf streifen von 20 — 25 cm Länge und 68 cm Breite. Ein größerer, 
etwa 4 m breiter Teppich erfordert zu seiner Herstellung durch- 
schnittlich 6 Frauen, deren jede an einem 60 cm breiten Streifen 
für sich allein arbeitet. Auf diese Weise kennt jede Knüpferin 
die Beschaffenheit ihres Musterfeldes und damit die Anzahl ihrer 
Knüpffäden so genau auswendig, daß sie ohne Vorlage zu arbeiten 
in der Lage ist. Bei Herstellung eines neuen Musters wird eine 
Zeichenvorlage fertiggestellt, nach welcher die geschickteste 
Arbeiterin ein Modell zusammensetzt, das Lage und Anzahl der 
Knüpffäden verdeutlicht. 

Bei der Wirkerei oder Weberei von Teppichen, welche in Angora, 
Siwas, Konia, also in den mittleren und östlicheren Provinzen 
Kleinasiens, zu Hause ist, werden bunte, gobelinartige Wollgewebe, 
die als Tür- und Wandbekleidungen Verwendung finden, mit 
mosaikartigen Musterverbindungen hergestellt. Diese Kilims werden 
auf einem sehr einfachen mit Pedalen versehenen Webstuhle, dessen 
Schiffchen mit der Hand durch eine ausgespannte Fadenkette ge- 
führt wird, gewebt. 

Die Welt de» Islams, IJand 6. lO 



148 Die W.lt dex /.-tA/m.v. /)\;/h/ H. 1U1H, Hi'ft :il4 

00eO0C«(XXXXXX3000e0CXX)C»C)00CX»(XXXXXXXOO0C)0000C)0CX»0O0OOCO 

Die Teppichindustrie führt ihren Ursprung auf Zentralasien zurück, 
von wo aus sie sich mit dem Vordringen der Nomadenvölker über 
Persien hinweg bis nach ganz Vorderasien hin verbreitet hat. In 
Kleinasien soll sie, wie im „Handelsmuseum" hervorgehoben wird, 
durch persische Gefangene heimisch geworden sein. Mit der ersten 
Erschließung der Verkehrswege entwickelte sich dann diese zunächst 
für den Eigenbedarf arbeitende Hauskunst zu einer lohnenden, 
ja in vielen Landstrichen einzigen Erwerbsquelle, dem ausschüeß- 
lichen Arbeitsfelde der Bauers- und Nomadenfrau. Die beiden 
Hauptzentren der Teppichknüpferei, welche Kleinasien und Persien 
büden, weisen in ihren Erzeugnissen eine gewisse Einheitlichkeit 
der Technik, Farbengebung und Musterung auf. Dagegen zeigt 
die anatolische Teppichknüpferei im allgemeinen in einer größeren 
Härte und Dicke des Wollmaterials, gröberer Arbeit, loserer Knüpfung 
und damit geringerer Knotenzahl gewisse Abweichungen von der 
persischen. Auch sind die Knüpffäden z. B. des Smyrna-Teppichs 
meist rein wollen und langgeschoren, so daß die Oberfläche des 
Teppichs rauh und zottig erscheint, während der Perser sich häufig 
baumwollener Knüpffäden bedient und dem Teppich eine glatt- 
geschorene Oberfläche verleiht. In der Musterung tritt in Anatolien 
ausschließHch das pflanzliche Motiv hervor, da die Religion die 
Nachbildung von Tieren verbietet. In Persien dagegen zeigen 
gerade viele kostbare alte Stücke vorherrschend tierische Ornamente. 
In Kleinasien ist die Knüpf erei ausschließlich Frauenarbeit; in Persien 
betätigen sich auch Männer und Knaben eifrig in dieser Kunst. 
Auch den Lohnverhältnissen nach scheint Anatolien Persien geg'en- 
über besser gestellt zu sein. In Persien beträgt nach Holz der Wochen- 
lohn einer Arbeiterin im allgemeinen 3 Mark, in Anatolien 4 Mark. 

In den letzten Jahrzehnten hat nun Persien Kleinasien in der 
Industriahsierung seiner Teppicherzeugung bei weitem überholt. 
Hier hat die Bedürfnislosigkeit des türkischen Bauerntums und das 
Fehlen des auf Erwerb gerichteten Geschäftsgeistes dem Eindringen 
europäischen Unternehmertumes noch bis heute zum Teil erfolgreich 
getrotzt — zum Glück für die alte Güte und Dauerhaftigkeit des 
Materials. Selbst an Orten, wo sich die Massenproduktion bereits 
Eingang verschafft hat, tritt das Türkentum in der Unternehmer- 
welt hinter geriebenen Griechen und Armeniern oder ausländischen 
kaufmännischen Vertretern fast gänzlich zurück. 

Im vorigen Jahrhundert waren freilich auch diese Produkte 
anatolischen Hausfleißes für den Eigenbedarf dem europäischen 



l^orenz, iJie fraumfrage im Ot!i)ianische)i Keiche. 14g 

■OOCieOOCOOOCXXX)OOOC)OOOOOCXXXX><XXXXXX»OOCXXXXX)OOOOC)OOOOCXXy>X)CXXXXXXXXXXXXXXXXXXXDCX^^ 

Liebhaber nur wenig bekannt. Zwar besaß seit jeher schon fast 
jedes Bauernhaus Innerkleinasiens seinen Webstuhl und seinen 
Knüpfrahmen, aber mehr aus Liebhaberei denn aus Erwerbstrieb. 
Die Frauen des Hauses, welche die Wolle der Herden in ihren 
Mußestunden wuschen, krempelten und verspannen, die Großmutter, 
welche sie nach uralter und oft als strenges Geheimnis gehüteter 
Methode färbte, und alle weiblichen Hausgeister, welche je nach 
Zeit und Laune am Arbeitsstuhle knüpften und wirkten, dachten 
zunächst gar nicht daran, das Produkt ihres andauernden Fleißes 
in Geld umzusetzen. So blieb oft ein besonders schön geknüpftes 
Stück jahrelang im Hause liegen, ehe sich der Hausvater, wenn 
die Kasse des Hauses einmal einer Auffrischung bedurfte, zur 
Veräußerung auf dem Markte entschloß. Dabei stand natürlich 
der erzielte Gewinn in gar keinem Verhältnis zu der Arbeit, Schön- 
heit, Dauerhaftigkeit und Güte des Teppichs. 

Bis heute hat sich diese primitive Form bäuerHchen Hausfleißes 
in den entlegenen Dörfern der Kurden und Jürüken noch fast 
rein erhalten, während die allmähliche Erschließung des inneren 
Kleinasien die Hauskunst in erwerbsmäßige Bahnen lenkte. Mit 
dem Bekanntwerden dieser so hoch geschätzten Orientwaren und 
dem erwachenden und steigenden Interesse des Auslandes arbeiteten 
auch bald Mittel und Wege auf eine Nutzbarmachung der so wert- 
vollen Frauenarbeit im Dienste des ausländischen Bedarfes thin. 
Bald bildeten sich in Konstantinopel und Smyrna Ausfuhrfirmen, 
welche durch ihre Kommissionäre überall im Lande alte wie neue 
Teppiche, dank der Unkenntnis des bäuerlichen Elementes, zu 
Spottpreisen aufkaufen Heßen. Da sich nun aber auf diese Weise 
die vorhandenen Vorräte schnell erschöpften, die ausländische Nach- 
frage hingegen stieg, mußte schHeßlich an Stelle der reinen Gelegen- 
heitsarbeit die Massenfabrikation treten. Damit wurde dem einstigen 
beschaulichen Hausfleiße der Stempel hastiger Erwerbsarbeit im 
Dienste eines wucherischen Unternehmers aufgedrückt, und somit 
wurden wirtschaftliche Zwangslagen heraufbeschworen, wie sie nur 
gewinngierige Ausbeutung in einem wirtschaftlich unentwickelten 
Lande zeitigen kann. 

Trotzdem ließ dieser Entwicklungsgang die alte häusliche Betriebs- 
form unangetastet, eine Tatsache, welche in der ans Haus ge- 
bundenen Lebensweise der Türkin ihre hinreichende Erklärung 
fand. So haben bisher nur wenige fabrikmäßig- organisierte Arbeits- 
stätten die Frauenarbeit in ihren Bannkreis gezogen: die Kaiser- 

10* 



150 l>ie Well d,'s /.s/am.s, Baitdii. IHtS, Heft 3j4 

OC«OeOCOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXX)OC)OOOCXXX)OOC»OOOOOOCIOOCKXX^^ 

liehe Fabrik in Hereke am Gölte von ismid, die Fabriken von 
Kutahia und Siwas in Zentralkleinasien u. a. m. 

Wenn so also die eig^entliche Frauenarbeit, das Knüpfen und 
Weben, sich weiterhin im Hause selbst vollziehen konnte, wurden 
aber die zahlreichen damit in Verbindung" stehenden Neben- und 
Vorarbeiten der Teppichindustrie mehr und mehr von der Industri- 
alisierung erfaßt und damit teilweise der Männerarbeit vorbehalten. 
So finden sich 1909 in Uschak, Kula, Gördes 10 von Smyrnaer 
Teppichexportfirmen eingerichtete fabrikmäßig betriebene Woll- 
färbereien, ferner ein in der Fabrik in Hereke von einem deutschen 
Chemiker geleitetes Laboratorium; weiterhin eine mit österreichischen 
Maschinen betriebene kleine Spinnerei in Eskischehir, deren Aufgabe 
es ist, die Abfälle der Teppichfabrik umzukrempeln und wieder 
zu verspinnen, ähnlich wie es die 1902 in Panderma gegründete 
Fabrik einer englischen Teppichfirma, welche das in dieser Weise 
aufgefrischte Material nach Kutahiea liefert, betreibt. 

Die schädlichen Wirkungen, welche die Arbeitsteilung in der 
Teppichindustrie für Produzenten und Produkt zur Folge hatte, 
waren nicht zu verkennen. Mit der wachsenden Nachfrage ge- 
rieten die Arbeitenden mehr und mehr in ein Abhängigkeits- 
verhältnis zu dem geschickten Exporteur, welcher auf eigene 
Rechnung und Gefahr arbeiten ließ, da der Webstuhlbesitzer ge- 
schäftlich zu unerfahren war, um auf seine Verantwortung arbeiten 
zu lassen. Durch Lieferung des Rohmaterials und Färben der 
Wolle in einem ihm selbst gehörigen Betriebe sowie durch Ge- 
währung von Vorschüssen verstand er es, den Webstuhlbesitzer 
und damit die arbeitenden Frauen in Musterung und Technik immer 
mehr zu beeinflussen und finanziell an sich zu fesseln, sehr zuun- 
gunsten des Produktes. In den neunziger Jahren war diese \'er- 
schiebung so weit gediehen, daß einzelne Teppichexportfirmen selbst 
die Knüpferinnen für ihre Zwecke anwarben, ihnen Material, Farben 
und Muster vorschrieben, sie unter ständiger Kontrolle hielten und 
nach ihrer täglichen Arbeitsleistung bezahlten. Damit wurden die 
ursprünglich nur aus Freude am Schaffen und für ihre eigenen 
Zwecke tätigen Frauen Akkordarbeiterinnen im Dienste eines fremden 
Großunternehmers. Daß unter diesem Umschwr.ng auch die eigen- 
artige Schönheit und Haltbarkeit des Erzeugnisses schwer leiden 
maißte, liegt auf der Hand. Das Bestreben des L'niernehmers, so 
schnell und so billig wie möglich zu arbeiten, machte sich sehr 
bald in einer Vergröberung und Verschlechterung des Rohmaterials 



Lorenz. Tfie Frnmmfrnac im Oi^manisr]}t>n Rinclie. 1 5 1 

t)<XX3eOOOCXXXDOOOOOOOOOCXX>3000000000CXX)0000000<XXXXXXXX»OOOOC)C<XXXXXXX^^ 

und Musters geltend. Die von den Fabrikspinnereien gelieferten 
Fäden zeigten eine geringere Haltbarkeit als das handgedrehte 
Material. Die mit der Massenproduktion herbeigeführte Steigerung 
der Wollpreise führte ihrerseits wieder zu einer Verwendung 
schlechterer Wollsorten; die »Steigerung der Seidenpreise zu einer 
Verwertung von Seidenabfällen, wie Schappkaseide, den letzten 
Umwickelungsfäden der Kokons. Ja viele der sogen. Seiden- 
teppiche waren nur aus einfachem Baumwollmaterial geknüpft, 
welchem die Heißluftpresse ein seidenartiges Aussehen verliehen 
hatte. NatürHch ließen solche Produkte raffinierter Technik die 
beliebten Hauptkennzeichen des Orientteppichs, die Weichheit und 
den samtartigen warmen Farbenglanz, vermissen. 

Besonders nachteilig aber wirkte die Modernisierung der Technik 
auf die altbewährte Methode der Färberei und damit die Farben- 
echtheit des Teppichs ein. Mehr und mehr haben die alten prächtigen 
Farbpflanzen neuzeitlichen, chemischen Farbstoffen Platz gemacht 
und sind allmählich bis auf geringe Ausnahmen von den Feldern 
Anatoliens verschwunden. So stellt sich heute der Preis für ein 
Okka (= fast 2 Pfund) Gelbbeeren, welches früher 40 — 50 Piaster 
kostete, nur noch auf 1 Piaster; und der Gelbbeerenertrag ist z. B. 
in einem Dorfe von 60000 Okka auf 1000 Okka zurückgegangen. 
Während gerade die pflanzlich gefärbten Teppiche sich dadurch 
auszeichnen, daß ihre Farbentönung mit dem Altern des Teppichs 
um so leuchtender hervortritt, erscheinen die auf chemischem Wege 
gefärbten Gewebe anfangs in grellen Farbenkontrasten, um nachher 
um so schneller zu verblassen oder unter den schädlichen Einflüssen 
der Witterung zu verschwimmen. Allerdings verhielt man sich in 
Unternehmerkreisen dieser nachteiligen Entwicklung gegenüber, 
unter welcher der alte Ruf des Orientteppichs schwer leiden mußte, 
nicht untätig. So ordnete z. B. die Smyrnaer Exportindustrie die 
Einfuhr qualitätsverbessernder Alizarinfarben aus Deutschland an 
Stelle der billigen und schlechten Anilinfarben an und errichtete an 
den Hauptproduktionsorten eigene Färbereien unter fachmännischer 
Leitung. Die Teppichknüpferinnen wurden verpflichtet, die Wolle, so- 
weit sie ihnen nicht bereits in fertig gefärbtem Zustande geliefert 
worden war, in diesen Anstalten färben zulassen; ja es wurden sogar 
für diejenigen, welche ungeachtet dieser Vorschriften das Färben 
mit schlechten Anilinfarben unterstützten, Geldstrafen festgesetzt. 

x\uch der peinlichen Technik der Arbeit versetzte das wachsende 
Unternehmertum einen empfindlichen Schlag, da die größtmögliche 



153 THe Welt (Irs fs/ams, Band H. 1918, rieft 3j4 

C<X)OCOOOC)0(XXXX300<>000000000(XXX)OOOOOOOOC)OOCXX)OOOOOOOOOOOOOOCIOCKX)COCX3^^ 

Schnelligkeit der Arbeit sowie eine möglichste Reduzierung des be- 
nötigten Materials viel an der Sorgfalt der Knüpfung fehlen ließen. 
Das Gewebe wird undicht und lose, die Zahl der Knüpfknoten pro 
Quadratmeter geht beträchtlich zurück. Die Menge des gebrauchten 
Wollmaterials wird auf ein Mindestmaß beschränkt. So kommt 
heute auf die Ouadratelle (== 68 Quadratzentimeter) eines Uschak- 
teppichs, in welche früher 2 — 3 Okka Wolle hineingeknüpft wurden, 
nur noch etwa 1 ',.1 Okka: und die Anzahl der Knoten auf die 
Ouadratelle, welche bei besseren alten Teppichen 78000 betrug, 
ging bis auf 38 000 zurück, bei niederen Qualitäten sogar auf 1 1 000. 
Heute rechnet man bei gewöhnlichen Teppichen 4 — 12, bei feineren, 
auch seidenen Teppichen 25 — 36, und bei den besten Qualitäten 
64 - 144 Knoten auf einen Quadratzentimeter. Die zum Knüpfen 
nötige Zeit wurde dabei allmählich auf ein Sechstel bis ein Siebentel 
der früher üblichen Arbeitszeit reduziert. 

Einen weiteren Druck mußte die Massenproduktion aber auch 
besonders auf die Lohnsätze ausüben. Nach einer Aufstellung des 
Kaiserlichen Konsulates in Konstantinopel 1, welches den Lohn für 
ein Batym, das sind 220 Knoten, auf 4 Para (1 Para ^ V« Pfennig) und 
die durchschnittliche Tagesleistung einer Arbeiterin auf 6000 Knüpf- 
knoten festlegt, werden folgende Angaben über die Lohn- und Zeit- 
verhältnisse, welche der Dichtigkeit der Gewebe entsprechen, gemacht: 



ür eine Quadrat eile 


von 


Arbeitslohn 


Arbeitszeit 


78000 Knoten 




35 Vi Piaster 


13 Tage 


38000 „ 




17'/. „ 


öV. „ 


1 4 000 ,^ 




ö V2 


2Vs „ 


1 1 000 „ 




5 » 


1'/« » 



Der durchschnittliche Tagesverdienst einer Arbeiterin stellt sich 
danach auf 54 V^ Pfennig. Diese tiefen Lohnsätze, welche in An- 
betracht der erwerbsmäßigen Entwicklung der Teppichindustrie zu 
dem Arbeitsaufwande der Knüpferinnen ebensowenig wie zu den 
Liebhaberpreisen, mit welchen das fertige Stück veräußert wird, in 
einem Verhältnis stehen, werfen ein recht düsteres Licht auf die 
furchtbare Notlage, unter der das heutige Teppichgewerbe in den 
Händen des Unternehmertums, /.. B. in Uschak, Kula und Gördes 
zu leiden hat. 

Die eigenartige, unnachahmliche Ornamentik endlich konnte sich 
angesichts dieser Materialvergröberung und der Anpassung der 

i Berichtf für Handel un.l Industrie 1906. 1 Piaster = 18—20 Pfennige. 



Lorenz, Die Fraiienfrage im Osmamschen Reiche. 153 

0CCOCXD00000C)<XXXI0<XXXX>CXX)00(XXXXXI000C)00(XXXXXXX)00CXXX5^^ 

Muster an die Wünsche des Exporteurs nicht in ihrer alten Schön- 
heit behaupten. Bald zeigten die alten Originalmuster die üblen 
Eigenschaften des Massenartikels: häufig wiederkehrende und dem 
Geschmacke der breiten Massen des europäischen Konsumenten- 
publikums ang^epaßte Durchschnittsmuster, ja zum Teil seltsame 
Kombinationen orientalischen und europäischen Mustergeschmackes, 
damit aber eine Verwischung der ursprünghchen Schönheiten, 
welche mit der Verpflanzung der Industrie von einer Provinz in 
die andere sich immer mehr geltend machte. Nur in den ent- 
legenen Nomadendörfern behauptete sich die eigene traditionelle 
Musterung und Farbengebung noch unabhängig von der ver- 
flachenden Geschmacksrichtung des Abendlandes, wenn auch hier 
die Musterung bisweilen durch die Jahrhunderte lange Wiederholung 
desselben Ornamentes in einer Familie einen etwas mechanischen 
Anstrich erhielt. Fast alle Nomadenteppiche zeigen heute eine 
Reihe geometrischer Figurenmosaiken, in welche stilisierte pflanz- 
liche Vorbilder als Ausfüllverzierungen eingestreut sind. Das Ganze 
gruppiert sich in Form mehr oder weniger breiter Randverzierungen 
um ein Mittelstück. Die größeren Teppiche dageg-en weisen eine 
Einteilung in mehrere runde, oder vier-, sechs- bis achteckige 
Medaillons mit entsprechenden Eckfeldern auf. Besonders charak- 
teristisch und eigenartig ist die durchgehende Musterung bei den 
vorwiegend in Anatolien heimischen Gebetsteppichen {sedschade): in 
einem meist roten Innenfelde wird die Gebetsnische, Mihrab, dar- 
gestellt, ein auf schlanken Säulen ruhender Torbogen, in welchen 
von oben her eine blumengefüllte Ampel hineinhängt. Die oberen 
beiden Zwickel werden von Blumenranken auf hellem Grunde durch- 
zogen. Auch der meist breite Rand wird von Blumen- und Blatt- 
gewinden geschmückt. Aber auch diese eigenartig schöne Orna- 
mentik der Gebetsteppiche, auf denen die frommen Püger, knieend 
nach Mekka gewandt, ihre Gebete zu verrichten pflegten, hat sich 
im Laufe der Zeit mehr und mehr, oft bis zur Unkenntlichkeit, 
verwischt. 

Wir woUen nun einmal die Verteilung der Industrie mit ihren 
besonderen Eigentümlichkeiten auf die einzelnen Gebietsteile Klein- 
asiens ins Auge fassen. Wir unterscheiden hier zunächst drei 
Hauptproduktionsgebiete, welche sich um die Hauptorte Smyrna, 
Siwas und Angora-Konia gruppieren. 

Die Smyrnaindustrie, welche ihren Namen dem Hauptausfuhrhafen 
ihrer Produkte verdankt, konzentriert sich in einer Reihe von Ort- 



154 T)ie Welt des hhnns, ßmidH. 1918. Heft 3j4 

00»OeOOOOCOOO«JOO«OeX3000000000000(XXXX)C500000000C»OOOOOOOCXXXXXX)OOOOC^^ 

Schäften, welche um die alte Provinz Bergama gelagert sind und 
sich über die drei Wilajets Aidin, Brussa und Konia erstrecken. 
Die Haupterzeugungsstätten der erstgenannten Provinz sind: 
Uschak, Kutahia, Kula, Demirdschi, Gördes, Akhisar; für die zweite: 
Kutahia, Afiun-Karahisar, Eskischehir; für die dritte: Isparta (Sparta). 
Schon gegen Ende des Mittelalters war in Smyrna eine europäische 
Kolonie ansässig, welche die Bevölkerung Smyrnas und des Hinter- 
landes auf europäische Bestellung arbeiten ließ und zugleich auch 
die Ausfuhr der Waren nach dem Auslande vermittelte. Heute 
hat sich vSmyrna fast zum alleinigen Ausfuhrhafen aller anatoli- 
schen Teppiche mit einer durchschnittlichen Jahresausfuhr von 
6 Millionen Mark entwickelt. Das Charakteristikum der Smyrna- 
teppiche ist grobe Wolle, lockere Knüpfung und hohe Schur, also 
zottige und rauhe Oberfläche. 

Der Haupterzeugungsort des Smyrnaer Hinterlandes ist die Stadt 
Uschak, welche fast die Hälfte der gesamten anatolischen Teppiche 
erzeugt. Fast die ganze Einwohnerschaft des Städtchens widmet 
sich ausschließlich der Teppichknüpf erei, und zwar noch durchweg 
im engen Rahmen der Familie, während nur selten mehrere Web- 
stuhlbesitzer sich in einem größeren Betriebe zusammengeschlossen 
haben. Von den 2000 Webstühlen, welche gezählt wurden, sind 
allein 1200 ohne Unterbrechung während des ganzen Jahres tätig. 
Die arbeitende Bevölkerung setzt sich zu sieben Achteln aus Frauen 
und Mädchen, nur zu einem Achtel aus männlichen Elementen zu- 
sammen; die Gesamtzahl der beschäftigten weiblichen Personen 
behef sich 1906 auf 3500 Frauen und 750 Mädchen in der Knüpferei; 
gleichzeitig waren 750 Männer, denen die Vor- und Nebenarbeiten 
des Gewerbes wie Waschen, Krempeln und vor allem das Färben 
der Wolle oblagen, in den Teppichbetrieben tätig; so behef sich also 
die Gesamtzahl der in der Industrie beschäftigten Arbeitskräfte 
auf 6000 1. Nach den Angaben von Holz über den .Smyrnateppich 
kommen auf die 30 000 Einwohner des Städtchens in jüngster Zeit 
8000 arbeitende Frauen. Der Wert der Jahresproduktion, welche 
vor allem große Teppiche mit alttürkischen Mustern hefert, be- 
ziffert sich auf 3 Millionen Mark 2. 

Da die Knüpferei im Smyrnaer Industriezentrum ausschheßhch 
auf Erwerbsbetrieb, den die einzelnen Webstuhlbesitzer leiten, zu- 



1 Berichte für Handel und Industrie 1906. 

8 Nach Frehse arbeilen in Uschak etwa 7000 Frauen in der Teppicbindustrie. 



Ijr,r,'i>z, DIp Fraupyifvriaf' hn 0$)nnnhchen Ri'iche. I55 

geschnitten ist. so hat die sprichwörtliche Niedrigkeit der Löhne 
die Arbeiterinnen in bittere Notlage gebracht und ihre schädHche 
Rückwirkung' auch auf die Güte des Erzeug'nisses ausgeübt. Die 
Entlohnung, welche in Tagesgeldern erfolgt, richtet sich nach dem 
fertiggestellten Knüpfstück, welches am Abend jedes Arbeitstages 
nach der Anzahl der neu eingewirkten Schußfäden gemessen wird. 
So stellt sich der durchschnittliche Tagesverdienst einer mittel- 
mäßig geschickten Arbeiterin auf 2 — 6 Piaster, also 40 Pfennige 
bis höchstens 1 Mark, während nur ganz besonders gewandte und 
tüchtige Frauen einen Höchstverdienst von 2 Mark erzielen. 

Die Betriebsorganisation, welche trotz der Häuslichkeit der Be- 
triebsweise schon g'änzlich unter dem Drucke der Teppichexport- 
firmen steht, geht von den Auftraggebern durch die Hände von 
Kommissionären bis zum einfachen Webstuhlbesitzer. Die großen 
Exportfirmen g'eben nun ihre Aufträge zunächst an ihre in Uschak 
selbst ansässigen Kommissionäre, denen eine Kommission von 
3 Prozent zusteht. Diese geben nun ihrerseits die erhaltenen Be- 
stellungen an die verschiedenen Webstuhlbesitzer weiter, welche 
zwar von Kommissionären Vorschüsse erhalten, aber die von ihnen 
angestellten Arbeiterinnen auf eigene Rechnung' mit RohmateriaHen, 
teüs im fertig zubereiteten Zustande, versehen müssen. Sie haben 
also die Ausführung der Arbeit gänzlich in ihrer Hand. Nur das 
Färben fällt als einzige gewinnabwerfende Beschäftigung dem 
Kommissionär zu, welcher meist eine eigene Färberei besitzt. 
Hierin liegt aber gerade die große Gefahr für die Qualität des 
Erzeugnisses. Da ihn der geringe Gewinn in Gestalt der Abgabe, 
welche ihm der Webstuhlbesitzer für das Färben leistet, nicht be- 
friedigte, griff der Kommissionär zu dem unlauteren Mittel der 
Oualitätsverschlechterung durch Verwendung minderwertiger Chemi- 
kalien. Andererseits lag aber auch für den kleinen Webstuhl- 
besitzer, welcher sich einer großen Selbständigkeit in der Hand- 
habung seiner Betriebsleitung erfreute, die Verführung recht nahe, 
durch möglichst billiges Material einen Nebengewinn in die Tasche 
zu stecken. Erst eine Gegenströmung der großen Teppichexport- 
firmen Smyrnas vermochte hier Wandel zu schaffen. In modernen 
Färbereien, welche von dieser Seite gegründet wurden, gelangen 
die uralten bewährten Farbstoffe, so die rotfärbende Krappwurzel, 
die Gelbbeere und der aus England eingeführte Indigo wieder zu 
Ehren. Als Knüpfmaterial wird die prachtvolle Schafwolle der öst- 
lichen Provinzen, deren Jahresverbrauch auf 1 200000 Kilogramm 



I5f) I>ic. ^ydt ,l>'s Is/arns, Hand 6. iUlH, Heft .7/4 

geschätzt wird, verwendet. Je nach Färbung', INIuster und Qualität 
zerfallen die Knüpfteppiche in fünf verschiedene Arten, deren Preis 
für je 1 Quadratmeter sich auf lö — 20,80 Mark stellt. In diesen 
Preisen sind bereits die Transportkosten bis Smyrna, Ausfuhrzoll, 
Emballage, Kaigebühren, Hamal^ und Verladung, sowie ein Zu- 
schlag von 2 Prozent des Wertes für den Schiffsverkehr nach Europa 
mit einbegriffen. 

Einer wie großen Beliebtheit bei dem europäischen Publikum 
sich gerade die Uschakteppiche erfreuten, geht aus dem ungeheuren 
Anwachsen der Nachfrage hervor. Während noch zu Anfang der 
80 er Jahre die Jahresproduktion nach Schätzung des Kaiserlich 
deutschen Konsulates einen Wert von 1,8 bis 2 Millionen Franken 
besaß, war mit Anfang dieses Jahrhunderts die Nachfrage bereits 
um 150 Prozent gestiegen. Wenn sich zwar auch die Webstühle 
und die Zahl der arbeitenden Frauen nicht proportional der immer 
größer werdenden Bedarfssteigerung vermehren lassen, so ist doch 
immerhin eine Anspannung der Produktion zu einer maximalen 
Leistung von 490000 Quadratpik oder einer Jahresproduktion im 
Werte von 196000 Ltq. (Livres Turques) durchaus wahrscheinlich. 

x^ls zweite wichtige Arbeitsstätte des Smyrrjuer Industriebezirkes 
kommt neben Kutahia, dessen unter dem Nam.en Uschakteppiche in 
den Handel gelangende Produkte sich ebenfalls einer großen Be- 
liebtheit erfreuen, und dessen Jahresproduktion auf 80000 Quadrat- 
meter geschätzt wird, das Städtchen Gördes, nordöstlich von Uschak 
gelegen (32000 Einwohner), in Frage. Hier arbeiten an etwa 
600 Webstühlen 2000 Arbeiterinnen unter den gleichen traurigen 
Lohnverhältnissen wie in Uschak. Wie Holz bemerkt, verdient hier 
eine Arbeiterin wöchentlich im Durchschnitt 4 Mark, wofür sie sich 
selbst beköstigen muß. Trotzdem sind manche in der Lage, von 
dieser bescheidenen Vergütung noch einen Spargroschen zurück- 
zulegen. Vereinzelt wird das Teppichgewerbe auch hier von 
Männern betrieben. Die Knüpfarbeit befaßt sich hauptsächlich mit 
der Herstellung mittlerer und kleinerer Teppiche, besonders mit 
der Erzeugung von Kamin- und Bettvorlegern, und liefert eine 
Jaliresproduktion im Werte von 1,2 Millionen Mark, also etwa 1V4 
der in Uschak verzeichneten Erzeugungsmenge. 

Kula (17000 Einwohner), die Stadt der Gebetsteppiche, hat fast 
die gleiche Anzahl der Webstühle, Arbeiterinnen und den Wert 

' = (iebühren für Lastträger. 



Lorenz, Die Fraue/ifroqe im Osmayiisclwn Reiche. 157 

<Xi(XXX30C)0000(X)(X)0(X)0(XXXX)OÖcXX>^^ 

der Jahresproduktion wie Gördes. Außer den Gebetsteppichen, 
bei deren Knüpfung teils Kettenfäden aus Hanf Verwendung finden, 
deren Qualität einen Preis von 8 — 12 Mark für den Quadratmeter 
erzielt, also nicht als erstklassig gilt, wird noch eine andere, be- 
sonders gerühmte Knüpfarbeit, Filik genannt, von außergewöhnlich 
geschickten Arbeiterinnen aus dem seidigen Haar der Angoraziege 
erzeugt. Nur in seltenen Fällen gelangt ein solches Stück, welches 
die einheimische Bevölkerung als kostbares Ausstattungsgut im Hause 
verwahrt, auf den Markt, es sei denn zu einem Preise, welchem 
die anderen Erzeugnisse anatolischer Knüpfarbeit nicht gewachsen 
sind, nämlich 2>o — 36,80 Mark pro Quadratmeter. Unter anderem 
fabriziert Kula noch für 400000 Mark Vorleger nach persischem 
Muster. Der Wert der Jahresproduktion beziffert sich auf die Hälfte 
derjenigen von Gördes. 

In Isparta, dem Hauptplatze der um Konia gruppierten Teppich- 
zentren, dessen Erzeugnisse aber über Smyrna in den Handel ge- 
langen, haben sich bereits französische Phantasiemuster in die 
Ornamentik gedrängt und sind in der einzigen Qualität der Teppiche 
vorherrschend geworden. Der Preis dieser Produkte stellt sich bei 
einer Jahresproduktion von 25 000 Quadratmeter auf 21 — 24 Mark. 
Die Zahl der Knüpferinnen, welche sich auf 800 Rahmen verteilt, 
beträgt 3000. Das unweit Gördes gelegene Städtchen Demirdschi, 
dessen Produkte allerdings, da eine spezifische Musterung fehlt, 
nicht unter dem Namen ihrer Herkunft in den Handel kommen, 
liefert zwei, der Qualität nach verschiedene Teppicharten, deren 
Preis zwischen 11,60 und 16,80 Mark pro Quadratmeter schwankt. 
Es hat bei seiner geringen Einwohnerzahl von 8000 Personen die 
erstaunliche Jahresleistung von 45000 Quadratmeter aufzuweisen! 
Danach müßte, wenn man den Maßstab von Kula anlegt, wo 
3000 Arbeiterinnen an einer Jahresproduktion von 25000 qm be- 
teiligt sind, die Anzahl der in Demirdschi tätigen Knüpferinnen 
5400 betragen, also fast zwei Drittel der Gesamtbevölkerung sich 
aus teppichknüpfenden Frauen und Mädchen zusammensetzen. 

Ein zweites Hauptzentrum der Teppicherzeugung, Siwas, ist dem 
Europäer als das Ursprungsland kostbarer alter Gewebe bekannt. 
Heute dagegen steht die moderne Industrie dieses Zentrums dem 
Rufe der Smyrnaer Erzeugnisse noch bei weitem nach, da ihr 
eig'entliches Wiederaufblühen erst etwa 35 Jahre zurückliegt; nachdem 
die kostbaren alten Restbestände der Moscheen aufgekauft waren, 
wurde die Produktion zu neuem Schaffen angespornt. Hier be- 



158 1>i<' Wr/f r/.'v h/<nns, fiavd H. IUI 8, Heft Sji 

eCXX>aeC)00OOOCX>30O*000C>0O0O00OO0O0(M00CIC)C)O0O0C>0OOOCKXXXXXXXX>OOOOO(X>C^^ 

sonders hatte sich die schwere Schädigung" der Erzeugnisse durch 
billige Chemikalien, welcher nicht beizeiten Einhalt geboten wurde, 
sehr fühlbar gemacht. Abgesehen von besonders wertvollen Einzel- 
exemplaren, welche noch nach der altbewährten Farbmethode ent- 
legener Dörfer gearbeitet werden, sind die meisten Erzeugnisse 
dieses Gebietes von geringerem künstlerischen Werte. So werden 
auch die großen, den ganzen Fußboden deckenden Mittelteppiche 
{cn-ta halysy) fast gar nicht hergesteHt. Das Charakteristikum der 
heutigen Siwasteppiche ist dicke Wolle, grobe Arbeit und hohe 
Schur. Als Material dienen teils reine Wolle, teils eine weniger 
geschätzte Mischung von Kamel- und Ziegenhaar; als Hauptfarben- 
töne werden rot, orange, grün und gelb bevorzugt. Als Haupt- 
produktionsorte kommen Zara, Divighri, Hafik, Chari-Kischla, Azizie, 
Derinde und endlich Siwas selbst in Frage. 

Den eigentlichen Neubegründer der Siwaser Industrie sehen die 
Berichte für Handel und Industrie in dem damaligen Minister des 
Innern Memduh Pascha, der als Wali in seinem Amtsbezirke Siwas 
300 Webstühle errichten ließ und Vorbilder aus Persien einführte. 
Im Jahre 1900 begann eine aus drei Personen bestehende Gesell- 
schaft mit einem Anfangskapital von 200 türkischen Pfund zum 
ersten Male mit der Einführung eines fabrikmäßigen Betriebes, 
welcher 27 Webstühle und 80 Arbeiterinnen beschäftigte. Bei 
einem Tageslohn von 20 Para bis 1 Piaster erwartete man von 
den Knüpferinnen eine Tagesleistung von 4500 — 5000 Knoten, eine 
monatliche Erzeugung von zwei Teppichen mittlerer Größe. Ein 
ähnlicher Betrieb wurde 1905 von einer Smyrnaer Teppich-Export- 
firma errichtet. In diesem Betriebe, welcher die alten Farbpflanzen 
geschickt nachzuahmen bestrebt war, wurden ausschließlich Frauen 
und Mädchen mit einem Tageslohn von 20 Para bis 2 Piaster, also 
ebenfalls 10 — 40 Pfennige beschäftigt. Im Vergleich zu der Kosten- 
losigkeit, mit welcher der Dorfbewohner sein Material zu beschaffen 
vermochte, erwies sich aber selbst angesichts der Niedrigkeit der 
Arbeitslöhne der Fabrikbetrieb nicht als sehr lohnend und konkurrenz- 
fähig. Abgesehen von der Beschaffung des Wollmaterials aus 
zweiter und dritter Hand, von den Auslagen für Vorbereitung 
und Färbung durch fremde Arbeitskräfte, Miete usw. machte die 
fabrikmäßige Betriebsorganisation auch eine Anstellung bezahlter 
Aufsichtsfrauen notwendig. Aus diesem Grunde übersteigen die 
Preise der Siwaser Teppiche selbst diejenigen der besten haus- 
geknüpften Erzeugnisse oft um das Doppelte. Im Jahre 1907 betrug 



Lorenz, Die l'rauenjragt' im Osmanisc/tcn Reiche. 15g 

K>ooeeoooooocooeo(xxxxxxxx>ooo(xxxxx]00ooooooooooo(x>ocxxxxyxxxxxxxxxxx>30oocx^^ 

die Anzahl der Teppicliwebstühle in Siwas 800, von denen 50 für 
Seiden teppiche in Betrieb waren. Hier wird nicht nur auf die 
Bestellungf kleiner Unternehmer, sondern auch in Privathäusern für 
den eigenen Bedarf geknüpft. Und zwar rechnet man dabei auf 
10 — 12 Häuser durchschnittlich einen Webstuhl. 

Die Jahresproduktion des Siwasbezirkes steht naturgemäß hinter 
der der Smyrnaindustrie erhebUch zurück. In den sechs genannten 
Sandschaks der Wilajets arbeiteten 1906 insgesamt 350 Dörfer mit 
etwa 10 000 Webstühlen, also schätzungsweise 40000 Frauen. Nach 
einem französischen Konsulatsberichte des Jahres igoo ist der 
Gesamtwert der Jahresproduktion auf 2 567 500 Piaster, das sind 
513350 Mark, also etwa ein Achtel der Uschaker Produktion zu 
veranschlagen. Ein weiterer nennenswerter Aufschwung ist bisher 
angesichts der Notlage der Frauen infolge der verschwindend kleinen 
Löhne und der Konkurrenz durch die allgemein beliebten Smyrnaer 
Teppiche kaum zu verzeichnen. 

Wegen ihrer alten schönen Muster und Farbentönung sowie ihrer 
vorzüghchen Haltbarkeit bekannt sind die Erzeugnisse besonders 
der viehzüchtenden Kurden, welche unter dem Namen „kurdische 
Teppiche" einen altbewährten Ruf genießen. Als Produktionsgebiet 
kommt heute besonders das Wilajet Angora in Frage, obwohl die 
eigentlichen Grenzen weit darüber hinausgehen. Das Wilajet ist 
berühmt wegen seiner herrlichen aus dem Mohair der Angorazieg^e 
gearbeiteten Seidenteppiche, seiner großen Mittelteppiche und Sofa- 
decken {hart halysy). Neben der Knüpferei spielt aber auch das 
Wirken von Kilims verschiedener Größen und Ausführungen eine 
beträchtliche Rolle. Es werden ganz dünne durchscheinende Gewebe 
und sogen. Dschidschims, eine Zusammensetzung mehrerer für sich 
gewebter und bestickter dichter Teilgewebe, als Wandbehang 
fabriziert. Neben dem hochentwickelten Kaisarie (Cäsarea; mit 
den anderen Produktionsorten Jüsgad, Kirschschehir tritt die 
Hauptstadt Angora selbst zurück. 

Die Koniaindustrie, deren Produkte ihrer Herkunft nach zu denen 
des Smyrnaer Zentrums gezählt werden, hat dank der Bemühungen 
eines deutschen Reichsangehörigen,Matthieu,welcherin verschiedenen 
Dörfern der Provinz etwa 300 Webstühle errichten ließ und der 
alten Musterung wieder zu Ehren verhalf, einen bedeutenden Auf- 
schwung erfahren. In den Hauptorten der Produktion: Isparta, 
das bereits genannt wurde, Süeh, Permata, Nigde, Buldur, sind in 
der ganzen Provinz 1200 Webstühle mit 5000 Arbeiterinnen im 



i6o IHp W,-It (I.'s /s/ouif>, Hand r,. iHiH, Heft 3j4 

OCOOOOOOC<XXXXXXXXX»OOOCXX>OOOOOOOCXXOOCXXX<XXX>COOOOCXX)OOOOOOOC^ 

Betrieb. Von diesen arbeiten, der Tabelle des Konsularberichtes 
von 1906 zufolge, in Konia 200 Arbeiterinnen an 60 Webstühlen; 
in Akschehir 150 an 30 wStühlen und in Permata 250 an 55 Stühlen 1. 
Diese Angaben über die Anzahl der Arbeiterinnen stimmen mit 
denen des Handelsberichtes aus dem Jalire 1907 über das gewerb- 
liche Leben Anatoliens, Kurdistans und Arabistans überein. Diesem 
zufolge wurden 1218 Webstühle mit 4870 Arbeiterinnen gezählt, 
welche an einer Jahresproduktion im Werte von 11/4 Million Mark 
beteiligt waren. 

Auch in Adana, wo Teppiche sowohl gewebt wie gewirkt werden, 
und in Mamuret-ul-Aziz, dem Lande der Kurden, wo die Teppich- 
knüpferei von einer deutschen Missions anstalt in Mezre und einer 
amerikanischen in Harput organisiert wird, sowie in Aleppo, Urfa 
und Aintab in Syrien, ferner in Jerusalem, wo von jüdischen Mädchen 
für 16 — 24000 Mark Teppiche jährlich geknüpft werden, hat die 
Industrie schon seit altersher ihre Arbeitsstätte. 

Haben wir bisher die Teppichindustrie in ihrer ursprünglichen, 
wenn auch zum größten Teil vom Unternehmer erfaßten Form 
der Heimarbeit kennen gelernt, so bleibt nun noch die Aufgabe, 
die fabrikmäßig organisierte Frauenarbeit kennen zu lernen. Da 
die Teppichknüpf erei selbst im großen Fabrikrahmen noch immer 
im Zeichen der einfachen Handarbeit mit geringen technischen 
Hilfsmitteln steht, und da eine Trennung zwischen der eigentlichen 
Fabrikarbeit und ihren Übergangsstufen schwer zu machen, eine 
gute Übersicht aber nur bei der Behandlung der gesamten Industrie 
möglich ist, so möchte ich auch diese Betriebsformen im Anschluß 
an die Heimarbeit behandeln. Zumeist haben ausländische Missions- 
gesellschaften deutscher, amerikanischer und englischer Nationahtät 
eine solche Entwicklung in die Wege geleitet. So hat eine Ver- 

1 Stiindort Webstühle Arbeiterinnen 

Akschehir 30 150 

Kor 35 200 

Buldur .20 100 

Konia 60 200 

Isparta 800 3000 

Ncwschehir 24 120 

Nidge 26 150 

Permata 55 250 

Sileh 150 600 

Ürgub 18 100 

insgei.imt . . i2So ■l'^To 



TjOrenz, Dir traitp.nfrnqi' v)i Osmatnscht>)i Reiche. l6l 

0C<)00C«00C0000<X)0(XXXO000000000000000CXXXX)0000000(XXXXX)0C)0000000CO000000<^^ 

einigung der bedeutendsten Teppichexportfirmen Smyrnas unter 
dem Namen „Oriental Carpet Manufacturer Limited" mit dem Sitz 
in London, an welcher auch deutsches Kapital beteiligt ist, die 
Smyrnaer Teppichfabrik Sykes & Co. übernommen. Diese be- 
schäftigte IQ 17 200 Arbeiterinnen!, bei einem Tagesverbrauch von 
1600 Kilogramm Wollgarn. Auch 1908 wurde eine Fabrik in Aleppo 
gegründet, welche 1916 mit 600 Arbeiterinnen und 120 Stühlen 
arbeitete. Daneben hat aber auch die türkische Regierung- mit 
Begründung der Kaiserlichen Fabrik in Hereke am Golfe von 
Ismid ein starkes nationales Interesse an der Erhaltung und Förderung 
der einheimischen Industrie bewiesen. Den Anlaß zu dieser Gründung 
soU die Auswanderung einer Teppich wirkerfamilie aus Uschak nach 
dort gegeben haben, für deren Erzeugnisse die Regierung ein 
besonderes Interesse verraten hatte. Abgesehen vom Teppich- 
gewerbe beschäftigt diese großzügig angelegte Fabrik auch in der 
industriellen Herstellung von Möbelstoffen, Gobelins, Trikotwaren^ 
Tuchen und Flanellen, heute auch besonders für den Müitärbedarf, 
zahlreiche Frauen. 

Da die Teppichfabrikation Herekes, welche sich in Händen einer 
armenischen Firma, Agopian & Sohn, befindet, im Dienste des 
kaiserlichen Hofes die herrlichsten Ausstattungsstücke liefert, ist 
die ganze Fabrikanlage vorbildlich und zweckmäßig organisiert. 
Die Knüpferei selbst wird in drei hintereinanderliegenden gesunden 
und hellen Sälen betrieben. Daneben leisten noch eine Abteilung 
zum. Entwerfen von Mustern, welche sich in einem der Säle be- 
findet, ein chemisches Laboratorium sowie eine Wollfärberei unter 
Leitung eines deutschen Chemikers die besten technischen Vor- 
arbeiten. Die Färberei, welche mit Maschinen arbeitet und be- 
sonders gute, aus Deutschland eingeführte Alizarinfarben verwendet, 
sowie die beiden anderen technischen Abteilungen beschäftigen 
ausschließlich männliche Arbeiter. Das Knüpfen selbst wird von 
griechischen und türkischen Mädchen vom 4. bis 15. Lebensjahre, 
welche sämtlich von älteren Frauen beaufsichtigt werden, gehand- 
habt. Die Zahl der Arbeiterinnen, welche im Jahre 1906 sich auf 
1800 bezifferte, aber bald darauf um 350 vermehrt werden sollte, 
dürfte heute wohl mehr als 1200 betragen. Die Zahl der Knüpf- 
rahmen von 180 ist ebenfalls seitdem wesentlich vermehrt \uorden. 



1 Junge, Türkische Textilwaren. In: Balkan-Orient. Sondernummer der Zeitschrift „Textil- 
woche". 



102 Die Welt Urs Islams, band U. lUt8, Heft .V/4 

C)0OO«)<XXXXXX>X)OOO«OO(yXXXXWO0C»0Oa>X»O0OOCXXXXXXXXX)0OO(XXXXXXX^ 

Für das Wohl der Arbeiterinnen wird in einer Weise .Sorge ge- 
tragen, wie sie zu der Notlage der vielen von Unternehmern auf- 
gesogenen Hausbetriebe in keinem Verhältnis steht. In dem großen 
Häuserkomplex der weitverzweigten Fabrikanlage, welche sogar 
über eine eigene Moschee und Schule Verfügt, stehen den Knüpfe- 
rinnen ein eigenes Krankenhaus und mehrere große Unterkunfts- 
häuser zur Verfügung. Da viele Mädchen nach getanem Tages- 
werke zu ihren jenseits des Golfes von Ismid lebenden Familien 
nicht zurückkehren können, sind die meisten auf diese sehr be- 
queme Einrichtung angewiesen. Beide Häuser sind streng nach 
Nationalitäten gesondert; in dem einen finden die türkischen, in 
dem anderen die griechischen Mädchen Aufnahme; und zwar steht 
immer ein Raum mehreren Arbeiterinnen zugleich als Schlaf- und 
Eßgemach zur Verfügung. 

Die Arbeitszeit währt bei einstündiger Mittagspause von morgens 1 1 
bis abends 1 1 Uhr, ist also elfstündig. Allerdings wird bei den ganz 
kleinen Arbeiterinnen eine gewisse Rücksicht auf ihre Leistungs- 
fähigkeit geübt, indem man sie, sobald sie ermüden, ablöst. Jeder 
Arbeiterin steht einmal jährlich, im Frühjahr, ein einmonatig^er 
Urlaub zu, während dessen der Lohn in Höhe des Durchschnitts- 
gehaltes weiter gezahlt wird. 

Die Entlohnung ist, wenn auch der Länge der Arbeitszeit ent- 
•sprechend gering, so doch über den Durchschnitt der reinen 
Hausindustrie erhaben. Der Tageslohn schwankt zwischen 3 und 
10 Piastern, also 60 Pfennigen und 2 Mark, und wird nach Akkord- 
arbeit gezahlt. Den Aufseherinnen steht eine monatliche Vergütung 
von 400 — 600 Piaster, d, s. 80 — 120 Mark, also ein Tageslohn von 
2 — 4 Mark bei freier Beköstigung zu. 

Der hervorragenden Technik des Betriebes, der seine Dampfkraft 
von einem durch die Fabrik geleiteten Flüßchen herleitet, und der 
Verwendung nur erstklassigen Materials aus Brussa, Konia und 
Angora sowie der fachmännischen Leitung in der Färberei entspricht 
auch die außerordentliche Schönheit und Sanbe-':eit der Erzeug- 
nisse. Es werden mit peinlich genauer Handiertigi 't ausschließlich 
Knüpfteppiche hergestellt, deren Muster von einer oberhalb des 
Rahmens angebrachten Vorlage, in welchr- di?» Anzahl der Knüpf- 
knoten in kleine Quadrate genau eingozeiclin i lot, abgelesen werden. 
Die Erzeugnisse der Fabrik, we"' he zwar an die des Smyrnaer 
Produktionszentrums nicht heranreichen, erfreuen sich im Aus- 
lande einer ganz besonderen Beliebtheit. Besonders seitens Amerikas 



Lorenz, Die Frauen frafje hu Osrnanisclien Reiche. 163 

BCXX)OOOOCXXXXX>3000000CXDOOOt)OOC)OOOOOC)000000000000<X)OOOCOO(XXX)OOOCXXXXX3^^ 

wurde die Fabrik mit Bestellungen überhäuft. Die Zukunft ihrer 
Entwicklung wird zweifellos in Anbetracht der gesunden Arbeits- 
bedingungen eine recht günstige sein. Das läßt sich schon daraus 
schließen, daß der kaiserliche Hof seinen anspruchsvollen Bedarf 
fast ausschließlich in diesem Betriebe deckt, daß ferner die Anzahl 
der Arbeiterinnen und die Zahl der Webstühle innerhalb von 
6 Jahren (1900 bis 1906) beträchtlich angewachsen war (die Zahl 
der Arbeiterinnen von 350 auf 800); und daß schon bald darauf 
eine weitere Vermehrung des Arbeiterpersonals geplant wurde. 

Während die Fabrik in Hereke im Kriegte das Schwergewicht 
ihrer Produktion auf die Befriedigung des Heeresbedarfes legte, 
hatten andere fabrikmäßig organisierte Unternehmen der Teppich- 
knüpf erei unter den Einwirkungen des Krieges erheblich zu leiden. 
So wurde in Urfa bis vor kurzem vom deutschen Waisenhause 
eine Teppichfabrik unterhalten, welche sich heute in den Händen 
der deutsch-orientalischen Handels- und Industriegesellschaft m. b.H., 
Potsdam, befindet, die als Inhaberin der Teppichmanufaktur in Urfa 
eingetragen ist. Wie der Handelsbericht von 1907 meldet, ging 
das deutsche Waisenhaus in der Teppichindustrie seinerzeit vom 
reinen Hausbetriebe zum gemischten Haus- und Fabrikbetriebe 
über, und zwar derart, daß das Spinnen im Hause selbst, die Knüpf- 
arbeit in der Fabrik erfolgte. Während der Betrieb früher lang- 
haarige Smyrnateppiche herstellte, bevorzugte man später mehr 
und mehr den kurzhaarigen persischen Typ mit einer weit höheren 
ELnotenzahl, eine Entwicklung, welche der üblichen Vereinfachung 
durch Material- und Zeitersparnis gerade zuwider lief. So konnte 
teilweise eine Erhöhung' der Knotenzahl von 45000 auf 70-, 100-, 
ja 150000 pro qm bewerksteUigt werden. Wie es in dem Berichte 
heißt, bot der Arbeitssaal der Fabrik allein 500 Knüpferinnen Raum, 
Insgesamt arbeiten etwa 300 Webstühle an einer Jahresproduktion 
von 400000 Mark. Heute scheint der Betrieb fast gänzHch ein- 
gestellt zu sein. 

Auch in anderen Fabrikbetrieben, wie in Smyrna und Aleppo, 
arbeiten, den Darlegungen von Totomjanz zufolge 1, bis 300 Web- 
stühle mit etwa 3000 Arbeiterinnen. 

So hat sich gegenüber den fremdstaatlichen fabrikmäßigen 
Organisationen des Teppichgewerbes die Fabrik in Hereke noch 
am sichersten behauptet, und zwar wohl hauptsächlich deshalb, 

1 Totomjanz und Toptschjan, Die sozial-ökonomische Türkei, S. 64. 

Die Welt des Islams. Band 6. II 



164 Di'' Welt des Tshnns, Band H. i9tS, Hrft 3} 4 

weil ihr Betrieb, wie auch das Beispiel der eng-lischen Carpet 
Manufakturer Ltd., welche zug-leich Webereien und Spinnereien in 
Panderma betreibt, zeigt, nicht ausschließlich auf die Teppich- 
industrie zugeschnitten war. Überhaupt verträgt die türkische, 
besonders die anatolische Teppichindustrie, wie ihre Entwick- 
lungsgeschichte lehrt, die vSchematisierung des reinen Fabrik- 
betriebes ebensowenig wie die Geschmacksrichtung europäischer 
Muster und Farbengebung. In dem Augenblicke, wo das Unter- 
nehmertum mit der Bedarfssteigerung Europas in die Erscheinung 
trat, sank die Teppichknüpferei von ihrer künstlerischen Höhe in 
die Sklaverei mühsamen Broterwerbes; verschwenderisch in der 
Produktionsmenge, aber arm an Erfindung und künstlerischer 
Stilisierung, geizig an Material, Die prächtigen, uralten Stücke 
jahrelanger Heimarbeit, welche einst in Moscheen und Palästen von 
wenigen Kunstliebhabern gehütet wurden, sind heute ein All- 
gemeingut geworden, dem ewig wechselnde Modelaunen zum Teil 
schon ihr Gepräge aufgedrückt haben, deren Nachahmung man 
sich heute schon mit Erfolg befleißigt hat^. Deutsche und eng- 
lische Firmen wetteifern längst mit dem Orient zusammen an greller 
Buntheit und Derbheit, und meist rühmt der Unkundige mit Stolz 
das in seiner Heimat entstandene „Orienterzeugnis" als echtes 
Produkt. Von allen Seiten wird mit Erfolg zur Nacheiferung ge- 
predigt, welche notgedrungen eine weitere Entwertung der echt 
orientalischen Kunst herbeiführen muß. Trotzdem aber ist es bis- 
her dem Auslande noch nirgends gelungen, der mühsameti Technik 
des Knüpfens eine gleichwertige Fabrikationsmethode entgegen- 
zustellen. So hat bisher noch keine Maschine das Zusammenpressen 
der einzelnen Knüpfknoten, welches die Arbeiterinnen mit einem 
eisernen Kamm durch starkes Schlagen bewerkstelligen, zu ersetzen 
vermocht. Also trotz aller Fabrikationstechnik, trotz Industriahsierung 
des Hausbetriebes durch den Unternehmer ist die uralte eigen- 
tümliche Technik dieselbe geblieben; und hierin liegt gerade nocli 
heute die Konkurrenzlosigkeit des Orientteppichs begründet. In 
einem Lande moderner Großindustrie läßt sich heute ein Fabrik- 
zweig, welcher ausschließlich Handarbeiterinnen beschäftigt, nur 
schwer einführen, abgesehen davon, daß die Güte des Materials es 
mit den konkurrenzlosen Rohstoffen der tierischen und pflanzlichen 
Produktion der Türkei nicht aufnehmen kann, daß ferner die absolute 

^ Koch, Die Teppichfabrikation. 



I^renz, Die Fvaaenfracie im 0»maidscJu^)i Reiche. IÖ5 

<>oo(Xxi(MX>eiocx90oaooooooooooooooooo(XXMOooooooooooooeooo(XxxMooooötxxxxxx}oooooo^^ 

Echtheit orientalischer Musterung und Farbengebung hier sehr in 
Frage gestellt sein würde. Kaum wird ein Land, welchem orientali- 
sche Phantasie und Stilisierung fern liegen, in mühsamer Lem- 
methode sich das aneignen können, was der eigentliche Kern der 
Bevölkerung Anatoliens in jahrhundertelanger Praxis bis in das 
letzte Glied seiner Famüie betätigte, eine Kunst, welche die Natur 
schon dem umherziehenden Urbewohner Zentralasiens in die Wiege 
gelegt hat. 

Um die Bedeutung dieses Gewerbes für die Lebensfähigkeit eines 
Volkes noch besser zu verstehen, müssen wir noch einmal einen 
kurzen zusammenfassenden Blick auf die Anzahl der in ihm tätigen 
Personen werfen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Zählung 
nur den geringeren Teil der gesamten Arbeitsbevölkerung erfassen 
kann, während die Fülle der rastlosen Nomadenstämme, welche das 
belebende Element in die Knüpfkunst tragen, dabei fast unbei-ück- 
sichtigt bleiben muß. 

Rechnet man die Anzahl der für die einzelnen Teppichstädte 
aufgeführten Arbeiterinnen und Webstühle zusammen, so ergibt 
sich für die beiden Wilajets der Smyrna-Industrie die Gesamtzahl 
von 12550 Arbeiterinnen und 4070 Webstühleni; für Siwas und 
Angora waren nähere Angaben über die Anzahl der Knüpferinnen 
nirgends zu finden. Doch ließe sich für Siwas, wo die Anzahl der 
Webstühle auf 800 angegeben wird, auch die Anzahl der Arbei- 
terinnen schätzungsweise bestimmen, wenn man auf jeden Knüpf- 
rahmen im Durchschnitt 2,5 Arbeiterinnen rechnet. Danach würde 
man ihre Anzahl auf 2800 festlegen können; in Konia betrug die 
Anzahl der Arbeiterinnen 4870, die der Webstühle 1 2 1 8, in Hereke 
arbeiten heute etwa 1200 Mädchen an über 800 Webstühlen. Da- 
nach arbeiten in den drei genannten Provinzen Anatoliens, welche 

^ Wilajet Aid in: 

Arbeiterinnen Webstühle 

Uschak 6000 2000 

Gördes 2000 600 

Kula 2000 600 

Demirdschi 1000 400 

insgesamt . .11 000 3600 
"Wilajet Brussa: 

Kutahia 1 200 'Igöo 

Karahisar 200 40 

Eskischehir 150 30 

insgesamt . . 1550 570 

II* 



l66 Die ^Vdt dex hlams, BainJi',. lUlS, Heft Sji 

'-<XOOOOOCCOCXXXXOOCOOOCKXX1COOOCXX10CXXXXXX>0^^ 

nicht zu den dichtestbevölkerten zählen, nachweisbar allein etwa 
2 1 500 Frauen und Mädchen an etwa 7000 Webstühlen. Wenn 
man bedenkt, daß diese Summe in einem unbesiedelten Lande nur 
einen verhältnismäßig geringen Prozentsatz der teppichknüpfenden 
Bevölkerung darstellt, daß in diesen Hauptprovinzen noch ein großer 
Teil der weiblichen Bevölkerung der Weberei und Spinnerei ob- 
liegt, dann wird man zugeben, daß die Lebensfähigkeit ganz 
Anatoliens mit der Entwicklung dieses Gewerbes steht und fäUt. 

Diese Tatsache wird noch deutlicher, wenn wir sie kurz an Hand 
einiger Ausfuhrzahlen betrachten. Die Einfuhr von Orientteppichen 
nach Deutschland betrug: 

im Jahre 1906: 270000 kg, 
„ „ 1907: 608000 „ 
„ „ 1910: 912000 „ 1; 

hatte also innerhalb von 5 Jahren eine Steigerung um mehr als 
das Dreifache erfahren. Im Jahre 1913 führte Deutschland allein 
für 9,3 Millionen Mark Teppiche aus der Türkei ein. Die Ausfuhr 
des türkischen Hauptausfuhrhafens Smyrna wurde 1906 auf 
schätzungsweise 7V2 Millionen Francs berechnet, woran England 
mit 73, Frankreich mit 14, Amerika mit 8, Deutschland mit Öster- 
reich und Rußland zusammen mit 2 Prozent beteiliget waren, wobei 
allerdings zu berücksichtigen ist, daß England die Rolle des 
Zwischenmarktes für die nach Amerika und Frankreich bestimmte 
Ware spielte. Da die Türkei als ein zur Textilindustrie prädesti- 
niertes Land gilt, dessenungeachtet aber vor dem Kriege noch 
für 2 Millionen Mark Textilwaren bezog", fällt die hohe Ausfuhrzahl 
ihrer Teppichindustrie doppelt ins Gewicht. 

Um so mehr aber nimmt die Frauenarbeit in der Türkei, welcher 
dieses hochkultivierte Gewerbe sein Dasein und das rückständige 
Land seine Haupteinnahme verdankt, als Wirtschaftsfaktor einen 
Hauptplatz in der gesamten türkischen Volkswirtschaft ein. 

Freilich haben die Ereignisse des Krieges mit dem Arbeiter- 
mangel und wirtschaftlichen Tiefstande der wichtigsten Erwerbs- 
zweige dieser Industrie tiefe Wunden geschlagen, welche nur schwer 
wieder heilen dürften. Wie H. W. Schmidt in seinem kürzlich er- 
schienenen Auskunftsbuche über die Türkei berichtet, wurden nach 
Beginn des Krieges die reich gefüllten Teppichlager von ihren Be- 

^ Laut Druckschrift zur Ausstellung deutscher Teppiche in Berlin. Dt. Lev.-Ztg. 1913, 
Heft 6, S. 219. ' 



i 



J^orenz, JJie Franeitfrai/e im Os:m(niheheii Reicht'. 107 

*C<>O6CJCOO0OO0O0O0aO00O0OC»OC>0(XXXICXXXX»C)00OO0O00CXXXXXXXXXXXXXXXX>^^ 

sitzem zu den niedrigsten Preisen ausverkauft. Erst als sich die 
Gemüter wieder einigermaßen beruhigt hatten, begannen die Preise 
in die Höhe zu steigen. In dieser Zeit sicherten sich besonders 
deutsche Händler die Restbestände, indem sie für 6 Millionen Mark 
Waren aufkauften, ungeachtet des hohen Agioverlustes von 20 — 25 
Prozent, da diese Zahlung in türkischem Gelde erfolgen mußte. Damit 
stiegen aber die Teppichpreise weiter bis auf 55 — 80 Prozent ihres 
ursprünglichen Wertes; die Bestände der türkischen Teppichlager 
aber erschöpften sich auf diese Weise, da eine Wiederauffrischung 
in Anbetracht der wirtschaftlichen Nöte, der Verwertung der Textil- 
rohstoffe für den Heeresbedarf und der Anspannung sämtlicher 
Textilgewerbe für die Heeres versorgring, wodurch diesem Produktions- 
zweige ein heftiger Schlag versetzt wurde, zunächst unmöglich schien. 
Dazu hatte sich die türkische Regierung durch zahlreiche Depor- 
tationen der gewerbfleißigsten christlichen Elemente, und damit einer 
starken volkswirtschaftHchen Stütze beraubt. So schildert die 
deutsch-orientalische Handels- und Industriegesellschaft, die wir 
bereits als Inhaberin der Urfaer Teppichfabrik kennen, auf meine 
an sie gerichtete Anfrage über den heutigen Stand ihrer Organi- 
sation die augenblicklichen Verhältnisse daselbst als trostlos. Die 
Gesellschaft beschäftigt in ihren Arbeitsstätten, in Mesopotamien, 
etwa 2000 Personen mit Spinnen, Färben und Handweberei. Augen- 
blicklich ist aber die dortige Industrie völlig lahmgelegt, da die 
bisherigen Arbeitskräfte und leider auch alle Ersatzkräfte ver- 
schwunden sind. Sie schreibt: „Die von der türkischen Regierung 
verhängten Deportationen, welche die intelligenteste und gewerb- 
rieißigste Bevölkerung christlichen Bekenntnisses getroffen haben, 
haben mit dem Menschenmaterial so gründlich aufgeräumt, daß 
auch die Frage, ob nach dem Kriege eine Erholung möglich ist, 
leider wenig Verheißungsvolles bietet. Unter den gegenwärtigen 
Verhältnissen kann man nicht mehr sagen, auch nicht darüber, wie 
die Stellung der türkischen Regierung gegenüber der kommenden 
türkischen Volkswirtschaft sein wird, weil man nicht wissen kann, 
was von ihr noch übrig bleibt, wenn das seit Jahrhunderten tätigste 
Element gewaltsam ausgeschaltet ist." Wenn man auch freilich 
aus diesem Berichte nicht auf die allgemeine Kriegslage der ge- 
samten Teppichindustrie Rückschlüsse ziehen kann, so steht doch 
ziemlich sicher fest, daß erst einige Jahre ruhiger Erwerbsarbeit 
wieder über das an Gut und Menschenmaterial verarmte Land ge- 
zogen sein müssen, ehe man mit einer Wiederbelebung rechnen darf. 



iö8 Die. Welt dr-^ fsfams, Band i'>. iUiH, Heft :ij 

Der orientalische Farbensinn findet nun aber nicht allein in der 
mühsamen Knüpfarbeit der Teppichkunst seinen Ausdruck; die 
Muße der türkischen Frau hat ihre Hand auch in einigen anderen 
geschickten Kunstgriffen geübt, welche der europäischen Hausfrau 
bei der Unrast ihrer Tagesarbeit so schnell verloren gehen, im 
Orient aber in die nüchterne Kahlheit der großen Räume die 
warmen Farbentöne stilisierter Handarbeit zaubern. So ist das 
mohammedanische Anatolien auch das Ursprungsland einer anderen 
Hauskunst geworden, welche ihre eigenartigen Erzeugnisse in die 
farbenarme Welt hinausschickt. Über die anatolischen »Sticke- 
reien äußert sich Hopf in seiner Abhandlung im orientalischen 
Archiv: „Sie reden wie heitere Volkslieder zum Herzen und geben 
uns viel Stoff zum Nachdenken." Und weiter: „Wenn wir uns in 
die lebendige Sprache ihrer Formen und Farben versenken, so 
steigen beglückende Empfindungen in unserem Innern empor, wie 
sie nur eine echte und zugleich liebenswürdige Kunst erwecken 
kann. Wir beginnen mit Rührung' an die bescheidenen stillen 
Frauen zu denken, deren Fleiß wir sie verdanken. Es geht uns wie 
dem Reisenden, der Gelegenheit findet, das intimere Leben der 
anatolischen Völkerschaften einigermaßen kennen zu lernen und 
von Ehrfurcht für die warmen Kunstwerke erfüllt wird, die sicli 
hier überall offenbaren. • — Wir sehen die Ergebnisse einer hoch 
entwickelten Geschmackspflege vor uns und beginnen Ahnungen 
für die Gemüts- und Bildungsschätze zu bekommen, die unserer 
gewohnten Auffassung und dem ganzen Dogma unserer modernen 
Kunsterziehung spotten. Keine Schule, keine Ausstellungen, keine 
Kunstliteratur!" Um wieviel mehr muß man also bei der schlichten 
Ursprünglichkeit dieser dem Erwerbsgedanken einst so fernstehenden 
Kunst über ihre hohe Vollendung in Musterung und Ausführung 
staunen! Schon als Kind beginnt das Mädchen, welchem von der 
Mutter die Kunstfertigkeit und das Farbenverständnis angeboren 
und anerzogen wurde, ihre Aussteuer, den Schmuck ihrer Kleider 
und ihres Heimes mit den Erzeugnissen ihrer Stickereikunst zu 
zeichnen, wobei die eigene Phantasie und das eigene Stilisierungs- 
vermögen ihr schon frühzeitig zu Hilfe kommen. Die Vollendung 
in Musterung und Farbenton ist gewissermaßen, wie Hopf es auch 
nennt, eine Übersetzung der Natur in die Forniensprache mit dem 
individuellen Einschlage der erfinderischen Arbeiterinnen. Als 
Vorbilder werden die verschiedensten Blatt- und Blumenpfianzen 
gewählt. Aber auch die Darstellung von Vögeln, wie Pfauen und 



Jjoreiiz, Die Frauen frage im Osmanischen Reiche. 169 

Papageien, gegen welche selbst die streng sunnitische Glaubens- 
lehre nichts einwenden konnte, werden vielfach in die bunte und 
vergoldete Musterung eingewirkt. Alle Arbeiten zeigen bei der 
größten IndividuaHtät eine völlige Übereinstimmung in der Technik 
ihrer Entstehung. Diese Handfertigkeitskunst, welche aus dem 
natürüchen farbenfrohen Kunstempfinden des Orientalen, aus seiner 
Fähigkeit, die Kunst der Natur in natürliche Kunst umzuwandeln 
und zu rhythmisieren, herauswuchs, konnte auf die technischen Hilfs- 
mittel europäischer Handarbeit fast ganz verzichten, besonders 
soweit eigene Schöpfung in Frage kam; und das war bei dem 
Hauptprozentsatze aller Arbeiten der FalL Daneben traten die 
Vorbüder der klassischen Kunstperiode, deren Einschlag sich z. B. 
in manchem Teppichmuster verrät, mehr oder weniger in den 
Hintergrund. Nach den Erfahrungen Hopfs ließ selbst die Muste- 
rung altgriechischer Töpfereien nirgends auf Kopierung durch die 
Stickereikunst schließen. Wo es sich aber um genauere Nach- 
bildungen handelte, ließ sich der Ursprung der Arbeit auf Werke 
der Inseln Rhodos, Chios, Mytüene und andere Vorbüder alt- 
griechischen und byzantinischen Ursprunges zurückführen. Eine 
geschmackvoll zusammengestellte Sammlung zum Teü illustrierter 
Handarbeiten, welche eine Vertiefung in den Farbenreichtum und 
die Eigenart dieser Kunst ermöglichen, gibt uns B. Dietrich 1 in 
seinem hübschen Sammelwerke. In diesem hat er die auf seiner 
asiatischen Reise gesammelten Erfahrungen niedergelegt. Zur Er- 
forschung der älteren und gegenwärtigen Stickereiarbeiten des 
Orients hatte er nämlich im Jahre 1907 mit Unterstützung des 
Reichsamtes des Innern eine Reise nach dort unternommen. Natur- 
gemäß boten sich bei der ursprünglichen Wesensart der Kunst 
als Familientradition, welcher vor allem die mohammedanisch- 
türkische Frau oblag, der Erforschung größte Schwierigkeiten. Da 
gerade in mohammedanischen Kreisen der eigentliche Kernpunkt 
orientaUschen Kunst- und Erfindungsvermögens ruht, dem fremden 
Schauer aber naturgemäß ein solches Wirken verborgen bleiben 
muß, so wird dem Interessenten viel, ja das Schönste dieses Frauen- 
fleißes verborgen bleiben. Anders liegen die Verhältnisse dort, 
wo die Stickerei als reine Erwerbsarbeit von Armenierinnen, 
Griechinnen und Jüdinnen an Orten, die eine zentraüstische Er- 
fassung im Interesse des Unternehmers ermöglichen, betrieben 

1 Dietrich, Klelaasiatische Stickereien, Plauen 191 1. 



170 T)ip Welt ih's Islams, Bernde. i9i><,ITeft 3 4 

e o c o aoeecxaoooe o eo^ooooooooooooooooooooooooooooocxxxxxxxoooocooooooooooocxxxxxxyxxxx^^ 

wird. Naturgemäß ist die Kunst aber in diesem Rahmen, wie wir 
es bereits bei der Teppichindustrie kennen lernten, der Moderni- 
sierung des modelaunischen Auslandes und unverhältnismäßigen 
Preisschwankungen unterworfen. Zwar wird man dessen ungeachtet 
selbst auch im reinen Erwerbsbetriebe die Stickereien als Familien- 
vermächtnis erhalten finden, da ja eine spezielle Ausbildung der 
arbeitenden Elemente bis vor kurzem nicht möglich war. Aber 
selbst der Umfang dieser erwerbsmäßig tätigen Familienindustrie 
läßt sich bei der Zurückgezogenheit, welcher auch das armienisch- 
griechische Bevölkerungselement unterworfen ist, nur mit Mühe 
feststellen. Denn nur ungern läßt sich der Unternehmer dazu 
herbei, über die gegenwärtige Lage seiner Arbeiter Aufschlüsse 
zu geben. Nach Ansicht Dietrichs liegt aber die Annahme, daß 
die familienmäßig betriebene Stickerei zurückgegangen sei, insofern 
nahe, als andere mehr gewinnversprechende Beschäftigungen die 
Frauenarbeit in neue Bahnen gelenkt haben; hierhin gehört u. a. 
die Aufnahme der Seidenzucht bei kleinen Ansiedlern, welche die 
Mithilfe der gesamten Familie erforderte. Damit machte die Haus- 
stickerei einen ähnlichen Entwicklungsgang durch wie die Teppich- 
knüpferei. Obwohl noch mehr als jene an das Haus gefesselt, 
geriet auch sie mehr und mehr in die Hände des ausbeutenden 
Unternehmers, der die ursprüngliche Eigenart ihrer Erzeugnisse 
vom reinen Gewinnstandpunkte mit seinen eigenen europäisch ge- 
färbten Erfindungen übertünchte. Diese Entwicklung wurde noch 
dadurch begünstigt, daß die Stickerei an eine größere Familien- 
organisation gebunden war und das Fehlen materieller Sorge 
voraussetzte; beides Bedingungen, denen die Jetztzeit nicht mehr 
gerecht zu werden vermag. So gerieten die Arbeiterinnen mehr 
und mehr unter den Druck der Unternehmerorganisation. 

Da, wie schon hervorgehoben, die Standorte der Hausindustrie 
sich hauptsächlich nur in ihrer zentralistischen Erfassung durch 
den Unternehmer feststellen lassen, so bietet die Hauptstadt hierfür 
die sichersten Anhaltspunkte. In Konstantinopel hat die Stickerei 
ihre Arbeitsstätte vorwiegend in den am Marmarameer gelegenen 
ärmeren Stadtteilen Stambuls, besonders in dessen Ortsteile Psamatia, 
einem an der äußersten Südseite der Stadt gelegenen Arraen- 
\Hertel; während das europäisch-vornehme Pera und Galata die 
mühsamen Handarbeitsprodukte der notleidenden Bevölkerung in 
den Handel bringen. Das arbeitende Volk des Südens, dessen 
Frauen und Mädchen diesem harten Broterwerbe obliegen, setzt 



Lorenz, IHe Franenfroge im Ofmanischen Reiche. 171 

C«e0eOOOOCXXXXXXXXK)OO(XXXI00000O0OO0000CXXXXXXXXXX)O0CICXXX)OOO0OOO000OO0CXXXX>00000O0000O0000OCXX>^^ 

sich in der Hauptsache aus Armeniern, Griechen und Spaniolen 
(das sind spanische Juden), zusammen. Hier liegt die Org-anisation 
der Industrie weniger in den Händen kleiner Händler, Basarbesitzer, 
welche zwar auch hin und wieder einige Arbeiterinnen für ihren 
Bedarf arbeiten lassen, als vielmehr im Bereiche großer Geschäfts- 
häuser, welche entweder die Stickerei ausschließHch, oder aber in 
Verbindung mit der Produktion anderer türkischer Textilwaren, wie 
Teppiche, für ihren Bedarf beschäftigen. Daher scheint auch die Zahl 
dieser Großunternehmer nicht erhebUch zu sein. Aber der Umfang 
der einzelnen Hausbetriebe erfährt durch sie eine beträchtliche 
Ausdehnung. So ergaben Erkundigungen, welche Dietrich bei zwei 
solcher Geschäftshäuser einzog, daß jedes von ihnen etwa 300 — 500 
Personen beschäftigte. Die Stickerinnen, welche sowohl auf Be- 
stellung wie auf Vorrat arbeiten, werden vom Unternehmer mit 
Stoff, der das bereits aufgedruckte Muster enthält, oder einer illu- 
strierten Zeichnung nebst Stickmaterial versorgt. Während ihrer 
Arbeit unterstehen sie einer strengen Beaufsichtigung durch den 
Fabrikanten selbst oder dessen Beauftragten, ein Umstand, welcher 
es auch begreifHch macht, daß nur wenige Türkinnen diesem Erwerbs- 
zweige obliegen. Nach Beendigung der Arbeit erfolgt die Ab- 
lieferung direkt an den Unternehmer, der jedes einzelne Stück 
bezahlt und es je nach seinem Ausfall annehmen und zurückweisen 
kann. Die Unternehmerorganisation hat den einen Vorteil, daß- 
sie eine Wiederholung wertvoller alter Muster lohnend macht. 

Über die Lohnhöhe werden in Unternehmerkreisen nur ungern 
oder gar keine Angaben gemacht, eine Tatsache, welche mit der 
Notlage der heimarbeitenden Stickerinnen hinreichend erklärt wird. 
Man kann also auf die niedrigsten Sätze schließen, welche zu der 
Kunstfertigkeit und Geschicklichkeit der Arbeiterinnen in keinem 
Verhältnis stehen. Auch läßt sich ein bestimmtes Schema für die 
Löhne nicht festlegen, da sie je nach der Geschicklichkeit und 
Schnelligkeit der Arbeiterin, je nach der Marktlage gewissen 
Schwankungen unterworfen sind. Bei Lecomte findet sich die- 
Angabe, daß der Tagesverdienst einer gewöhnlichen Stickerin 
2 — 4, einer besseren 5 — 10, und einer Kunststickerin 20 Piaster 
betrage (40—80 Pfennig; 1 — 2 Mark; 4 Mark). Da aber fast sämt- 
liche Unternehmer sich übereinstimmend dahin äußern, daß der 
Betrieb nur bei sehr niedrigen Löhnen gewinnbringend sei, so- 
muß man wohl im Durchschnitt an der niedrigsten Lohngrenze 
von 40 — 80 Pfennig Tagesverdienst festhalten. 



«72 I>ie Welt <lrs hhnm, Hand H. 19 IS, Ilejl. Üi i 

>o«oee€icicwcxxcaaoe o oooooooo<yx»ooooo90ogQpopo90ooocopoooo(xwp90poooopp9POogpp9^ 

Da die Arbeitskräfte der türkischen Frauen sich bei der Strenge 
der Aufsicht dem Machtbereiche des Unternehmers entziehen, die 
Erzeugnisse ihrer Heimarbeit aber den größten Anspruch auf 
künstlerische Vollendung machen dürfen, so bemüht sich der Händler, 
auch einen Teil dieser Produkte käuflich zu erwerben. Die für eine 
solche indirekte Erwerbsarbeit in Frage kommenden Türkinnen haben 
ihre Wohnstätten hauptsächlich in Pera; daher darf man wohl mit 
Dietrich schließen, daß es sich in der Hauptsache um bessere, feinere 
Arbeiten handelt; denn auch die Armenierinnen, Jüdinnen undSpanio- 
linnen, welche in Pera selbst ansässig sind, liefern zumeist kostbare 
Stickereien, welche sie dem Käufer aus freiem Antriebe anbieten. 

Zwar droht nun aber gerade diesen gewerblich unabhängigen 
Privatarbeiten an einem internationalen Brennpunkte wie Konstan- 
tinopel die Gefahr der Maschine. Ja teilweise hat hier schon die 
vielfach angepriesene Tamburmaschine der mühsamen aber solideren 
Technik der Hand den Garaus gemacht. 

Diese Gefahr konnte sich aber kaum in die entlegenen Arbeits- 
stätten Kleinasiens verirren. Das war im Interesse der Originalität 
und Schönheit der Stickereikunst um so erfreuücher, als gerade die 
entferntesten dörflichen Arbeitsstätten, welche der Macht des Unter- 
nehmers entzogen waren, die sorgfältigsten und unverfälschtesten 
Arbeiten lieferten. So vollzieht sich, über ganz KJeinasien ver- 
breitet, der Stickereibetrieb weit mehr als in der Hauptstadt im 
Rahmen des reinen familien mäßigen Hausbetriebes. Nur an den 
Orten, welche sich um ein wichtiges Verkehrszentrum gruppieren 
und eine Zusammenfassung leichter machen, hat sich auch das 
Unternehmertum festgesetzt und der Kunst den Stempel der Er- 
werbsarbeit aufgedrückt; freilich nicht in dem Maße, wie in den 
übervölkerten Bezirken der Hauptstadt. Denn in den an der anatoli- 
schen Bahn gelegenen Ortschaften zogen es viele türkische Frauen 
und Mädchen vor, sich der gesunden Tätigkeit in einem ländlichen 
Nebengewerbe, z. B. der Seidenspinnerei zu widmen; und die dünn 
gesäte Bevölkerung des inneren Kleinasiens machte zudem einen 
ausgedehnten Unternehmerbetrieb unmöglich. So tritt z. B. in 
Brussa, Adabazar, Biledschik und Eskischehir das Stickereigewerbe 
neben Seidenzucht und Seidenspinnerei in den Hintergrund; und 
in der kaiserlichen Fabrik in Hereke hat der Maschinenbetrieb über 
die Handarbeit die Oberhand gewonnen. 

In Ismid, wo Dietrich durch Vermittlung eines armenischen 
Priesters Zutritt zu einer Familie erhielt, wurden nebep kleinen 



J.oreru, Die hrauenfrage im Osinuiiischen li eiche. 173 

!y)to-.<\y.<XXXXCXXXXXX)O0OO0CCxkxXXXXXXX)0(»000C)00O000000PC)O0OCKX)O0000p0O0000000C)OCXX 

Seidenteppichen sehr schöne Decken hergestellt, und zwar in einem 
Umfange, der auf einen Betrieb größeren Stiles schließen ließ. 
Auch in Adabazar wurde gleichfalls die Herstellung schöner Spitzen 
und Stickereien beobachtet. In Konia werden außer Stickereien 
gröberer Ausführung und Musterung auch solche stiHstischer und 
farbenharmonischer Vollendung aus sehr feinem Garn- und Battist- 
material von alteingesessenen, wahrscheinlich türkischen Familien, 
hergestellt und im Hause des dortigen deutschen Konsuls gezeigt. 
In Siwas werden hauptsächüch grobe Stickereien auf Tischdecken 
und Vorhängen angefertigt. In den Hauptzentren, welche die 
Teppichknüpferei in großem Maßstabe betreiben, scheint die häus- 
liche Stickerei nach Angaben Dietrichs unerhebhch zu sein; ja, hier 
besteht auch seiner Meinung nach die Gefahr, daß die den Be- 
wohnern vielfach angepriesene Singernähmaschine die Reste müh- 
samer Handarbeit weiter verdrängt. Die entlegenen Ortschaften 
Anatoliens, welche die Stickerei noch in schlichter UrsprüngHchkeit 
betreiben, lassen sich nun selbst bei hervorragender Landeskenntnis 
deutscher Forscher nicht in den Bereich unserer Betrachtungen 
ziehen. Wie weit sich aber die Ader dieser Kunst bis in das Herz 
Kleinasiens verzweigt, läßt sich schon aus der Tatsache entnehmen, 
daß die Warenhäuser großer Städte die Erzeugnisse der anatoU- 
schen Stickerei zum Verkauf stellen, daß überhaupt das gesamte 
Ausland ein lebhaftes Interesse für diese Kunstprodukte zeigt. 

Bei der originellen Wesensart der Stickerei hat das Fehlen jeg- 
lichen Fachunterrichtes sich nicht als Mangel fühlbar gemacht, 
sondern im Gegenteil der Phantasie der Arbeiterinnen den weitesten 
Spielraum g-elassen. Besonders soweit es sich um türkische Arbeits- 
kräfte handelte, erübrigte sich ja bisher eine spezielle Ausbildung 
von vornherein; aber auch die anderen zahlreichen griechischen 
und armenischen Anstalten, sowie die Schulen französischer Ordens- 
schwestern, wie wir sie bereits unter dem Kapitel „Unterrichtswesen'' 
kennen lernten, arbeiten auf eine solche Spezialausbildung überhaupt 
nicht hin. Vielmehr legen sämtliche Anstalten dieser Art den 
Hauptwert auf Herstellung von Wäsche, Weißstickereien und 
hübschen Spitzen. So befähigt z. B. die griechische Mädchenschule 
in Pera, welche ihre Schülerinnen bis zum 1 8. Jahre unterweist, die 
Teilnehmerinnen, für einen zur griechischen Kolonie gehörigen 
Wohltätigkeitsbasar mitzuarbeiten. Der freien Erfindung und dem 
Spiel der Phantasie werden aber hier schon durch bestimmte 
Muster\'orschriften der Leiterin, welche teilweise Wiener Mode- 



174 ^^'<' ^^'''^' '^^'•^' /«/""'S /i(t)i(t U. 19 1H, Heft :: 4 

ot ^aea«coo(X)oeQoe«ocooocxxxxxxxxxxxxx)ocxiooc)cx»ooooooo(x»ooocx)oocx)oooooc>cxx)ooooooooocxx>cx^^ 

Zeitungen entnommen sind und naturalistisch gehaltene europäische 
Motive bevorzugen, Schranken gesetzt. Auch die Brussaer Schule 
der Soeurs de St. Vincent de Paul, welche ihre Produkte auf 
Rechnung der Schule in Klein asien selbst absetzt oder auf Be- 
stellung nach Paris liefert, fertigt ihre Arbeiten nach Musterbüchern 
und Zeichnungen des Pariser Ordensstammhauses an. 

Wenn auch die Ausbildung in diesen Schulen in ihrer Gründ- 
lichkeit den Schülerinnen eine gute Erwerbsgrundlage bietet, so 
fehlt doch dieser Art der Erzeugnisse, welche nur in weiß gehalten 
werden, alles das, was man an der Eigenart orientalischer Stickereien 
bewundern muß. Es lassen also diese schulmäßigen Pflegestätten 
der weiblichen Handarbeit das originell Künstlerische im Unterrichte 
vermissen. Um so wertvoller tritt darum die echte anatolische 
Stickerei als unverfälschte Volkskunst in die Erscheinung. 

Wie die Standorte der Stickerei, so lassen sich auch die jeweiligen 
Absatzverhältnisse, denen sie unterworfen ist, nur schwer ermitteln, 
da in Anbetracht der äußersten Zurückhaltung der Unternehmer 
alle hierfür wichtigen Faktoren, wie die Zahl der Arbeitgeber und 
Arbeiter, die Lohnverhältnisse, Wert und Unkosten der Produktion, 
Unternehmerg'ewinn usw. einmal Schwankungen unterworfen und 
dann überhaupt nicht zu ermitteln sind. 

Bei der Vorliebe der türkischen Frauen für alle Erzeugnisse 
europäischen Modegeschmackes kann man annehmen, daß der 
Tnlandsabsatz, für den besonders Konstantinopel in Frage kommt, 
nicht erheblich sein wird, zumal ja auch die vornehme Osmanin 
ihren Bedarf an kunstgewerblichen Gegenständen durch eigene 
Handarbeit decken kann. Der Hauptvertrieb der Fertigwaren ruht 
in den Händen zahlreicher Basarbesitzer, Kleinhändler, welche in 
der Hauptstadt mit der bunten Schaustellung ihrer Waren das 
Auge des kauflustigen Fremden reizen. Infolge der Warenunkundig- 
keit des ausländischen Käufers, sowie der Verständnislosigkeit des 
Kleinhändlers für bessere und minderwertige Ware stehen natürlich 
die bezahlten Preise in keinem Verhältnis zu der Beschaffenheit 
des Produktes; und die Preistreiberei zeitigt an diesen Handels- 
stätten ihre üppigsten Blüten. 

An der Ausfuhr der türkischen Stickereien, welcher also der 
Inlandsabsatz nachsteht, sind fast alle europäischen Staaten, be- 
sonders Nordamerika, beteüigt. Auch deutsche Warenhäuser suchen 
sich durch ihre Agenten einen großen Teü dieser hausindustriellen 
Erzeugnisse zu sichern. So wurde von einem Unternehmer die An- 



J^orenz, TJie Fiytvmfrage hu Osnianischen Räche. 175 

0C<XXX)0CXXXX>(XXX)000000(XXX>00000000(XXXXXXX>0000000000000000000000000000000CO00000000000a00^^ 

gäbe gemacht, daß das Warenhaus A. Wertheim jährlich von ihm 
allein für 40 — 50 000 Mark Stickereien bezöge. Da nun dieses Ge- 
schäftshaus seinen Bedarf zweifellos noch bei anderen Unternehmern 
deckt und mit seinen Aufträgen unter den deutschen Warenhäusern 
nicht allein dasteht, so kann man sich die Ausdehnung des aus- 
ländischen Absatzgebietes einigermaßen verdeutlichen. Allerdings 
läßt es sich bei der Unkenntnis der europäischen Aufkäufer nicht 
vermeiden, daß neben erstklassiger auch minderwertige Ware zur 
Ausfuhr gelangt, weil sich der Käufer mehr durch die jeweilige 
Niedrigkeit des Preises als durch die Güte des Produktes bestimmen 
läßt. Auf diese Weise übt der fremde Händler einen Druck auf 
den türkischen Unternehmer, welcher sich in einer weiteren Herab- 
setzung der Preise zu Ungunsten der Ware äußert. Möglichste 
Ersparnis an Produktionskosten, also hauptsächlich an Material, 
Arbeitslöhnen usw. wirken schädigend auf den Stand der Industrie 
selbst und der Schönheit ihrer Ausführungen zurück. Statt Farben- 
harmonie macht sich Effekthascherei breit; das gute Seidenmaterial 
findet in Baumwolle einen billigen Ersatz. Wir können also hier 
dieselbe Entwicklung beobachten, wie sie die Teppichindustrie mit 
der Bedarfssteigerung des Auslandes und dem Eindringen des 
Unternehmertums durchzumachen hatte. 

Sehr mannigfach sind die Erzeugnisse, denen die anatolis9he 
Stickkunst den Stempel aufgedrückt hat. Alles, was das Luxus- 
bedürfnis der vornehmen Dame und die Farbenfreude und Gemüt- 
lichkeit des orientalischen Wohnhauses befriedigen kann, wird in 
den Dienst der fleißigen Stickerinnen gestellt: Diwankissen, Teppiche, 
Decken, Gürtel, Wanddekorationen und Behänge, Samtpantoffeln 
mit Gold- und Süberfäden bestickt, Turban- imd Bolerotücher, 
Käppchen und Stickerei für Männerbekleidung kommen als Haupt- 
erzeugnisse des türkischen Kunstgewerbes in Frage. Besonders er- 
freuen sich farbige, mit Metallfäden durchwirkte Arbeiten einer großen 
Beliebtheit. Als Motive werden mit Vorliebe der Halbmond, der 
Heilsspruch des Sultans: Fadischali tschok jascha (Lang lebe der Sultan) 
und der Namenszug des Sultans, die pyramidale Tughra verwendet. 
Als Material dienen hauptsächlich Baumwolle, Seide, Halbseide, 
Leinen, Wolle, Tuch, Plüsch und Samt. 

Über die Grenzen Kleinasiens hinaus hat aber die Kunstgeübtheit 
der osmanischen Frau noch ihre weiteren Kreise gezogen und in 
Damaskus, Beirut und Kaisarie ihre Hauptarbeitszentren gefunden. 
Sowohl deutsche als auch amerikanische Orientkommissionen haben 



176 Die WpÜ des fsl<uns. Bund H. 1^18, Heft 3 4 

besonders in Syrien ihre eigenen Werkstätten gegründet, in denen 
hen'orragende, besonders durch ihre Billigkeit einzig dastehend«-, 
Nadelarbeiten und Stickereien, ähnlich den beliebten Teneriffa- 
arbeiten angefertigt werden. 

Mit der Herstellung der verschiedenen weiblichen Handarbeits- 
produkte steht Damaskus an der Spitze. In Jerusalem werden die 
Kinder in der Evelina-Rothschild-Mädchenschule in verschiedenen 
Handarbeiten unterwiesen. Auch im Wilajet Aleppo, besonders in 
Aintab und in Urfa, hat sich die Stickerei unter der Obhut einer 
amerikanischen Mission, welche zarte Leinen- und Battiststickereien, 
Tischdecken, Besätze, Kinderwäsche usvv. herstellen ließ, zu einer 
erfreulichen Blüte entwickelt; allerdings dank des starken Über- 
angebotes an Arbeitskräften, welches eine Entwertung der weib- 
lichen Arbeit und damit Herabsetzung der Löhne zur Folge hatte. 
Dem Handelsberichte des Jahres 1907 zufolge ^ arbeiten in Aintab 
allein 1500 — 2000 Frauen und Mädchen im Haupterwerbe an solchen 
Nadelarbeiten und außerdem noch die gleiche Anzahl im Neben- 
gewerbe, insgesamt also 4000 Frauen in der Handarbeitskunst; das 
sind 5,7 Prozent der gesamten Einwohnerschaft (70000). In Urfa 
betreiben etwa 2000 Frauen die Nadelarbeit als häusliches Neben- 
gewerbe (Urfa ist eine Stadt von 70000 Einwohnern). 

Einer der ältesten Zweige weiblicher Handarbeit ist besonders die 
Spitzenindustrie, welche in Palästina^ als größte Hausindustrie 
die Frauenarbeit in ihren Dienst stellte. Im Libanon werden haupt- 
sächlich Spitzen nach irischer Art verfertigt, deren Jahresausfuhr 
sich auf etwa 1 Million Frank belief und hauptsächlich für New York 
bestimmt war. In Jerusalem werden, dem Palästinahandbuch zu- 
folge, 100 — 150 jüdische Frauen und Mädchen zu außerordentlich 
niedrigen Löhnen in der Spitzenhäkelei beschäftigt. Im Jahre 1909 
Avurde dieser Erwerbszweig noch durch eine besondere Technik, 
sowohl in der Rothschildschule und der Gewerbeschule Alliance 
vervollkommnet; eine Frau Dr. Thon eröffnete die erste Werkstätte 
und verstand es auch, eine jüdische Frauenorganisation für ihre 
Gründung zu interessieren. So konnten 1911 über 200 Frauen 
und Mädchen in Jaffa, Jerusalem, Ekron und Tiberias in der Spitzen- 
industrie ihren Lebensunterhalt verdienen. Die ersten Proben dieser 
Frauenarbeitsorganisation waren so günstig, daß bald vom Lyzeum- 

1 Berichte für Handel und Industrie 1907. 
* Trietscb, Palästina-Handbuch. 



IjOrenz, Die Fraiietifraqe int (hinauischen Reiche. 177 

klub in der Volkskunstabteilung eines der ersten Warenhäuser eine 
Mustersammlung veranstaltet werden konnte. Nach dreijährigem 
Bestehen hatte die Industrie bereits Tausende von Frauen in ihren 
Bannkreis gezogen, welche unter Lohnbedingungen, die den in der 
Brüsseler Spitzenindustrie üblichen Sätzen nicht nachstehen, an- 
gestellt waren. 

In Aintab wurde die Spitzenindustrie vor zwanzig Jahren von 
einer amerikanischen Mission unter den armenischen Frauen und 
Mädchen eingeführt. Vor dem Kriege standen nach den Angaben 
Ruppins 3 — 4000 weibliche Personen im Dienste der Spitzenkunst, 
welche eine Jahresproduktion von einer halben Million Frank 
lieferte. Naturgemäß hat der Krieg auch diese wichtige weibliche 
Erwerbsarbeit, welche, wie bereits angedeutet, auf dem Überangebot 
weibUcher Arbeitskräfte fußte, nicht unberührt gelassen, sondern 
vielmehr auch zahlreiche solcher Heimarbeiterinnen im Dienste der 
kriegswirtschaftlichen Bedarfsdeckung herangezogen und damit an 
Stelle der künstlerischen die praktische Bedürfnisbefriedigung ge- 
setzt. Man kann sich diese Entwicklung am besten an Hand der 
verschiedenen wirtschaftlichen Vereinsorganisationen ver- 
deutlichen, welche aus den Erfordernissen des Krieges heraus- 
wuchsen 1. 

2. Wirtschaftliche Vereinsarbeit. 

Schon unmittelbar nach dem Balkankriege war der „Essirkeme 
Derneji", ein „Schutzverein für Frauen" gegründet worden, an 
dessen Spitze die Tochter des verstorbenen Sultans Suleiman, Sahibe 
Hanym, als Präsidentin trat. Abgesehen von Aufgaben sozialer 
Fürsorge, welche sich der Verein in der Unterstützung notleidender 
Familien und der Versorgung der damals in großen Scharen ein- 
wandernden rumelischen Flüchtlinge setzte, war sein Augenmerk 
besonders auf die Zusammenfassung weiblicher Arbeitskräfte im 
Dienste der Volkswirtschaft gerichtet. Seine besondere Aufmerksam- 
keit widmete er einer höheren Kunstschule für Mädchen, welche 
vom „Komitee für Einheit und Fortschritt" ins Leben gerufen 
worden war; er selbst gründete eine Handarbeitsschule für Waisen- 
mädchen. Geschickte Propaganda durch Vorträge und Schriften 
seiner Vorsteherinnen bewirkten eine schnelle Ausdehnung dieser 
Organisation in alle Winkel der Hauptstadt. Schließlich plante der 

^ Vgl. Türkische Frauenvereine, W. I. I, S. 222, und Türkische Frauengesellschaftcn^ 
W. I. U, S. 20. 



178 J>ie Wdt äe.^ fsfains, /i.mdt!. 1918, Heft 3j4 

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Verein noch, sich mit 70 Prozent seiner Mitghederbeiträge an der 
Gründung einer Wirtschaftsvereinigung zu beteiligen, um den so 
erzielten Reingewinn wiederum für Wohltätigkeitszwecke anzulegen. 
Wieweit die praktischen Ergebnisse dieses Unternehmens jedoch 
den Erwartungen entsprochen haben, ließ sich von hier aus nicht 
ermitteln. 

Neben diesem Schutzverein hat sich ein anderer Wohltätigkeits- 
verein für Frauen unter dem Namen: „Verein zur Förderung heimi- 
scher Produkte" den Schutz der türkischen Industrie- und Manufaktur- 
waren zum Ziele gesetzt. Mit der Gründung von Schneiderwerk- 
stätten für Frauen kam er einem allgemein empfundenen Bedürf- 
nisse der osmanischen Frauenw^elt entgegen. Viele Frauen waren 
in der Lage, diese Werkstätten mit einem Befähigungsnachweise, 
welcher zur Errichtung einer eigenen Arbeitsstätte berechtigte, zu 
verlassen und sich damit einen ausreichenden Lebenserwerb zu 
sichern. Ein von einer Lehrerin herausgegebenes Organ, dessen 
Mitarbeiter sich ebenfalls aus Frauen zusammensetzen, sorgte für die 
Verbreitung der neuen wirtschaftlichen Vereinsziele und interessierte 
die Öffentlichkeit für die Neuordnung der Frauenarbeit. 

Der Bedarfssteigerung des Weltkrieges verdankt ein anderer 
wirtschaftlicher Frauenverein seine Entstehung. Im Jahre 1915 hatte 
sich, wie die Islamische Welt (Nr. 7 S. 381) meldet, ein „Verein 
zur Hebung der heimischen Industrie" {Isti/dak TJscheinidy) gebildet, 
welchem das nationale Bestreben der Erhaltung einer türkischen 
Mode zugrunde lag. An seiner Spitze stand die Gemahlin Enver 
Paschas Nadschie Sultane. Man woUte die osmanische Damenwelt 
also mit der Nationalisierung der Mode vor dem Eindringen europäi- 
scher Modewaren schützen, und damit der Inlandsproduktion ein 
größeres Absatzfeld sichern. Dem Beispiele der Suitana, welche 
den Verein mit ihrem Auftrage beehrte, schlössen sich bald zahl- 
reiche Vertreterinnen der vornehmen türkischen Damenwelt an und 
sicherten so dem jungen Unternehmen von vornherein einen großen 
Abnehmerkreis. So wurden mit den leistungsfähigen Betrieben der 
türkischen Textilindustrie, wie den Hereke-Stoff-Fabriken, zwecks 
Lieferung der Materialien Abkommen getroffen. Die Produktion 
befaßte sich hauptsächlich mit der Anfertigung von Frauengewändern 
aus baumwollenen und wollenen Geweben für den Hausbedarf. Um 
die Industrie weiterhin für die nationalen Bestrebungen dienstbar 
zu machen, wurden Frauen zur Erlernung der Schneiderei in den 
Werkstätten untergebracht. Zu Anfang hatten etwa 100 in einer 



JyOrenz, Die Fraui'nfrane im Onmanifthen li eiche. 179 

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kleinen Arbeitsstätte Aufnahme gefunden. Bald suchten aber ein« 
so große Anzahl Frauen aus allen Kreisen in der Erlernung dieses 
Handwerkes ihren Broterwerb, daß heute in den zahlreichen bereits 
errichteten Werkstätten, welche ständig vermehrt werden, etwa 
loooo Frauen in der Anfertigung von Wäsche und Kleidungs- 
stücken Beschäftigung finden. Viele an das Haus gefesselte Frauen, 
auch Soldatenfrauen, wurden im Rahmen der Heimindustrie zu 
dieser nationalen Vereinsarbeit herangezogen. Zum Vertriebe der 
auf diese Weise hergestellten Fertigwaren hat der Verein seine 
eigenen Verkaufsstätten an den verschiedensten Punkten der Haupt- 
stadt errichtet. 

Einen weiteren Beweis für die wirtschaftliche Tatkraft der Frau 
liefert die Gründung eines Warenhauses in Bab Aly, welches eine 
Frauen-Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von 30 000 türki- 
schen Pfund ins Leben gerufen hat. Die Selbständigkeit der 
Gründerinnen macht sich hier schon recht deutlich darin bemerkbar, 
daß nur Frauen in den Aufsichtsrat gewählt werden und im Be- 
triebe tätig sein dürfen. Hier werden nun alle weiblichen Bedarfs- 
artikel türkischer Produktion zum Verkauf gestellt, welche durchweg 
weiblicher Erwerbsarbeit ihren Ursprung verdanken. Die Leiterinnen 
dieser Organisation und deren Zweiganstalten erhalten ihre fach- 
liche Ausbildung in Konstantinopel selbst. Heute sind in Skutari, 
Bebek und anderen Bosporusortschaften, ferner in Smyrna und 
Brussa Zweiganstalten dieser Organisation entstanden. Besonders 
im Dienste des Heeresbedarfes hat sich die Leistungsfähigkeit des 
Vereines erprobt. So wurden die verschiedensten warmen Ausrüstungs- 
stücke für das Heer, an den Roten Halbmond und von hier aus an 
die Front geliefert. Im Jahre 1915 war der Verein in der Lage, 
aus eigenen Mitteln die Einrichtung eines ganzen Lazarettes mit 
300 Betten zu liefern. Vielen durch den Krieg mittellos gewordenen 
Frauen und Mädchen schuf der Verein mit seinen wirtschaftlichen 
Aufgaben ein angenehmes und einträgliches Arbeitsfeld; dem ge- 
steigerten Heeresbedarfe kam er mit den soliden und billigen Er- 
zeugnissen seiner Werkstätten entgegen. Ein in der Islamischen 
Welt, Nr. 7, veröffentlichter Artikel, welcher eine junge, brotlos 
gewordene Arbeiterin die Segnungen des Vereins rühmen läßt, 
veranschaulicht die Arbeiten der Frauen in Wort und Bild. 

Unter den wirtschaftlichen Organisationen, welche den Reform- 
bestrebungen des türkischen Nationalismus entwachsen sind (wie die 
Zünfte, die Vereinigung türkischer Kaufleute, Konsumvereine u. a.). 

Die Welt des I-lams Band 6. 13 



i8o hie Welt des hlams. Band i>. 191V, Heft 314 

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wird auch von Tekin Alp ein „Konsumverein für Frauen" genannt i, 
der kürzlich gegründet wurde und von türkischen Damen geleitet 
und unterhalten wird. 

Gerade in dem Punkte des wirtschaftlichen Zusammenschlusses liegt 
nun die besondere Stärke und Entwicklungsfähigkeit der gesamten 
osmanischen Frauenfrage, die ja, wie wir gesehen haben, aus der 
plötzlichen Intensivierung des türkischen Wirtschaftslebens heraus- 
gewachsen war. Mehr als Wort und Schrift im Dienste einiger 
weniger besonders mutiger Vorkämpferinnen vermochten derartige 
notwendige Organisationen von dem Werte der Frauenarbeit zum 
Wohle des Volksganzen zu überzeugen; dies um so mehr, als ohne 
ihr tatkräftiges Mitwirken die Befriedigung des Heeresbedarfes 
und die Kriegsfürsorge noch mehr in Frage gestellt worden wären. 

c) Frauenarbeit im Handwerke. 

Wenn wir uns im Vorhergehenden ein Bild von dem Wirkungs- 
kreise der Frau in der Textilindustrie und deren Nebenindustrien 
zu machen suchten, so wollen wir auch die anderen, dem Orient 
eigentümlichen verschiedenen Zweige feineren Handwerkes, in 
welchen auch die Frau ihre Hand rührt, nicht vergessen. Bei 
den einzelnen türkischen Industrien, die den Weltmarkt und den 
Fremden mit den farbenfrohen eigenartigen Ziergegenständen des 
Orients erfreuen, spielen die wundervollen Fayencen, welche die 
prächtigsten Moscheen schmücken, die ziseHerten Metallarbeiten, 
sowie zierliche Holz- und Perlmutterarbeiten die Hauptrolle. Eine 
strenge Scheidung zwischen reinem Handwerks- und Industrie- 
betriebe läßt sich in diesen Produktionszweigen nicht durch- 
führen. Ganz allgemein kann man nur dort, wo sich das be- 
treffende Kunstgewerbe in größerem Maßstabe vollzieht, dieselbe 
Tatsache beobachten, wie wir sie bei der Entwicklung der Textil- 
industrie feststellen konnten : Die Verwischung der eigenartigen 
Muster- und Farbenharmonie, eine Schematisierung der Kunst auf 
Kosten ureigenster Erfindung. 

Die Fayenceindustrie, welche einst unter den Seldschuck en ihre 
höchste Blütezeit erlebte und in den uralten Werken ihrer Glanz- 
zeit die schönsten Denkmäler gesetzt hat, hat sich heute aus ihrer 
Hauptproduktionsstätte Konia fast ganz nach Kutahia zurück- 
gezogen. Vasen, Geschirre und Zierteller, auch Platten, welche in 

1 Tekin Alp a. a. O. S. 37. 



TjOrenz, IHi' Fvaiienfraqf bn Ooytanischen Reiche. 181 

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Holz gefaßt zu Tischen verarbeitet werden, bilden die Hauptgegen- 
stände der Produktion. Während die Herstellung der Biskuits von 
Männerhänden besorgt wird, ist die Hauptarbeit, die Ornamentik, 
Sache der Frauen und Mädchen. Blau, braun und rot auf gelbem 
Gnindton wirken als charakteristische Farbentöne in der Musterung 
zusammen. H. W. Schmidt schildert die Entstehung eines solchen 
Farbenspieles folgendermaßen: „Man benutzt zur Herstellung der 
Muster Papierschablonen, die über den Brand gelegt werden. So- 
dann werden die Schablonen mit pulverisiertem Graphit eingestaubt. 
Die Umrisse werden mit der Hand in Färb tusche ausgeführt. Zum 
Schluß wird das Stück in Glasur getaucht und erneut gebrannt" 1. 
In diesem Zustande gelangt nun der Gegenstand zu ziemlich hohen 
Preisen auf den Markt. Meist übersteigt die Nachfrage nach 
echten Fayencen das Angebot, so daß häufig Liebhaberpreise für 
die Waren gezahlt werden. 

In besonderer Blüte stehen die kunstgewerblichen Industrien in 
Syrien, vor allem in Palästina, wo eine weit verzweigte Andenken- 
fabrikation den Ansprüchen des Fremden und des Pilgers gerecht 
wird. Süberfiligranschmuck in Gaza, Bernstein- und Perlmutter- 
arbeiten in Bethlehem, feine mit Metall eingelegte Holzwaren wie 
Ziertische, Kästchen, Spazierstöcke, Schirm- und Peitschengriffe u. ä., 
mit deren Herstellung sich auch das kleinasiatische Afiun-Kara- 
hissar befaßt, ferner Arbeiten aus Olivenholz, Ziergegenstände aus 
Kalkstein, Ton und schwarzem Stein vom Toten Meere sind die 
typischen Gegenstände des palästinensischen Kunsthandwerkes. In 
der Herstellung feiner Holz- und Metallarbeiten, deren Erzeugung 
einen Jahreswert von lyg Millionen Francs besitzt, werden über 
1000 Arbeiter und Arbeiterinnen meist jüdischer Konfession be- 
schäftigt. Die Löhne sind nach Ruppin wie überall in der Türkei 
sehr niedrig und betragen für erwachsene Mädchen 50, für Kinder 
10 — 30 Centimes am Tage. 

Das Metallkunstgewerbe hat seinen Hauptsitz in Damaskus. Über 
die Besichtigung einer solchen Arbeitsstätte, in welcher fein ver- 
zierte MetaUgegenstände hergestellt werden, berichtet Junge 2, 
Danach trägt der Betrieb, in welchem vollkommene Arbeitsteilung 
durchgeführt ist, schon einen reinen Fabrikcharakter. Die Ar- 
beiterinnen, zum großen Teil Kinder schon vom fünften Jahre an, 

1 H. W. Schmidt, Nachschlagebuch. 

2 Junge, Das Metallkunstgewerbe in Damaskus, Archiv für Wirtschaftsforschung im Orient II. 

12* 



i82 iJie Welt des hlams. H<,nd H. VHS, fleft 3j4 

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führen auch hier die Ornamentik aus, indem sie über die aut- 
Cferauhten Stellen des Metallgegenstandes mit großer Geschicklichkeit 
feine Silberfäden führen und aufhämmern. Heute fehlt es auch 
diesem Kunstgewerbe, welches früher schon durch einfache, aber 
geniale Linienführung sich auszeichnete, an der großen inneren 
Krfindung. Die Fabrikationsmethode hat also auch hier Schönheit 
und Eigenart dem Quantitätsprinzip geopfert. 

Während sich in Anatolien der Einschlag islamischen Geistes 
auch in der Art der gewerblichen Frauenarbeit erhalten hat, so 
erstreckt sich der Wirkungskreis der Armenierin, unabhängig 
von religiöser Weltanschauung, über den Rahmen der Familie 
hinaus auf handwerkliche Erwerbsarbeit. Hier, wo der Bewegungs- 
freiheit der Frau keine so engen Grenzen gesteckt sind, vollzieht 
sich die Frauenarbeit auch außerhalb des Hauses in ziemlicher 
Mannigfaltigkeit. In zwei Formen tritt, ähnlich wie bei den 
Männern, das Handwerk der armenischen Frauen in die Erschei- 
nung: erstens als Störwerk, zweitens als Preiswerk i. 

Die Störerin, welche von Haus zu Haus zieht und mit eigenen 
Werkzeugen unter Aufsicht des Arbeitgebers die gelieferten Roh- 
stoffe verarbeitet, finden wir als Näherin, die meist Störarbeit 
mit Hausarbeit verbindet, indem sie feinere Ausstattungsstücke im 
Hause des Arbeitgebers selbst näht bzw. zuschneidet und in ihrem 
eigenen Hause beendigt, tätig. Weiterhin tritt sie als Kürschnerin, 
welche ebenfalls im Hause des Arbeitgebers Frauenpelze aus Fellen 
oder Samt anfertigt, als Thonirmacherin, welche den aus Ton ge- 
fertigten Backofen abbrennt und außer dem Frühstück den Lohn 
für die gesamte Arbeit erhält, in die Erscheiwung. Schließlich ist 
auch die Bäckerin, die täglich bei mehreren wohlhabenden Familien 
Brot und anderes Backwerk herstellt, und meist einmal wöchentlich 
bei jedem ihrer Kunden erscheint, hervorzuheben. Sie erhält 
außer dem Lohn meistens Kost und die Speisen für ihre Kinder. 

Als Preiswerkerin beschafft sich die erwerbstätige Frau die Roh- 
stoffe selbst und liefert die hergestellten Fertigwaren als unab- 
hängiger Produzent auf den Markt. Auf der niedrigsten Stufe 
der Preiswerker stehen die städtischen Frauen, wie z. B. die Gold- 
bandmacherin, welche in ihrer Wohnung Schnüre aus Wolle und 
vSeide zur Verzierung anfertigt und meist auch von hier aus ver- 
kauft. Auch die Hosenträgerweberin verkauft ihre Produkte ent- 

1 Vgl. Tarajanz, Das Handwerk bei den Armeniern. 



Lorenz, Die FraucnfruQ'' 'm OsmarmrJien Reiche. 

weder unmittelbar von ihrer Wohnung aus oder durch den Hausierer. 
Die Tonarbeiterin verfertigt in ihrem eigenen Hause Herde in 
verschiedenen Größen. 

Trotz der Verschiedenart ihrer Tätigkeit als Störerin und Preis- 
werkerin sind aber auch der armenischen Prau gewisse traditio- 
nelle Vorschriften heilig, welche sie von der lebhaften Öffentlich- 
keit des Marktlebens fernhalten. Daher ist auch nach Ansicht 
von Tarajanz^ das armenische Frauenhandwerk weniger entwick- 
lungsfähig als das der Männer. Trotzdem zeigt sich gerade in 
diesen Handwerksbetrieben, welche die anatolische Türkin nicht 
kennt und welche den Wirkungskreis der einfachen Armenierin auf 
eine ganz andere Stufe stellen, die absolute Verschiedenheit beider 
Volkselemente. Wenn auch äußerlich sogar von beiden dieselben 
Sitten befolgt werden, so besitzen sie doch im Punkte des Erwerbs- 
lebens die geringste Gemeinsamkeit. Während die Türkin in 
häuslicher Beschaulichkeit und reiner Schaffensfreude ihrer müh- 
samen Knüpfarbeit obüegt, sieht der Erwerbssinn des Armeniers 
eher über die Erfordernisse der Landessitten hinweg und treibt 
die Frauen bisweilen in seinem eigenen Interesse zum Verkauf ihrer 
Produkte in die Öffentlichkeit. 

d) Die Frauenarbeit im industriellen Großbetriebe. 

Von den Übergang'sformen zwischen Handwerk und Industrie 
gelangen wir nun abschließend zu den noch vereinzelten Erscheinungs- 
formen der türkischen Großindustrie, in w^elchen die Frauenarbeit 
ihre Wirkungsstätte gefunden hat. Zunächst greifen wir wieder 
auf das Hauptfeld des türkischen Gewerbes, die Textilindustrie, 
zurück. Da ist es vor allem die Seidenspinnerei, deren Technik 
in einer von der Dette Publique errichteten Seidenschule in Brussa 
gefördert wird, welche die weibliche Erwerbsarbeit in ihre Dienste 
gestellt hat. Brussa, die alte vom Götterolymp beschattete Stadt 
der Moscheen, in welcher sich auch der Kosa Han, die große 
vom buntorientalischen Treiben belebte Seidenbörse befindet, ist 
heute zu einem der gewaltigsten Arbeitszentren aufgeblüht. In 
den großen Seidenfabriken der Stadt sind kleine und große 
Mädchen eifrig bei der Arbeit. Die jüngeren zehn- bis zwölf- 
jährigen schlagen aus den in Becken liegenden Kokons die un- 
brauchbaren Teile -heraus. Die Spinnermädchen wickeln die Masse 

1 Tarajanz, Das Gewerbe bei den Armeniern. 



i84 Tfie Welt den Jdams, Band H. 1918, lieft 3j4 

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der Fäden zierlich auf und bring^en sie auf ilirem Rade an. wSo 
schreibt Schmidt in seinem Auskunftsbuche über die mühsame 
Arbeit weiter: „Die Arbeit erfordert gr()ßte Aufmerksamkeit, aber 
geschickte Hände gewinnen mit der Zeit eine solche Gewandtheit, 
daß sie ohne Unterbrechung vonstatten geht. Von morgens bis 
abends, meist von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten 
die Mädchen unermüdhch, wobei sie im Durchschnitt in normalen 
Zeiten sieben Piaster pro Tag (1,20 Mark) verdienen, während die 
Mädchen, welche die Kokons schlagen, nur 50 Para erhalten 
(30 Pfennig). In der Frauenabteilung wird die Ordnung der bisher 
bearbeiteten Ware vorgenommen. Große Wagen werden im Hofe 
mit Rohseideballen beladen, von denen jeder 100 kg wiegt." F^ 
erfolgt dann Verfrachtung nach der Station Mudania, von wo die 
Ware direkt nach der Hauptstadt und im Frieden mit dem Dampfer 
nach Europa geht. 

Weiterhin informiert über die türkische Seidenspinnerei das Buch 
vonKaerger. Nachdem die Kokons gedämpft, getrocknet und sortiert 
sind, gelangen sie, wenn sie nicht nach Frankreich versandt 
werden, in die hauptsächhch an der anatohschen Bahn gelegenen 
Seidenspinnereien: Adabazar, Köplü, Biledschik, welche nach gleicher 
Methode eingerichtet, entweder mit Dampf- oder Wasserkraft ge- 
speist werden. Die Anfäng-e der Gespinstfäden werden von den 
Frauen heruntergekratzt und dann auf ein Rad geleitet, welches 
sie abhaspelt. Er schreibt: „Es werden ausschliel:ilich Arbeiterinnen, 
meist Griechinnen oder Armenierinnen, in den Spinnereien an- 
gestellt und mit 3 bis 3'- Piaster am Tage entlohnt. Die Arbeit 
dauert von »Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit geringer 
Unterbrechung- zur Mittagszeit. Dabei kann eine Arbeiterin am 
Tage 250 Gramm Seide spinnen, wovon das Kilo mit 43 bis 
50 Frank bezahlt wird. Von diesem Preise entfallen also nur 
3 Frank auf den Arbeitslohn." Also sowohl im Verhältnis zu 
dem Werte der Arbeit wie zum Lohne der Männer, welche 6 bis 
8 Piaster erhalten, sind diese Lohnsätze außergewöhnlich niedrig. 
Auch Toptschjan berichtet, daß sich in der Nähe von Biledschik bei 
Ismid zwölf Seidenfilaturen, fast alle in Händen von Armeniern, be- 
finden. Auch in diesen Betrieben seien fast durchweg Armenierinnen 
beschäftigt, während die vereinzelten Türkinnen schon dadurch 
kenntlich seien, daß sie auch hier den Schleier nicht ganz ablegen. 

Die ungeheure Steigerung des Textilwarenbedarfes durch die 
Ansprüche des Heeres begünstigte naturgemäß die Errichtung 



Lorenz, Die Frauenfrage im Osmanischen Beiche. 185 

eoooeoooooooooeoeaoooooooooooooooooooooooooooooooocxxicxxMooooooooooooooooooooooooooooooooooooooeeooeo 

neuer und die scliarfe Heranziehung bereits bestehender Fabrik- 
betriebe. So beschäftigt die große, elektrisch betriebene Militär- 
tuchfabrik und Maschinenstrickerei in Fes Hane bei Konstantinopel 
eine Näherei, welche in der Lage ist, die gesamten Fabrikerzeug- 
nisse zu konfektionieren. Durch die starke Heranziehung weib- 
licher Arbeitskräfte wurden die Schwierigkeiten in der Arbeiter- 
frage damit glatt gelöst. Wie Junge 1 berichtet, erwies sich hier 
die Frau trotz der Schleierfrage als gut verwendbar, so daß heute 
stellenweise an den Maschinen bis 80 Prozent Frauen, unter denen 
die Türkinnen zahlreich vertreten sind, sogar unter männlicher 
Aufsicht, arbeiten. 

Einer Mitteilung des „Ikdam" zufolge hat sich eine Neugründung, 
„die islamische Gesellschaft zur Förderung der Frauenarbeit", mit 
der Organisation der weiblichen Fabrikarbeit befaßt. Ihrem Ein- 
flüsse ist es zu danken, daß eine in Pera arbeitende Webwaren- 
fal^rik heute bereits 400 Frauen beschäftigt, während die in Erenköj 
befindliche Zweigfabrik mit 100 Arbeiterinnen im Betrieb ist. Die 
genannte Gesellschaft plante außerdem zur Erweiterung ihres Be- 
triebskreises seiner Zeit die Anschaffung weiterer 50 Web- und 
Wirkmaschinen aus Sachsen, um neue Zweigstellen zur Anfertigung 
von Frauenkleidung und Wäsche begründen zu können. 

Schließlich sei noch erwähnt, daß auch die Munitionsfabriken 
zum ersten Male in diesem Kriege Frauen in ihre Dienste stellten. 
Wie der „Neue Orient" vom Februar 1916 meldet, wurden 150 
Arbeiterinnen, welche sich freiwillig gemeldet hatten, in staat- 
lichen Munitionsfabriken angestellt. Daneben hat auch die Kon- 
serven- und Automobilfabrikation für den Heeresbedarf Frauen 
zur Mitarbeit herangezogen 2. 

Damit sind wir mit unseren Darlegungen über die volkswirt- 
schaftliche Frauenarbeit zum Abschluß gelangt. Wenn sich auch 
von hier aus die Untersuchungen nicht erschöpfen lassen, ja im 
Dienste des Kriegsbedarfes tagtäglich neue Frauenkräfte heran- 
gezogen werden und auch die Hausindustrie, wie wir sahen, sich 
nicht in ihre entferntesten, gerade wichtigsten Adern verfolgen 
läßt, so spiegelt sich selbst in diesem unvollkommenen Rahmen 
eine Vielseitigkeit der Frauenarbeit wider, wie man sie bei ihrer 
gezwungenen Zurückgezogenheit nicht vermuten sollte. Gerade in 

1 Türkische Textilwaren, Sondernummer Balkan-Orient der .,Te.xtihvoche'-. 

* Vgl. G. Buetz, Die türkische Frau. In: Die Staatsbürgerin, Oktober 1917, H. 7, S. 103. 



i86 Die Welt den Mami^. Band G. iUiS, lieft l-iji 



•••c 



der Türkei, wo das gewerbliche Leben hinter der Neu2eit um 
Jahrhunderte zurück ist, sein Schwerpunkt also noch heute haupt- 
sächlich auf der Hausindustrie j-uht, tritt die Frauenarbeit als einer 
der wichtigfsten, ja der wichtigste Wirtschaftsfaktor in die Er- 
scheinung. Denn gerade alles, was das Interesse des Auslandes 
an den hausindustriellen Produkten der Türkei erwecken und steigern 
kann, wird der unermüdlichen Tätigkeit jener verborgen wirkenden 
Frauen verdankt. Wir haben gesehen, wie in der Teppichweberei, 
in der Stickerei sowie in den Z-v^ eigen der Hausindustrie, welche 
gewisse Ansprüche an künstlerische Vollendung stellten, die Frauen- 
arbeit dominierte. Ja, es ist nicht zu leugnen, daß gerade die 
zurückgezogene Lebensweise der Frau ihr Denken mehr und mehr 
für die harmonischen Seiten ihrer Hausarbeit schulte und ihre 
Arbeit zu einer Verinnerlichung führte, aus der wirklich künst- 
lerische Vollendung erwachsen und sich den Erzeugnissen ihrer 
Mußestunden mitteilen konnte. Erst mit der Einmischung aus- 
ländischer Interessen, welche den Erwerbsgeist in die bisher selbst- 
zufriedene Schaffensfreude des Harems trugen, verlor auch die Haus- 
industrie viel, ja bisweüen alles von ihrer harmonischen Selbst- 
verständHchkeit, ihrer heiteren Phantasie. Trotzdem ist sie für 
das interessierte Ausland in ihrer nicht nachzuahmenden Technik 
und ihrem seltenen Material noch heute die Quelle prächtigster 
Luxusstücke in europäischen Häuslichkeiten geblieben. Selbst- 
verständlich darf man im Interesse der Ursprünglichkeit der Heim- 
industrie nicht wünschen, daß die Frau wiederum in ihre bisherige 
Stellung zurückkehrt; eine solche Entwicklung würde natürlich für 
die Eigenart der Hausindustrie keinen Gewinn, sondern eher eine 
Schädigung bedeuten, da das unnatürlich Gezwungene eines solchen 
Zustandes die freie Erfindungskraft nur lähmen könnte. Vielmehr 
müßte m. E. durch Steigerung der Textilrohstoffproduktion und 
Erhöhung der Löhne bei gleichzeitig möglichtser Fernhaltung des 
wucherischen Zwischenhandels und des europäisierenden Unter- 
nehmertums wieder auf Regenerierung aller künstlerisch wertvollen 
Hausindustriezweige, welche nach wie vor im Rahmen der FamiUe 
ihre Heimstätte haben sollten, hingearbeitet werden. Die Erhöhung 
ihrer sozialen Stellung und die Überwindung ihrer Weltfremdheit 
würden das Verständnis der Frau für den Wert ihrer hausindu- 
striellen Erzeugnisse weiterhin fördern und der zwischenhänd- 
lerischen Ausbeutung von selbst einen Riegel vorschieben, ohne 
die einstige Ursprünglichkeit der Produktion zu schädigen. Wie 



Lorenz, Die Frauenfrarje im Osmotischen Reiche. 187 

CXXX3eOO(X)OOOOOaeO«(XXXXXXXX3ÖoOOOOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXXXXXXXXXIOOOOOOOCXXXXXXXXXXXXX)00(^^ 

wertvoll g^erade die Erhaltung der Hausindustrie für die Türkei 
selbst und für das Ausland ist, zeigt sich deutlich, wenn wir die 
Parallele zu anderen, von Europa eingeführten Erwerbszweigen für 
die Frau ziehen, welche zwar bei der angeborenen und angelernten 
Geschicklichkeit der Frau außerordentlich produktiv sind, aber in 
der Art ihrer Erzeugnisse nicht über das Durchschnittsmaß euro- 
päischer Ansprüche hinausgehen, weil auch sie, wie alle andern 
Zweige der Hausindustrie, unter schlechten Lohnverhältnissen zu 
leiden haben. 

Die Industriearbeit der Frau endlich scheint mir nicht nur heute, 
wo der gesteigerte Heeresbedarf ihre Mitwirkung notwendig machte, 
sondern vor allem auch für die Übergangs- und Friedenswirt- 
schaft von weittragender Bedeutung zu sein. Bei einer stärkeren 
Industrialisierung des Landes, wie sie für die nächste Zukunft zu 
erwarten steht, würde sich die Lösung der Arbeiterfrage infolge 
der außerordentlich dünnen Besiedelung des Landes sehr schwierig 
gestalten, wenn nicht noch eine viel intensivere Heranziehung der 
weiblichen Hilfskraft ermöglicht wöirde, 

3. Frauenarbeit im Dienste der Kriegsfürsorge des 
Roten Halbmondes. 

Wenn der Krieg überhaupt je auf Frauenarbeit angewiesen war, 
so mußte das große Gebiet menschlicher Liebestätigkeit und sozialer 
Hilfsarbeit das vollkommenste Feld für sie bieten. In der Türkei 
tritt uns als die Zentrale dieses Hilfswerkes der Rote Halbmond 
entgegen. Seine Entstehung! liegt, ähnlich wie die des Roten 
Kreuzes, heute etwa 5 Jahrzehnte zurück. Im Jahre 1874 hatten 
Hilfsvereinigungen zur Unterstützung' des Heeressanitätsdienstes die 
erste „ottomanische Gesellschaft zur Pflege verwundeter und er- 
krankter Soldaten" ins Leben gerufen. Dieser Gesellschaft gelang 
es im Kriege gegen Rußland, Serbien und Montenegro im Jahre 
1876, ihre Pläne teilweise in die Tat umzusetzen. Da aber nach 
Beendigung des Krieges die Mittel erschöpft waren, mußte sie ihre 
Tätigkeit wieder einstellen. Erst im Jahre 1897 bei Ausbruch des 
griechich-türkischen Krieges vermochte sie ihr geringes Restkapital 
von 1 2 000 türkischen Pfund zur Einrichtung von Lazarettschiffen 
nutzbringend zu verwerten. Auf der achten internationalen Rote- 
Kreuz-GeseUschaften-Konferenz in London im Jahre 1907 erwirkte 

^ Vgl, Kolunie und Heimat: Der türkische Rote Halbmond XI, S. 4. 



»88 Die Weh dex Islnns, Band ('>. IUI 8, Heft 3j4 

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der Abgesandte der Türkei die offizielle Anerkennung des Halb- 
mondzeichens als Neutralitätsmerkmal für die Hilfsgesellsohaften 
aller islamischen Länder. Mit dem Verfassungsjahre 1908 entfaltete 
aber der Rote Halbmond erst ohne finanzielle Sorgen seine volle 
Wirksamkeit. Nach der ersten Generalversammlung im Jahre 1911 
übernahm der Sultan Mehmed Reschad die Schutzherrschaft, der 
verstorbene Thronfolger Jusuf Izzeddin den Ehrenvorsitz. Von nun 
an konnte auch die Frau als Mithelferin in die große Organisation 
aufgenommen werden. Im Jahre 1912 wurde unter dem Protektorate 
der ersten Gemahlin des Sultans ein Damenausschuß von 30 Mit- 
gliedern gegründet, dem aUe Prinzessinnen des Kaiserlichen Hofes 
als Ehrenmitglieder beitraten. Wenn auch dieser kleine Kreis von 
Frauen dem Ernste seiner Bestimmung zunächst noch fernstand, so 
sollte doch bald die Praxis unaufhörlicher Kriege von seiner Not- 
wendigkeit überzeugen. Im Tripoüskriege gegen Italien erwuchsen 
der Gesellschaft von neuem große Aufgaben, da es galt, die in 
Tripolitanien abgesperrte türkische Besatzung mit Ärzten, Pflege- 
personal und Verbandstoffen zu versorgen. Unmittelbar darauf 
nahm der Balkankrieg ihre Leistungsfähigkeit in Anspruch. Während 
der Männerausschuß die Gründung von Lazaretten in die Hand 
nahm, wirkte die Frauenabteilung in der Herstellung von Verband- 
material. So w^urde einerseits mit der Gründung von Seuchen- 
lazaretten, andererseits mit der Versorgung der sehr zahlreichen 
rumelischen Auswanderer von Frauenhänden Hervorragendes ge- 
leistet. Allein 1 1 000 Flüchtlinge wurden vollkommen eingekleidet 
und beköstigt; 55 000 kranke Auswanderer erhielten ärztliche Hilfe; 
für die weiblichen Flüchtlinge wurde in Konstantinopel ein be- 
sonderes Krankenhaus errichtet. Im Jahre 1913 wurde zum ersten 
Male die systematische Ausbildung von Pflegepersonal nach be- 
sonderen Lehrbüchern vorgenommen. Nachdem sich im Winter 
1914/15 dem Stamme des Damenkomitees ein gemischter europäisch- 
türkischer Frauenverband angegliedert hatte, organisierte Dr. Besim 
Pascha zum ersten Male die Ausbildung von Frauen und Mädchen 
in der Krankenpflege, welche ihre Kenntnisse durch Prüfungen 
nachweisen mußten. Er wirkte in Zusammenarbeit mit einem 
Verein, welcher sich die Unterstützung armer Soldatenfamilien zur 
Aufgabe gemacht hatte. 

Im Jahre 1915 konnte der türkische Frauenverein des Roten 
Halbmondes folgenden Aufruf erlassen: „Es hieße die Vaterlands- 
pflicht versäumen, woUte man in diesen Tagen Tränen vergießen 



Lorenz, Die Frauenfrage im Osmanischen Reiche. l8() 

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und an sein eigenes Dasein denken. — Sei nicht untätig mit den 
Händen, das ist das Gebot des Korans!" Diesen Worten folgte 
eine große Schar freiwilliger Helferinnen im Dienste der Kranken- 
und Verwundetenpfleg^e, getreu den Vorbildern der urislamischen 
Gemeinde. Schon in der Tradition berichtet Arrabia, die Tochter 
des Moawed: „Wir halfen dem Propheten, indem wir Wasser trugen, 
die Kranken pflegten und die Toten bargen." 

Auch auf die Frage des Propheten antworten die Frauen mit 
einer gewissen Selbstverständlichkeit: „Wir kommen, um Wolle zu 
spinnen und auf Gottes Wege zu helfen. Wir kommen, um Ver- 
wundete zu pflegen, die Häupter, der Gefallenen zu bergen und die 
Krieger mit Sauermilch zu erfrischen." Wenn außerdem die Lieb- 
lingsg'attin des Propheten A'ischa und die Krankenpflegerin Umm 
Suleim sowohl mit der Waffe als auch im Samariterdienste an den 
Feldzügen des Propheten teilnahmen i, so war damit der türkischen 
Frau ihr kriegerischer Daseinszweck vorgezeichnet, wenn sie auch 
das eigentliche Waffenhandwerk heute fast ganz den Männern über- 
lassen hat 2. Und doch hat sich gerade in diesem weiblichen Berufs- 
zweige eine bei der türkischen Frau naheliegende Befürchtung be- 
stätigt, daß nämlich die Krankenpflege in Tradition und Vorurteil 
schwere Hindernisse finden würde. Man hatte ja nicht mehr die 
kampfgestählte, an Entbehrungen gewöhnte, vom Propheten selbst 
animierte Kriegsgenossin vor sich, sondern eine verweichlichte, 
w^eltscheue Schleierträgerin, für welche der Krankenpflegerinnen- 
beruf die Aufgabe ihrer strengsten Lebensregeln bedeuten mußte. 
So konnte sich bisher die Frau in diesem Berufszweige noch nicht 
recht heimisch fühlen. Eine Reihe deutscher Arzte, denen die 
krankenpflegerische Ausbildung der Türkin oblag", unter ihnen der 
Leiter des türkischen Gülhaneh-Lehrkrankenhauses in Konstantinopel, 
welcher 1914 nach Deutschland zurückkehrte, Prof. Wieting, haben 
diese Vermutung bestätigt. Freilich darf man annehmen, daß mit der 
Zeit, wenn die Frau erst gelernt haben wird, ihr Selbstbestimmungs- 
recht über den Zwang der Tradition zu stellen, auch die Kranken- 
pflege ihr ein willkommenes Feld der Betätigung bieten wird. 

1 Vgl. die Isl. Welt, Nr. 5 : Türkische Frauen des Roten Halbmondes. 

2 Allerdings ist die Frau auch in diesem Kriege ihrer einstigen Kampfleidenschatt nicht 
ganz untreu geworden. Wie der Tanin (vom S.Januar 1915, Nr. 2173) meldet, haben 
auch in der Jetztzeit Frauen die Männer in den Krieg begleitet; auch Dr. Lederer 
spricht in der W. I. III, S. 177 von Frauen, welche infolge schlechter Verkehrsmittel 
die Munition kilometerweise in die Kampflinien ihrer Männer trugen. 



,go AV We/f (i'.< J.'ilnmx, UnmiH. 1918, Heft :i'4 

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Neben dem Frauenverein des Roten Halbmondes, an dessen 
Spitze die Prinzessin Ifhet steht, entfaltet besonders auch der 
„Verein zur Unterstützung armer Soldatenfamilien" mit Nadschie 
Sultane an der Spitze, eine außerordentlich fruchtbare Tätigkeit. 
So sucht er durch Beschaffung von Hausrat, Bettzeug und Lebens- 
mitteln der völligen Verarmung vieler Kriegerfamilien abzuhelfen. 
Mit der Errichtung einer Handarbeitsstätte für Frauen und Mädchen 
sorgte er weiterhin für das Fortkommen mittelloser Krieger- 
angehöriger. Die Arbeiterinnen, für deren physisches Wohl in 
jeder Weise Sorge getragen wird, erhalten freie Verpflegung und 
gute Entlohnung. Seit 1915, dem Jahre seines Bestehens, be- 
schäftigt die Handarbeitsschule jeden Tag 200 Frauen, während 
andere 300 wöchentlich zweimal zur Arbeit kommen. Auch in 
Brussa unterhält diese Frauenarbeitsorganisation eine Werkstätte. 
Ihre Tätigkeit erstreckt sich auf die Anfertigung der verschiedensten 
Bekleidungsstücke für Soldaten: Handschuhe, Strümpfe, Halstücher 
u. a., während besonders geschickte Frauen in der Anfertigring 
feiner Handarbeiten unterwiesen werden. So konnte schon während 
des Krieges mit bestem Erfolge eine Ausstellung des Roten 
Halbmondes veranstaltet werden, in der die feinsten Erzeugnisse 
altorientalischer Handarbeitskunst, welche diesen Werkstätten ihre 
Entstehung verdanken, gezeigt wurden. Schließlich betätigen sich 
die Damen dieses Vereins auch sehr wirksam in der Errichtung von 
Volksküchen, welche in allen Vierteln der Hauptstadt fortgesetzt neu 
eröffnet werden und täglich viele Tausend Menschen beköstigen. 

In beiden Vereinen sind Frauen großer Staatsmänner, hoher 
Offiziere usw. als Leiterinnen vertreten: so die Frau des jetzigen 
Großwesirs Talaat Bej, des Unterstaatssekretärs im Ministerium des 
Innern, Frau Nurije Hanym, des früheren Ministers des Auswärtigen 
Halü Halid Bejs, des Stadtpräfekten Bedri Bej, des Greneraldirektors 
der Presseabteilung im Ministerium des Auswärtigen, DschelilehHanym, 
des Generaldirektors der Kaiserlichen Museen und andere mehr. 

Wenn auch über die weit verzweigte Tätigkeit des Roten Halb- 
mondes in diesem Kriege noch keine abgeschlossenen Berichte 
vorliegen, so ist doch die Tätigkeit seiner Frauen in der Verwundeten- 
pflege und Kriegsfürsorge bei allen Mängeln außerordentlich segens- 
reich gewesen. In einem Lande, welches eine staatlich organi- 
sierte Fürsorge für die zurückgelassenen Familien nicht kennt, 
war die vereinsorganisatorische Regelung der unzähligen Fürsorge- 
probleme eine Lebensnotwendigkeit des gesamten Volkes. Die 



Lorenz, Die Frmierifvdcje nn Osmanürlien Reiche. 19 t 

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selbstlose, meist ehrenamtliche Liebestätigkeit und das Organi- 
sationstalent der türkischen Frau haben der schwierigen Aufgabe 
mit großer Anpassungsfähigkeit und Selbstüberwindung gerecht 
zu werden verstanden. 

Einer Mitteilung des Hamburger Korrespondenten (vom 31. 12. 16) 
zufolge, hat sich unter dem Patronate des Sultans als Zweigstelle 
des ottomanischen Roten Halbmondes ein türkischer Frauenverein 
in Wien gebildet, mit dem Ziele, die türkischen Schwestern nach 
Kräften zu fördern. 

4. Die Frau als Unterbeamtin im Staatsdienst. 

Ehe wir nun das Fazit unserer Darlegungen über die osma- 
nische Frauenarbeit ziehen, müssen wir noch eines Fortschrittes 
gedenken, welcher nach türkischem Begriffe eine unerhörte Neue- 
rung im Leben der Frau bedeutete und nur in dem umstürzle- 
rischen Geiste des Krieges seine hinreichende Erklärung findet: 
die Frau im Staatsdienste! Man muß sich die soziale und wirt- 
schaftliche Zwangslage der mohammedanischen Frau vergegen- 
wärtigen, um sich die Tragweite eines solchen Ereignisses klarzu- 
machen. Schleierlosigkeit, Selbständigkeit im Denken und Handeln, 
Bildung und Intelligenz — alle diese Voraussetzungen öffentlicher 
Berufsarbeit sollte die Türkin in sich vereinigen. Und doch, 
unter dem Drucke der Not vollzog sich diese äußere und innere 
Umbildung, welche in normalen Zeiten Jahrzehnte erfordert hätte, 
im Fluge. Der erste entscheidende Schritt wurde mit der Ein- 
stellung einer weiblichen Postbeamtin getan, deren unverschleiertes 
Bildnis ein modernes Plauderbuch über türkische Frauen als neueste 
Sensation bringt 1. Es läßt sich nun an Hand türkischer Zeitungen 
und deutscher Notizen verfolgen, wie dieses erste Beispiel bald 
rege Nachahmung fand. Schon kurz nach diesem Ereignis ent- 
schloß sich die Post zur Einstellung von Telephonistinnen, welche 
sich gut bewährten. Es folgte die Verwendung weiblicher Arbeits- 
kräfte in der Kontrollstelle für den Postanweisungsverkehr. Als 
Vorbedingung für den Dienstantritt macht das Ministerium in 
seinem Aufrufe das vollendete 1 7. Lebensjahr und Mittelschulbildung 
bekannt. Das Gehalt von 400 Piaster, also etwa 80 Mark monatlich, 
ist für türkische Begriffe hoch zu nennen; entspricht es doch der 
Einnahme, w^elche eine Aufsichtsfrau in der Teppichfabrik in Hereke 

^ Bej Oghlu, Türkische Frauen. 



1Q2 1>le Weh des /,s7a///.s Hand (J. 1918. Heft S 4 

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im Monat bezieht und übersteigt es noch die Einnahme einer ein- 
fachen Lehrerin. Dem Beispiele des Postministeriums schloß sich 
alsbald das Finanzministerium an, welches Telephonistinnen und 
Sekretärinnen im Tresordienste bei monathcher oder täglicher Ver- 
gütung unter ähnlichen Bedingungen wie die Post anstellte. Auch 
die Stadtpräfektur stellte auf der Stadtverwaltung des Bezirkes 
Skutari weibliche Beamte ein; und die Oberrechnungskammer be- 
schäftigte Beamtinnen sogar mit einem Monatsgehalte von 600 Piaster, 
1 20 Mark. Auch auf der Schiffahrtsverwaltung arbeiten heute etwa 
sieben Türkinnen mit einem anfänglichen Monatsgehalte von 500 
Piaster, Schließlich finden wir die Frau noch als Einnehmerin an 
den Schaltern der Galatab rücke, mitten im Gewühle des öffent- 
lichen Verkehrs. Auch die Desinfektionsanstalten auf der Stadt- 
präfektur von Stambul, Skutari und Tophane haben ebenfalls weib- 
liche Beamte in ihren Dienst gestellt, ein Fortschritt, den man 
nicht genug hervorheben kann, da eine solche Tätigkeit die bisher 
unmögliche Zusammenarbeit männlicher und weiblicher Arbeits- 
kräfte notwendig machte. 

So sind also gerade in der neueren Hälfte des Krieges die 
türkischen Frauen in fast alle Zweige des unteren Staatsdienstes 
eingedrungen und damit ohne die hinderliche Gesichtsmaske vor 
das Forum der Öffentlichkeit getreten. Die jungen Erfahrungen, 
denen man zunächst mit einer gewissen Befürchtung entgegen- 
sehen mußte, haben der Anpassungsfähigkeit, Intelligenz und Ge- 
wissenhaftigkeit dieser Frauen das beste Zeugnis ausgestellt; und die 
gesamte türkische Presse ist sich in der lobenden Anerkennung 
der weiblichen Leistungsfähigkeit auch in diesem traditionswidrigen 
neuen Berufszweige einig. Gerade in diesem Fortschritt Hegt 
aber m. F., so unbedeutend er auch in europäischen Augen er- 
scheint, der Ausgangspunkt für die äußere Befreiung der Frau 
von der Schleiersitte. Alle diese Berufszweige, welche unmöglich 
eine ängstlich hinter dem Jaschmak hervorlugende Frau gebrauchen 
können, verlangen heute schon die äußersten und letzten Konse- 
quenzen, welche der strenge religiöse Konservatismus bisher ge- 
mieden hatte. Und wenn auch diese energischen Beamtinnen, 
zwar staatlich und behördlich geschützt, noch einen wenig l)e- 
schrittenen Weg gehen, so wird doch ihr junges Beispiel auch all- 
mählich an die passivste Passivität der türkischen Frau rühren^ 
welche zwar die äußere Notwendigkeit erkannt, aber den Mut der 
Tat noch nicht gfefunden hat. 



Lorenz, Dii' F lanenfrage im Osnianisrhen Reiche. lyj 

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III. Beurteilung der Frauenfrage. 

I. Die Frauenfrag^e als aktuelles Problem. 

Wenn wir nun rückschauend uns noch einmal das umfangreiche 
Bild der türkischen Frauenfrage in ihrer volkswirtschaftlichen 
Leistungsfähigkeit und bisherigen Entwicklung vergegenwärtigen, 
so erscheinen zwei Tatsachen für ihre nahe Zukunft entscheidend; 
einmal die außerordentüche Mitwirkung der Frau im Rahmen der 
Volkswirtschaft, auf welcher schon seit Jahrhunderten das Schwer- 
gewicht des gesamten türkischen Erwerbslebens lastete, und ohne 
welche heute die zahlreichen Probleme der Kriegswirtschaft un- 
gelöst geblieben wären, dann aber die Schnelligkeit, mit welcher 
sich die moderne Entwicklung vor den Augen der Welt vollzog. 
Gerade die Energie, mit der die Türkin sich unter dem Drucke 
der Not in die notwendige Modernisierung ihrer sozialen, recht- 
lichen und wirtschaftlichen Stellung hineinlebte, trägt durchaus 
nicht mehr den „Marasmus der Gefangenschaft" in sich, sondern 
den Trieb nach endgültiger Befreiung, welche die erste Grundlage 
gesunder türkischer Volkswirtschaft werden soll. Vergegenwärtigen 
wir uns hierzu noch den warmen Anteil, den die gesamte türkische 
Presse an einer gesunden Ausgestaltung der türkischen Frauen- 
bewegung nimmt, so erscheint ihre Entwicklung für die nächste 
Zukunft in sehr günstigem Lichte. Hierfür einige typische Beispiele. 
Eine von der Zeitung Sabah in ihrem Leserkreise veranstaltete Um- 
frage, wie man seine Zeit verbringt, hatte das Ergebnis, daß von den 
meisten Lesern mit vollem Nachdrucke auf die Heranziehung der 
vielen müßigen Frauen hingewiesen wurde, deren häuslicher Pflichten- 
kreis ihre Langeweile nicht auszufüllen vermöchte. Man forderte 
sowohl vom Standpunkte des allgemeinen wie des persönlichen 
Interesses die Betätigung der Frau in der Kriegshilfe, da eine 
unabhängige Wirksamkeit sie persönlich und materiell unabhängiger 
mache und da die Übernahme verantwortungsvoller Posten erst 
wirklich zu Forderungen berechtige. Auch Hartmann berichtet jn 
seinen unpolitischen Briefen i: „Besonders auffällig war mir hier 
wie in anderen Buchläden, welche Rolle die Frauenfrage spielt: 
das lesende Publikum nimmt an der Behandlung dieses wichtigsten 
Problemes den regsten Anteil. Selbst in den Massen wird der 
Instinkt, daß man mit der Befolgung der pfäffischen Lehren sich 

1 a. a. O. S. 134. 



104 -^'''« ^«^^ ^''« i*la^», i^c'id (i. nH8, Heft ^ji 

selbst den größten Schaden zugefüj^t hat und daß man «Midlich 
mit einem System brechen muß, das die Entrüstung aller Ein- 
5ichtigen genießt und das den Islam vor Europa lächerlich macht." 
Auch in einem vom Verfasser besuchten Schauspiele in Kon- 
stantinopel, das die Eroberung Andalusiens darstellt, bringt das 
Publikum besonders den Stellen, welche auf die Befreiung der 
Frau anspielen, den lebhaftesten Beifall entgegen. In diesem 
Stücke treten zahlreiche Glaubenskämpferinnen in die Schranken, 
wie sie einst in den Uranfängen des Islam die prophetischen Ideen 
mit der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit verbreiteten; und das 
wahre Wort, welches die Entwicklungstendenz der aufstrebenden 
Türkei verdeuthcht: „die Frauen einer Nation sin^ der Maßstab 
für den Grad ihrer Gesittung" appelliert an längst empfundene 
Wünsche, die auf eine schnelle Erfüllung warten. 



2. Parallele zwischen der morgen- und abendländischen 

Frauenfrage. 

Ziehen wir nun, ohne mit europäischem Maßstabe zu messen und 
den gewagten Vergleich zwischen Erreichtem und Erreichbarem 
anzustellen, einmal die Parallele zur Entwicklung anderer, moderner 
Frauenfragen, so fällt die osmanische schon in ihrer Einfachheit 
und Geschlossenheit aus dem Rahmen. Während im Abendlande 
eine Summe der verschiedensten sozialen, politischen und wirtschaft- 
lichen Faktoren zusammenwirkten, und die gesteigerte Intensität 
der Volkswirtschaft die Frauenfrage in jahrhundertelanger Ent- 
wicklung Schritt für Schritt vorwärtsdrängte, kennt die türkische 
Frauenfrage bei ihrem impulsiven Auftreten eine eigentliche Vor- 
geschichte kaum. Denn selbst der aufklärende Einfluß der französi- 
schen Revolution vermochte zwar die Gemüter wachzurütteln und 
in vieler Beziehung einen Wandel zu schaffen; bedeutete aber nicht 
die Einleitung einer systematischen Entwicklung. Während die 
Frau des Okzidents längst mit gemäßigten und extremen Forde- 
rungen für allgemeine Frauenrechte in die Schranken trat, verharrte 
die türkische Frauenwelt in langer Stagnation; und während die 
Entwicklung der Handels- und Erwerbsinteressen moderner Staaten 
die Türkei überholte, mußte die Frau in den engen Pfählen ihrer 
Häuslichkeit verkümmern. So ist bisher die kurze Entwicklung der 
osraanischen Frauen frage von den mannigfachen Auswüchsen der 
europäischen Frauenemanzipation frei geblieben. So tritt die osmani- 



J^crrenz, Die Fraiietifrage im Osmanischen Tieiclie. 195 

sehe Frau in der bescheidenen und konservativen Art, wie sie nur 
eine streng gepflegte Religiosität zeitigen konnte, mit ihren Forde- 
rungen hervor; und noch ist der türkischen Frauenbewegung das 
politische Moment gänzlich fern geblieben. Die abendländische 
Frau, welche für ihre Rechte eintritt, ist eine lebens- und kampf- 
gestählte Natur, welche ihre Forderungen gegen eine Welt von 
Feinden verteidigen muß. Unter diesen Feinden haben wir in 
erster Linie die Konkurrenz zu verstehen, die sich in jeder Er- 
scheinungsform und mit den zähen Waffen des Erwerbskampfes 
geltend macht. Wenn die Europäerin teils aus Interesse, teils ge- 
zwungenermaßen den Weg des Broterwerbes wählt, so tritt ihr von 
allen Seiten die Überproduktion an Arbeitskräften, das geistige 
Proletariat, wie Klara Zetkin es nennt, und das Arbeiterproletariat 
als drohende Konkurrenz entgegen und macht ihr den bereits ge- 
wonnenen oder noch zu gewinnenden Platz streitig. In der Türkei 
sind die Verhältnisse gerade umgekehrt. Hier wurzelt die Er- 
kenntnis einer Reformnotwendigkeit tief in den Männern selbst und 
teilt sich erst durch diese den ahnungslosen „Märtyrerinnen" mit, 
um ihnen zugleich den nötigen Rückhalt zu bieten. Das konnten 
sie ohne Gefahr, da die Unaufgeklärtheit der Frau und die wirt- 
schaftliche Rückständigkeit des Landes das Problem der konkur- 
rierenden Arbeitskräfte nicht in dem Maße kannte, und da ein 
etwaiger Überschuß bei der noch teilweise vorherrschenden Eigen- 
wirtschaftsform des Landes und der dünnen Bevölkerungszahl kaum 
zu fürchten war. Kurz gesagt, während in der Türkei die auf- 
geklärte Männerwelt in ihrem eigenen Interesse eine Befreiung der 
Frau wünscht, greift sie die abendländische Frau mit den schärfsten 
Waffen der Konkurrenz an. Hier handelt also die Frau gegen den 
Mann, dort der Mann für die Frau. Hier wird ihre wirtschaftliche 
Mitarbeit als Belastung unterdrückt, dort als Entlastung gesucht. 

Wenn wir uns die Wesensart der deutschen Frauenfrage ver- 
gegenwärtigen, so treten uns zwei Erscheinungsformen entgegen, 
welche nebeneinander herlaufen, ohne sich die Hand zu reichen: 
Auf dem Boden des bürgerlichen Mittelstandes erwächst aus 
flnanziellen Nöten und den Schwierigkeiten frühzeitiger Familien- 
gründung das Frauenproblem als Frage unversorgter Haustöchter; 
auf der anderen Seite tritt die Lösung des proletarischen Frauen- 
arbeitsproblems mit der Notwendigkeit, die schwierige Lebenshaltung 
der Famüie durch das Einkommen aus Frauenarbeit zu heben, her- 
vor. In dieser letzten Form wird die Frauenbewegung von den 

©ie Welt des Islams, Band 6. 13 



iq6 l>i>' nW/ des Islams. i;,u,il(;. lUtS. lieft :j'1 

Männern selbst iils Kampfgenossen vorwärts getrieben, während in 
Bürgerkreisen die Frauen den Männern als „geistiges Proletariat" 
in den Weg treten. Die sozialdemokratische Frauenfrage geht 
daher in ihren Forderungen bedeutend weiter und wird von der 
Unerbittlichkeit des Klassenkampfes getragen. Während gleich- 
zeitig die bürgerliche Frau das Durchsetzen ihrer Forderungen auf 
dem Wege einer sozialdemokratischen Verschwesterung meidet, 
weil das Kampfprogramm ihrer arbeitenden Genossinnen sich 
gegen sie selbst richten würde, so trägt die abendländische Frauen- 
bewegung den verderblichen Charakter der Ungeschlossenheit in 
sich, über den hinweg die VerwirkHchung ihrer Reformideale 
nur mühsam schreitet. Demgegenüber fällt also die Einfachheit 
der osmanischen Frauenfrage aus dem Rahmen, auch abgesehen 
davon, daß in der Türkei, bisher wenigstens, familienwirtschaftliche 
Schwierigkeiten nicht in dem Maße mitsprachen wie hier. In einem 
Lande, welches die soziale Abstufung moderner Staaten nicht kennt, 
waren Abstammung und Beruf ebensowenig als Hinderungs- 
gründe für die Ehe anzusehen, wie sie dort ausschlaggebend waren. 
Daher entbehrt auch die Frauenfrage hier ganz des hemmenden 
Klassencharakters, der leidenschaftHchen Parteilichkeit und hat aus 
diesem Grunde einen ebeneren Weg vor sich, als die Lösung des 
abendländischen Problems. Zusammenfassend möchte ich als Unter- 
scheidungsmerkmale noch einmal folgende hervorheben: Die türki- 
sche Frauenfrage, welche jahrhundertelang von den Wirtschafts- 
kämpfen anderer Staaten verschont blieb, ist energisch und impulsiv 
aus einer drohenden wirtschaftüchen Katastrophe herausgewachsen. 
Sie ist infolge der UnkompHziertheit des osmanischen Wirtschafts- 
lebens von den Existenzkämpfen des Abendlandes lange unberührt 
geblieben und hat ihren Hauptanstoß und ihre Förderung im Gegen- 
satz zu Europa seitens der Männerwelt selbst erhalten. Die lange 
Stagnation in der Rechts- und Wirtschaftsentwicklung des Staates 
und das stete Zurückhalten der Frau von den Vorgängen des 
Abendlandes haben ihr einen konservativen, ja bisweilen zaghaften 
Charakter verheben und sie so bisher vor den Extremen ihrer 
europäischen Schwesterbewegung bewahrt. Endlich zeichnet sich 
die türkische Frauen frage durch ihre soziale Einfachheit sowie die 
Geschlossenheit und EinheitUchkeit ihrer Ziele aus. 

Somit scheint auf den ersten BUck die türkische Frauenfrage 
eine schnelle Weiterentwicklung zu verbürgen. Doch dürfen wir bei 
allen Schwierigkeiten, welche der Konkurrenzkampf der Europäerin 



Jjorenz, Die Frantnfraye im Ot<)itanisclu'n Reiclw. ig7 

ooooeooooooocxaecooooooooooooocwoooooooocoocxxxxxxxaoocxxxxxxxxxxxjocxxxjooooooooooooooooooooc^^ 

in den Weg legt, nicht vergessen, daß bei der engen Verquickung 
von Religion und Recht auch in der Türkei gerade die uns am ein- 
fachsten erscheinenden Konsequenzen auf unüberwindliche Schwierig- 
keiten stoßen, daß ferner^ die orientalische Passivität bei allen 
staunenswerten Neuschöpfungen und Plänen auch nach dem Kriege 
in Rechnung zu ziehen ist. Es steht also nicht unbedingt fest, daß 
das Frauenproblem eine so rapide Weiterentwicklung nehmen wird, 
wie sie heute der Not der Zeit entwuchs. 

Bei den konkreten Unterscheidungsmerkmalen zwischen den 
Problemen der Frauenbefreiung im Orient und Okzident wollen 
wir auch noch kurz ihrer gemeinsamen Berührungspunkte gedenken. 
Wir können sagen, daß Triebkraft und Ziele, wie das ja schon in 
der Wesenheit jeder Frauenfrage begründet liegt, beiden Be- 
wegungen gemeinsam sind. Wenn wir über die zeitlichen Diffe- 
renzen hinwegsehen, so sind auch beide Fragen auf dem Boden 
wirtschaftlicher und sozialer Umwälzungen erwachsen. Beide sind 
durch den Umsturz der Kriegswirtschaft, das Fehlen der männlichen 
Erwerbskraft u. a., in das gleiche Fahrwasser getrieben worden. 
Hier Wie dort hat der Krieg der Frau neue, bisher unmögliche 
Erwerbszweige erschlossen. Auch das Hauptziel scheint mir beiden 
Frauenbew^egungen gemeinsam vorgezeichnet: Befreiung von 
sozialer und rechtlicher Unterdrückung, freie Entfaltung der Persön- 
lichkeit, Verselbständigung in w-irtschaftlicher und beruflicher Hin- 
sicht. Alle diese Ideale vertritt die osmanische Türkin gemeinsam 
mit ihren abendländischen Mitschwestern, wenn auch heute noch 
in der mildesten und anspruchlosesten Form. 

3. Die nationalwirtschaftliche Bedeutung^ der Frauenarbeit. 

a) Vom bevölkerungspolitischen Standpunkte. 

Wollen wir nun noch einmal ein volkswirtschaftliches Werturteü 
über die osmanische Frauenfrage fäUen, so müssen wir das ganze 
Problem von zwei Seiten erfassen: Erstens seiner bevölkerungs- 
politischen Bedeutung, zweitens vom Standpunkte nationalwirt- 
schaftlicher Werteschaffung. In erster Linie ist ja die Existenz- 
frage eines Volkes überhaupt eine Frage der Mütter. Wir haben 
gesehen, wde in der Türkei, wo die Ehe bei der Uninteressiert- 
heit des Staates schon von vornherein des volkswirtschaftlichen 
Charakters entbehrt, die Frau körperlich, geistig und seelisch ver- 
kümmern m.ußte, auch wenn sie selbst es nicht empfand, wie damit 



iq8 ]>'te Weh des Is/mns, Hand H. 1018, Heft :j'i 

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die junge Generation überhaupt in Frage gestellt war. Denn, zogen 
wir zum Vergleich die reügiös unabhängigere Armenierin heran, 
so lieferte deren Gesundheit den besten Beweis für das rückständige 
System mohammedanischer Erziehung. Eine künstliche Über- 
windung des Bevölkerungsrückganges und eine Förderung der 
Zunahme muß also in erster Linie bei, der Frau einsetzen. Die 
Lockerung des Eheverbandes kann nur durch eine Erschwerung 
des männlichen Scheidungsrechtes, wie sie die jüngste rechtliche 
Neuordnung vorgesehen hat, bewerkstelligt werden. Hierdurch 
wird, wenn die wirtschaftlichen Voraussetzungen der Familien- 
gründung nicht allzu ungünstig sind — hier muß vor allem^ die 
wirtschaftliche Erziehung und Ausbildung der Frau einsetzen — , 
der Familienzusammenhang und damit die Liebe zur kommenden 
Generation gestärkt. Schließlich ist die Bevölkerungspolitik im 
Osmanischen Reiche auch hauptsächlich eine Frage der Mädchen- 
und Frauenerziehung, Aufklärung und Bildung. Es gilt, die Frau 
zum vollen Bewußtsein ihrer Persönlichkeitswerte und ihrer mütter- 
lichen und pädagogischen Aufgaben zu erziehen; sie einmal auf 
sanitärem Gebiete aufzuklären und andererseits mit dem Wissen 
auszustatten, welches für die Erziehung der Kinder unbedingt er- 
forderlich ist. Gerade die sanitäre Aufklärung gehört zu den am 
schwersten zu lösenden Erziehungsproblemen in der Türkei. Schon 
Emily Ruete, eine arabische Prinzessin, welche in ihren Memoiren 
die Kulturzustände des arabischen Zansibar schildert, empfindet die 
medizinische Verständnislosigkeit des Volkes, welches, ein Opfer 
des Kurpfuschertums, unter besonders ungünstigen Sterbüchkeits- 
verhältnissen leidet, als großen Mangel und verspricht sich von 
einer energischen europäischen Medizinerin die wirksamste Abhilfe ^ 
So könnte auch m. E. im Osmanischen Reiche durch Heranbildung 
tüchtiger weiblicher Kräfte, denen die Möglichkeit der Absolvierung 
eines Universitätsstudiums unter gleichen Bedingung^en wie den 
männlichen Kollegen gegeben werden müßte, viel, ja alles ge- 
wonnen werden. Damit würde das Verständnis der Frau für die 
Notwendigkeit hygienischer Maßnahmen und damit die erste Pflege 
der Kinder einem gründüchen Wandel unterzogen. Freüich müßte 
aber, wie schon hervorgehoben, auch die Mitarbeit deutscher Arzte 

^ Emily Ruete, Memoiren einer arabischen Prinzessin, S. 74, II. Teil. Vgl. zur Frage 
der Türkischen Bevölkerungsbewegung auch v. d. Goltz, „Der jungen Türkei Nieder- 
lage und die Möglichkeit ihrer Wiedererhebung", in welcher der Verfasser sich eine 
Hebung des Bevölkerungsstillstandes durch Bevölkerungsaustausch verspricht. 



Jjore,uz, l^le Franeiifrage im OsiiKiitischcn Reiche. 199 

0<X>OeiC)00OOO0CO000<XXXXXXX>XO000000OCXXXXXXXXXXXXX>>?CKXXXXX)C<XX)^^ 

gleichzeitig an der gesundheitlichen Erziehung und Hebung des 
ganzen Volkes mitwirken. 

b) Voni wirtschaftlichen Standpunkte. 

Vom Gesichtspunkte wirtschaftlicher Werteschaffung sind uns die 
Frauen hauptsächhch in den verschiedenen Erscheinungsformen der 
Hausindustrie als die tätigsten Elemente entgegengetreten. Hier 
haben wir die Frau als die Erhalterin der Volkskunst kennen ge- 
lernt, deren Produktivität, besonders wenn man sie an dem Maß- 
stabe der wirtschaftlichen Rückständigkeit der Türkei mißt, außer- 
ordentlich groß war. Wenn auch, wie gesagt, diese schönsten 
Produkte türldschen Erwerbsfleißes teilweise schon im Zeichen des 
Massenbetriebes und Unternehmertums standen, so erhielten sie 
doch durch die Urwüchsigkeit des Nomadismus fortwährend frischen 
Zustrom und werden ihre Originalität wohl noch lange gegen den 
Ansturm europäischer Konkurrenzwaren behaupten. Aber auch in 
der Landwirtschaft und den verschiedenen Zweigen der reinen Fabrik- 
industrie, wie auch in der Kriegshilfe spielte die Mitarbeit der Frau, 
besonders unter dem Drucke der Kriegsverhältnisse eine wichtige, 
ja entscheidende Rolle. Natürlich hat in allen Betrieben die 
Leistungsfähigkeit der türkischen Frau noch längst nicht das mög- 
liche Maximum erreicht. Erst eine Reform des gesamten bisherigen 
Wirtschaftssystems wird auch sie mehr und mehr im produktiven 
Sinne heranziehen. 

Ebenso wichtig aber wie die Steigerung ihrer volkswirtschaft- 
lichen Produktivität erscheint mir die Intensivierung der Familien- 
wirtschaft durch die Frau sowohl im städtischen wie im landwirt- 
schaftlichen Haushalte. Denn gerade in der hauswirtschaftlichen 

Unerfahrenheit der Frau mußte für die Familienentwicklung ein 

» 
schweres Hindernis liegen, da ihre Verständnislosigkeit gegenüber 

vielen praktischen Lebensbedürfnissen die Erwerbsfreude des Mannes 

beeinträchtigen mußte. 

4. Die Nationalisierung der Frauenfrage. 

Haben wir so den Wert der Frauenfrage vom nationalwirtschaft- 
lichen Standpunkte aus betrachtet, so dürfen wir sie auch kurz im 
Rahmen des Nationalismus streifen. Hatte der Nationalgedanke 
des Türkentums die Befreiung der Frau als vornehmstes Ziel auf 
sein Banner geschrieben, so sahen sich andererseits die Frauen vor 



200 Die Weh des hlmns. Band >',. 19 1&, Ihfl 314 

30C»<«CCO000CXXXXX>0000000000000000000C>000CCCK»X)0C»00CXX)<>^^ 

der Aufgabe, auch ihrerseits dem Nationalismus mit ihrer jungen 
Begeisterung zu dienen. Wir haben schon darauf hingewiesen, 
wie Halidc Hanym als die Führcrin der gesamten osmanischcn 
Frauenwelt mit ihrer ganzen Kraft für die Entwicklung des Pan- 
türkismus in die Schranken trat und die Frauen für die Grund- 
ideen der nationalen Wiedergeburt zu begeistern verstand. Der 
Türk Derneji, welcher auf eine Türkisierung der Sprache, das 
heißt eine Reinigung der Sprache von arabischem und persischem 
Beiwerk hinarbeitet, glaubt das Material einer solchen Nationali- 
sierung gerade in der Frauenwelt finden zu können, in welcher 
sich die echte Volkstümlichkeit am reinsten und schlichtesten er- 
halten habe. Auf diese Weise würden die Frauen, gewissermaßen 
ohne aktiv beteiligt zu sein, an einer der wichtigsten nationalen 
Kulturaufgaben mitarbeiten. Ich erwähne diese, auf den ersten 
Blick vielleicht unwesentlich erscheinende Tatsache, da m. E. der 
türkische Nationalismus die Hauptvoraussetzung für eine Wieder- 
verjüngung der Türkei bietet. Ich bin der Ansicht, daß, wenn die 
Türkei ernstlich an eine reformatio in capite et membris heran- 
treten will, sie aus einer einheitlichen Quelle schöpfen muß. Wie 
der Abfall der Balkanländer gezeigt hat, trägt die Kompliziertheit 
der Rassenfrage im Osmanischen Reiche den Keim politischer und 
wirtschaftlicher Zersetzung in sich. Auch der Panislamismus mit 
seiner internationalen Verbrüderungstendenz kann sich im engen 
Rahmen eines Staatsgebüdes nicht als erhaltendes Element be- 
haupten, ebensowenig wie der Osmanismus den nationalen Eigen- 
arten der verschiedenen Volksgruppen des Reiches Rechnung zu 
tragen vermag. Der türkische Nationalismus dagegen wächst ohne 
künstliche Nachhilfe aus dem natürlichen Triebe zur Rassengemein- 
schaft heraus und ist der Hauptfaktor zur Erhaltung des osmanisch- 
türkischen Elementes im Reiche, welchem durch andere existenz- 
fähige und erwerbstüchtigere Volkselemente die Gefahr der Er- 
drosselung droht. Alle Begeisterungsfähigkeit, das junge Vater- 
landsideal, Lebenswille und Leistungsfähigkeit der Türkei erstehen 
heute auf dem Boden des Nationalismus. Wenn auch die neue 
Entwicklung die Gefahr der Dezentralisation in sich schließt, so hat 
doch schon die energische Art und Weise, wie der Nationalismus 
das moderne Wirtschafts- und Büdungsproblern der Frau aufrollte, 
ein sehr deutliches Zeugnis für seine Existenzkraft abgelegt. Aus 
diesem Grunde erscheint mir überhaupt eine Nationalisierung der 
gesamten osmanischen Frauenfrage im Interesse ihrer weiteren 



Lovenz, Die Frauenfrage im Osnmnischen Reiche. 201 

ZjOCOeO00CCXXXX)eO0»CXXKXX)00O0CX>lXX30O0CO0CI0O0000^ 

Geschlossenheit und Einheitüchkeit unerläßlich. Denn wir haben 
gesehen, daß sich die türkische Frauenbewegung in erster Linie 
als eine Frage der mohammedanischen, also türkischen Osmanin 
darstellt. Somit trägt sie also, sofern die Erhaltung des türkischen 
Staatsganzen sich weiterhin als eine Frage der türkischen Rasse 
entwickelt, schon in ihrem Keim den Stempel des Pantürkismus 
in sich. 

Dürfen wir also an dem gesunden Triebe, a^ elcher die türkische 
Frauenfrage in die Wirrsale des öffentlichen Lebens gedrängt hat, 
nicht zweifeln, so wollen wir uns auch den Gefahren nicht ver- 
schließen, welche sich der jungen Entwicklung in den Weg stellen. 
So erfreulich und bemerkenswert auch die Schnelligkeit war, mit 
welcher sich die Umgestaltung' im Leben vieler Frauen vollzog, so 
sehr muß auch vor einer Überstürzung für die Zukunft gewarnt 
werden. Nun ist ja allerdings anzunehmen, daß, wenn nach dem 
Ausnahmezustande des Krieges wieder männliche Arbeitskräfte ins 
Land strömen und geordnete Familien- und Wirtschaftsverhältnisse 
eintreten, sich sehr bald eine gewisse Reaktion gegen das große 
Wirkungsfeld der Frau geltend machen wird. Immerhin haben 
aber die zahlreichen überraschenden Beispiele doch ein zu deut- 
liches Zeugnis für die Lebenskraft der türkischen Frauenfrage ab- 
gelegt, um ihre Wünsche und Forderungen je wieder ganz zurück- 
schrauben zu können. In jedem Umsturz liegt nun aber eine doppelte 
Gefahr: einmal für die Frau selbst, welche bei einer so plötzlichen 
Entschleierung, wörtlich und bildlich verstanden, nur schwer Selb- 
ständigkeit im öffentlichen Auftreten gewinnt; andererseits ist es 
der Fanatismus der niederen Volksmassen, dem die Abrechnung 
mit der Tradition als etwas Religionswidriges und deshalb Ver- 
abscheuungswürdiges erscheint. Hinter dem Volke steht aber noch 
heute sein Erzieher, die Hodschageistlichkeit, welche es ganz zu 
seinem gefügigen Werkzeuge macht. Diesen Faktor müssen wir 
ganz besonders ins Auge fassen, wenn wir von dem heutigen 
Stande der Dinge aus einen BUck in . die Zukunft tun und uns den 
nächsten Werdegang der Frauenfrage veranschaulichen. 

5. Weiterer Ausbau der Frauenfrage. 

Gilt es also, die breite Masse des unaufgeklärten Volkes für die 
Notwendigkeit der Frauenbefreiung zu gewinnen, so darf das 
religiöse Moment auf keinen Fall außer acht gelassen werden. Man 
wird also mit einer gewissen Diplomatie auf den Gegebenheiten 



2 02 1>>c ">/' '/''."' hlmm. Bayid H. 1918. f/cft H 4 

n'<>3eOOO(X>OOOOOOOaOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCKXX>OOOOCOO(X>OOOOOOOCXX>OCXXX)^^ 

der islamisch-relig"iösen Weltanschauung aufbauen und die große 
Menge der Analphabeten mit dem wahren Inhalte ihrer Glaubens- 
lehre, die ihr durch den Mund der Hodschageistlichkeit über- 
liefert wird, genauer vertraut machen müssen. Denn selbst ein 
Glaubens- und Rechtsuniversum wie der Koran ist an manchen 
Stellen von dem freiheitsdurstenden Geiste des ungezügelten Araber- 
tums durchdrungen. 

Wenn dann mit der Aufklärung der Masse zugleich eine all- 
mähliche Loslösung von den Fesseln der Tradition einhergeht, so 
kann dies im Interesse einer gesunden fortschrittlichen Entwicklung 
nur begrüßt werden, 

GeHngt es erst einmal dieser Schwierigkeit Herr zu werden, so 
ruht der Ausbau der Frauenfrage m. E. in vier Kernpunkten: i. in 
der religiösen rechtlich-sozialen Umgestaltung, 2. in der richtig'en 
Erfassung des Frauenbildungsproblemes, 3. in der bevölkerungs- 
politischen Umgestaltung, 4. in der familien- und volkswirtschaft- 
üchen Intensivierung der Arbeitskraft der Frau. Sind erst einmal 
in diesen vier Punkten die geeigneten Grundlagen geschaffen, so 
wird der berufliche und erwerbswirtschaftliche Weg der Frau nicht 
mehr über Hindernisse führen. 

Was die rechthche Umgestaltung- anlangt, so ist man seit der 
Aufhebung der Kapitulationen ernstlich bestrebt, der Teilung der 
Rechtsprechung, welche in Händen der geistüchen (Scheriat- 
gerichte) und der weltlichen (Tansimatgerichte) Gerichte liegt, ein 
Ende zu machen, eine Verweltlichung der Scheriatgerichte herbei- 
zuführen. Damit mußte aber auch das Familien- und Erbrecht 
eine Entklerikalisierung zugunsten der Frau erfahren. Diese Not- 
wendigkeit wurde erst in jüngster Zeit in einem neuen Ehegesetze 
niedergelegt, das zunächst in der Form eines vorläufigen Beschlusses 
veröffentlicht wurde 1. Mit dieser Neuordnung ist die Zivilehe 
für alle osmanischen Staatsangehörigen, also Mohammedaner, Juden 
und Christen einheitüch durchgeführt. Für die Mohammedaner 
treten drei Neuerungen in die Erscheinung: 1, die EheschUeßung 
vor dem Richter, 2. die Registrierung der Eheschließung, und 3. 
das vorherige Aufgebot. Es wird nun jedem Reichsangehörigen 
zur Pflicht gemacht, die Ehe vor dem Büchter oder dessen Stell- 
vertreter abzuschließen, wohingegen sie früher lediglich als Zivil- 

1 Hierzu Tanin vom 29. Oktober 1917; der Neue Orient II, Nr. 4; Deutsche Leyante- 
Zeitung vom l. Dezember 1917. 



Loren:, Die Fraiieiifrape im Ogtnanif^che/i Reiche, 203 

C>COOeOOOOCXXXX)OeO«OOOOOOCX3000000000000CXXXXXXXX)OOOOOOCOOOOCXX>CXXX)OC»00000000000000000000000(XXX)^^ 

kontrakt angesehen wurde. Damit wird der Frau ein gewisser 
Rechtsschutz gegen die allzu leichte Scheidung gegeben und der 
Familienzusammenhang wesentlich gestärkt. Ebenso soll die Pflicht 
zur Registrierung der Ehe sowie die Bestellung des Aufgebotes 
Meinungsverschiedenheiten und zuwiderlaufenden Eheschließungen 
vorbeugen. Weiterhin wird aber auch die Ehescheidung durch 
eine besondere Bestimmung eingeschränkt. Lag sie bisher als 
willkürlicher Verstoßungsakt lediglich im Machtbereiche des Mannes, 
so soll von nun an auch der Frau ein gewisses Anrecht auf 
Lösung der Ehe zustehen. Dem Vorschlage eines Imams (Priester) 
zufolge soll für den Fall, daß die Frau die Ehescheidung wünscht, 
ein Schiedsgericht von je zwei Personen der beiderseitigen 
Verwandten den Versuch einer Aussöhnung unternehmen; bei 
Meinungsverschiedenheiten dieses Schiedsgerichtes soll ein Ober- 
schiedsgericht gebildet werden. Im Falle des Mißlingens der 
versuchten Aussöhnung wird der Streitfall dem Richter vorgelegt. 
Auch der Mann, der sich früher nach Willkür von der Frau 
scheiden lassen konnte, wird heute gezwungen, vor dem Ehe- 
gericht die Notwendigkeit der Scheidung zu beweisen. Für den 
Fall, daß die Mitglieder auch dieses Einigungsgerichtes zu keinem 
einheitlichen Beschluß gelangen, hat eine höhere Instanz das end- 
gültige Urteil zu sprechen. 

Abgesehen davon, daß eine erzwungene Ehe keinen Gültigkeits- 
wert besitzt, wird der Frau noch eine andere Vergünstigung ge- 
währt. Wenn auch theoretisch noch an der Vielweiberei als 
einem religiösen Gebote festgehalten wird, so darf der Mann eine 
zweite Ehe nur mit Einwilligung der Frau eingehen. Schließlich 
regelt das neue Gesetz auch die oft strittige Frage des Ehepreises 
dahin, daß der vom Manne ausdrücklich angegebene Kaufwert 
Gültigkeit haben soll; man unterscheidet also von nun an nicht 
mehr zwischen dem seinen Verhältnissen entsprechend angesetzten 
(mahr-i-misl) und dem ausdrücklich genannten (inahr-i-müminma) 
Ehepreise. Auch die Grenze der Ehefähigkeit wird für Knaben 
und Mädchen geregelt; und zwar wird sie für Knaben auf 12, 
für Mädchen auf 9 Jahre festgesetzt. Die Heirat der Mädchen 
bleibt bis zum 17. Jahre an die Einwilligung des Vormundes, die der 
jungen Männer bis zum 18. Jahre an die des Richters gebunden. 

Wenn auch diese viel zu tiefe Heiratsgrenze nicht gerade als 
Vorzug zu begrüßen ist, so trägt doch das Gesetz einen gesunden 
Kern, nämlich den des staatlichen Interesses an der Erhaltung der 



204 /^"? ^^W'! 'Z^.'* hlmiis^ Hand H. 1918, Heft 3,4 

Familie und die Erkenntnis ihres volkswirtschaftlichen Wertes, in sich. 
Besonders aber — und das wird auch seitens türkischer Soziologen 
hervorgehoben — bietet das Gesetz in seinen praktischen Folge- 
rungen die sicherste, ja einzige Möglichkeit, den Rückgang und 
Tiefstand der Bevölkerungsziffer durch Festigung des Eheverbandes 
zu überwinden. 

Mit der Rechtsreform muß naturgemäß auch die Bildungsreform 
Hand in Hand gehen. Hier galt es also, die allzu großen Bildungs- 
unterschiede der JEheleute, welche einen großen Teil der Schuld 
auch an der sozialen und rechtlichen Deklassierung der Frau tragen, 
durch gründliche und obligatorische Schulbildung auszugleichen, 
welche das Kind und heranwachsende Mädchen nicht allein mit 
den notwendigsten Elementen des Schulwissens, sondern auch der 
Hauswirtschaft ausstattet, die noch zu sehr auf Kosten eines be- 
quemen Lebens vernachlässigt wird. Freilich ist sefbst das Pro- 
gramm der Volksschule, so einfach es auf den ersten Blick er- 
scheint, nicht so leicht durchzuführen, wie es auf dem Papier 
steht. Becker sagt hierzu: „Erst, wenn der Staat aufhört, dem 
Bauern sein Letztes zu nehmen, erst dann ist der Boden reif für 
die Volksschule, erst dann kann an die Hebung der sanitären 
Verhältnisse, an die Ausbildung* der Mütter der kommenden Gene- 
ration gedacht und damit eine langsame aber sichere Hebung der 
ganzen Volkswirtschaft in die Wege geleitet werden". Auch ist 
es nötig, die Schule unbedingt von dem reaktionären geistlichen 
Einschlage völlig zu befreien und dort, wo er sich auf Kosten 
iinderer weltlicher Fächer breit macht, eine völlige Reform herbei- 
zuführen. Diese Notwendigkeit betont auch Becker in der Welt 
des Islams 1. Gleichzeitig muß aber das neue Schulprogramm durch 
regelmäßige Veranstaltungen turnerischer und sportlicher Übungen, 
durch hygienische Aufklärung und Unterweisung energisch darauf 
hinwirken, daß die Schwäche und Verweichlichung der türkischen 
Frau körperlicher Widerstandskraft und Leistungsfähigkeit Platz 
macht. Erst in dem Maße, wie der Mann die praktische und 
geistige Befähigung einer sozial und rechtlich gehobenen Frau an- 
erkennen und schätzen lernt, wie damit gegenseitige Interessen 
die Eheleute näher bringen, wird sich auch das türkische Familien- 
leben langsam veredeln, um die Grundlage besserer Daseins- 
bedingungen für das kommende Frauengeschlecht zu werden. 

J a. a. O. S. 106. 



Lorenz, Die Frauen frage vii Osinuidschen Reiche, 205 

Aus der Lösung der Rechts- und Bildungsfrage folgt auch, wie 
selbstverständlich, die bevölkerungs- und wirtschaftspolitische Aus- 
gestaltung des Frauenproblems. Diese ist nun aber ihrerseits nur 
im Rahmen der gesamten Wirtschaftsverjüngung denkbar. Eine 
Wirtschaftsreform ist ohne die Frauenfrage und ebenso diese ohne 
eine Wirtschaftsreform hier nicht möglich. Beide folgen ausein- 
ander, beide müssen sich in ihrem eigenen sowohl wie im Interesse 
der nationalen Gesamtheit ergänzen und können nur in steter 
Wechselwirkung zueinander den wichtigen Grundstein zu einer 
neuen unabhängigen Türkei legen. 



6. Deutsche Kulturarbeit im Dienste der osmanischen 

Frauenfrage. 

Wenn nun deutsche Forschung, Technik, deutsches Kapital und 
deutsche Arbeit ihre Kulturträger in das weite Neuland türkischer 
Wirtschaft entsenden, um an ihrem schnellen Aufblühen tatkräftig 
mitzuwirken, so können die deutschen Kulturaufgaben unmöglich 
an einer Gewinnung der Frauenarbeit uninteressiert bleiben. Weiter 
aber muß bei dem Aufeinanderprallen zweier so wesensfremder 
Kulturwelten, wie sie Morgenland und Abendland verkörpern, 
zunächst ein Ausgleich, eine Verständigung in den Sitten-, Rechts- 
und Staatsbegriffen vollzogen werden. Da naturgemäß bei aller 
Anpassungsfähigkeit ein moderner Rechtsstaat nicht in die Fuß- 
tapfen eines religiös-rechtlichen Staatsgebüdes treten kann, so 
muß das Schwergewicht dieses Ausgleiches auf die Modernisierung 
der Türkei im europäischen Sinne gelegt werden. Hierzu büden 
die mit der Aufhebung der Kapitulationen nötig gewordenen 
deutsch-türkischen Rechtsverträge den ersten, wohlgelungenen Ver- 
such. In diesem Abkommen, welches auf gegenseitig gleichen 
Rechtsansprüchen fußt und Deutschland die Vorteile der meist- 
begünstigten Nation in der Türkei zusichert, wird im Auslieferungs- 
vertrage (für strafrechtlich verfolgte Personen) von der deutschen 
Regierung zu der Möglichkeit der Polygamie Stellung genommen. 
Danach gut neben verschiedenen Auslieferungsverbrechen auch 
die in Deutschland strafbare Doppelehe eines deutschen Staats- 
angehörigen als Auslieferungsdelikt; es besteht also für die türkische 
Regierung in diesem Falle die Verpflichtung zur Auslieferung des 
Täters ebenso wie umgekehrt für die deutsche im Falle der Doppel- 



20Ö l'ir \V>lt (/es I.-</,ii,t.o, liiuul 6. 1918, Hfft 314 

ehe eines Türken im Deutschen Reichet Diese Abmaclmiig- 
deutet schon energisch auf eine Verdeutschung des moham- 
medanischen FamiHenrechtes liin. 

Wie soll sich nun die aktive Teilnahme des Deutschen an der 
Lösung des osmanischen Frauenproblemes gestalten? Was zunächst 
die Methode anbelangt, so haben die schon während des Krieges 
gesammelten Erfahrungen den Türken nicht gerade das Zeugnis 
sympatliischen Entgegenkommens ausstellen können, das man zu 
erwarten gern geneigt war. Woran lag das? Wie Junge in seiner 
Einleitung zum Archiv betont, gibt es zwei Möglichkeiten der 
Europäisierung: die eine beschränkt sich auf ein äußerliches gewinn- 
bringendes Erfassen des Handels; die andere erstrebt auf dem 
Wege der Anpassung, des liebevollen und geduldigen Entgegen- 
kommens, eine gründliche wissenschaftliche Umgestaltung von unten 
herauf. Gerade die erste nur auf das eigene Interesse bedachte 
Art der Europäisierung hat aber dem deutschen Kulturträger 
mehr Schaden als Nutzen g^ebracht; der zweite mühsamere Weg 
ist bisher noch wenig beschritten worden. Gerade das schwerste 
aller Orientprobleme aber, die Frauen frage, stellt ganz besondere 
Ansprüche an das Feingefühl des Reformators. Diese Rücksicht- 
nahme, verbunden mit einer geschickten Anknüpfung an islamische 
Kultur, wird auch hier mit Sicherheit auf den rechten Weg führen. 
So kann Dr. M. Grunwald^ in bezug auf GeneralfeldmarsclKiU 
V. d. Goltz mit Recht sagen: „Seine größten Erfolge hat er hier 
sicherlich durch sein psychologisches Feingefühl erworben." Auch 
E. Marquardtsen gibt in ihrem Buche über das Wesen des Osmanen 
sehr wertvolle Ratschläge für die Gewinnung des Orientalen. 
Becker bemerkt hierzu 3; „Nur wenn wir ihnen als Menschen und 
Organisatoren imponieren, werden wir den Orient gewinnen." 
M. Horten, welcher in der Toleranz und der wissenschaftlich hohen 
Stufe des Islams wertvolle Anknüpfungspunkte sieht, äußert sich 
folgendermaßen: „Französische Phrasen und englische Äußerlichkeit 
und Halbbildung haben schon manchen willigen Schüler des Orients 
auf Irrwege geführt. Nur die germanische Gründlichkeit kann 
hier als der beste Lehrmeister das bisher Verfehlte wieder gut 

' Die rechtlichen Verhältnisse in diesem Punkte vor Inkrafttreten der deutsch-türkischen 
Rechtsverträge legt Dr. jur. Beckmann in seiner Dissertation : .,Die Vielehe in der 
Türkei" dar. 

2 Vossische Zeitung vom 20. April 191Ö: J)eut.sche Berater in der Türkei. 

:• a. a. O. S. 33. 



J.orenz, Die Franoifrage im 0!<]nanücheii Reiche. 207 

0CCO0000000000CX)0000000CXXXXXXX)000000000000000000000CO000CXXXX)00000CXXXX»0(XXXX)00C^^ 

machen und das noch Fehlende ergänzen." Auch in einsichtigen 
türkischen Kreisen verschließt man sich dem Werte gründlicher 
deutscher Kulturarbeit nicht. So sagt der ehemalige kaiserlich 
ottomanische Generalkonsul Halil Halid Bej in bezug auf Enver 
Paschas Arbeit für die Hebung der Türkei: „Viel bleibt jedoch 
für die türkische Regierung noch zu tun übrig zur Hebung der 
sozialen und intellektuellen Zustände der Anatolier. Das Volk 
bedarf gründlichster Aufklärung, und eine vom Volksgeiste getragene 
Bewegung muß geschaffen werden zugunsten seiner schnellen in- 
tellektuellen und kulturellen Entwicklung"; und verspricht sich 
ebenfalls viel von der deutschen Mitwirkung an der Lösung ' des 
türkischen Bildungsproblemesi. 

Unter diesen Voraussetzungen des Verständnisses und der An- 
passungsfähigkeit kann das deutsche Erziehungsprogramm mit 
Erfolg" einsetzen. Hier werden deutsche Gründlichkeit und deutscher 
Idealismus auf dem großen Gebiete des türkischen Schul- und 
Bildungswesens ein fruchtbares Feld ihrer Zukunftsarbeit finden. 
Gelingt es dem deutschen Schulmann, mit der Verdrängung der 
stark in der Überzahl vorhandenen ausländischen, besonders fran- 
zösischen, amerikanischen und englischen Schulen auch die Refor- 
mierung des Mädchenschulwesens in die Hand zu bekommen, so 
wird die gesamte Frauenfrage eine Entwicklung nehmen, welche 
zweifellos zu ihrem Nutzen, im Zeichen systematischer Gründlichkeit 
und,' ähnlich wie jene in Deutschland, des langsamen, sicheren von 
Extremen freien Fortschreitens stehen wird. 

Bisher beschränkte sich der Einfluß deutscher Frauen in der 
Türkei auf die häuslichen Erzieherinnen, die, wie wir sahen, oft 
eine Gefahr für das türkische Familienleben bedeuteten und mit 
deren Persönlichkeit nur selten pädagogisches Ideal verbunden war, 
ferner auf Kolonistenfrauen, Diakonissen, Ordensschwestern u. a. m. 
Heute haben sich den deutschen Frauen noch eine Reihe anderer 
Wirkungskreise eröffnet, in denen sie Hand in Hand mit ihrer 
türkischen Schwester den neuen Zeitgeist in die Entfaltung des 
türkischen Frauenlebens hineintragen können. E. Grunewald ge- 
denkt hier der deutschen Leiterinnen und Lehrerinnen an türkischen 
Mädchenschulen, der Ärztinnen und besonders der Frau, welche 
in enger Zusammenarbeit mit der Osmanin auf sozialem Gebiete 
Fühlung und Anknüpfungspunkte für die Lösung der großen zeit- 
gemäßen Kulturaufgabe, der Frauenbefreiung, finden wird. 
1 Halü Halid Bej, Das Bildungsproblem in Anatolien. D. N. O. II. Bd., Nr. 3. 



2o8 J>ie Weh des Jslanu<, Bund 6. iiti^, Heft Sji 

,yD\e Zukunft einer Nation wird durch die Frauen geschaffen", 
klingt es verheißungsvoll aus dem türkischen Revolutionsdrama. 
Heute haben die türkischen Frauen sich aus allzulangem Dämmer- 
zustande langsam zum Bewußtsein dieser Wahrheit durchgerungen. 
Werden sie den Mut weiterer Konsequenzen finden? Taten und 
Persönlichkeiten haben bereits dafür gesprochen; und wir dürfen 
der osmanischen Frauenwelt heute zuversichtlich Worte zurufen, 
welche Hartmann an die Spitze seiner unpohtischen Briefe ge- 
stellt hat: 

„Und Ihr, türkische Frauen, mögt Ihr durch Geburt dem Türken- 
tum angehören oder durch Heirat ihm angegliedert sein, Ihr seid 
im besonderen Maße berufen, Eurer Volkheit zu dienen. Kämpft 
Schulter an Schulter mit den besten Männern um Eure Rechte, 
die ein mißverstandenes Gesetz Euch verkümmert, wirkt im Stillen 
in treuer häuslicher Arbeit für die Heilung der Schäden, die Eure 
Gesellschaft verderben; zieht vor allen Dingen in Euren Kindern 
einen Nachw^uchs heran, der mit Euch und für Euch kämpft, der 
Euer Volk zu einer Verjüngung und damit zu einer neuen großen 
Zeit führt!" 



LITERATURVERZEICHNIS. 

I. Zeitungen. 

Die wichtigsten deutschen Tageszeitungen. Ausländische Zeitungen in deutscher Sprache: 
Balkanzeitung. Osmanischer Lloyd. Pester Lloyd. Türkische Tageszeitungen: 
Ikdam. Sabah. Serwet-i-Fünun. Le Soir. Tanin. Taswir-i-Efkjar. 

II. Zeitschriften und Sammelwerke. 

(nicntalisches Archiv. Illustrierte Zeitschrift für Kunst, Kulturgeschichte und Völker- 
kunde der Länder des Ostens. Herausgegeben von Hugo Grothe. Jahrgang i — 3. 
Leipzig 19 10 — 13. 

Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie einschließlich Rassen- und Gesell- 
schaflshygiene. Leipzig-Berlin. 

Weltwirtschaftliches Archiv. Jena. 

Archiv für Wirtschaftsforschung im Orient. Herausgegeben von Reinhard Junge. 
Weimar. 

Asien. Organ der deutsch-asiatischen Gesellschaft. Berlin. 

Berichte für Handel und Industrie. Herausgegeben vom Reichsamt des Innern.. 
Insbesondere die Jahrgänge 1906, 1907, 1912, 1913. 

Correspondence d 'Orient. Revue bimensuelle de politique etrangere. Paris. 



Lorenz, Die Tratwnjrage im Omiunmchen Keiclie. 209 

oc'Ooeooooooooooeoaooooooo<xxxxMotxxKxxxxxxxx>MO(X»ooooooonnnr^^ 

Flugschriften der Zentralgeschäftsstelle für deutsch-türkisrhe Wirtschafts- 
fragen. Weimar. 

Gtoist des Ostens. Monatsschrift flir Asiatenkunde. 1. Jahrgang. München 1913. 

66nie civil ottoraan. Konstantiaopel. 

]4eutsches Handelsarchiv. Zeitschrift fiir Handel und Gewerbe. Berlin. 

Das Handelsmuseum. Berichte der k. und k. Konsularämter. Wien. 

Österreichisch-ungarisches statistisches Jahrbuch. 

Iktisadiat Medschmuasy. Konstantinopel. 

Journal Asiatiquc. Paris. 

Der Islam. Zeitschrift für Geschichte und Kultur des islamischen Orients. Heraus- 
gegeben von C. H. Becher. Strafiburg. 

Kolonie und Heimat. Unabhängige koloniale Wochenschrift. Organ des Frauenbünde» 
der deutschen Kolonialgesellschaft. 

Korrespondenzblatt der Nachrichtenstelle für den Orient. Berlin. 

Länder und Völker der Türkei. Schriften des deutschen Vorderasienkomitees. 
Leipzig 1915. 

Deutsche Levantezeitung. Hamburg. 

Petermanns Mitteilungen. Gotha. 

Süddeutsche Monatshefte. München. 

Österreichische Monatsschrift für den Orient. Herausgegeben vom k. und k. 
Handelsmuseum. Wien. 

The Orient. A weekly paper devoted to the religious, educational, political and other 
interests of the Ottoman Empire. Konstantinopel. Herausgegeben von der ameri- 
kanischen Mission der Kongregationisten. 

Der neue Orient. Halbmonatsschrift für das politische, wirtschaftliche und geistige 
Leben im gesamten Osten. Band i. Berlin 191 6. 

Deutsche Orientbücherei. Herausgegeben von Ernst Jäckh. Weimar 191 5. 

Deutsche Politik. Wochenschrift für Welt- und Kulturpolitik. 3. Jahrgang 19 iS. 
Weimar-Berlin 191 5. 

Qadynlar Dünjasy. Konstantinopel. 

Deutsche Revue. Stuttgart. 

Revue du monde Musulm an. Publice par la mission scientifique du Maroc. Paris. 

Europäische Staats- und Wirtschaftszeitung, i. Jahrgang. Berlin 19 16. 

Die Textilw^oche. Insbesondere die Sonder-Nummer: Balkan-Orient. Berlin. 

TÜrk-Jurdu. Konstantinopel. 

Die neue Türkei. Illustrierte unabhängige deutsch-türkische Wochenschrift, i. Jahr- 
gang. Berlin 191 7. 

Deutsches Vorderasien- und Balkanarchiv. Blätter zum .Verständnis und zur Er- 
kundung des neuen Orients. Mitteilungen des Vorderasieninstituts der deutschen 
Vorderasiengesellschaft. Herausgegeben von Hugo Grothe.' I. Jahrgang. Leipzig 
1917. 

Die Welt des Islams. Zeitschrift der deutschen Gesellschaft ftir Islamkunde. Berlin. 

Die islamische Welt. Illustrierte Monatsschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur. 
1. Jahrgang. Berlin 191 7. 

Das Wirtschaftsleben der Türkei. Beiträge zur Weltwirtschaft und Staatenkunde. 
Herausgegeben im Auftrage der deutschen Vorderasiengesellschaft von Hugo Grothe. 
Berlin 1916. 



2 10 l>ie, Welt des Islams, Jiand H. 191&, lieft Sj-i 

ecec)too<yx>ooocKxxxK<xxx>oocKX)cxxyx)oooo(X)ix)oo(X)ix)OCKX^^ 

Wirtscliaftszeitung der Zentralmächte, i. Jahrgang. 191 6. 

The Moslem World. A quaterly revue of current events, literaturc and thought among 
the Mohammedans and the progress of Christian mission in Moslem lands. London. 
The States man 's Yearbook. London 1916. 

III. Anonyme Einzelschriften und Aufsätze. 

L'JMJtivitö feminine. In: Osraanischer Lloyd vom 5. April 19 16. 
Les femmes fonctionnaires. In: Le Soir vom i. April 1917. 
Die Prau der neuen Türkei. In: Breslauer Generalanzeiger vom 18. März 1917. 
Die türkische Frau. In: Osmanischer Lloyd vom 15. Februar 191 7. 
Die türkische Frau im Kino. In: Memeler Dampf boot vom 25. Februar 191 7. 
Die türkische Frau im Wirtschaftsleben. In: Hamburger Korrespondent vom 
4. Dezember 1916. 

Derselbe Artikel findet sich wortgetreu in: Oberschlesischer Anzeiger vom 8. De- 
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14* 



2 14 J>'^e Welt (L's hlams, Banal!. 1918, lieft 314 

t>«XXX)©OO0O0O0O000O00000OO00000(XXXXX»00OOO00O0O00(X)0OOCK>>XX)OO0O(XXX>XX)^^ 

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r»000e00000C)00COCXXXXXXXXXXXXX)000<XXX)«XXXXXX)000000000000000000000000000000(X)0000(X)^^ 



Literatur. 2 1 5 

coooosaoooo 



LITERATUR. 

Halid Sia, Tagebuch eines Toten. Aus dem Türkischen über- 
setzt von Habib Edib. Berlin: Der neue Orient 1918. 150 S. 8° 

Nach mancherlei literarischen Schicksalen schrieb Halid Sia 1887 das hier übersetzte 
..Tagebuch eines Toten", sechs Jahre später verfaßte er seinen berühmtesten Roman „Blau 
und Schwarz", in dem er die Litcratenwelt des Stambul seiner Zeit schildert und in seinem 
Helden Ahmed Dschemil den Mann, den er als die Vollgestalt des Journalisten 
empfand, und in dem alle Qualitäten des literarischen Arbeiters vereinigt sind. Die Vor- 
liebe für Beobachtung und Schilderung des Berufsschriftstellers und seiner Art tritt schon 
in diesem Frühwerke hervor : der eine von dessen beiden Helden, Hüssam, ist Redakteur 
mit Leib und Seele, und er wird mit allem, was drum und dran hängt, beschrieben, nicht 
ohne Würzung mit jenem Humor, der sich so häufig bei den Osmanen findet, und der 
durch das ganze Buch geht; durch ihn erhalten auch die peinlichsten Lagen etwas Ver- 
söhnendes. Der andere Held, Wedschdi, der selbst sagt,, daß er sich langweilt und daß 
er sein Blut in Müßigkeit und Bequemlichkeit eintrocknen läßt, ist uns weniger sympathisch. 
Aber der Dichter hat verstanden, in seinem Buche so hübsche Kleinmalerei zu treiben, 
daß man seinem Plaudern gerne zuhört. Auch ist es nicht ohne Interesse, dieses starke 
Rrzählertalent in seinem Anfangsstadium kennen zu lernen. 

Die Übersetzung ist ausgezeichnet. Habib Edib hat den Sinn überall scharf erfaßt 
und ihn so wiedergegeben, daß Fräulein Pappenheim, der das Buch gewidmet ist, das 
kleine Kunstwerk daraus machen konnte, als das sich diese, fast nirgend den Charakter 
einer Übersetzung zeigende Arbeit vorstellt. In kurzem Schreiben an Habib Edib gibt 
Halid Sia Bericht über die Umstände der Abfassung: „Ich war damals etwa 20 Jahre, 
und jung und kindlich wie ich selber, war damals auch die türkische Literatur, die eben 
die ersten Schritte auf der Bahn der Entwicklung tat, auf der sie inzwischen mit über- 
raschender Schnelligkeit dem Fortschritt zugeeilt ist ... 'Das Tagebuch eines Toten* be- 
deutet die Morgenröte der Entwicklung, deren Anbruch eine Reihe wichtiger Tage folgte." 
Der unbefangene Beobachter kann den Prozess der türkischen Literaturbildung nicht ganz 
so optimistisch ansehen. Die osmanische Literatur hat nicht das gehalten, was sie ver- 
sprach, als sie neue Wege einschlug im Gedanklichen und Formellen. Von der Nach- 
ahmung des Fremden sich abwendend, wollte sie „national" sein, aber es zeigt sich nirgend 
ein tieferes Eindringen in die osmanisch-türkische Psyche in ihren so mannigfaltigen 
Äußerungen; sie wollte sprachlich sich zur Einfachheit, Einheitlichkeit und Volkstümlichkeit 
durchringen, sie blieb aber auf halbem Wege stecken, und der alte Unfug der Sprach- 
mengerei blieb weiter. Beide Fehler entstammen derselben Quelle: Der willensschwachen 
Korapromisselei und der Unfähigkeit ernst und zäh zu arbeiten. Die wenigen Männer, die 
durch ihren sittlichen Status berufen sind, brachten nicht rein .literarische Werke von 
durchschlagender Kraft heraus. Es ist auch von weiterem Betriebe auf rein literarischem 
Gebiete in der bisherigen Weise abzuraten. Die Literatur ist heute der Tummelplatz einer 
Anzahl jüngerer Herren. Zu zahlreich sind heute die, die durch literarischen Eifer einen 
leichten Ruhm sich zu erringen hoffen. Immerwährend werden neue Zeitungen und Zeit- 
schriften gegründet, die nach kurzem Leben wieder eingehen. Dagegen können die Organe, 
die ernste Ziele verfolgen, nur mit Mühe sich halten, für sie fehlt es an Arbeitsnachwuchs 
(wie die Zeitschriften der Universitäts-Fakultäten, die Zeitschrift des Instituts für die Er- 



2i6 DU Welt des Islams, Band 6. nU8, Heft Sji 

»CO0e0e00(XO00000(»(X»C<XXXXX)00000000CXXXX)0000CXXX)00000000000000000000000000^ 

lorschung islamischer und türkischer Denkmäler, das Organ des Instituts für osmanisrhe 
Geschichte). 

Halid Sia selbst hat für die osmanische Literatur Außerordentliches geleistet: er ist der 
einzige, der auf dem von ihm geschaffenen Gebiete, dem modernen Roman, Bedeutenderes 
hervorgebracht hat. (Neben ihm sind vorhanden eine Anrahl tüchtiger Erzähler, die wohl 
von ihm befruchtet wurden, zum Teil über ihn hinausgekummen sind.) Vor etwa zwei 
Jahren wandte er sich dem Drama zu, zunächst mit Anpassung fremder Stoffe (Prancillon 
Yon Dumas Fils unter „Ferusan", Souris von Paillon unter „Fare"). Neuerdings trat er auch 
mit einem Drama hervor: Kabus „Alt", das das Problem der türkischen Frau behandelt 
und das von der Kritik nicht unfreundlich aufgenommen wurde. 

Es ist ein Zug im türkischen Wesen, der für die Dühnenliteralur versprechend ist: die 
Freude an komischen Situationen. Es ist seltsam, daß das nicht zu einer guten Ent- 
wicklung des Lustspiels geführt hat. 

In der Erzählung stehen neben Ilalid Sia einige Talente, die von ihm selbst an- 
erkannt und die in Stambul in allen Kreisen geschätzt werden. Halid Sia selbst nannte 
vier: Refik Halid, Falid Rifki, Ja'kub Kadri und Omer Seifeddin. Ich fuge 
hinzu: Ruschen Eschref, der sich an Originalität der Erfindung und an Einfachheit 
und Ursprünglichkeit der Sprache mit dem ersten jener vier: Ja'kub Kadri, messen 
kann. (Von Ja'kub Kadri und Omer Seifeddin erschienen Erzählungen im Mai und Juni 
d. J. in der Sonntagsbeilage des Osmanischen Lloyd.) Lag es nicht näher, etwas Ton jenen 
fünf modernen Prosateilen vorzulegen als ein, vom Dichter selbst verleugnetes Jugendwerkf 
Bedeutend ist nichts, was in der Erzählung geleistet wurde, die reilsten Werke Halid Sias 
ausgenommen. 

Wird nicht von der neuen Lage, die für die osmanischen Türken durch die Kapitulation 
vom 31. Oktober geschaffen ist, die Literatur berührt werden? Wird man sich in dem 
schwer geprüften Volke ernstlich fragen: was sind unsere Aufgaben, wenn wir als Volk 
von Ansehen und von Eigenpersönlichkeit im Kreise der Staaten und Gesellschaften weiter 
bestehen wollen ? Wird man imstande sein, die Frage so zu lösen, daß dem osmanischen 
Volke eine Zukunft bleibt? ^'on der Antwort wird die Zukunft auch der osmanischen 
Literatur abhängen. Martin Hartmann ■}• 

Golem an Philippson and Noel Buxton: The Ouestion of the 
Bosphorus and Dardanelles. London: Stevens and Haynes 1917. 
XVI und 264 S. 8° 

Bei dem alten Politikbetrieb war das Schwarzmeer ein Tummelplatz des furor navalis. 
Nachdem die Türken als Seemacht ausgefallen, trieb die russische Flottenwut dort ihr 
Wesen. Der Riegel, der in den türkischen Befestigungen der Meerengen vorgeschoben 
war, hinderte nicht den Bau von Schlachtschififen auf russischen Werften, und gelegentlich 
wischte ein oder das andere Schiff durch ins Mittelmeer oder umgekehrt, auch in den 
Zeiten, wo durch Staatsverträge allen Kriegsschiffen die Durchfahrt verboten war. Am 
schärfsten beleuchtete alle diese Fragen Goriainow in seiner, fast nur auf archivalischen 
Studien beruhenden Tendenzschrift (Empfehlung der Rückkehr zu der starken Politik 
Katharinas II): „Lc Bosphore et les Dardanelles" (Paris 1910 mit (Geleitwort von Gabriel 
Hanotaux, vgl. darüber Hasenclever in Göttingische Gelehrte Anzeigen 191 2, No. 2, 
S. 103 — 117 und den juristisch scharfen Bericht v. Martitz' in Zeitschrift für Ost- 
europäische Geschichte I (1911) S. 420 fr.). Neben der russischen Darstellung hat be- 
sonderes Interesse diese neueste englische von Philippson und Buxton. Die Verfasser 



JÄteratur. 2 1 7 

aC<)C«0000000CXX>00«000OiX>(XXXXX)CXX3000000CKXO00000000000COCO000CX^^ 

sind objektiv genug, um auch russische Stimmen gegen den Byzanztraum wiederzugeben, 
wie die Denkschrift des Gesandten v. Rosen (jetzt abgedruckt in der Septembernummer 
der „Neuen Rundschau", vgl. Neuer Orient 111 S. 5^3 f-j wo Auszug gegeben ist). Die 
Verfasser neigen der Lösung durch Internationalisierung der Meerengen zu: über frühere 
Vorschläge dieser Art s. Dascovici, „La Question du Bosphore et des Dardanelles", 
Gen^ve 1915. (Auch Dascovici will mehr eine große Übersicht geben als Ergebnisse 
der Spezialforschung ; bei ihm spielt die Hauptrolle Rußland, dessen Verhalten er scharf 
geißelt: Als Rumäne lehnt er die Sasonoff'sche Auffassung „Das schwarze Meer ist das 
russische Meer" als unerträglich für Rumänien, Bulgarien und die Türkei ab; vortrefflich 
ist seine stete Heranziehung des wirtschaftlichen Moments; hinsichtlich der Zukunftsgcstaltung 
kommt er nicht über die alte Neutralisierung hinaus, die durch internationale Ordnung ge- 
sichert werden müsse, deren Hut aber nicht Rußland anvertraut werden dürfe. Für Ver- 
suche internationaler Lösung verweist Dascovici auf den Plan des Griechen Dionysios 
Rattos, „Constantinople Ville libre", Paris 1870, den Bericht betreffend die Meerengen 
und Kanäle im Kriege für die 18. Sitzung im Haag, 3. — 5. September 1913? endlich die 
Nationalitätenkonferenz in der Plcole des Hautes Etudes Sociales, Juni 191 5 unter Painleve 
und Seignobos mit Forderung der Internationalisierung der Meerengen und Kanäle). Durch 
die neueste Entwicklung ist der Internationalisierangsgedanke in eine breitere Sphäre gerückt; 
man wird bei den ,, Meerengen" nicht stehen bleiben dürfen, es sind vielmehr alle Welt- 
straßen jeder Art einzubeziehen. Philippson und Buxton heben trefflich hervor das 
Schwanken der russischen Haltung in der neuesten Zeit, das illustriert wird durch Miljukoff, 
der als Außenminister im April 191 7 die Herrschaft Rußlands über das Schwarzmeer 
verlangt, während ein paar Tage später Prinz Lvoff die Okkupation ablehnt und am 
15. Mai 1917 Miljukoff auf Konstantinopel verzichtet. Auf den letzten Seiten des Werkes 
werden, neben etwas kühner Zukunftsmusik, Einzeläuflerungen der älteren Zeit herangezogen 
wie Pinons Worte (Revue des deux mondes 1905, S. 604) über das rücksichtslose, alle 
internationalen Maßnahmen im eigenen Interesse ausbeutende England, worauf nur erwidert 
wird, daß die andern es noch schlimmer machen. Wo von der einheitlichen zwischen- 
völkischen Regelung der Wasserstraßen der Welt gehandelt wird (Grundlegung in Teil i 
Kap. 2), geschieht es ohne die juristische Schärfe, mit der v. Martitz im Referat über 
Goriainow auf das Problem eingeht. Martin Hartmann f 



oeoceeoüooooooooc)ooooooooooooooooooocxxxx»ooo(xyx)ocKX30ooooooooooooooo o oooooooooo»XK^ao 9 000000<^^ 



2i8 T)'ie Weh d'^ Islams, Band H. i,9/.v, Heft 314 

ef«0C000OO0OCXX»00O000000000OCX50CKXXXXX<XXXXXDOOOOOCI0OO0OCKXKXXX>X)OOOOCXX)OC»0CXX^ 



BIBLIOGRAPHIE. 

♦ bedeutet Vorhandensein in der Bibliothek der Gesellschaft, f Vorhandensein in der 
Deutschen Auslands-Bibliolhek. Nach dem Titel in [ ] stehen Zugangsnummer der Bibliothek 
und gegebenenfalls Name des Geschenkgebers. * 



Ausführliche Besprechung einzelner Werke h)leibt vorbehalten. 

857. Der Islam und seine modernistischen Strömungen. Von Said 
Memun [Ma'mün] Abul-Fadl. o. O. (1917.) 15 S. 8° 

858. Die russische Gesetzgebung über den Islam bis zum Ausbruch 
des Weltkrieges. Von Hermann Koch. Berlin: Neue Orient 1918. 
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Jahrhundert. Von Josef v. Karabacek. 1. Wien: Holder in 
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in peace and in war. By Clarence D. Ussher, Grace H. Knapp, 
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(Const. 1917: Dette publ. ottoman.) 60 S. 8° 

866. Der Türkenhof. Eine Geschichte a. d. Zeit d. Türkenkriege 
von Clara Hacker. 2. Aufl. Jena: Schmidt 1918. 150 S. 8^ 

867. The War and the Bagdad railway. The story of Asia Minor 
and its relation to the present conflict. By Morris Jastrow, jr. 
With 14 ill. and 4 maps. 2. impr., with a new pref. Philadelphia 
& London: Lippincott (1918). 160 S. 8° 



Bibliographie. 2 1 9 

9oeoec)0ocxxx<x>oooaooc)00oooooooooooooo(xxxxxxxxxx)00oooooooooooooooooooo(xxxxx 

868. Ahmed Rüstern Bey, La Guerre mondiale et la question 
turco-armenienne. Berne: [Wyss] 1918. v, 204 S. 8° 

■]■ 869. Deutsch-Armenische Korrespondenz. Hrsg. von derDeutscii- 
Armenischen Gesellschaft, Berlin. Jg 1918. No. 1 — 3. Berlin- 
Schöneberg 1918: Sayffaerth. 4° 

870. Great Britain and thejews. By Albert M[ontefiore] Hyamson. 
London 1918: Edinburgh Pr. 1 1 S. 8° 

871. Great Britain, Palestine and the Jews. Jewry's celebration 
of its National Charter. London: Zionist Organisation 1918. 
59 S. 8° 

872. Dawn in Palestine. By William Canton. 2. ed. London: 
Soc. for Promoting Christ. Knowledge 1918. X, 99 S. 8° 

873. The German Attack on the Hebrew schools in Palestine. 
By Israel Cohen. London: Jewish Chronicle 1918. 19 S. 8° 

874. Le Sacrilege de la Terre Sainte. Le Mont des Oliviers 
bombarde par les Anglais. D'apres le recit du gardien du 
Saint Sepulcre Alphonse d'Alonzo. (Freiburg 1918: Herder.) 
19 S. 8° 

875. Jerusalem. Von Sven Hedin. [Gr. Ausg.] Leipzig: Brockhaus 
1918. VI, 342 S. 8° 

876. Die griechisch-römischen Städte des Ostjordanlandes. Von 
Hermann Guthe. Leipzig: Hinrichs 1918. 44 S. 8° (Das Land 
d. Bibel. Bd 2, H. 5.) 

877. The Arab of Mesopotamia. Publ. by the Superintendent, 
Governm. Press, Basrah. (Bombay um 1 9 1 7 : Pearson.) 202 S. 8° 

878. German Intrigues in Persia. The diary of a German agent 
(W. Griesinger). The Niedermayer Expedition through Persia 
to Afghanistan and India. Transl. from the German. London: 
Hodder & Stoughton 1918. 39 S. 8° 

879. La Situation de l'Egypte. Par J. S[elden] Willmore. Geneve: 
Atar 1917. 45 S. 8° 



«•oo»oeooooooooooooooc<»oooo(>y>oooooooocxxxxx>ooooo«x«aoooooooooooooc»ooooooo oo ocBO«ao» ooocio oooo»c»^ 



2 20 Die yVelf des Js/ams, Band fi 1'.)18, Heft 3j4 

TTrff'T«m«mfyinf)fHTfli>ntnrnrwofXK>nr>fwv)nr*»x)rionooooivii'ii'ii muh ><>onrirKXinoriririrr»>vioorririTrf)fTriorririr^ 



NAMENREGISTER \ 

(VERFASSER, VORTRAGENDE, REFERENTEN.) 



'Abdallah, Artin, T. *3i 
Abul-Fadl, Sai'd Ma'mün *2ii 
Ahmed Muhieddin *3i 
Ahmed Rüstern Bey *2i9 
*AlI, Hasan *66 
Alowzo *2i9 
Artin T. *3i 

Banse *3o 
Bareilles *2i8 
Benson *30. *64 
Bierbaum '-'31 
Bolland, Wely Bey *3i 
Brereton *65 
Brockelmann t,^. *64 
Buxton *3o, *2i6 

Canton ^219 

Christ-Socin *3i 

Giemen *29 

demente da Terzorio *6,5 

Cohen ^219 

Cooper *3o 

Djavid Bey *2i8 
Dieterich *3o 

Eberhard *2 9 
Einstein *3o 
Emin, Achmed *64 
Endres *32 
Enfrey *64 
Eversley *2i8 



Fa'iz al-Husain *6,5 
Fudali *29 

Gairdner *3 2 
Griesinger ^219 
Griselle *65 
Grothe *2 9 
Guthe ■■'219 

Hachtmann 1. 28 

Haecker *2i8 

Halid Sia ^=215 

Hartmann *29. 40. 216. 217 

Hasan 'Ali *66 

Hassert ^64 

Hedin *^2. *65. *2i9 

Heffening- 26. 63 

Henschke *32 

Hoare *65 

Hurgronje, Christian Snouck *32 

al-Husain, Fa'iz *65 

Hyamson *2i9 



Jabotinsky *64 
Jaenecke *65 
Jäschke *3o 
Jastrow *2i8 
Is6t M61yh *2 7. 



^31 



Kahle '•'^^z 
Karabacek *2i8 



1 Der Stern vor einer Zahl bedeutet, daß an dieser Stelle eine unter dem roranstebendea 
Namen erfolgte Veröffentlichung besprochen oder angeführt wird. 



iVa inen rd/laler. 



2 2 1 



Ivlabund "^^2 

Kluge *3i 

Knapp *2i8 

Koch *2i8 

Krause, Paul R. *2 9 

Kurayyim Sallam '*:^2 

Lorenz 72 
Lucas *66 

Madelin *2i8 

Ma'mün Abul-Facll, Said *2ii 

Mandelstam *3o 

Marschall 28 

Meda *65 

M%h, Iset '■•2j. *3i 

Mirbt *2 9 

Morgan *64 

Mugerditchian '-^Os 

Muhieddin, Ahmed ===31 

Munir, Sälih ^64 

M2ik *64 



Parfit *3i. *66 
Phillipson ••=30. *2 1 6 
Piquet *66 

Rüstern Bey, Ahmed *2 1q 

Sachs *66 

Sallam, Kurayyim ^32 
Sanusi *29 
Schmidt, Franz *2 8 
Schmidt, Hans ^32 
Sia, Hahd *2 15 
Sieveking *3o 
Süssheim *65 

Toynbee =''30 

' U m a r-i-ij[ aj j ä m '^-^2 
Ussher *2i8 

Wagener *2 8 
Wehberg *2 8 
Willcocks *66 
Willmore *2 19 



222 Die Weh (hK /s/ainx. Band 6. /.''/'S', lli'ft .7/4 

■oooeoooooooooooe<oooooooooooooooooooooc < xx30ooooooooooooooooooooooooooocx)ooocxx)ooooooooooooooooco^ 



SACHREGISTER. 



Abclbil 25 

al-AJibär 25 

Akseham 62 

Aktstycken, Diplomatiska 64 

Aleppo 24 

Ano-Kato 63 

Ansprache an die islamische Welt 

Arab, The, of Mesopotamia 2 1 9 
Armenien 31. 65. 219 
Aty 61 
Aurore 26 

Bagdad 31. 66 
Beirut 26 

Beirat (Zeitung) 26 
Bibliographie, Religions- 
geschichtliche 29 
al-Bilag 26 
Brotherhood 65 

Damaskus 25 

Deutschland und der Orient 29 
Domination, The Ottoman 30 
Domination Ottomane 65 

Empros 63 

Frauenfrage im Osmanischen 

Reiche 72 
Furät 25 
Future, The commercial, of 

Baghdad 31 

Glaubenslehre, Muhammedani- 
sche 29 



Great Britain, Palestine and the 
Jews 2 1 9 

Haftalyq Gazeta 62 
Hairenik 62 

Handelstoekomst van Bagdad 31 
Hartmann, Martin t 67 
Hilal-i-ahmer 62 

Jeni gün 62 
al-Iha' al-utmani 26 
Journal de Beyrout 26 
Journal d'Orient 62 
al-Iqbäl 26 
Islam 218 

Italia e la Palestina 65 
al-Ittihad al-islaml 25 
Jugend, Türkische, in Deutsch- 
land 65 

Kentri 63 

Konstantinopel 26. 61. 218 
Koran [schwed.] 64 
Korrespondenz, Deutsch -Arme- 
nische 219 
Kriegsurkunde aus Mekka t^t^ 

Mekka t,^ 

Mesopotamien 31. 65 f. 
Mitteilungen, Deutsch-Türkische 

Vereinigung 31 
al-Muqtabas 25 

Nea Zöi 62 

Overheersching, De Turksche 30 



S/'-'h-register. 223 

ooooeooocxxx)ooo(X)oooooooooooooooooocxxx)oooooooooooooooooocooooooooooooo^^ 



Palästina ^,2. 05. 219 
Persien 66 
Pharos 62 
Presse Syriens 24 

ar-Ra'jal-*amir 25 
Reich, Das Türkische 29 
Report of the Mesopotamia Com- 
mission 31 

Salut au drapeau 218 

a§-Sarq 25 

Scheitän 03 

Schu'le 62 

Sort de la Perse 66 

Staatsbürgerbibliothek 28 

Steppe, Die große, Asiens und 

die Westoststraßen 40 
Sürijja 25 
Syrien 24 



Tachydromos 62 
Treatment of Armenians 31 
Türkei 29. 64. 218 
Türkisch 31 

Türkische Übersetzungen 1 
Turan (Zeitschrift) 29. 04 

Übersetzungen, Türkische 1 
Urkunden, Türkische, aus Ungarn 
30 

Vereinigung, Deutsch-Türkische 
31 

Waqyt üi 

Witzblätter in Konstantinopel 63 

Zeitungen in Damaskus 25 
Zeitungen in Konstantinopel 26.61 
Zemän 62 



op<x)Qeoooooooooooooooooocxxxx»oaoooc»ooooooooooooooooooooooooooooooocxx3ooooo(xxxaoooeooeoooo(xx3goa«^ 



DRUCK VON AUGUST HOPFER IN BURG BEI MAGDEBURG 



NACHRICHTEN ÜBER 

ANGELEGENHEITEN DER 

DEUTSCHEN GESELLSCHAFT 

FÜR ISLAMKUNDE 



Naehrichien über Ai igele gnuhidten di-r Gesdlschafi. HI 

roooeooooooc>ooeooooooooooocxxxxxx3000000C)ooooc«ooaxxx)oooooooocxx)oooooocxxxxxx]^^ 

Auszug aus dem Protokoll 

der 

siebenten ordentlichen Hauptversammlung, 

die am 18. März 1918 nachmittags 6 Uhr 

in den Räumen der Kolonialbank A.-G., Berlin, Behrenstr. 31, 

stattgefunden hat. 

Anwesend die Herren Geheimrat Becker, Dr. Krnst Feder, Professor Dr. Hart mann, 
Direktor HeUmann. Professor Dr. Kampffmeyer, Fräulein Friedel Pappenheim. 
Kaiserlicher Gesandter z. D. Rasch d au. Professor Dr. Sobernheim. 

Nach Eröffnung der Sitzung legte Herr Hartmann zu Punkt i der Tagesordnung den 
Geschäftsbericht des Vorstandes vor. Am 22. Februar 191 7 betrug die Zahl der Mit- 
glieder 414. Durch den Tod verlor die Gesellschaft 3 Mitglieder, die Herren General- 
leutnant z. D. Imhoff Pascha, Franz Saulmann und cand. phil. Otto Schleich, der 
auf dem Felde der Ehre fiel, durch Austritt 9 Mitglieder. Die Versammlung ehrte die 
Dahingeschiedenen durch Erheben von den Sitzen. Dem verstorbenen Imhoff Pascha 
wurden warme Worte des Andenkens gewidmet: seit den Anfängen der Gesellschaft ihr 
Mitglied, wurde er 1915 in den Vorstand gewählt; mit besonderem Dank vrarde seine 
Tätigkeit bei Sonderarbeiten der Gesellschaft erwähnt; er war mehrfach Mitglied von 
Kommissionen und leistete bei diesen Gelegenheiten wertvolle Arbeit. Neueingetreten 
in die Gesellschaft sind seit dem 22. Februar 191 7 18 Mitglieder. Der gegenwärtige 
Bestand beträgt 420 Mitglieder. 

Der Vorsitzende griff sodann auf den Beschluß der 5. Hauptversammlung (1916) zunick, 
daß seitens der Gesellschaft Kurse über den Islam abgehalten werden sollten; es wiirde 
dazu ein Ausschuß gewählt. In der 6. Hauptversammlung wurde berichtet, daß die Aus- 
führung des Planes auf Schwierigkeiten gestoßen sei, und daß daher für den Winter 
1916/17 davon Abstand genommen werden mußte; der Plan sei aber nicht auligegeben 
worden. Im Berichtjahre betraute der Ausschuß Herrn Prof. Hartmann, die Probleme des 
Islams in Vergangenheit und Gegenwart, die Gegenstand solcher Kurse werden müßten, 
in einer kleinen Zahl von Vorträgen zu behandeln. In diesem Sinne hat Herr Prof. 
Hart mann vier Vorträge gehalten. 

In den Beziehungen zu der Nachrichtenstelle für den Orient trat keine Änderung eint 
es wurde an dem Programm der Arbeitsteilung, wie es in dem Protokoll der 6. Haupt- 
versammlung mitgeteilt ist, festgehalten. Das Organ der Nachrichtenstelle, ,,Der Neue 
Orient", konnte den Mitgliedern der Gesellschaft kostenlos geliefert werden, da das Aus- 
wärtige Amt der GeseUschafl im Jahre 1917 eine Unterstützung von M. 3360. — gewährte, 
für die der Vorsitzende den warmen Dank der Gesellschaft aussprach. Der Vorsitzende 
erwähnte sodann die Gründung der Deutsch-Persischen Gesellschaft, deren konstituierende 
VersammJung am 29. Januar stattfand. Es wurde Mitteilung gemacht von dem Wunsche 
unsere» Vorstandsmitgliedes, Dr. Fr ob erger, daß den persischen Dingen in unserer Arbei; 
besondere Beachtung geschenkt werde, und der Vorsitzende begrüßt diese Anregung als 
dankenswert. 

Ao uas sich darin aussprechende Interesse für die Persischen Angelegenheiten knüpfte 
der Vorsitzende die Mitteilung, daß von Dr. Fr ob erger ein Antrag auf besondere Be- 

I* 



"[V Sacfiriehten über Angeli'fjetiltciteii 

SOOOeOOO(XXXXXXX90(XXXXXXX30000000000(X)OOOOOOOOOOOOOeOOOOOOOOOOOOO(XXXXXX>0000000000(X>^^ 

achtung der persischen Dinge durch die Gesellschaft beabsichligl war, daß aber mit Rück- 
sicht auf ihren allgemeinen Charakter diese Anregung fallen gelassen wurde. Die Grundlagen 
für eine systematische Arbeit für Persien seien gelegt; immerhin sei die Anregung des Herrn 
Froberger dankenswert und der Herr Herausgeber der Welt des Islams werde gewiß gern 
den persischen Dingen einen breiteren Raum gewähren, wenn brauchbare Arbeiten eingehen. 
Herr S ober nheim erstattete darauf den Kassenbericht für das Jahr 1917, der folgendes 

Bild zeigt: 

Jahresrechnung 1917. 
Einnahmen: 

1. I. 17 Kassenbestand . . . M. 7285.70 

Mitgliederbeiträge 3661.05 

Einzahlung Dr. Wentzel . . „ 5°- — 
Absatzergebnis des Heftes 3/4 

von Bd. IV „ 288.— 

Verkauf von Bd. 1— IV . . . „ 27.— 

Zinsen „ 124.50 



M. 1 1436.25 



.■^ 


usgaben: 




Herstellung v. Bd. 


IV, Heft 34 




= ^Vi Bg. Satz, Druck, 




Papier und Honorar . . . M. 


1608.05 


Herstellung v. Bc 


. V, Heft 12 




= 7 Bg. Satz, 


Druck usw. ,, 


1164.23 


Honorar für Bd. 


V. Heft 3 . „ 


301.50 


Gehälter . . . 




1200. — 


An die Verlagsbuchhandlung 




für Mitglieder 


laut Vertrag ,, 


256.20 


10 "/o Vergütung 


auf Vertrieb 




von Bd. I— IV 


!1 


3-70 


Resthonorar Heffening . . . „ 


94.50 


Unkosten : 






Telephon . . 


M. 100.70 




Porti .... 


r '73-56 




Prof.Hartmann 






kl. Ausgaben 


1, 97-90 




Materialien . 


„ 194.06 




Verschiedenes 


„ 108.58 




Bücher . . 


„ 98.99 




Transport . 


M 55-— 




Schreibhilfe 


„ 40.— 




Argus . . . 


„ 70.— 




Drucksachen 


„ 39.85 




Bankspesen 


., 28.35 




Gerichtskosten 


„ 41.66 „ 


1048.65 


Osmanischer Lk 


yd .... „ 


13-— 


Kassenbestand 


11 


5746.42 




M. 


11436.25 



Sonderkonto. 



Einnahmen : 
Beitrag für den Neuen Orient 
vom Auswärtigen Amt . . 



M. 3360. — 



M. 3360. 



Geprüft und für richtig befundea. 
Berlin, den 13. März 1918. 
R. Junge. 



Ausgaben: 

Abonnement usw M. 1812.18 

Saldo bei der Deutschen Ban k „ 1547.82 

M. 3360. — 



Berlin, den 15. März 1918. 

Dr. Feder. Rechtsanwalt. 



der (jnseiiK>'li(ift. ^ 

O0OO€)O0OCXXXXXXXXXX>90O(X)CKXXXXXXXX)(X)000O0C»CXX»OOOOOOC)OOOO0OCXXX)^^ 

Die Vcrsanunluiig erteiltf dem Geschältsführenden Vorstande Entlastung. 

Nach Eintritt in Punkt 2 der Tagesordnung: „Haushaltsplan für das kommende Jahr" 
trug Herr Sobernheim den Voranschlag für 1918 und den Kassenbericht vor, die in 
der von ihm vorgelegten Fassung hier folgen. 

Kassenbestand 31. Dezember 1 9 ' 7- 

iJankguihaben der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde . . M. 5310.76 

Bankguthaben, Sonderkonto • » 1547-82 

Bankguthaben am 31. Dezember 1917 auf der Deutschen Bank M. 6858.58 
nach Auszug der Bank 

Kasse Professor Sobernheim M. 384.85 

Kassenbestand des Büros -.i 5°-8t 

M. 7294.24 

Kassenbestand der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde . . M. 5746.42 

Kassenbestand, Sonderkonto ^^ i547-02 

M. 7294.24 

Voranschlag für 1918. 

Einnahmen: Ausgaben: 

Rest aus dem Jahre 191 7 ■ • M. 5746-42 Gehälter M. 1200.— 

Einnahmen aus Beiträgen . . ,. 2500.— | Spesen „ 1600.— 

Absatz „ 200.— Druck „ 45oo-— 

Fehlbetrag „ 2665.15 , Honorare , 1200.— 

I Schulden: Bd. V, Heft 3 u. 4 

I Druck usw • -., 26x1.57 

M. II 111.57 I M. II1II.57 

Zu Funkt 3: „Wahl des neuen Vorstandes" stellte der Vorsitzende zunächst fest, da(ä 
der in der vorigen Hauptversammlung gewählte Herr Geheimrat Prof. Dr. Becker die Wahl 
angenommen habe. Durch den Tod des Vorstandsmitgliedes Generalleutnant z. D. Imh off 
Pascha ist eine Stelle im Vorstande freigeworden. Die Wiederbesetzung sei nicht erforder- 
lich, da nach § 7 der Satzung der Gesamtvorstand aus mindestens 9 Personen besteht, der 
gegenwärtige Bestand aber 17 Personen beträgt; jedoch sei es vränschenswert, entstehende 
Lücken durch Männer auszufüUen, von denen Teilnahme an den Arbeiten der Gesellschaft 
zu erwarten ist; der Geschäftsführende Vorstand schlage Herrn Dr. Junge als Ersatz für 
Imh off Pascha vor. Der Vorschlag wurde angenommen. Die übrigen Mitglieder des 
Vorstandes wurden darauf auf Vorschlag Seiner Exzellenz Raschdau durch Zuruf wieder- 
gewählt, ebenso der Geschäftsführende Vorstand. 

Punkt 4 der Tagesordnung „Wahl der Revisoren" wurde durch Wieaerwahl des 
bisherigen Revisors Herrn Dr. Feder und Neuwahl des Herrn Bankdirektor Hellmann 
erledigt. 

Anträge waren nicht eingegangen. 

Schluß der Sitzung 7 Uhr. 

gez. Prof. Dr. Hartmann, gez. Prof. Dr. Sobernheim 

Erster Vorsitzender. in Vertretung 

des abwesenden Schriftführers. 



VI hiii-lnic1it> II iihi-r Ai (ji lege nh eilen 

OOO0eO0<XXX)OC«OOO0OOOO0OO000O0OOO00CXX)0OC)OO0O0OOCXXXXXXXXXXX)O0OOO0O0O0OOO^^ 

Der Ausschuß der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde. 

Dr. Ar ning , Mitglied des Abgeordnetenhauses. Jlannover. Lic. theol. K. Axenfeld, 
Missionsinspeklor, Berlin. Dr. C. Bachern, Justizrat, Siegln-; b. Berlin. Dr. C. Bezold, 
Geb. Ilofral. Professor an der Universität Heidelberg. Karl von BöhlendorfF-KÖlpLn, 
Kittergutsbesitzer, Rittmeister a. D., M. d. R., M. d. .'\., Regezow a. Usedom. Dr. C. 
Brockelmann, Prolessor an der Universität Halle a. S. Dr. F. Delitzsch, (ieh. 
Regierungsrat. Professor an der Universität Berlin. Dr. B. Dernburg, Exzellenz, Wirk- 
licher Geh. Rat. Staatssekretär des Reirhskolonialamts a. D., Grunewald b. Berlin. M. Brz- 
berger, M. d. R., Berlin. Dr. B. M. Grunwald, Konstantinopel. Dr. H. Guthe, 
Professor an der Universität, Vorsitzender des Deutschen Vereins zur Erforschung Palästinas, 
Leipzig. Otto Harrassowitz, Hofrat, Verlagsbuchhändler, Leipzig. Dr. von Hart- 
mann, Direktor der Deutschen Orientbank. Konstantinopel. D. Haußleiter, Professor 
an der Universität Halle a. S. Dr. O. von Hentig, Exzellenz, Wirklicher Geh. Rat, 
Staatsminister z. D., Berlin. Dr. F. Hommel, Professor an der Universität München. 
Professor Dr. E. Jäokh, Berlin. Pi'ofessor Dr. A. von Le Coq, Dahlem b. Berlin. 
Dr. Johannes Lepsius, Vorsitzender der Deutschen Orient-Mission, Potsdam. Fürst 
zu Löwenstein-Wertheim, Durchlaucht, M. d. R., Berlin. Dr. F. von Luschan, 
Geh. Regierungsrat, Professor an der Universität. Direktor am Königl. Museum für Völker- 
kunde. Südende b. Berlin. D. Mirbt, Geh. Konsistorialrat, Professor an der Universität 
Göttingen. Dr. Eberhard Graf von Mülinen, Kammerherr Seiner Majestät des 
Kaisers und Königs. Rosengarten, Gerzensee (Kanton Bern). Dr. Pavil Nathan, Berlin. 
Professor Dr. H. Nützel, Kustos bei den Kgl. Museen, Berlin. Professor Dr. 
C. Paul, Missionsdirektor, Leipzig. Dr. M. Rade, Professor an der Universität Mar- 
burg i. H. A. Renschhausen, Königl. Kommerzienral, Kötzschenbroda bei Dresden. 
Adolf Rost, Verlagsbuchhändler, Leipzig. Dr. Schmidlin, Professor an der Universität, 
Herausgeber der Zeitschrift für Missionswissenschaft. Münster i. W. Dr. F. Schultheß, 
Professor an der Universität Straßburg i. E. Dr. Gh. F. Seybold, Professor an der 
Universität Tübingen. Dr. H. Stumme, Professor an der Universität Leipzig. 
J. K. Victor, Groökaufmann, Bremen. Waldstein, Justizrat, M. d. R., M. d. A., 
Altona. Dr. J. Warneek, Missionsinspektor, Barmen. Friedrich Würz, Herausgeber 
des Ev. Missions-Magazins. Lörrarh-Stetten. Baden. 

Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde. 

Professor Dr. C. H. Becker, Geh. Regierungsrat. Dr. Ernst Feder. Dr. Josef 
Froberger. Professor Dr. Hubert Grimme. Professor Dr. Friedrich Giese. 
Professor Dr. Martin Hartmann. Direktor Julius Hellmann. Referendar 
Dr. G. Jäschke. Redakteur Otto Jöhlinger. Dr. R. Junge. Professor Lic. 
theol. Dr. Paul Kahle. Professor Dr. Georg Kampffmeyer. Professor Dr. 
E. Mittwoch. Professor D. Dr. Julius Richter. Professor Dr. M. Sobernheim. 
Konsul a. D. Ernst Vohsen. Professor D. Westermann. Dr. Alfred Wiener. 

Geschäftsführung 1918. 

Erster Vorsitzender: Professor Dr. Martin Hartmann. 
Zweiter Professor Dr. Georg Kampffineyer. 

Schriftführer: Referendar Dr. G. Jäschke. 

Schatzmeister: Professor Di'. M. Sobernheim. 

Herausgeber der Zeitschrift: Professor Dr. Georg Kampffmeyer. 



der GeMÜschaft. VIT 

BoooeococxioooeBoettooooooo(xx)Oooooo(xxaot »x »oeoooeooooooooo<xx)OOOüoo«xxxxx>oooooo(y»cxx 



Mitglieder -Verzeichnis. 

(Stand vom i. Juni 1918.) 

• bedeutet: lebenslängliches Mitglied. — • bedeutet: beigetreten nach dem 15. Juni 1917. 

Kaiser]. Deutsches Konsulat, Adana (272) 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Aleppo (273) 

Kaiser]. Deutsches Konsulat, Bagdad (274) 

Kaiser). Deutsches Konsulat, Beirut (275) 

Ballian - Syndikat der Deutschen Maschinen -Industrie, Berlin W 50, Tauentzien- 

straße 19 b (53 1) 

• Türkische Abteilung der Nachrichtenstelle für den Orient, Berlin W 50, 

Tauentzienstr. 19 a (546) 

Nachrichtenstelle für den Orient, Berlin W 50, Tauentzienstr. 19a (467) 

• Orientalisches Seminar, Bonn (Rhein), Poppelsdorfer Allee 25 (554) 

Königl. Universitäts-Bibliothek, Bonn (Rhein) (^97) 

Städtisches Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde (Direktor Prof. Schau- 
insland). Bremen (51) 

Königl. und Universitäts-Bibliothek, Breslau (254) 

Stadtbibliothek, Budapest, IV. Gröf Kärolyt-utca 8 (530) 

Bayerische Missionskonferenz, Vorsitzender: Pfarrer Gerhard von Zezschwitz, Burg- 
bernheim (Mittelfranken) (376) 

Universitäts-Bibliothek, Christiania (durch Jacob Dybwad, Univ.-Buchhdlg) . . . (94) 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Damaskus (276) 

Das Kaiserl. Gouvernement von Deutsch-Ostafrika, Daressai am (Deutsch -Ostafrika) (162) 

Großherzogl. Hof-Bibliothek, Darmstadt (230) 

Königl. Landesbibliothek, Dresden- N. 6 (47') 

Landes- und Stadibibliothek, Düsseldorf. Friedrichplatz 7 (49 1) 

Biblioteca Nazionale Centrale, Florenz (260) 

Orientalisches Seminar der Universität Frankfurt a. M (458) 

• Stadtbibliothek, Frankfurt a. M.. Schöne Aussicht 2 (561) 

Königl. Universitäts-Bibliothek, Frankfurt a. M (463) 

Redaktion der Katholischen Missionen (Herdersche Verlagshandlung), Freiburg i. Br. (219) 

Großherzogl. Universitäts-Bibliothek, Gießen (Hessen) (245) 

Königl. Universitäts-Bibliothek, Göttingen (m) 

Bibliothek des Herzogl. Hauses, Gotha (226) 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Haifa (277) 

Marokko-Mannesraann Compagnie, Hamburg, Domhof, Mönckebergstraße 18 . .■ (208) 

Seminar fiir Geschichte und Kultur des Orients, Hamburg, Edmund SiemersaUee (195) 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Jaffa (278) 

Deutsches evangelisches Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes, 

Jerusalem (248) 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Jerusalem (279) 

Syrisches Waisenhaus. Jerusalem (249) 

Kaiserl. Station Banjo. Kamerun ^^3^8) 



VIH Nachrichten über Angelegmhcilen 

ixxx)eooooocxxx>eee«ooooooooooooooocxx>ooooooooooooooc]ooooooooocxxioooooooooooocxx>ooooooooooooooooo«exxx] 

Kaiserl. Gouvcrneiucul, Buea, Kanit-run (332) 

Kaiserl. Obergericht, Buea, Kamerun • (333) 

Kaiserl. Re.sidentur, Ciarua, Kamerun (335) 

Kaiserl. Hauptslaüon des Bezirks Logont- (Bumo), Kamerun (337) 

Kaiserl. Residentur, Mora, Kamerun (334) 

Kaiserl. Residentur Ngaundere, Kamerun (33^) 

Kgl. Institut für Seeverkehr uüd Weltwirtschaft, Kiel (5 '3) 

Königl. Seminar für internationales Recht an der Universität Kiel, Kiel, Dänische 

Suaße 15,11 (533) 

• Königl. Universitäts-Bibliothek, Kiel (559) 

Königl. und Universitäts-Bibliothek, Königsberg i. Fr (47) 

Kaiserl. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (271) 

Nachrichtenstelle der Kaiserlich Deutschen Botschaft, Konstantinopel 1512) 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Konstantinopel (280) 

Soldatenheim in Konstantinopel, Vorsitzender Pfarrer Kieser (480) 

Deutsche Gesellschaft „Teutonia", Konstantinopel (96) 

Königl. Universitäts-Bibliothek, Leipzig, Beethovenstr. 6 (-03) 

Institut für Kultur- und Universalgeschichte, Leipzig, Universität (80) 

Semitistisches Institut der Universität Leipzig, Arabisch -islamische Abteilung, 

Leipzig (524) 

Königl. Universitäts-Bibliothek, Marburg (Lahn) . (381) 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Mosul (281) 

• Münchener Orientalische Gesellschaft E. V., München (549) 

Königl. Hof- und Staats-Bibliothek, München, Ludwigstr. 23 (43) 

• Türkische Gesellschaft, Münster i. W., stellv. Vorsitzender: Hermann Doeken 

Münster i. VV., Jägerstr. 14 (542) 

• Universitäts-Bibliothek, Münster i. W (552) 

Orientalisches Seminar an der Westfälischen Wilhelms -Universität, Münster, 

Westf. (536) 

Kaiserl. Königl. Universitäts-Bibliothek Prag, durch J. G. Calve, k. u. k. Hof- und 

Univ.-Buchhandlung Robert Lerche, Prag I, Kleiner Ring 12 (91) 

Der muselmanische Studenten-Sportklub (Muslimanski Gjacki Sportski Klub), Saraj ev o 

(Bosnien-Herzegowina) (3S2) 

Königl. Bibliothek, Stockholm (209) 

Kaiserl. Universitäts- und Landesbibliothek, Straßburg i. E (306) 

Königl. Landes-Bibliothek, Stuttgart J[93) 

Museum für Länder- und Völkerkunde (Linden-Museum), Stuttgart (73) 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Trapezunt (282) 

Stadtbibliothek, Trier (462) 

Königl. Universitäts-Bibliothek, Tübingen ('07) 

Großherzogl. Bibliothek, Weimar (250) 

Kaiserl. Königl. Universitäts-Bibliothek, Wien (204) 

Forschungsinstitut für Osten und Orient, Wien 1, Mölkerbastei 10 (508) 

Sudan Pionier Mission, Wiesbaden, Emser Str. 12 (290) 

Hauptbibliothek der Marinestation der Nordsee, Wilhelmshaven (466) 

Königl. Universitäts-Bibliothek, Würzburg (228) 



de)- (res('Usrh''f/. IX 

0(XX3000000000(>X30eOOOOO(>>>XXXXXIO(XXXXXX>OOCXXX>OOOOOOOCK>OCOCXXXXXX)OC<XXXX^^ 

Abel, Hans, Dr.. Leipzig, Kronprinzenstr. 04 (124J 

Acker, Amandus, Provinzial der Väter vom Heiligen Geist, Missionshaus Knechts- 

steden bei Köln. Rheinpr (101 

Aflandil, Arsfene. Banque d'Escompte de Perse in Tauris (341 

Ahrens, Karl. Prof., Oberlehrer am Kaiserin Auguste Viktoria-üymnasiuni, Plön, 

Prinzenstraße (i?^. 

Alb er lall, A., Konstantinopel (283 

• Albu, Curt, Rechtsanwalt, Berlin W 8, Taubenstr. 43, U (553 

Anders, Edgar, Kaiserl. Vizekonsul, Erzerum (Asiat. Türkei), Deutsches Konsulat. 

Jetzige Adresse unbekannt (236 

• Andersen, Hinrich, stud. phil., Flensburg (Schleswig-Holstein), Brixstr. 8 . . (541 
„Anthropos", Administration des „Anthropos". Mödling, Nieder-Österreich . . . (534 

Arne, T. J., Dr. phil., Statens Historika Museum, Stockholm 15 (392 

Arning, Dr., M. d. A., Hannover. Korvinusstr. 5 (66 

Asseo, Leon, Salonique (Türkei), Quartier frang (146 

Axenfeld, K., Lic. theol., Missionsdirektor, Berlin NO 43, Georgenkirchstr. 70 . (154 

Bachern, Carl, Dr. Justizrat, Köln, Kaiser Wilhelm-Ring 13 (17 

Bachern, Franz X., i. Fa. J. P. Bachem, Verleger, Köln a. Rh.. Kölnische Volks- 
zeitung, Marzellenstr. 35^ — 43 (52 

Back, Frau General. Berlin-Schmargendorf. Orber Str. 2 (4 

Baer & Co., Josef, Frankfurt a. M., Hochstr. 6 (196 

Beck, Sebastian, Orientalist und Mitglied der Nachrichtenstelle für den Orient, 

Berlin W 62, Bayreuther Str. 27/28, III (455 

Becker, Carl Heinrich, Prof. Dr., Geh. Regierungsrat, Vortragender Rat im Kultus- 
ministerium, Berlin-Steglitz, Schillerstr. 2 . (18 

• Becker, H., Missionsinspektor, Barmen, Rudolfstr. 137 (544 

Bei, Alfred, Directeur de la Medersa de Tlemcen, Tlemcen (Algerien) (I02 

Prinzessin Viktoria zu Bentheim, Berlin- Wilmersdorf, Aschaffenburger Str. 24 . . (404 

Berghaus, Walter, Agenturen, Konstantinopel (217 

• Bergstraesser, Prof. Dr., Konstantinopel-Pera, Serkisstr. 11 (551 

Berthold, Frau Louise, Berlin W 30, Gleditschstr. 35 (140 

Bezold, Carl, Geh. Hofrat, Prof. Dr.. Heidelberg. Brückenstr. 45 (23 

Bindernagel, Ludwig, Alexandrien (Ägypten) Postfach 240 (233 

Biscaborn, D., Bucarest, Strada Tudor Vladirairescu i (86 

Blum, Nicolaus, Steyl, Post Kaldenkirchen (Rheinland) (171 

Blumenfeld, Kurt, Generalsekretär der Zionistischen Organisation, Berlin-Wilmers- 
dorf, Rüdesheimer Platz 7, z. Zt. Danzig, Frauengasse 39 (403 

de Boer, T. J., Prof. Dr., Amsterdam, Jacob Obrecht Str. 75 (201 

Bonn, M. J., Prof. Dr., Direktor d. Handelshochschule, München, Ludwigstr. 4 . (372 
Borchardt, Paul, Kolonialgeograph, Berlin- Wilmersdorf, Prinzregentenstr. 76, s. Zt. 

Unteroffizier, Oberetappen-Inspektion. Deutsche Feldpost 512 (452 

• Brass, Adolph, Dr., Bonn (Rhein), BaumschulaUee 29 (555 

Braun, Johannes, Generalsekretär, Bonn, Marienstr. 16 (484 

V. Bredow, Frau Hedwig, Berlin W 35, Magdeburger Str. 4 (405 

Brinck, G., Rechtsanwalt, Berlin-Schöneberg, Hauptstr. 136 II (390 

Brockelmann, C, Dr., Prof. a. d. Univ. Halle a. S., Reilstr. 91 (85 



X Nachnchten illny Arigelege.nheiteti 

Briinnuw. Ruclulph V... Dr.. Prof. a. d. L'niv. Prinrclon, N'c\v-|crsey. U. S. \.. 

40 Library I^lacc (n6) 

• Hryde, Edmund, sind, lur , llanihurg 37, Hraliinsallec 21, I (547) 

• Huchberger. Carl, k. u. k. Vizekonsul, zugeteilt der k. u. k. Ostern -Ungar. 

Botschaft, Berlin, Kronprinzenufer 14 (545) 

Buchmann, Ed., Dr., Berlin W 30, Landshuler Str. 17 (402) 

Budde, K., D.. Geh. Konsistorialrat, Prof. a. d. Univ. Marburg a. 1.., Rent- 
hof 17 (128) 

Büttner, Frau E., Charlottenburg, Kaiserdamm 10 • . (407) 

Freifrau v. d. Bussche, Berlin W 57, Keithstr 14 (406) 

Byhan, A., Dr.. Abteilungsvorsteher am Museum für Völkerkunde, llamhurg 13, 

Binderstr. 14 (257) 

Caetani, Leone, Principe di Teano, Rom, Palazzo Caetani (237) 

Ccntralbureau, Zionistisches, Berlin W 15, Sächsische Str. 8 (532) 

Chamberlain, Houston Stewart, und Frau, Bayreuth i. Bayern (106) 

Chamizer, E., Dr., Leipzig-Schleussig, Seumestr. 36 {a'^S) 

Chrambach, Fritz, Kaiserl. Türkischer Konsul, Dresden-A, Licbigs^tr. 7 . . . . (48) 

Christian, Viktor, Dr , Wien Xin'9, Lainzerstr. 120 (83) 

Denker, C, Geh. Regierungsrat, Berlin W 50, Culmbacher Str. 13 (198) 

Dernburg, B., Dr., Exzellenz, Staatssekretär a. D., Berlin-Grunewald, Erbacher 

Straße i (292) 

Dieckmann, P., Preuß. Eisenbahndirektor, z. Zt. Direktor der Iledschazbahn u. 

der vom Staate verwalteten Eisenbahnen in Syrien, Damaskus (514) 

Dietterle, Richard, Alexandrien (Ägj'pten). Postfach 376 (174) 

von Döbeln, Ernst, Dr., Bibliothekar, Uppsala (Schweden), Ö-Agatan iq . . . . (241) 

Dürener Metallwerke A.-G., Düren (Rheinland) (517) 

von Duisburg, Adolf, überleutn. der Schutztruppe, Mora (Kamerun) (377) 

Duvinage, Heinrich, Pastor, Hussinetz bei Strehlen (Schlesien) (350) 

Dynamit-Aktien-Gesellschaft vorm. Alfred Nobel & Co.. Hamburg, Europa- 
Haus (506) 

Eberhard, Schulrat und Seminardirektor, Greiz (473) 

Eisenberg, J., Dr., Dobfisch b. Prag (448) 

End erlin, Missionar, Daraw, Oberägypten (306) 

Endres, Franz Carl, Kaiserl. ottoman. Major, München, Clemensstr. 43, III . . . (456) 

Erzberger, M., M. d. R., Berlin W 9. Budapester Str. 14 (i77) 

Fadilbeg Fadilpasic, Sarajevo, Filipovic Qai i (451) 

Feder, Arlur, Marrakesch (Marokko). Adr.: Dr. Ernst Feder \>. i\.\ (39) 

Feder, Ernst, Dr., Rechtsanwalt, Berlin W 8, Leipziger Str. 103 (4) 

Fehler, W., Bezirksrichter, Berlin W 62, Maaßenstr. 34 (477) 

F'eldmann, Wilhelm, Dr., Korrespondent des ,, Berliner Tageblatts". Konstantinopel- 

Pira, Postfach 20 (3^7) 

Fiedler, Feodor, Ratsassesor, Plauen i.V.. \m Preisselpöhl J. 76 Erdg (89) 

Fraude, K.. Smyrna (98) 



der Ge^elhchafl. XI 

Freund t, A.. Kaiserl. Konsul, Heilsberg/Ostpr., z. Zt. Oberleutnant, Deutsche 

Abteilung a. cl. Dardanellen. Durch Marine-Postbureau, Berlin C 2 ... (157) 

Frey, Th. Dr., Pater, Provinzialoberer der Weißen Väter, Trier, Dietrichstr. 30 . (168) 

Freytag, Kurt, Fabrikbesitzer, Deutsch-Lissa (459) 

Frisch, Albert, Kunstanstalt, Berlin W 35, Lützowstr. 66 (408) 

Frobenius, L., Prof., Berlin-Grunewald, Karlsbader Str. 16 (409) 

Froberger. Josef, Dr.. Bonn, Marienstr. 14 (2) 

Fromholz, R. J., Feldunterarzt, Eberswakle, Eisenbahnstr. 7 (396) 

• Funck-Misousch. Dr., Monti della Trinitä (Schweiz) (556) 

Garbaty-Rosenthal, trugen L., Berlin-Pankow, Berliner Str. 127 (l33) 

Geuthner, Paul, Buchhändler, Paris VI-, 13 Rue Jacob (90) 

Geyer, Rudolf, Prof. Dr., Wien XVIIl/i, Türkenschanzstr. 22 (114) 

Ghaleb Hassib, Chef du Bureau, Deutsche Orientbank in Kaza Djaihan, Wilajet 

Adana (Klein- Asien) (187) 

Giese, Friedrich, Dr., Prof. a. d. Univ. Konstantinopel-Pera, Jemenidschistr. Camon- 

dohan Nr. 17 bei Frl. Weiß (5) 

Gimmel, Paul, Kaufmann, Dresden -A, Schlüterstr. 19,1 (465) 

Glatzel, Jeserig b. Götz, Kreis Zauch-Belzig (411) 

Goldziher, Ignaz, Dr., Prof. a. d. Univ.. Budapest VII, Hollö-utcza 4 (75) 

Goossens, Dr., Sendenhorst, Kr. Beckum i. Westf. (535) 

Grabowsky, Adolf, Dr., Berlin W 62, Wichmannstr. 18 . (450) 

Graeter, Eduard, Dr. phil., Basel, Birmannsgasse 48 (320) 

Graßhoff, Richard, Dr. phil. et jur., Rechtsanwalt, Berlin W 57, Bülowstr. 21 . (16) 
Gratzl, Emil, Dr.. Bibliothekar a. d. Königl. Hof- und Staatsbibliothek, München, 

Erhardtstr. 11 (218) 

Greenfield, James, Dr., Berlin- Wilmersdorf, Brandenburgische Str. 22 (74) 

Grimme, Hubert, Dr., Prof. a. d. Univ. Münster i. W.. Erphostr. 49 (31) 

Grobba, Dr., Oberltn. d. R., Deutsche Militärmission, Türkei, IV. Armee, Exped. 

Korps. Durch Marinepostbureau Berlin C 2 (410) 

Grünert, Max, Prof. Dr., Prag-Weinberge. Puchmajergasse 31 (200) 

Grunwald, E. M.. Dr., Konstantinopel (294) 

Grussendorf, Th. Dr., Chefarzt des Deutschen Diakonissenhospitals, Jerusalem . (118) 

Güterbock, Bruno, Prof. Dr., Nicolassee b. Berlin, An der Rehwiese 12. . . . (136) 

Guthe, Hermann, Dr., Prof. a. d. Univ., Leipzig, Grassistr. 38 (29) 

Gutmann, Herbert M., Direktor d. Dresdner Bank, Berlin W 8, Budapester Str. 21 (167) 

von Gwinner. Arthur. Direktor d. Deutschen Bank, Berlin W 8. Behrensstraße . (36) 

Hachtmann, Dr.. Dessau, Albrechtsplatz 18, 1 (529) 

Haffner, A., Dr., Prof. a. d. Univ. Innsbruck, Hall i. Tirol (115) 

Baronesse Hahn, Hedwig, Wiesbaden, Emser Str. 12 (324) 

Hahn, Georg, Dr., Berlin W 10, Tiergartenstr. 21 (417) 

Hahn, W., Dr., Rechtsanwalt, Berlin W 62, Lützowplatz 2, z. Zt. Marine-Intendantur- 
rat, Kiel, Niemannsweg 32 (durch Feldpost) (412) 

Handke, Hermann, Dr., Leiter des politischen Büros des Dresdener Anzeigers, 

Berlin-Schöneberg, Kaiser-Friedrich-Str. 13 (375) 

Hantke. .^rtur, Dr., Charlottenburg, Bleibtreustr. 19 (489) 



Xn \.: /ir>'-'''r:> iilii'r .Aiijiflif/i'ithf'iten 

°«X)eO0C)OOC>OOO(X<l9O<XXXXXXXXXXX»0O00O0O00000OCXXXXX»XXX)<^^ 

lliircler, E., Dr., Cliarlotlenburj;, Goethc^.sir. S. (jarlcnhaus 1 (6) 

Harrassowilz, Otto, Hofrat, Vcrlagsbucliliändler, Leijjzig. (juerslr. 14 .... (28) 

von Hart mann, Dr., Geh. Leg.-Ral. Charlottenburg, Küslernallce 27 (35) 

Hartraann, Martin. Dr., Prof. am Sem. f. <)r. Spr.. Cliarlottenburg. (ioclhestr. 8, 

Gartenhaus II (1) 

U art mann, Richard, Dr., Privaldozciit. Kiel. Düppelstr. 64. 111 (126) 

Ilartmann, Dr., Oberarzt, unbek. verzogen (37') 

Hartwig, O., Berlin NW 21, Essener Str. y (416) 

• Hasenclever, Adolf, Prof. Dr., Halle a. S., Easanenstr. 6 (557) 

Haufi, Otto, Charlottenburg II, Niebuhrstr. 78 (362) 

Hauflleiter, G., Prof. D., Halle a. S., Zieten.^tr. 10 (235) 

Heffening, Willi, cand. phil., Düsseldorf. Gartcnstr. 43. /.. Zt. im EeUk' . . . (323) 

Hei man, S., Berlin W 30, Maaßenstr. 17 (413) 

Heinz, Jacob, Redakteur, Mülheim (Ruhr), Eppinghofer Str. 134. z. Zt. UiUc-roffz., 

Akonach 7. Abt. A. Deutsche Feldpost 688 (129) 

Ilelfferich, Karl. Dr., Exz., Staatsminister, Berlin NW 7, Unter den Linden 72/73 (37) 

Hell, Josef, Dr., Univ.-Prof., Berlin W 10, Königin- Augusta-Str. 29 (356) 

Hellmann, Julius. Direktor d. Kolonialbank Akt.-Ges., Berlin W 8. Behren- 

straße 31 (287) 

• Henne, Herbert, Hamburg 5, D.inziger Str. 30 1543) 

von Hentig, Dr., Exzellenz, Staatsminister a. D.. Pieskow (Mark) (38) 

Herkommer & Bangerter, Farbwaren- und Chemikalien-CJroßhandlung, Stuttgart, 

Postfach 170 (504) 

Herrmann, Eugen, Dr., Heidelberg, Kohrbacher Str. 19 (127) 

Heydenreich. Daniel, Berlin W 15, Fasanenstr. 71 (414) 

Heymann, Hans, Dr., Köln a. Rh., Clever Str. 29 (4^7) 

Hoffmann, Wilhelm, Dr., Neuulm, Moltkestr. 32, 1. Im Frieden Haifa (Syrien), 

z. Zt. im Felde (498) 

llolma, Harri, Dr. phil., Privatdozent. Helsingfors (Finnland), liögberg.sgatan 31 33 (246) 

V. Holtzendorff, Direktor, Berlin W 10, Viktoriastr. 8, I (S4o) 

Holzhausen, H., Bible House, Port Said (Ägypten) (253) 

Hommel, Fritz, Dr., Geh. Rat, Prof. a. d. Univ., München, Leopoldstr. 1 14 . . (24) 

Horovitz, J., Prof. Dr., Frankfurt a. M., Melemstr. 2 (l44) 

Houtsma, M. Th., Prof. Dr., Utrecht, Maliestraat 6 (222) 

Hupe, Frau Prof., Charlottenburg, Niebuhrstr. 8 (137) 

Jacobson, V., Dr., Direktor d. .Anglo-Levaniinc Banking Co.. Kon^iantinopel . . (303) 

jäckel, Friedrich, Pastor, Weitenhagen, Kr. Stolp i. P (47 ö) 

Jäckh, Ernst, Prof. Dr., Berlin W 35, Schöneberger Ufer 36a (61) 

Jäschke, Dr. iur., Konstantinopel-Pera, Deutsches (ieneralkonsulat (526) 

Jaffe, Georg, Dr. jur., Berlin W 15, Bleibtreustr. 26 (418) 

Jeck, J., Lehrer, Winden bei Bad Nassau/Lahn, z. Zt. im Felde (507) 

Jenny, »Ernst, Dr., Rittergutsbesitzer, Berlin W 15, Lietzenburger Str. 30 ... . (193) 
JöhJinger, Otto, Handelsredakteur des ., Berliner Tageblatts", Berlin SW 47, 

Yorkstr. 84 D (286) 

Jost, Else, Frau Baurat, Berlin VV 57, l'.lßholzslr. 2 (266) 

Junge, Reinhard, Dr., Berlin-Steglitz, Lindenstr. 12 (299) 

Jungmann, Dr., Geh. Reg.-Rat, Berlin W 62, Laudgrafenslr. 14, II (4'9) 



il^ Geselhchuft. XHl 

3(>XIOOOOOOOOO(XMeO(XXX>30CIOOOOO(X)OOOOOOOOOCXXXXXXXXX)OOOOOOOOOOOOOOC>00000000000000000(^ 

Kahle, Paul, Lic. Dr., Prof. a. d. Univ. Gießen, Liebigstr. 80 (32) 

Kahn, Bernhard, Dr., Syndikus, Berlin-Wilmersdorf, Konstanzer Str. 54 (142) 

Kai au V. Hofe. Konteradmiral z. D., Freiburg i. Br., Tumseestr. 55 (366) 

Kampffmeyer, Cieorg, Dr., Prof. am Sem. f. Or. Spr.. Berlin-Lichterfelde West, 

Werdersir. 10 . 17) 

Kapp. Karl, Kaiserl. Deutscher Generalkonsul in Budapest (SiS) 

Karge, Paul, Prof. Dr., Privatdozent, Münster i. W., Heisstr. 5 (520) 

Karstedt. Dr., Berlin-Steglitz, Stindeslr. 4 (424) 

Karutz, Dr., Lübeck, Sandstr. 16 (227) 

Katz, Dr., Berlin NO 55. Greifswalder Str. i (423) 

Katz, Ludwig, Charlottenburg, Giesebrechtstr. 11 (425) 

Kauffmann, Felix, Dr. phil., Frankfurt a. M., Staufenstr. 31 (221) 

Kaufmann, A., Stadtpfarrer. Lahr i. Baden (i55) 

Kayser, E., Oberregierungsrat. Adr.: Ministerialrat Kayser. Straßburg i. E., An 

der Aar 11 (53) 

T. Kehler, Curt, Leutnant und Adjutant. Fuß-Art.-ßatl. 157. Stab. Deutsche 

Feldpost 44 (468) 

Kemner, Wilhelm. Berlin-Grunewald. Caspar-Theys-Str. 23 (349) 

Kemmerich. Max. Kaiserl. Türkischer Generalkonsul, München NW 2, Elisabeth- 
straße 20 (45) 

Kern, Friedrich, Dr., Berlin W 50, Rankestr. 22, Pension von Versen, z. Zt. Dol- 
metscher im Halbmondlager Wünsdorf b. Zossen, Märkischer Hof .... (8) 

Kirchhoff, Postinspektor, Berlin W 30, Luitpoldstr. 17 (355) 

Kleveta, Franz, Oberstaatsbahnrat, Wien Xni;2, Pfadenhauergasse 20 (31 

Klotz, F., Dresden-N.. König- Albert- Str. 31 (383) 

Koppel, W., Smyrna (97) 

Kräcker, Julius, Neukölln. Pflügerstr. 18 (422) 

* Krause, G., Prof. Dr., Cöthen (Anhalt) (229) 

Kressmann, P. H., Großkaufmann, Charlottenburg 2, Fasanenstr. 77 (421) 

Kröhnke, O., Dr., Chemiker, Zehlendorf (Wannseebahn), Kleiststr. 26 (483) 

Kübel, Oberstleutnant, nähere Adresse unbekannt (364) 

Kühnel, Ernst, Dr., Berlin W 15, Düsseldorfer Str. 22, z. Zt. im Felde .... (348) 
Künos. Ignaz, Dr., Direktor d. Königl. Ungar. Orient. Handelsakademie, Buda- 
pest Vin, Esterhäzy-utcza i (44) 

Kurz, Hermann, Pfarrer, Genkingen, O.-A. Reutlingen (Württemberg) (380) 

Lange, Hauptmann im Großen Generalstabe, unbekannt verzogen (309) 

▼. Le Coq, A., Prof. Dr., Berlin-Dahlem, Humboldtstr. 25b (82) 

Leick, Erich, Dr., Prof. a. d. Univ. Konstantinopel, Bebek b. Konstantinopel . . (522) 

Lentz, Henry, Kaufmann, Hamburg 33, Bramfelder Str. 23 (457) 

Lepique, Heinrich, Schibin el-Kanater (Ägyptenl (251 

Lepsius, Johannes, Dr., Missionsdirektor, Potsdam, Große Weinmeisterstr. 45 . . (263) 
Liebl, Fritz, Dr. med., Stabsarzt d. Res., Tittmoning, Ober-Bayern, z. Zt. Neu- 

Ulm, Festungslazarett, Augsburger Str. 15V2 (322) 

Lindberg, O. E., Prof. a. d. Hochschule, Gotenburg (Schweden) (34o) 

Linke, Hugo, stud. jur., p. Adr. Herrn Klingsporn, Friedrichshagen b. Berlin, 

Viktoriastr. 31 (152) 



XrV .\iiclirii Idrn iiher AnyeLfgenheitea 

OOOOOOOOOCXXMOOOO«OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCO(X)OOOOCKXX>OOOCXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX 

l.ittraanii, fcinnu, Dr., l'rul, a. d. l'niv. Hdiin. /. Zt. Bi-rlin W 50. Aiigsburger 

Straße 34 (164) 

Loewe, Cieorg, Direktor, Berlin W 15, Liclzcnburgcrblr. 10 (426) 

Fürst zu Löwenstein -Werthei m. Alois. Durchlaucht. M. d. K.. Berlin W O2. 

Kurfürstendamm 264 (188) 

Loh mann, Pastor, Uchtenhagen b. Kalkeuberg (Mark) (398) 

• Lokotsch, Karl, Dr., Dozent der orientalischen Sprachen an der Handelshoch- 
schule zu Cöln, Cöln, Weißenburgstr. 6 (55°) 

Lorenz, A., Regierungslehrer, Tanga (Deutsch -()j.talVika) (i^3) 

Lucht, Missionsinspektor, Pastor, Lokstedt b. Hamburg (359) 

von Luschan, F., Dr., Geh. Regierungsrat. Prof. a. d. Univ.. Berlin-Südende, 

Öhlertstr. 26 (70) 



Machmoud Bey Salem, Cairo, 48 Boulevard de Choubra (304) 

Mann, Traugott, Dr., Berlin NW 21, Bimdesralsufer 9 (117) 

Marum, F., Kaiserl. Legationsrat, Tanger (Marokko) (365) 

Martin, A., unbekannt verzogen (432) 

Meidinger, Dr., Justizrat, Nikolassee b. Berlin, Libellenstr. 13 (88) 

Meier, Max, i. Fa. Renschhausen & Co., Tanger (Marokko) (363) 

Menzel, Theodor, Dr., Odessa, 8. Statipn, Datscha Menzel (185) 

Metzdorf, Karl, Hofrat, Zehlendorf-West, Derfflingerstr. 27 (300) 

Meurer, Erich, Nieder-Marsberg i. W (470) 

Meyer, Erich, Pfarrer, Frankfurt a. M., Schifferstr. 31, z. Zt. Ktappenpfarrer. Feld- 
post 38, Kommandantur 117 (296) 

Mielck, Reinhard, Hamburg, Graumannsvireg 50 (191) 

Mielmann, Fritz, Berlin - Friedenau, Hedwigstr. 5 bei Herrn Kunstmaler Otto 

Lagemann, z. Zt. Konstantinopel, Etappenlazarett (523) 

Mirbt, Dr., Geh. Konsistorialrat, Prof. a. d. Univ., Göttingen, Ritterplan 5 . . . (63) 

Mittag, Frau Heinrich, Ballenstedt (252) 

Mittwoch, Eugen, Prof. Dr., Berlin NW 52, Kirchstr. 23 (15) 

Möllenhoff, Oberverwaltungsgerichtsrat, Berlin-Grunewald, Parkstr. 18 (43^) 

Moeller, Hans, Redakteur, Wildpark b. Potsdam, Viktoriastr. 43 (259) 

Moock, W., Oberlehrer, Lippstadt, Lüning 18 (i73) 

Morgenslern, Karl, Zehlendorf-Mitte, .\lsenstr. 42 (427) 

Graf von Mülinen, E., Dr., Kammerherr Sr. Maj. d. Kaisers u. Königs. Gerzen- 

see, Kanton Bern, Rosengarten (25) 

Müller, Karl, cand. theol., Herrnhut i. Sachsen, Archiv, w.ährend des Krieges 

Kleinwelka bei Bautzen . (297) 

Muheldinoff, Abdulkadir, Sarai Ulugbek, Staraja Buchara (Rußland) (190) 

Mukhtar Pascha, Exzellenz, Berlin W lo. Rauchslraße 20, Türkische Bot- 
schaft 1368) 

Muth, J. F., Oberstleutnant, Stabsoffizier des Ingenieur- und Pionierkorps der 

Festung Brest-Litowsk, Feldpost Nr. iqi (357) 

V. M2ik, Hans, Dr., Kaiserl. Königl. Kustos an der Kaiserl. Königl. Hof- 
bibliothek, Privatdozeut an der Universität, Wien Xlll. l.eopoldmüller 

Gasse i (262) 



,7^- Ge-'^eUxchafi. X\' 

OOOOeOOOOOOCX>XXX90CXXXXX>OOOOOOOOOOOOCICXXXXXXXXXXXX)eOO(XXXXXX>CKX]CXXXX)C»OOOOC030C<^^ 

Nallino, Carlo Allonso, Prof.. Rom, Via Altilio Regolo 12 (232J 

Nathan, Paul, Dr., Berlin NW 23, Allonaer Sir. 26 (55) 

Neudörfer, Ernst, Konsul, Leipzig, Springersir. 16 (453) 

Neuhaus, Bernhard, Berlin-Wilmersdorf, Güntzelstr. 59 (482) 

V. Neumann, Otto, Privatgelehrter, Charlottenburg, Trendelenburgstr. 1 (265) 

Nickoley, Edward F., Missionar, Prof. an „The Syrian Protestant College'*, Beirut 

(Syrien) (132) 

Niitzel, H., Prof. Dr.. Kustos b. d. Königl. Museen, Berlin-Schlachtensee, Adal- 

bertstr. 25 a (22) 

Oltow, Marine-CJeneraloberarzt, Cu.xhaven (472) 

Pappenheim, Frl. Fricdel, Berlin W 15, Bayerische Sir. 3 (460) 

Paul, Prof. Dr., Missionsdirektor, Leipzig, Karolinenstr. 19 (295) 

Peiser, F., Dr., Prof. a. d. Univ., Königsberg i. Pr., Goltzallee 11 (130) 

Pelz, Arthur, Dr.. Königsberg i. Pr., Steindamm 1 30/1 31 (492) 

Petersen, C. F. Wiebe, Berlin-Steglitz, Kurfürstenstr. 7 (446) 

Philipp, Karl, Prof. Dr.. Cottbus, Wallslr. 45 (216) 

Pieper, Ernst, Generalsekretär d. Deutschen Jungmännermission im Orient. Aleppo 

(Syrien) (239) 

Pollak, Isidor. Dr., Privatdozent, Dejwitz b. Prag 331 (223) 

Praetor ius, V.. Dr.. Prof. a. d. Univ., Breslau IX, Hedwigstr. 40 (41) 

Rackow, Ernst, Zeichenlehrer, Prenzlau. Neustädter Damm 20, z. Zt. im Felde (13) 

Kamdohr, Max, stud. jur., Leipzig-Anger, Breite Str. 9, z. Zt. im Felde .... (385) 

Rapp, Gottfried, Dr., Landrichter, Hamburg 36, Feldbrunnenstr. 54 (206) 

* Raschdau, L., Exzellenz, Kaiserl. Gesandter z. D., Berlin NW 7, Sommerstr. 6 (212) 

Rauschburg, Gustav, Buchhandlung u. Antiquariat, Budapest IV, Franziskanerplatz 2 (247J 

Reckendorf, H., Prof. Dr., Freiburg i. Br., Maximilianstr. 34 (240) 

Redlin, Johannes, Ger.-Assessor a. D., Verwaltungssyndikus, Berlin-Siemensstadt, 

Nonnendammallee 93 (479) 

Reinhardt, Dr., Leipzig, Astersir. 1 7 pt (367) 

Reinhold, Karl, stud. phil., Berlin N 24, Gr. Hamburger Sir. 38 (521) 

Rei Singer, Gg., Lehrer an d. Deutschen Schule in Haidar Pascha, Konstantinopel (527) 

Reilemeyer, Else, Dr., München, Königinstr. 4, U r (34) 

Renschhausen, A., Kgl. Kommerzienrat, Kötzschenbroda b. Dresden, Villa 

Tanger (131) 

Res eher, O., Dr., z. Zt. Dolmetscher, Halbmondlager, Wünsdorf b. Zossen . . . (179) 

Retzmann & Co., Hamburg, Steinstr. iio (360) 

Rhodokanakis, N., Prof. Dr., Graz, MandeUstr. 7 (225) 

Richarz, Konsul a. D., Bagdad (Asiat. Türkei) (194) 

Richter, Bruno, Kunstmaler, Berlin-Friedenau, Offenbacher Str. 5, z. Zt. Landstm., 

Kommandoführer in Weißig a. Bober, Post: Gr. Reichenau (399) 

Richter, Julius, Prof. D. Dr., Berlin-Steglitz, Grillparzerslr. 15 (33) 

Rinck, Wilhelm, Charlottenburg, Grolmanstr. 42. Gegenwärtige Adresse unbekannt (435) 

Ripke, Axel, Haiensee, Hektorstr. 14 (434) 

RiUcr, Hellmut, Dr.. Leutnant d. R., Stab der Deutschen Irakgruppe, Mosul, 

z. Zt. Heeresgruppenkommando F. Übersetzungsstelle (537) 



XVI ^<u'/ifiihtt'7i '(her Angclegeiihitt^'ii 

Ritzau, C, Lcutnanl, Gruppcn-Funken-Stalion 554. Deutsche Feldpost 945 . . (528) 

Roeder, (1., l'rof. Dr., Direktor des I'tlizaeus-Museums, Ilildesheim, Mozartstr. 20 (433) 

Rößler, Walther, Kaiserl. Deutscher Konsul, Aleppo (Syrien) (156) 

Roh de, Hans, Leutnant im Inf.-Reg. 29, Trier, Eusener Str. 79, z. Zt. im Felde (s^ß) 

Roloff, Max, Privatgelehrter und Journalist, Breslau V, Zietenstr. 7, 11 fi8i) 

Ruser, Clara, verw, Frau Wirkl. Geh. Kriegsrat, Berlin W 30, Bamberger Str. 49 (436) 

Said-Me.un, p. adr. l'rof. i'robenius, Berlin-G: newaKI. Karlsbader Str. 16 . . (430) 

Said-Ruete, Rudolph, Zürich, Gladbachstr. 65 (438) 

Sandhagen, Anton, Frankfurt a. M.. Brentanostr. 23 (461) 

Sante, Georg Wilhelm, stud. bist., z. Zt. Ciefreiter im Feld-Art. -Regt. 11, Kassel, 

Hedwigstr. 1 1 , III (464) 

Sarre, F., Prof. Dr., Neu-Babelsberg, Kaiserstr. 39, z. Zt. im Felde (87) 

Schabinger, K., Kaiserl. Konsul in Jaffa, durch Auswärtiges Amt (291) 

Schachtel, Hugo, Zahnarzt, Breslau, Königsplatz 3b (493) 

Scheffler, Herrmann, Kunstmaler, Berlin-Grunewald, Caspar-Theys-Str. 12 . . . (394) 
Schetelig, Leutnant d. 1,., Berlin SW 11, Hedemannstr. 15. Gegenwärtige Adresse 

unbekannt (475) 

Schickedantz, Frau Marianne, Charlottenburg, Knesebeckstr. 22 (388) 

Schindler, Bruno, Leipzig, Christianstr. 27, z. Zt. im Felde (301) 

Schmidlin, Josef, Dr., Prof. der Missionswissenschaften a. d. Univ. Münster i. W., 

Erphostr. 35, z. Zt. im Felde (58) 

Schmidt, Franz F., Dr. jur. et phil., Konstantinopel, Anatol. Eisenbahnges. Galata (95) 

Schmidt, Franz, Geh. Regierungsrat, Prof. Dr., Konstantinopel-Arnautköi, Quai 214 (509) 

Schmidt, H., i. Fa. Theodor Blanke Nachf., Cöln Zollstock, Gottesweg 18 . . . (516) 
Schmidt, Oberstleutnant u. Vorstand des Bekleidungsamtes, 10. A.-K., Hannover, 

Kriegerstr. 44 (99) 

Schmidt, P.Wilhelm, Prof., St. Gabriel, Mödling b. Wien (238) 

Schneider, F., Direktor, Konstanz i. Baden, Reichenaustr. 13 (4401 

Schocken jun., S., Zwickau i. Sa., Hauptmarkt 26 , (494) 

Schoeller'sche und Eitorfer Kammgarnspinnerei A.-G., Eitorf (Rheinprov.) . . (503) 

Schreiber, A. W., Missionsdirektor, Berlin-Steglitz, Humboldtstr. 14 (391) 

Schuchmann, Dr., Hauptmann d. Res. im 12. Inf.-Regt. in Neu-Ulm, Marienstr. 7 (519) 

Schultheß, F., Dr., Prof. a. d. Univ. Basel, Hebelstr. 92 (26) 

Schulz, Alfons, Prof. Dr., Braunsberg, O.-Pr (123) 

Schumacher, G., Dr., Königl. Württemb. Baurat, Haifa (Syrien) (mO 

Schwally, Friedrich, Dr., Prof. a. d. Univ. Königsberg i. Pr., Tiergartenstr. 53 . (234) 

Schwarzschild, H., Haiensee, Johann-Siegismund-Str. 16 (44>) 

• Seidel, Prof. Dr., Meißen, Haasestr. 2 (538^ 

Seiler, Albert, Kaufmann, Neukölln, Berliner Str. 18/19. z. Zt. Preuß. Re«.-Inf.- 

Rcgt. I. II. Komp. III. Bau (328) 

Senekerim ter Akopian, Tauris (Persien) (3 '3) 

Seybold, C. F., Dr., Prof. a. d. Univ., Tübingen, Eugenstr. 7 (62) 

Simon, G., Pastor, Missionar (f. d. Theolog. Schule), Barmen, Meckelstr. 54 . . (104) 

Simonsen, D., Prof., Kopenhagen, Skindergade 28 (213) 

Sobernbeim, Moritz, Prof. Dr., Charlottenburg, Steinplatz 2 (iq1 

von Soden, Hans, Freiherr, Lic. theol., Privatdozent a. d. Univ., Berlin-Lichter- 
felde 3, Ehrenb-rgstr. 33 (34?) 



der Gesellschaft. XVII 

eoeoeooooooooooooooooocxxx)ooo(xioooooooooc)oooooooooooocxxxxxxxx>oooooo<xxxx>oooooo^ 

Solf, Dr., Exzellenz, Staatssekretär d. Reichskolonialamts, Berlin VV 8, Wilhelmstr. 66 (120) 

Sperling, Bezirksamtmann, Dodoma (Deutsch-Ostafrika) (l75) 

Spitzer, A., Dr., Advokat, Konstantinopel (17°) 

von Staden, Hermann, Dr., Berlin-Schmargendorf, Cunowstr. 45 (Post Grunewald) (298) 

Steiner, Michael, Dr., Arzt, Meißen i. Sachs., Dresdner Str. 7, z. Zt. im Felde . (351) 

Stocker, Heinz, Gratz-Waltendorf, Sonnenstr. 6 (319) 

Strandes, Justus, Senator, Hamburg, Mittelweg 89 (27) 

Straub, Pfarrverweser, Hagendingen, Bahnstr. 39 i^oi) 

Strauß, Raphael, Dr., München, Rauchstr. 4 (495) 

Streck, Max, Prof. Dr., Würzburg, Friedenstr. 5 (393) 

Struck, Hermann, Radierer, Berlin NW 23, Briickenallee 33 (211) 

Stube, R., Dr., Prof., Leipzig, Scheffelstr. 17 I (255) 

Stumme, Hans, Dr., Prof. a. Univ., Leipzig, Südstr. 72 II (56) 

Stummer, Friedrich, D. Dr., Schlachtensee, Mariannenstr. 9, z. Zt. Würzburg, 

Goethestr. 10, HI (347) 

Taeschner, Franz, Dr., Berlin C 19, Seydelstr. 16, z. Zt. Landsturmmann in Cismar 

i. Holstein, Landratsamt (5^0 

Vicomte de Tarrazi, Philippe, Beirut (288) 

• Teschke, G., stud. phil., Berlin NW 5, Havelberger Str. 18 (539) 

Thommen, Eduard, Dr., Basel, Leonhardsstr. 31 (386) 

Thomsen, Peter, Prof. Dr. phil., Dresden-A. 19, Kügelgenstr. 11 (310) 

Thon, J., Dr. jur., Jaffa (Palästina) (313) 

Torrey, Charles C, Universitätsprof., New-Haven (Conn.), 191 Bishopstr (315) 

Traub, Gottfried, Dr., M. d. A., Dortmund (50°) 

Traulsen, U. C, Hamburg 26, Auf den Blöcken 16 (469) 

Tschudi, R., Prof. Dr., Hamburg 24, Uhlandstr. 44,1 (454) 

Ullrich, Dr. jur., Korrespondent d. ,, Kölnischen Zeitung", während d. Krieges: 

Berlin-Schöneberg, Grunewaldsir. 42, z. Zt. im Ausland (314) 

Ulrich, Lic. theol., Pfarrer, Berlin SW 68, Oranienstr. 104, I (143) 

Untersweg, Hans, Dr., Graz, Johanneum (Landesbibliothek) (243) 

Vassel, Philipp, Dr., Konsul^ Mitgl. d. Kaiserl. Türk. Finanzkommission, Kon- 

stantinopel-Pera (378) 

Veiten, Karl, Dr., Prof. am Sem. f. Or. Spr., Berlin NW 23, Brückenallee 35 (14) 

Venetianer, Ludwig, Dr., Rabbiner, Ujpest b. Budapest (67) 

Vielhaber, Mitglied d. Direktoriums d. Friedrich Krupp A.-G., Essen (Ruhr), 

Hohenzollemstr. 23 (184) 

Vohsen, Ernst, Konsul a. D., Verlagsbuchhändler, Berlin W 35, Genthiner Str. 13c (10) 

Voigt, €., Magdeburg 70, Poltestr. 8 ^ pt (151) 

Voigt, H., Dr. iur., Kaiserl. Deutsche Botschaft Konstantinopel (12) 

Vollbehr, Otto H. F., Dr., Charlottenburg IV, Wilmersdorfer Str. 98/99. . . . (525) 

• Wajanos, Jordan, Dolmetscher, Offz.-Stellv. E. B. S. K. 5. Kleinasien .... (560) 

Wallroth, Toni, Schwester, Berlin N 65, Virchow-Krankenhaus (373) 

Warburg, A., Prof. Dr., Hamburg, HeUwigstr. 114 (192) 

Warburg, O., Prof. Dr., Berlin W, Uhlandstr. 175 (344) 

Die Welt des Islams, Band 6. 11 



XVni Narlinrhfen üher Angelegenheiten 

War neck, Dr., theol., Missionsinspektor, Bethel b. Bielefeld (30) 

• Weber, Christoph, Dr. phil., Leutnant d. L. beim Chel des Nachrichtenwesens (A), 

Großes Hauptquartier Sr. Maj (558) 

Weber, Th., Dr., Konsul, Smyrna, Deutsches Konsulat (242) 

Wegelein, Rud., Kaiserl. Bezirkslandwirt, Kilwa (Deutsch-Ostafrika) (158) 

Weil, Gotlhold, Dr., Privatdozent, Charlottenburg, Carmerstr. i, I (449) 

• Weinberg, M., Dr., Jerusalem (548) 

Wentzel, Hermann, Dr., Berlin-Karlshorst, Waldowallee 5 (267) 

von Wesendonk, Otto, Kaiserl. Legationssekretär, Berlin W 10, Ilohenzollernstr. 12 (496) 

Wespy, Prof. Dr., Berlin-Schöneberg, Mühlenstr. 8b (443) 

von Westarp, Graf, Oberleutn. i. i. Garde-Feld- Art. -Reg., Berlin NW, Perleberger 

Straße 11, unbekannt verzogen (346) 

Westermann, Diedrich, Prof. am Sem. f. Or. Spr., Berlin-Südende, Berliner Str. 13 a (9) 

Wetzel, Fr., Dr.-Ing., Halbmondlager, Wünsdorf, Kr. Teltow (445) 

Wiener, Alfred, Dr., Berlin-Halensee, Johann-Georg-Str. 16, z. Zt. im Felde . . (3) 
Wilke, Bruno, stud. jur., Berlin SO 33, Eisenbahnstr. 3, z. Zt. Leutn. u. Kompagnie- 

fiihrer d. Res.-Inf.-Regts. 131, 12. Komp (33°) 

Wilhelm, Eugen, Dr., Hofrat, Prof. a. d. Universität, Jena, Löbdergraben 25 . (42) 

Wolf, Robert, Dr., Berlin W 35, Potsdamer Str. 55 (444) 

Woycieszyk, Paul R., Pflanzer, Plantage Goltzhof, Post Muheza, via Tanga (Deutsch- 
Ostafrika) (180) 

Würz, F., Herausgeber d. Zeitschrift „Evangelisches Missionsmagazin", Riehen b. Basel 

(Schweiz) (71) 

Würz, Hermann, Dr., Kunsthistoriker, Stuttgart, Hasenbergsteige 79, Haus Hohen- 

berg (78) 

Yenidze, Orient. Tabak- u. Zigarettenfabrik. Dresden, Inh. Kommerzienrat Hugo 

Zietz, Dresden, Weißeritzstr. 3 (5^5) 

Zahn, Ernst, Dr. jur., Leipzig, Waldstr. 3, z. Zt. im Felde (447) 

von Zambaur, Eduard, Major, Marburg (Drau), Steiermark (220) 

Zanutto, Cav. Silvio, Ministerio delle Colonie, Biblioteca, Rom (205) 

Zeeden, Dr., Amtsrichter, Berlin W 15, Düsseldorfer Str. 22 (186) 

Zettersteen, K. V., Dr., Prof. a. d. Univ., Uppsala (Schweden), Kungsgatan 65 . (110) 
von Zicten-Schwerin, Graf D., Vorsitzender des Jerusalemsvereins, Wustrau 

(Kr. Ruppin) (379) 

Zlocisti, Theodor, Dr., Berlin N 37, Weißenburger Str. 6 (497) 

Zwemer, Samuel M., Missionar, Kairo, Sharia Sakakini 20 (289) 



Den Tod für das Vaterland haben erlitten unsere Mitglieder 

DR. A. JACOBSOHN, 
LEUTNANT SCHLEICH. 



der Gesellschaft. XIX 

Am 26. Februar 191S erlag unser hochverdientes Vorstands- 
mitglied 
GENERALLEUTNANT IMHOFF PASCHA 

einem Herzschlage. Die äußeren Umstände seines bewegten 
Lebens wurden bei seinem Hinscheiden vielfach eingehend ge- 
schildert. Während seines Dienstes in der osmanischen Armee 
machte Imhoff Pascha sich gründlich mit der Landessprache 
bekannt, erwarb auch die Fähigkeit, die moderne Literatur- 
sprache mit Verständnis zu lesen. Unermüdlich verfolgte er 
die Erscheinungen auf dem Gebiete des staatlichen und kultu- 
rellen Lebens der Türkei, unterstützt von seinen zahlreichen 
türkischen Freunden, die ihm das Wichtigste von literarischen 
Erzeugnissen sofort nach Herauskommen zugängig machten. 
Er suchte das, was ihm am bedeutendsten schien, durch Über- 
setzung zu vermitteln. So erschien von ihm „Die Geschiedene" 
aus dem Türkischen des Hüsein Rahmi (zusammen mit 
einer anderen Übersetzung aus dem Türkischen unter dem 
Gesamttitel „Aus dem türkischen Leben" 1908 bei Stilke in 
Berlin erschienen). Diese Tätigkeit ging her neben der auf- 
merksamen Verfolgung der militärischen Vorgänge im Orient 
während des großen Krieges, über die er im Militär- Wochen- 
blatt regelmäßig Bericht erstattete. Der Deutschen Gesellschaft 
für Islamkunde stand der Verstorbene besonders nahe. Von 
ihren Anfängen an hat er ihr eine lebhafte Teilnahme ge- 
widmet, hat auch mehrfach bei Sondergelegenheiten wertvolle 
Arbeit geleistet. Seit 1915 gehörte er dem Vorstande an. 
Die Gesellschaft bewahrt ihm ein verehrungsvolles und dank- 
bares Andenken. 

Ebenfalls durch den Tod verlor unsere Gesellschaft ihre 
Mitglieder 

FRANZ SAULMANN, 

PROF. DR. A. MEZ. 

OeCKX>=OOOOOCOOOC>OOOC>CX30000000000COOOOOCXXXXX>XXXXXXXXXXXXXXXXXXX30^ 



DRUCK VON AUGUST HOPFER IN BURG BEI MAGDEBURG 



DS Die Welt des Islams 

36 

Bd. 6 



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